Pfingsten rückt näher, und mit ihm wirft das Wave-Gotik-Treffen seine Schatten voraus. Wer sich für die letzten Wochen vor dem 33. WGT eine kompakte, gut gelaunte Einstimmung wünscht, sollte einen Blick – beziehungsweise eher ein Ohr – auf den Podcast Nightcrawling werfen. DJ Marc Urban, den wir hier schon einmal vorgestellt haben, hat darin den Pressesprecher und Mitorganisator des Festivals, Cornelius Brach, vors Mikrofon geholt. Herausgekommen ist ein knapp einstündiges Gespräch, das mit den üblichen Mythen rund ums WGT aufräumt, ein paar handfeste Programminfos liefert und nebenbei drei Bands ins Schaufenster stellt, die man sich für Pfingsten merken sollte.
Wir fassen die wichtigsten Punkte zusammen – für alle, die nicht eine Stunde Zeit haben, aber wissen wollen, was vor dem Festival gesagt wurde.
Ein Gespräch mit Geschichte
Cornelius Brach ist seit 1998 jedes Jahr auf dem WGT, seit 2005 im Organisationsteam, mittlerweile zuständig für Pressearbeit, Bandbuchungen und das Programmbuch Pfingstbote. Er holt im Gespräch weit aus: erzählt von den Gründern Michael Brunner und Sandro Standhaft, zwei Leipziger Gruftis, die 1992 mit 200 Besuchern rechneten und tatsächlich fast 1.000 begrüßen durften. Von der Pleite der ersten Veranstaltungsfirma im Jahr 2000 und vom Neustart 2001 mit einem neuen Team, das „im Prinzip das alte Konzept, das Althergebrachte des WGT, im Prinzip unverändert übernommen hat. Nur einfach ein bisschen professioneller organisiert das Ganze.“
Wer den langen Bogen schätzt – wie das Treffen aus einer Idee zweier Szenegänger zu einer Veranstaltung mit 20.000 Besuchern und über 40 Spielorten wurde, warum ausgerechnet Leipzig der ideale Boden dafür ist und wie sich die anfängliche Skepsis der Stadt in einen Marketingfaktor verwandelt hat –, der ist im Podcast richtig. Brachs Schilderung, wie sich das Stadtbild verändert, sobald die ersten Gäste eintrudeln, hat etwas Liebevolles: „Leipzig ist irgendwie wirklich in schwarzer Hand, wenn das WGT im Gange ist.“ Und nach dem Festival, sagt er, befällt auch Veranstalter ein gewisser „Post-WGT-Blues“, bis die Vorfreude aufs nächste Jahr wieder die Oberhand gewinnt.
Was steht im Programm 2026?
Das Bandprogramm steht im Wesentlichen, ein, zwei Ergänzungen können noch kommen. Brach beschreibt es als gute Mischung aus großen Namen und Neuentdeckungen – wobei „groß“ nicht automatisch „unumstritten“ heißt. Über die Buchung von Kim Wilde wurde diskutiert, doch Brach verteidigt sie gelassen: 80er-Jahre-Pop habe seine Berechtigung im Programm, viele Gäste mögen das, und live liefere sie nach wie vor ab. Sie spielt am Freitag in der Agra – wie auch der eigentliche Coup des Festivals: die Einstürzenden Neubauten, mit denen das WGT laut Brach seit Jahren in Verhandlung war.
„Eigentlich hatten sie schon vor Corona zugesagt und dann wurde es nichts mehr“, erzählt er. „Und danach ging es dann auch erst mal die Jahre jetzt nicht. Und nun nach ewigem Hin und Her haben wir sie nun endlich auf der Bühne.“ Für Brach gehört die Band zu den Highlights des Jahres.
Dazu kommt ein Wiedersehen mit Myrna Loy, der lange aufgelösten deutschen Darkwave-Band, und mit der obskuren britischen Formation The Revolutionary Army of the Infant Jesus, die zuletzt 2015 in Leipzig spielte – etwas für Freunde akustischer, folkiger Musik mit experimentellen Sphären. Brachs Anliegen ist es, „ziemlich alle Musikstile, die irgendwie relevant sind in unserer Szene“, in irgendeiner Form abzubilden.
Zum besagten Mix gehören auch Reunion-Konzerte als wiederkehrendes Pfund der WGT-Booker. Im Gespräch fällt der Verweis auf Silke Bischof aus dem letzten Jahr sowie auf den bewegenden Goethes-Erben-Auftritt mit Sven Friedrich und Veljanov als Gastsängern. Wer auf den DDR-Underground-Abend am Montag im Parkschloss neugierig ist – Rosengarten, Freunde der italienischen Oper und Sandow –, dem sei unser ausführlicher Artikel zu den „anderen Bands“ der DDR ans Herz gelegt. Über Rosengarten, die sich nach 30 Jahren Pause in nahezu der Originalbesetzung wieder zusammengefunden haben, sagt Brach: „Das ist insofern auch ein spannender Abend aus meiner Sicht, weil diese Bands, auch wenn sie aus einem ähnlichen Umfeld des DDR-Undergrounds stammen, doch stilistisch ziemlich unterschiedliche Musik machen.“
Drei Neuentdeckungen, die im Podcast vorgestellt werden
Eine schöne Geste von Nightcrawling: Cornelius bringt drei Bands mit, die er selbst empfiehlt und die alle drei beim WGT spielen. Die zugehörige Spotify-Playlist findet sich unter „Nightcrawling Podcast“.
Rosengarten aus Salzwedel, gegründet 1985, ist die einzige Band, die nach Brachs Wissen damals tatsächlich unter dem Label Dark Wave lief – ein Glücksfall des DDR-Undergrounds, der nach langer Pause wieder zusammengefunden hat.
Electric Litany aus London und Athen sind Brachs ehrliche Black-Magazin-Entdeckung – ja, er liest noch hinein. Post-Rock mit Elektronik, atmosphärisch, melancholisch, in der Gesangsfarbe gelegentlich an Sigur Rós erinnernd. Was Brach beim Recherchieren überraschte: Die Band gibt es schon seit 2005, sie war als Vorband mit Interpol auf Tour, eines ihrer Alben wurde von Alan Parsons produziert, sie spielte sogar mit dem Alan Parsons Project. „Aber offensichtlich haben sie irgendwie den großen Durchbruch nie so richtig geschafft. Also zu Unrecht, wie ich finde. Aber schön für uns, weil wir die Band dadurch auch noch uns ganz gut leisten konnten.“
Das Kinn, eine Ein-Mann-Band aus Frankfurt, hat gerade das Debütalbum Ruinenkampf veröffentlicht. Brach hat ihn in Leipzig live gesehen und attestiert ihm Energie, Ausstrahlung und Tanzbarkeit: rhythmisch, mit Sprechgesang, Anklänge an DAF und frühen Schwefelgelb, „ein bisschen Rohes“. Sein Tipp für Freunde experimenteller, elektronischer Musik – und wer weiß, vielleicht eine Entdeckung, über die später noch gesprochen wird.
Das Kulturprogramm – mehr als Konzerte
Vielleicht der eindrücklichste Teil des Gesprächs ist Brachs ausführliche Vorstellung des Rahmenprogramms. Es ist nicht erst seit gestern fast so umfangreich wie das musikalische Angebot, aber es lohnt sich, ihm zuzuhören, wenn er aufzählt, was Leipziger Kulturinstitutionen in diesem Jahr für die schwarze Schar vorbereitet haben.
Die Oper Leipzig stellt mit dem WGT-Bändchen Kontingente für Carmen und Così fan tutte zur Verfügung. Im Gewandhaus wird ein Orgel- und Chorkonzert Teil des Programms. Mehrere Leipziger Museen bieten speziell zugeschnittene Führungen – und hier setzt Brach das Highlight, das wohl jeden Cure-Hörer aufhorchen lässt: Im Antikenmuseum findet eine Führung mit dem Titel „Friday I’m in Love – mit The Cure im Antikenmuseum“ statt. Brachs eigene Reaktion, als er davon erfuhr, war Staunen: „Wo ist da jetzt der Zusammenhang?“ Die Auflösung: Im Schaffen von The Cure ließen sich tatsächlich Referenzen an antike Kultur finden. Welche, das verrät, wie es sich gehört, erst die Führung selbst.
Weitere Programmpunkte aus dem Kulturteil, die Cornelius nennt: Führungen zu Zauberbüchern, Sexualmagie und Liebeszauber – „wie man sozusagen den begehrten Partner seiner Wahl möglicherweise mit nicht ganz fairen, aber spannenden Methoden irgendwie für sich gewinnen kann unter Umständen“. Die wiederkehrenden Führungen auf dem Leipziger Südfriedhof. Im Parkschloss zum Auftakt ein Abend mit der argentinischen Pianistin Noelia Sarres, kombiniert mit einer Modenschau dreier Szene-affiner Modemarken und einem orientalischen Nachtreigen, der schließlich in eine dunkelromantische Tanznacht mit Remo Sorge und DJ Passing Mask (Kreuzmühle) übergeht.
Eine besondere Empfehlung gilt der Gestus-Hofgalerie unweit des Agra-Geländes an der Bornaschen Straße. Dort stellt der Fotograf Gerd Lehmann aus – zu DDR-Zeiten angesehener Modefotograf, nach der Wende Chronist der schwarzen Szene. Inzwischen hat er, so Brach, fast 10.000 Aufnahmen in seiner lauschigen Galerie zusammengetragen, davon viele beim WGT entstanden. Wer einen ruhigen Nachmittagsmoment sucht, ist hier richtig.
Hinzu kommen die Kunstausstellung im Agra-Café, das frei zugängliche Viktorianische Picknick im Clara-Zetkin-Park und natürlich die zahlreichen Partys in der Stadt. Brach: „Also für Abwicklung ist auf jeden Fall gesorgt.“
Die immer wiederkehrenden Fragen
Marc Urban nutzt das Gespräch, um zwei Dauerbrenner ein für alle Mal abzuräumen.
Warum kommt der Spielplan immer so spät? Teils produktionstechnisch begründet – Bandabsagen, Zeitverschiebungen –, teils bewusst gewählt. Da es keine Tageskarten gibt, sei eine sehr frühe Veröffentlichung für die Besucher nicht zwingend nötig. Spätestens um Himmelfahrt steht der komplette Plan online und in der App WGT-Kompass.
Und warum gibt es keine Tageskarten? Zwei Gründe nennt Brach. Erstens die Kapazitäten: Würde man Tageskarten verkaufen, kämen für einzelne Headliner mehrere Tausend zusätzliche Besucher, und Vollzahler stünden im Zweifel vor verschlossenen Türen. Zweitens, und vielleicht wichtiger, der Treffengedanke: Das WGT sei „eben jetzt nicht nur ein Besuch wert für einzelne Konzerte, sondern eben auch als Gesamterlebnis, einfach um Leute aus aller Welt zu treffen und gemeinsam ein paar schöne Tage zu haben„. Wer trotzdem nur reinschnuppern will, hat Optionen: Das Heidnische Dorf am Torhaus Dölitz verkauft separate Tageskarten, das Viktorianische Picknick ist frei zugänglich, und auch einige Partys lassen sich ohne Vollkarte besuchen.
Ausverkauft? Nein. Aber Leipzig wird voll.
„Das WGT war noch nie ausverkauft„, sagt Brach am Ende, „und wir rechnen dieses Jahr damit, dass schon so wieder Richtung 20.000 Besucher wir erreichen.“ Wieder international, mit Stammbesuchern aus USA, Südamerika, Japan und Israel – eine Bestätigung, die das Team selbst nach Jahrzehnten der Routine offenbar nicht für selbstverständlich nimmt. Kurzentschlossene werden an der Abendkasse fündig.
Wo der Podcast leiser wird
Bei aller Sympathie für das Gespräch – und für Cornelius Brachs ruhige, sympathische Art zu erzählen – fallen ein paar Leerstellen auf, die in einem so wohlwollend geführten Format vielleicht zu erwarten sind, einem aber trotzdem auffallen dürfen.
Über Geld wird nicht gesprochen. Dabei ist der Vorverkaufspreis fürs WGT-Bändchen in den letzten Jahren von rund 170 auf 190 Euro geklettert – was angesichts von vier Tagen, über 170 Bands, mehr als 40 Spielstätten, freiem ÖPNV und einem Kulturprogramm, das von der Oper bis zur Friedhofsführung reicht, ehrlich gesagt immer noch ein Schnäppchen ist. Genau deshalb hätte man darüber reden können: nicht als Beschwerde, sondern als Einordnung. Wie geht das WGT mit der allgemeinen Kostenexplosion bei Bandbuchungen, Hotels und Produktion um? Wo liegt die Schmerzgrenze nach oben? Solche Fragen wären in einem Format wie Nightcrawling gut aufgehoben gewesen.
Unerwähnt bleibt auch die wachsende Schar an Pfingst-Veranstaltungen rund um das offizielle Treffen. Manche davon koexistieren seit Jahren friedlich mit dem WGT und bereichern Leipzig eher, als dass sie ihm etwas wegnähmen – das parallel laufende Gothic Pogo Festival im Werk 2 etwa, oder die queere Tanznacht Glitter + Trauma. Daneben hat sich aber spürbar eine Art „WGT ohne Bändchen“ etabliert: Partys, Märkte und Events, die das Festivalwochenende nutzen und ihr Publikum unabhängig anziehen. Man muss das nicht bewerten, um zu konstatieren, dass die Zahl der Nebenschauplätze beachtlich gewachsen ist – und dass viele Besucher zu Pfingsten in Leipzig deutlich mehr Geld ausgeben, als das Bändchen kostet. Wie das WGT diese Entwicklung sieht, hätte man durchaus fragen können.
Das ist kein Vorwurf an Cornelius Brach, der seine Rolle als Pressesprecher souverän ausfüllt – sondern eher an das Format, das an einigen Stellen lieber im Wohlfühlbereich bleibt, als nachzuhaken.
Trotzdem: Hörenswert
Wer das im Hinterkopf behält, bekommt eine gut gemachte, kurzweilige Vorschau auf das 33. WGT, mit einer Handvoll konkreter Programmtipps, interessantn Bandentdeckungen und einer Erinnerung daran, warum dieses Festival nach drei Jahrzehnten immer noch eine besondere Sache ist. Die ganze Folge gibt es bei Spotify, Amazon und Google unter dem Stichwort Nightcrawling.
Wir sehen uns zu Pfingsten in Leipzig.


