1 September

Mein schaurig schönes Tagebuch #16: Vitamin D Mangel auf der Gamescom 2017

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Gamescom 2017 - Vitamin DIn Köln treffen sich einmal im Jahr die Tageslichtvermeider, die Nerds, die Geeks,  die Cosplayer, die Gamer und die Freaks an einem Ort zusammen, der sich Gamescom nennt. Das ist die zweitgrößte Computer-Spiele Messe der Welt, zu der jedes Jahr über 300.000 Menschen dieser Spezies in die Domstadt pilgern. Zugegeben, nicht alle Besucher bewegen sich abseits der Norm oder verlassen den gesellschaftlich gesteckten Rahmen der Vernunft völlig, aber die sind auch nicht der Grund warum ich diesen Tagebuch-Eintrag schreibe. Es geht um eben diese unerklärliche Masse an Menschen, die wie ihre Lieblings-Spiele-Figur aussehen wollen, die 5 Stunden darauf warten, einen angekündigten Spiele-Titel zu spielen, Menschen die kreischen, wenn sie einen YouTuber sehen, der nicht anderes macht, als auch Computer-Spiele zu spielen. Es geht auch nicht um Erklärungen, Anleitungen zum Dabeisein oder Hintergrundinformationen zur Lebenswelt der Spieler. Wer sich nicht schon mal gewünscht hat, wie Geralt der Hexer durch Temerien zu reisen, als gefürchteter Pilot in das Herz eines Sternenzerstörers einzudringen oder verzweifelt, wenn die feindlichen Truppen die wunderschöne Mauer um die eigene Stadt schon wieder einreißen, wird diesen Artikel wohl befremdlich finden. Ich bin gespannt, liebes Tagebuch, wie Du ihn findest.

Erstmals  in diesem Jahr eröffnete unsere Bundeskanzlerin die Messe und stellte in ihrer Ansprache fest: „Computer- und Videospiele sind als Kulturgut, als Innovationsmotor und als Wirtschaftsfaktor von allergrößter Bedeutung.“ Das Bild der Eröffnung ging um die Welt. Angela Merkel umgeben von Ikonen der Spiele-Welt, die ihr genauso fremd erschien, wie es auf dem Bild den Eindruck erweckt. 

Als sich die S-Bahn am Bahnhof erbricht wird mir klar, dass das ein intensiver Tag zu werden scheint. Ein Blick vom Bahnsteig offenbart die Perlenkette aus Spinnern, die sich zielstrebig über die Behelfsbrücke schlängelt und einem Demonstrationszug vom Planeten Andromeda ähnelt, denn immer wieder wachsen überdimensionierte Zauberstäbe, Flügel oder auch Kraken über die Köpfe der Menschen hinaus. Die GRÜNEN, die am Rande der Perlenkette ihr Parteiprogramm an die Elfen, Sturmtruppen und Zauberer verteilen wollen, scheitern am Tunnelblick des Besucherstroms. Hätten sie sich doch als Bäume oder Waldelfen verkleidet, wäre es sicher besser gelaufen.

In den Retro-Hallen bekomme ich gnadenlos um die Ohren gehauen, dass ich alt bin, denn alles was hier zu sehen ist, fühlt sich merkwürdig vertraut an. Irgendwo flimmert PONG auf einem Bildschirm, der eine Bildwiederholfrequenz zum mitzählen bietet, eine alter Spielautomat offenbart das urige Space-Invaders, während auf einem C64 (Modell Brotkasten) der Klassiker KAISER meldet, das wieder 20t Korn im Kornspeicher verrottet sind. Auch Kinder und Jugendliche scheinen sich noch für die alte Technik und die Wurzeln heutige Blockbuster zu interessieren, denn mitnichten sind die Hallen von ergrauten und gebückt laufenden Menschen durchzogen, die bei der Fortbewegung ständig mit ihren Rollatoren zusammenknallen. 

Während ich darüber nachgrüble, ob ich DEFENDER OF THE CROWN jemals ganz geschafft habe sehe ich einen älteren Herrn an einem dieser Stehtische und frage mich, woher ich den wohl kenne. Nachdem ich dann den Tisch ein paar mal umkreist habe wie ein Falke vor dem Sturzflug, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Chris Hülsbeck! Das musikalische Talent der 8-bit Musik. Mit zarten 18 Jahren gewann er einen Song-Wettbewerb der Computerzeitschrift 64’er und ein paar Monate später veröffentlichte er den Sound Monitor, ein Programm mit dem man den verbauten Soundchip programmieren konnte, in der selben Zeitschrift, den man als „Listing des Monats“ dann auf dem heimischen C64 abtippen konnte. Habe ich natürlich gemacht. Stundenlang. STUNDEN! Hülsbeck arbeitete nach der Schule für eine der ersten deutschen Spiele-Schmieden „Rainbow Arts“ und schrieb hier die legendäre Musik zu „The Great Giana Sisters“ und anderen Klassikern. Was habe ich diesen dürren Jungen aus Kassel bewundert. Später versuchte ich mich selbst an der Programmierung von Computerspielen und schrieb mit „Doktor Schiwago“ eine C64-Version der Romanvorlage von Boris Pasternak. 

Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach ihn an. Ich bedanke mich für das seitenlange Listing, die Schwielen an meinen jugendlichen Händen und brachte in Erfahrung, dass Hülsbeck auch Welle:Erdball ein Begriff ist, er immer noch gerne C64er-Spiele spielt und seit einiger Zeit auch als „Crusincrew“ als Blogger unterwegs durch die Staaten ist, in denen er auch lebt. Der RaBe macht noch ein ziemlich gestelltes Foto von uns, bevor es uns weiterzieht.

Wizard of Goth mit Chris Huelsbeck

Chris Hülsbeck – Nicht der Schwarm, sondern ein Idol meiner Jugend.

Eltern haften für ihre Kinder

Liebes Tagebuch, hast Du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, das die ersten Generationen Gamer bereits selbst Eltern von Gamer-Nachwuchs sein könnten? Überall entdecke ich sie, Paarungen von Eltern mit ihren Kindern, die gemeinsam die Gamescom besuchen, hauptsächlich Väter wie mir scheint. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, von den verschiedenen Stadien elterlicher Fürsorge zu erzählen. 

  • Der Überforderte – In den 80ern gab es noch kein wirkliches Internet und Dinge wie YouTube oder Twitch waren uns völlig unbekannt. Es gab noch keine Stars und Sternchen, die einzig und allein durch das filmische verbreiten ihres Alltags, ihrer Schminkversuche oder ihrer Gaming-Exzesse berühmt geworden sind. So ist der Überforderte natürlich auch völlig ahnungslos, wen seine schätzungsweise 13-jährige Tochter da eigentlich treffen möchte. Die steht völlig aufgelöst, heulend und hysterisch in der oberen Etage der Halle, da sie realisiert hat, dass ihr Lieblingsyoutuber eine Halle unter ihr seine Fans unterhält. Die Tränen der Verzweiflung tropfen auf den Boden während sie panisch nach dem Treppenhaus sucht. Der bemüht ruhige Vater versucht es mit Logik und Zielstrebigkeit, was aber der Tochter logischerweise überhaupt nicht passt, denn die springt wie ein Flummi und bettelt, schneller zu sein. Und so lässt sich Papa von seiner Tochter durch die Menschenmenge schleifen, damit sie ihn noch trifft, ihren persönlich Schwarm.
  • Der Geduldige – Wow! Ich kann gar nicht genug Hochachtung vor dem Vater aufbringen, der seinen Sohn beim Ausprobieren von Starcraft II begleitet. Ich beobachte die Beiden zufällig, als ich selbst darauf warte, das aufpolierte Startcraft I zu testen. Auf der Gamescom muss man sich durch das Tragen eines farblichen FSK-Bändchens zum Ansehen entsprechender Spiele legitimieren. Grüne Bändchen ab 12, blaue ab 16 und mit den roten Bändchen darf man sich dann alles angucken. Da der Sohn aber kein Bändchen trägt, muss er jünger als 12 sein und dürfte sich daher Starcraft II, das ab 12 Jahren freigegeben ist, gar nicht ansehen. Doch hier gilt die Elternbeiregel, das heißt in Begleitung eines Elternteils… Ihr kennt den Rest. Also begleitet Papa seinen Sohn. Erst steht er mit ihm eine Stunde in der Warteschlange, trägt den Rucksack, reicht dem Sohn Getränke und das Smartphone zum Spielen. Als sie endlich dran sind, lässt er sich einen Stuhl geben, um sich neben seinen Nachwuchs zu setzen, während dieser anfängt die ersten Arbeiter in Richtung der Kristalle zu schicken.  
  • Die Gamer-Eltern – Ihr Nachwuchs gehört zum Team und alle tragen mit ihren Namen beschriftete T-Shirts. Vorne das Logo ihrer Gilde, hinten der Ingame-Nick und der richtige Name. Links Dirk aka Zastron, Mitte 40, ohne erkennbare Haare, aber mit grauem Bart. Rechts Simone aka Mikonalia, auch Mitte 40, die rote Dauerwelle mit einem Haargummi gebändigt. In der Mitte Jonas aka Jolandilein, vielleicht 15, mit mehr Haaren als sein Vater aber ohne Frisur. Gemeinsam fachsimpelt man über den anstehenden Patch von World of Warcraft, während man darauf wartet, den auch an einem der endlosen Bildschirme zu testen. Traum oder Alptraum eines jeden Kindes? Ich grübele darüber nach, ob man Jugendlichen nicht einen Rückzugsraum zugestehen sollte, bin mir aber natürlich unsicher, ob Jonas das vielleicht gar nicht wollte und ob der überhaupt genug Freiraum hatte zu entscheiden, dass er diesen Rückzugsraum überhaupt braucht.
  • Der Klugscheisser – Ein unangenehmer Zeitgenosse. Einer von den Typen, der seinem Sohn eine Playstation samt Spiele schenkt, ohne sich dafür zu interessieren, was Sohnemann überhaupt spielen möchte und ob der nicht vielleicht doch einen potenten PC wollte. Reiner Eigennutz, wie sich herausstellt, denn Need for Speed und Resident Evil wollte Papa immer schon mal spielen. Auf der Gamescom begleitet er seinen Sohn dann bei der jugendlichen Neugier um alles, aber auch wirklich alles zu kommentieren. Und wenn Sohnemann dann leicht genervt die Kopfhörer aufsetzt, um ein Spiel zu testen, fingert der Klugscheisser ununterbrochen auf dem Bildschirm herum. „Klick doch mal hier!“, „Sammel das doch lieber ein“, „Jetzt musst du das Phasengewehr benutzen!“. Und so weiter. Ein Vater vom Typ Fußballzuschauer, der von der Seite des Spielfeldes den Sohn lautstark zu einem besseren Spiel verhilft. Hoffentlich fällt der Apfel dieses mal möglichst weit vom Stamm.

Wir wollen kurz das Tageslicht sehen, denn wir befürchten, dass und Vitamin-D-Mangel sonst zur Strecke bringen wird. Echte Gamer erkennt man an den zusammengekniffenen Augenlidern, denn nach dem die 4 Stunden darauf gewartet haben das neue Far Cry zu spielen, torkeln sie wie betrunkene Vampire auf die Freiflächen zwischen den Hallen, um Durst und Hunger stillen. Benommen bleiben die meisten einen Augenblick lang stehen um wieder sehen zu können, bevor sie sich für 11,50€ (!) eine Cola und eine Portion Pommes mit Currywurst gönnen. Bis auf die Currywurst schließe ich mich dem Verhalten an. In der Mitte eine eingezäunte Warteschlange, in der gut und gerne 1000 Leute auf irgendwas warten. Auffällig viele sind mit Smartphone oder Kamera ausgerüstet, manchen tragen Fahnen, Shirts oder Stofftiere vor sich her. Was machen die hier?  

Am Ende der Schlange ist ein in weiß getauchter Werbestand von „The Evil Within 2“, an dem Twitch- und YouTube-Ikone Gronkh seiner Community die Möglichkeit gibt, sich mit ihm zu fotografieren, ihn anzufassen und sonstwas zu machen. Während ich an den weichen Pommes lutsche frage ich mich, was der Mann hat, dass hier die Leute Stundenlang bei schwüler Hitze darauf warten ein Bild mit ihm zu machen und ihn danach noch feste in den Arm zu nehmen. Die Antwort findet sich gleich zu Beginn dieses Artikels, die Gamescom wird hauptsächlich von Bekloppten besucht, die Leidenschaften und Ambitionen für Dinge entwickeln können, die dem Nicht-Gamer wohl ewig verschlossen bleiben dürften. 

Friedlich Koexistenz

Wenn du in den 80ern vor dem Computer gesessen hast und mit krummen Rücken auf den flackernden Monitor geblickt hast, warst du den Erwachsenen fremd. Das Wissen um Computer, Spiele und deren Zusammenspiel macht Dich 1984 noch zum Außenseiter, auch unter Deinen gleichaltrigen Freunden. Für uns war das früher die Form der Abgrenzung, die uns zugänglich erschien und zu der wir etwas beitragen konnten. Heute sind die Grenzen zwischen dem Ernst des Lebens und der spielerischen Flucht in virtuelle Lebenswelten fließend und nicht allein den Jugendlichen vorbehalten. Ganz so, wie bei den Gothics. In den 80er argwöhnisch betrachtete Jugendkultur voller Geheimnisse, sind heute auch unbelehrbare Erwachsene Teil der Subkultur in schwarzer Kleidung und mischen sich in friedlicher Koexistenz auf das WGT in Leipzig.

Es bleibt aber nur solange friedlich, solange die Einen den Anderen nicht vorschreiben wollen, wie sie sich zu verhalten haben oder was sie spielen dürfen und was nicht. Dazu gehört auch das akzeptieren von Umständen, die den eigenen Horizont verlassen oder dem eigenen Ästhetikempfinden zuwider laufen. Man muss nicht alles verstehen, alles erklären oder analysieren – sondern akzeptieren. Jugendliche brauchen ihre Freiräume um zu sich selbst zu finden und die Erwachsene brauchen Freiräume, um sich selbst zu verwirklichen. Hoppla. Wenn ich jetzt Vater wäre, dann würde man mich wohl als Moralapostel stilisieren. Und ich könnte mich noch nicht mal wehren. 

Auf der Rückfahrt mit der Bahn merken wir schnell, wie Andersartigkeit wirkt. Schiefe Blicke, tuscheln hinter vorgehaltener Hand und freie Plätze neben dem erschöpften Magier mit seinem Zauberstab. Gelegenheitsgamer mit Gamescom-Bändchen (das muss man nicht tragen, sondern extra kaufen) baden in der Oberflächlichkeit menschlichen Daseins. Vanessa hat Tim angeglotzt auf der Gamescom, Lukas hat 12 Dosen Energydrinks weggezogen und „Alter“ brüstet sich bei seinem Freund „Alter“ damit, dass er eine Tasche voller Schlüsselbänder „abgecheckt“ hat von Spielen, die er möglicherweise gar nicht kennt. Schnell noch ein Selfie mit dem einsamen Magier von schräg links und fertig ist das Gamescom-Erlebnis. Deutschland, wo sind deine Freaks geblieben?

Die Dichte der Spinner und Bekloppten nimmt in der Niederrheinische Provinz rapide ab. Ein Lichtblick ist da der Augsburger ohne Dialekt, der sich auf der Fahrt zu seinen Bekannten neben uns setzt und mit dem wir wertvolle Spiele-Tipps und Gamescom-Erlebnisse teilen können. Die richtige Realität ist eben scheiße, aber die Grafik ist deutlich besser. Wir sehen uns 2018 in Köln!

 

 

9 Kommentare

  1. „Hoppla. Wenn ich jetzt Vater wäre, dann würde man mich wohl als Moralapostel stilisieren. Und ich könnte mich noch nicht mal wehren.“ Könnte oder möchte? Ich möchte mich bei solchen und anderen Erkenntnissen garnicht mehr wehren. Dafür sind die Gedanken die einen dazu führen viel zu gut. Ist doch toll so weit in seiner Murmel zu sein… das trennt manchmal Welten von einander…. und für mich ist die „andere Welt“ genau die, von der man sich abgrenzen konnte/wollte/kann/will… über alle Grenzen und aktuellen Zeiten hinweg. Wenn man das als moralisch benennt, dann bitte P.S. Ich kann mich noch an die tendenziell negativen Berichte, Debatten und Aussagen, verschiedenen Ursprungs, zum Computerspielen und Spielern, erinnern. Und ich glaube kaum das die Kanzlerin die Klassiker die die deutsche Spiele und Spieler Szene zum „blühen“ gebracht haben, selbst je gespielt hat. Deshalb empfinde ich sie jetzt 2017 dort… naja… aber ich fände die Kanzlerin zB zur WGT Eröffnung…auch naja… Lustig auch von den Grünen zu lesen. Ich kann durchaus verstehen das meine Parteifreunde bei ihrem Versuch „Werbung zu machen“ (wie die Kanzlerin ja auch für „sich“) auf wenig Interesse gestoßen sind.

  2. Grundsätzlich finde ich, Politik hat nichts verloren auf einer Spielemesse. Wenn die Kanzlerin ihrer Repräsentationspflicht nachkommt und das Spektakel eröffnet, ist das schon okay, auch Lippenbekenntnisse, dass der Fokus stärker auf der digitalen Industrie liegen sollte, ist gerechtfertigt. Das aber Parteien gezielt auf Stimmenfang gehen, hat für mich immer einen unschönen Beigeschmack.

    Die Kanzlerin hat auf der Gamescom (für die Presse) den Landwirtschaftssimulator 17 angespielt, sonst bin ich aber eine Meinung mit Dir: Angela hat keinen Schimmer von Computerspielen. Muss sie aber auch nich unbedingt. Da fällt mir ein, gibt es eigentliche eine gescheite Politik-Aufbau-Wirtschaftssimulation? Das wäre doch mach was. Oder? :D

  3. @Robert Vielleicht habe ich es überlesen, aber mich würde interessieren, was Dich zur Gamescom gezogen hat.
    Ich war früher selbst das, was man heute vielleicht als Hardcore-Gamer bezeichnen würde, und ich kann daher den Reiz nachvollziehen, aber die Menge an (seltsamen) Leuten, das stundenlange Warten, die Cosplayer, und vor allem, dass man an jeder Ecke merkt, wie sehr es doch nur darum geht, die Leute um möglichst viel Geld für möglichst wenig Gegenwert zu bringen, würden mich eher abschrecken.

  4. Neugier hat mich zur Gamescom gezogen. Nicht etwa auf neue Spiele, sondern eher Neugier auf die Atmosphäre, die Menschen, die Trends, ihr Verhalten. Neugier auf die „Stars“ der Szene und neue Innovationen (wie das simulierte Fliegen zum Beispiel) darüber spiele ich mit dem Raben (vom Rabenhorst) gelegentlich World of Tanks oder auch Company of Heroes zusammen.

    Natürlich, es geht darum den Leuten Geld für zukünftige Spiel abzuknöpfen und mir ist auch klar, dass das keine gemeinnützige Wohltätigkeitsveranstaltung ist. Den Eintritt (mit dem kostenlosen Bahnticket) finde ich allerdings völlig okay. Gewartet haben wir nur, wenn wir Lust hatten (genau einmal für Starcraft), ansonsten haben wir unsere Runden gezogen und einfach nur gestaunt, was die „Jugend“ so macht.

    Eine Stufer tiefer in der Nachdenklichkeitsspirale würde ich sogar behaupten, dass solche Besuche und Erkunden bitter nötig sind, um nicht in Altersstarrsinn und Engstirnigkeit zu verfallen. Es hilft mir selbst die Lebenswelten anderer zu erkunden und mich selbst dazu zu positionieren. Eben auf der ständigen Suche, den Horizont zu erweitern.

    Ich hoffe, ich konnte Dir einen Eindruck geben, was mich zur Gamescom gezogen hat.

  5. @Robert Danke! :) Mit dem „möglichst viel Geld“ meinte ich eher den ganzen Kram drumherum (Essen, Eintritt, und was man den Leuten noch so alles an sinnlosem Kram andreht). Ich weiß natürlich auch (teils aus erster Hand), dass von dem Geld für die Spiele bei den eigentlichen Entwicklern in der Regel ziemlich wenig ankommt und es eher die Publisher sind, bei denen am Ende der Gewinn landet.
    Ich gebe Dir natürlich recht, dass man so auch seinen Horizont erweitern kann. Was mich aber an den Messen oft stört, ist neben dem Aspekt, dass es für die Messebetreiber nur ums Geld geht (als Werbeform halte ich Spielemessen für überbewertet), auch die Unbedarftheit, mit der sich Besucher wie Aussteller dort präsentieren. Natürlich darf man auch einfach mal Spaß haben, aber wenn Spiele völlig unkritisch und unironisch mit militaristischen (Waffen, Panzerfahrzeuge etc.) oder sexistischen (halbnackte Boothbabes) Mitteln beworben werden (ganz abgesehen von den Inhalten, und vor allem vor dem Hintergrund, dass auch teils sehr junge Besucher dort sind), frage ich mich schon manchmal, ob dort nicht ein eher enger Horizont präsentiert wird, auch weil die wirklich interessanten Spiele meist eher von Indies kommen, die dort in der Regel nicht vertreten sind.

  6. Zunächst einmal muss ich verteidigend für die Gamescom sagen, dass dort eine ganze Halle den Indie-Spielen vorbehalten ist und sie damit den „kleinen “ und alternativen Schmieden einen der größten Präsentationsflächen in Deutschland bietet. Hier wirst du auf jeden Fall fündig, wenn es um neue, innovative und kreative Ansätze geht. Allein dafür lohnen sich 18€ Eintritt allemal. Ganz ehrlich.

    Natürlich die völlige Kritiklosigkeit an Spielen mit Waffen, Panzerfahrzeugen und sexistischen Stilmittel ist nicht immer besonders fruchtbar für eine angeregte Diskussion. Durchaus werden aber auch kritische Stimmen laut, wenn beispielsweise die FSK Besucher mit einem Ratespiel lockt, ob etwas ab 12, 16 oder 18 Jahren freigegeben ist. Es gibt auch Workshops zu dem Thema und Diskussionsrunden werden angeboten. Aber mit solchen Angeboten auf der Gamescom holst du natürliche keine Kids ab, die die neuesten Spiel entdecken wollen.

    Medienkompetenz gehört schon in die Schule und ins Elternhaus, hier gilt es Kritik zu üben (in doppelter Hinsicht) und Kritikfähigkeit zu erlernen. Wenn du Jugendliche natürlich völlig Alternativlos, ungebildet und ohne Hilfe in der Welt der Games aussetzt, kommt es mitunter zu mentalen Ausfällen. Das lässt sich wohl nicht vermeiden. Aber das ist sicher ein anderes Thema ;)

  7. In Punkto „Elternhaus“ und „Medienkompetenz“ (plus angeschlossener Kompetenz in Sachen „ich mache mir die Welt wie sie mir gefällt“ – oder auch von Fall zu Fall besser nicht…), was Ausstellungen und Messen angeht: bevor unser Sohn mal zur Interdaddel geht (was wir nicht verhindern würden – Interesse seinerseits natürlich vorausgesetzt…), wird er vorher allerdings von uns zur Frankfurter Buchmesse mitgenommen, ein Familienausflug zur Musikmesse eingeplant, wird bei zünftigen Plattenbörsen zugegen sein (was bereits mehrfach geschehen ist) – selbst ein Besuch der IAA wäre nicht ausgeschlossen (kann durchaus lehrreich sein, welche Vehikel welcher Marken man sich mal NICHT kaufen sollte…), etc. (gibt ja noch die eine oder andere sinnstiftende Verbrauchermesse mit durchaus sittlichem Nähr- und Mehrwert) – und dann sehen wir mal weiter…

  8. @T.S.: Klingt nach einem guten Plan. Bin gespannt, wann – und vor allem wogegen – dann Dein Nachwuchs rebelliert und welche Messe er besucht, um etwas anders zu machen, als Ihr Euch wünscht. Vielleicht sehe ich Euch ja irgendwann auf der Gamescom und ordne Euch dann einer oben angedeuteten Kategorie zu stecken. Vielleicht mache ich ja auch eine neue auf. „Welt wie sie mir gefällt“ du verstehst?

  9. Ach ja… – meine Pläne sind eigentlich immer gut und zielführend (o.k., meistens…). Und sollte irgendeine hormongesteuerte „Teenage-Rebellion“ in den heutigen Zeiten überhaupt noch Sinn machen, so hätten wir ja immerhin mit unseren Aktionen eine gute Lunte gelegt, bzw. den Versuch gestartet. Was letztendlich ja auch sowas wie ein unsriger „Wunsch“ sein könnte… (damit man sieht, man hat mit seiner Erziehung nicht zu viel falsch gemacht… ;-) ). Anyway, eine „Rebellion“ des Nachwuchs macht sich immerhin umso besser (nach wie vor) mit einem guten Buch im Background und einem adäquaten Soundtrack – wobei wir inständig hoffen, daß unser Sohn mal den (z.T. auch gruftigen) Krempel, den wir seinerzeit von Fall zu Fall zu ähnlichen Zwecken ins Felde führten, richtig bockstinklangweilig und anachronistisch findet. Jeder Generation sei nämlich ihre eigene kulturelle (Auflehnungs-)Entfaltung mehr als gegönnt. Gibt ja schon genug Rockisten-Altehrwürdige und sonstige (z.B. AC/DC-)Spacken, die ihre Nachkömmlinge auf Linie bringen wollten, gar dachten, zu MÜSSEN… (und absurderweise damit auch noch durchgekommen sind – gruslig sowas! Die armen Kinder…) Manche Zeitgenossen ziehen ja ihre sich gerade mal im Kindergartenalter befindlichen Schutzbefohlenen schon an, als müssten sie zum Casting für ein Remake der Addams-Familiy (so geschehen bei „Events wie z.B. dem „WGT“ o.ä. – huah!).
    Nö, nö, da sind wir irgendwie „moderat“ (aber eine gewisse Angriffsfläche muß man als Eltern ja bieten, sonst zieht man sich ja sonstwen heran, wenn man zu laissez-faire agiert, you know?). Von daher: (Zucker-)Brot und, ähhh… (Computer?-)Spiele – und wenn ich mal zur Daddelmesse müsste, gibt es für mich folgende Kategorie: die des sich abseilenden Vaters, der Frau und Kind mal dort machen lässt, so nach dem Motto „Tschüß, ihr Lieben, ihr findet mich nachher in irgendeinem Plattenladen oder Biergarten in der Stadt, viel Spaß euch…“

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