Glitter + Trauma: Interview mit Zacker, dem Veranstalter der düster-queeren Party während des WGT 2018

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Glitter + Trauma ist eine düster-queere Party, die zwar während der Pfingsttage in Leipzig stattfindet, aber nicht zum offiziellen Programm des Wave-Gotik-Treffens gehört. Am Pfingstsamstag, den 19. Mai 2018 feiert der Teil der schwarzen Szene, der den Regenbogen im Herzen spannt, seine ganz eigene Party im Leipziger Institut für Zukunft. Ich wollte von Veranstalter Zacker wissen, was hinter dem Konzept steckt und wieso es auch innerhalb der schwarzen Szene immer noch notwendig zu sein scheint, sich durch eine eigene und queere Veranstaltung abzugrenzen.

Das düstere Lebensgefühl erschließt alle Bereiche menschlicher Leidenschaften und im Grunde genommen sollte es keinerlei Reibungspunkte zwischen den Lebensentwürfen geben, schließlich ist die Szene seit je her ein Refugium für alle möglichen geschlechtlichen und sexuellen Identitäten. Doch was in meiner Theorie so einfach und harmonisch klingt, scheint in der Realität immer wieder zu Problemen zu führen. Von Sprüchen und Anfeindungen ist da die Rede, von Intoleranz und Heimatlosigkeit. Das Interview mit Zacker sollte daher Licht in mein eigenes Dunkel bringen und herausfinden, warum es 2018 noch notwendig zu sein scheint, sich innerhalb der Szene und während des Wave-Gotik-Treffens durch eine eigene Party abzugrenzen.

Zacker
Trotz langjähriger Erfahrung werden die Partys für Zacker keine Routine, sondern sind stets leidenschaftliche Nächte mit viel Herzblut.(Bild: (c) Hagen Wolf)

Die Glitter + Trauma Party ist bereits jetzt schon eine etablierte, ja fast schon Traditionelle düster-queere Veranstaltung für alle Gruftis, die sich ganz bewusst außerhalb traditioneller Geschlechterrollen bewegen.

Bereits vor 15 Jahren begann Veranstalter Zacker damit, sich seine ganz eigene Heimat in Leipzig zu schaffen: „Ende der 90er Jahre – so ganz ohne Internet, Facebook & Co. – fühlte ich mich als ‚schwuler Grufti‘ nirgends zu Hause. Die Düster-Szene war wenig tolerant – die Homo-Szene noch weniger. Daraus entstand die Idee der eigenen Reihe – den Zacker Nights. Hier feierten Anfang 2000 homos, heteros, nononos bzw. Männer, Frauen, davor, danach, dazwischen zusammen – das war eine wirklich eklektische Mischung.

Die Zacker-Nights sind mittlerweile dem Zeitgeist gewichen und trotzdem scheint sein Gründer nicht, wie in einem Artikel von 2010 angekündigt, kürzer getreten zu sein. Regelmäßige Party-Reihen in Leipzig sprechen eine andere Sprache. Vielleicht kann er nicht anders und vielleicht ist das auch gut so.

Nach einem einschneidenden Erlebnis in den frühen 90ern setze sich Zacker mit dunklen Themen und Gedanken auseinander und fand zur schwarze Szene. Musikalisch zogen die Cranberries mit „No need to Argue“ und Depeche Mode mit ihren „Songs oft Faith and Devotion“ ihn mit ihren melancholischen Sounds in den Bann. Darin ist er hängen geblieben, sowohl inhaltlich als auch musikalisch. Leipzig scheint als Petri-Schale ein idealer Nährboden für alternative Lebensgefühle zu sein. Das Wave-Gotik-Treffen ist nur eine Kultur, die sich darauf gebildet hat.

Spontis: Zacker, wie kam es dazu, die GLITTER + TRAUMA Party zum Wave-Gotik-Treffen aus der Taufe zu heben?

Zacker: Ich war vor der ersten GLITTER+TRAUMA-Party bereits Veranstalter im Düster-Queer-Sektor. Mein Ansatz war es, auch für das WGT einen festen Anlaufpunkt für die Zielgruppe zu schaffen. Die ersten Partys liefen auch noch als offizieller WGT-Programmpunkt – diese Kooperation hat aber für mich nicht gut funktioniert. Seitdem läuft die GLITTER+TRAUMA erfolgreich als Teil des stetig wachsenden ‚Ohne-Bändchen-Programms‘ – ähnlich, wie es unsere Freunde des Gothic-Pogo-Festivals handhaben.

Beginnen die Party mit Glitter und enden im Trauma oder woher kommt der Name der Party?

Exakt! Mittlerweile geben sich unsere Gäste viel Mühe, zu Beginn mit ihren Outfits und Make-Up zu „glittern“ und am Ende in Schweiß und Extase zu Enden. Haha. Nein, das ist nur die halbe Wahrheit. Durch meine DJ-Aktivität bekam ich früher noch Promo-CDs. Auf einer davon war der Track ‚Glitter and Trauma‘ von Biffy Clyro. Musikalisch völlig woanders verortet. Das CD-Cover zeigte einen nackte Figur mit diabolischer Gasmaske – das und der Trackname sind irgendwie hängen geblieben. Eigentlich war ‘Glitter und Trauma‘ nur der Arbeitstitel – und der existiert nun seit 13 Jahren.

In der Beschreibung ist von einer queeren Subkultur die Rede, wie würdest du das jemandem beschreiben, dem diese Begrifflichkeit fremd ist?

Ich spreche bei meiner Arbeit gern von einem ‚queeren Background‘ – das gibt mir mehr Spielraum im Bezug auf die festgefahrene, politisch definierte Begrifflichkeit von „Queer“. Für mich geht es dabei in erster Linie um Selbstdefinition und das Durchbrechen heternormativer Muster. Mann/Frau/davor/danach/dazwischen und damit verbundene gesellschaftliche Erwartungen – was macht das mit uns? Darüber hinaus spielt natürlich auch die Definition – oder besser gesagt – Nichtdefinition der Sexualität eine inhaltliche Rolle. Homo/Hetero/Bi – das sind Attribute, die man überall aufsetzen kann. Was bedeuten diese heute noch?

Morrissey sagte dazu bereits 1985 sehr passend: “Begriffe, wie heterosexuell, homosexuell und bisexuell akzeptiere ich nicht – und ich halte es für wichtig, dass es so jemanden in der Popmusik gibt. Diese Worte richten immensen Schaden an, sie verwirren die Menschen und machen sie unglücklich. Deshalb würde ich sie gerne abschaffen!

Und mit Subkultur meine ich tatsächlich die Wave/Gothic/Dark-Szene. Denn auch, wenn in den letzten Jahren Wave/Synth-Bands wieder auffällig durchstarten und kalter Industrie-Sound durch den erfolgreichen Brückenschlag zu neuem düsterem Techno eine sehr breite Masse erreicht, bleibt es doch Off-Kultur.

Mein kleiner Beitrag ist es also, in einem geschützten Raum gewisse Ketten zu sprengen. Was jeder mit nach Hause nimmt oder im Herz behält, weiß ich nicht.

Wie unterscheidet sich die Glitter + Trauma Party von den anderen Partys die während des WGT stattfinden?

Das kann ich selber nicht beurteilen. Von dem, was ich als Feedback bekomme, ist es tatsächlich die Verbindung von „Queer“ und „Dark“ und die daraus resultierende Mischung der Gäste. Hier kann jeder sein und lieben wie er mag. Sexualität, Geschlecht, Aussehen spielen nur eine Nebenrolle. Du kannst knutschen, tanzen und Gleichgesinnte sowie Freunde treffen. Über die letzten Jahre ist ein kleines großes Stammpublikum gewachsen, das meinen Weg mitgeht. Das fühlt sich jedes Jahr an wie Familie – das ist für mich ‘Community‘.

Darüber hinaus ist unsere Musikmischung sehr bewusst – aber auch bewusst unaufgeregt. Wir haben keine Angst vor populären Gassenhauern, lieben neuen Hipster-Kram, bekommen Wehmut bei alten Grufti-Schinken, stampfen nach krachigem Elektro und scheuen weder 80s-Kitsch noch Homo-Hit: ’The Soft Moon’ meets ‘The Sound‘ meets ‘The Smiths’ meets ‘The Supremes’  oder so.

Ich persönlich habe die Szene immer schon für Geschlechtsneutral gehalten. Es spielte innerhalb der Szene nie eine Rolle, welches Geschlecht man hat, welchem man sich zugehörig fühlt oder welches man verkörpert. Erst neulich stellte ich ein Video von 1983 vor, das genau das herausstellt. Wieso braucht die Szene – oder das WGT – eine queere Party?

Weil die Realität anders aussieht. Es ist ein Unterschied, ob man aus einer sicheren Position mit Geschlechterrollen spielt oder als zum Beispiel schwuler Boy oder Transgender den blöden Spruch von beispielsweise hyper-männlichen EBM-Bürsten überhört. Es mag schon sein, dass die schwarze Szene diesbezüglich tendenziell entspannter ist. Das heißt jedoch nicht, dass Transphobie, Homophobie und „Arschlochism“ nicht auch stattfinden. Ein Paar Pikes machen nicht automatisch einen besseren Menschen.

Das ist der eine Grund. Der andere klingt banaler, ist aber ebenso wichtig: Die Party ist ein Treffpunkt für die düster-queere Szene, um in einem geschützten Raum Freunde zu treffen, neue Leute kennenzulernen oder auch Sex zu haben.

In Eurem Text zur Party heißt es weiter: “so haben wir die Möglichkeit einen Raum zu erschaffen, in dem wir uns alle wohl fühlen können – unabhängig von Geschlecht, Sexualität, Herkunft, Hautfarbe oder Schönheitsnormen.“ Ist das innerhalb der Szene überhaupt ein Problem?

Ja! Absolut. Das war Anfang der 90er nicht anders als heute. Aber das ist nicht verwerflich – weil Gothics auch nur Menschen sind und der Mensch nicht unfehlbar ist. Ich möchte das nicht moralisch aufgeblasen bewerten, jedoch spüre ich ganz klar einen Graben zwischen dem, wie sich die Schwarze Szene selber sieht, welche Attribute Gothics sich auf die Fahne schreiben und der Realität – im Bezug auf alle oben gelisteten Punkte.

Seit über 10 Jahren gibt es die Party schon. Wenn du zurück blickst, welches Ereignis ist dir besonders positiv und welches besonders negativ in Erinnerung geblieben?

Positiv ganz klar das Lächeln der Gäste. Ich spüre, dass sie meinen Weg mitgehen und verstehen, was mir die Party bedeutet. Die Liebe der Glitter + Trauma Familie wächst von Jahr zu Jahr – das schönste Ereignis. Negative Erinnerungen interessieren mich nicht mehr.

 

Organisierst oder engagierst du Dich auch außerhalb des Wave-Gotik-Treffens für die schwarze, queere Subkultur?

Ja. Seit 10 Jahren veranstalte ich die Reihe NO NO NO! Der Fokus liegt hier eher auf elektronischer Clubmusik und Indie-Sounds, aber die Bookings haben oft einen Bezug zu meinen Wurzeln: Sei es ein gewisser 80s-Elektro-Vibe in meinen DJ-Sets, die wavige Cure-Gitarre auf dem Indie-Floor, aktuelle Hipster-Synth-Bands auf der Bühne oder rau-industrieller Techno im Nebel.

Darüber hinaus veranstalte ich noch eine ‘reguläre‘ Düster-Reihe mit dem Namen TEARS RUN RINGS. Bei dieser Party unterstützen mich am DJ-Pult meine vier Freunde und Grufti-Urgesteine Thomas Thyssen, Knüpfi und Dark Sounds ein. Ein stets wilder Abend – mit Unmengen von Eierlikör.

Kein Dunkel-DJ ohne persönliche Top 10 – Wie würde Deine Aussehen?

Unmöglich. Dafür ist mein Musikgeschmack zu breit gefächert und es gibt zu viel, was mich bewegt. Ich kann aber KünstlerInnen benennen, die mich nachhaltigst geprägt haben. Da ist zum Beispiel Antony Hegarty/Anohni. Sie steht für so ziemlich alles und kaum jemand hat mich in den letzten 10 Jahren so berührt und in meinem Wirken beeinflusst. Naja – und dann ist da noch die gute Frau Ciccone. Hier bin ich ein hoffnungsloser Fall – Fanbouy Nr.1 sozusagen!

We glitter, you Pogo!

Glitter + Trauma
Am 19.05.2018 findet in Leipzig die Glitter + Trauma Party statt und lädt alle Queeren- und Queer-Denkenden Menschen zu einem Besuch ein.

Links: FB-Event zur Party, Homepage der Party, Homepage der nononos, Homepage der Tears run Rings Partys

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Thilo
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Thilo

Behalte ich mal im Hinterkopf, denn was mir in der queeren Szene wirklich fehlt sind Klänge fernab von Schlager-, Disco- und Technoeinerlei.

Hoshy
Gast

Ein interessanter Beitrag zum Thema „Queere Dunkelkultur“. Das man selbst in einer so offenen Szene wie den Grufties (einfach mal alle in einen Topf geworfen) noch einen geschützten Raum als schwul/lesbischer Mensch braucht ist schade. Dennoch finde ich es schön, dass so etwas geschaffen wird. Wobei ich in meiner Heimat (Bremen) auf schwarzen Parties bisher keinerlei homofeindlichen Übergriffe/Erlebnisse beobachten oder selbst erfahren musste.
Das man als Non-Hete vor allem von den oben erwähnten EBM-Kerlen schief angeglotzt wird, das kommt vor. Nur ist die schwarze Szene in und um Bremen, meiner Erfahrung nach, eben doch zu bunt gestreut, als das Einzelne sich hier wirklich trauen würden aufzumucken. Insgesamt fühle ich mich als schwuler Mann in der schwarzen Szene sehr gut aufgehoben. Und dann darf man sogar ab und zu mal eine Hete knutschen, ohne das dabei gleich die Welt zusammenbricht.
Die Glitter & Trauma Party klingt jedenfalls nach einem Anlaufpunkt, den ich mir gerne mal geben würde.

Ronny Rabe
Gast
Ronny Rabe

Ist wirklich eine sehr gute Veranstaltung – am Anfang ist man(N) noch hübsch aufgetakelt zum Schluß hin , schaut man aus wie ne Trümmertranse ;-)
Da es bis jetzt immer ziemlich voll war und dementsprechend warm ( in vielen Hinsichten )
Aber die Mucke ist echt super —- nur ist eben auch das „Problem“ das man sich für eine Party entscheiden muß und das fällt einem zum WGT echt nicht leicht .
Dennoch ist die Glitter +Trauma sehr zu empfehlen.

Sin
Gast
Sin

Hab schon öfter von der Glitter-Trauma Party gehört. War sogar vor ein paar Jahren mal da. Kann mich da aber nur dem Ronny Rabe anschließen. Es ist schwer sich für eine Paty auf dem WGT zu entscheiden, zumal ich bisher in der schwarzen Szene auch noch nie Probleme hatte.
Aber mich würden durchaus die Partys außerhalb des WGTs interessieren. Wäre schön gewesen eine Facebook Seite oder ähnliches im Text.

gagates
Gast
gagates

Ist für dieses Jahr eingeplant und ich finde eine wichtige Ergänzung im Partyprogramm, nicht nur allein auf das WGT bezogen.