Totenkult – Begrabener Instinkt?

Die meisten Menschen haben schon einen anderen Menschen verloren. Doch im trauern haben die wenigsten Menschen etwas gemeinsam, die persönliche Trauer ist so individuell wie der Tod selbst. Im Laufe der letzten Jahre hat sich jedoch eine spürbare Friedhofsmüdigkeit breit gemacht, es gibt einige die sagen sich „Ich brauche keinen Platz, keinen Ort um der Toten zu Gedenken, in meinem Herzen und in meinem Geist lebt der Mensch weiter…

Brauchen wir keine Gräber mehr? Ist die letzte Ruhestätte ein überholtes Relikt aus der Vergangenheit? Ich teile die Meinung vieler, das die Person in einem immer noch präsent ist, gerade wenn man sich sehr nahe gestanden oder ein Familienmitglied verloren hat. Dazu benötige ich aber eine Brücke, ein Portal zu meinen Erinnerungen.

Bilder, Texte und vielleicht auch Filme machen das alles möglich. Diese Möglichkeiten stehen uns aber nicht seit je her zur Verfügung, so suchten die Menschen Möglichkeiten diese Brücken zu bauen. Ein Grab ist also nicht nur die letzte Ruhestätte eines Verstorbenen, sondern auch Brücke für Erinnerungen. Wenn man so will, ist der Totenkult ein Urinstinkt.

Sterben ist teuer, das war schon immer so. Geschmückte, verzierte und bepflanzte Gräber wie wir sie kennen konnten sich schon immer nur reiche und privilegierte Mensch leisten, leider ist das Sterben heute auch noch bürokratisch verunstaltet, was mit dem Toten geschieht, ist reglementiert und man hat sich als Angehöriger an mehr Regeln zu halten, wie zu Lebzeiten. Zu allem Überfluss verwechseln die meisten Menschen den Tot mit Religion, doch Sterben ist interessiert sich nicht für den Glauben und Gräber gab es schon lange bevor jemand überhaupt Christen kannte.

Da sich der Grufti bekanntlich stärker mit der Thematik auseinandersetzt, als andere ist klar, das ich mir auch meine Gedanken darüber mache. Vergänglichkeit, Friedhöfe, Geschichte und Okkultismus haben mich schon immer fasziniert und das ist nicht weiter verwunderlich, das macht die Menschheit seit Jahrtausenden. Aber statt in poetischem Geblubber zu versinken, möchte ich den Blick auf die Realität lenken und die Begeisterung für das Vergangene wecken. Führungen mit Geschichten zu historischen Friedhöfen und Gräbern sind für mich kognitive Erlebnisreisen, das Bild oben stammt übrigens von einem Grab des alten Londoner Highgate Cemetery. Hier wird deutlich das Ende und Anfang ganz nah beieinander sind.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Lordy
Lordy (@guest_186)
Vor 13 Jahre

Ich belege an der Universität gerade einen Kurs, der sich im zweiten Teil mit Gedenkstätten befassen wird. Dann wäre ich also auch schon genau im Thema.
Es stimmt. Viele Menschen sagen sich, dass Friedhöfe nicht mehr wichtig sind. Man hat den Menschen auf Bildern, auf Filmen und so weiter.
Für mich ist ein Friedhof aber dennoch ein wunderschöner Ort. Ich möchte dort auch später begraben werden, damit die angesprochene Brücke existiert. Sie muss ja nicht allein genutzt werden, aber sie soll genutzt werden.
Friedhöfe haben eine besondere Aura, eine besondere Atmosphäre. Das kann einem auch kein Film bieten. Dort hat die Person zuletzt gelegen. Dort hat sie Ruhe gefunden. Das kann mir keine Kamera zeigen. Sicher hat man den Menschen im Herzen (wenn nicht, dann wäre da auch was falsch), aber das ist ja alles keine Einbahnstraße.
Heutzutage gibt es ja weit mehr Möglichkeiten der Beerdigung. Anonym, halb anonym und was es nicht alles gibt. Dient alles auch im Grundsatz nur einem Zweck: Man will den Friedhof für Sterbende „wieder attraktiver“ machen.
Ob das letztendlich gelingt, dass wird uns die Zukunft zeigen.
Und es stimmt. Friedhöfe gibt es schon ewig. In den griechischen Poleis ebenso wie in Ägypten oder auch schon weit vor deren Zeit. Man kann Friedhöfe nur schwerlich mit dem Christentum in Verbindung setzen. Nur die Art der Zelebrierung des Totenkultes kann man an Religionen binden. Wobei diese in der heutigen Zeit auch nicht mehr jedem zusagen mögen.
Ziemlich langer Kommentar. Ich mach mal lieber Ende an der Stelle.

Tears
Tears (@guest_191)
Vor 13 Jahre

Wegen mir kann nach meinem Ableben mit meinem Körper sonst was gemacht werden. Ich habe überhaupt keinen Bezug zu der toten Hülle die ich mal hinterlassen werde und entsprechend habe ich auch keinen Bezug zu den toten Körpern meiner Bekannten und Verwandten.

Allein wegen der Kosten würde ich mich, sollte ich einmal diese Entscheidung für jemanden treffen müssen, für eine Urnenwand entscheiden. Was muss ein gammliger Kadaver noch soviel kosten wie ein nettes gebrauchtes Auto?

Friedhöfe können zwar recht schön sein, allerdings gibt es davon nur noch wenige. Die glänzenden, blank polierten rot-schwarzen Steine mit goldener Inschrift finde ich nur hässlich. Alte Totenkulte finde ich recht interessant, die Pyramiden der Ägypter sind faszinierend… aber was in der heutigen Zeit im Vergleich dazu vorherrscht ist im Grunde nur Geldmacherei.

Interessant wäre, was irgendwann noch kommt. Kommt die öffentliche Verbrennung wieder? Wird die Himmelsbestattung in Deutschland legalisiert? Oder gibt es Soylent Green?

Atanua
Atanua (@guest_192)
Vor 13 Jahre

Nun ja Friedhöfe können schon schön sein, allerdings sehe ich keinen Sinn darin, das Grundwasser zu verseuchen und die hohen Kosten für das Grab den Angehörigen aufzubürden…zudem sind Schweizer Friedhöse so dermassen geregelt,nein danke…dann lieber im Wald verstreuen. Und nach 28 Jahren oder so wird das Grab eh aufgehoben…

Ob Totenkult ein Urinstinkt in dem Sinne ist bezweifle ich stark, in Südamerika gibt es ein indigenes volk, dass früher die Toten verspeiste und auch sonst jegliche Spuren des Toten auslöschte. Kein Kult, sondern das gegenteil, abschliessen und vergessen. Mittlerweile dürfen sie das nicht mehr, was den Angehörigen ziemlich zu schaffen macht…sie finden jemanden unter der Erde verrotten zu lassen, sei unmenschlich…

LG

Lordy
Lordy (@guest_193)
Vor 13 Jahre

Also wenn ich jemanden essen würde, der mir nahe steht, dann würde ich damit nicht abschließen, sondern den Gedanken aufbringen, dass ich die Person nun noch mehr in mir habe. Tote werden da sicherlich nicht vergessen, sondern es ist eine andere Art der Trauer, die wir hier nicht verstehen können. Totenkult ist sicherlich kein Urinstinkt, aber er entsteht durch die Bindungen, die wir eingehen. Das ist Emotion. Da Menschen diese anders ausbilden kommt es zu unterschiedlicher Art von Trauer. Natürlich gibt es auch die, die mit dem Leib nichts verbinden, der unter der Erde liegt. Andere sehen das anders. Totenkult wird meiner Meinung nach immer betrieben. Ob er nun mit einer Bestattung oder anderen Ritualen und Gedanken zusammen hängt ist für mich eher nebensächlich.
Der Tod und die Trauer ist nun einmal doch etwas gar persönliches.
Die heutige Art der Bestattung existiert nun einmal so, weil wir auch viel mehr Menschen unter die Erde bringen müssten. Man schaue sich Bevölkerungsentwicklungen an und stelle fest: Zu den Zeiten, wo wir die Bestattungen noch toll fanden, lebten viel weniger Menschen. Da konnte man spezielle Dinge noch viel besser durchsetzen als heute.
Und ich würde nicht sagen, dass wir mit einem Leichnam das Grundwasser extrem verschmutzen. Da verschmutzt die Frau, die jeden Tag ihre Anti-Baby-Pille nimmt das Grundwasser um einiges mehr.

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