Pfingstgeflüster 2012 – Eine gemeinsame Reise

Der Alltag hat uns längst eingeholt. Stress, Konzentration und wiederkehrende Abläufe könnten unsereins in eine tiefe Depression stürzen, wären da nicht die Erinnerung an ein Pfingstwochenende. Das Wave-Gotik-Treffen 2012 ist vorbei und wieder einmal fehlen manchen die Erinnerungen in Geschichten und Bildern. Das Pfingstgeflüster, dass nunmehr zum siebten Mal erscheint, verspricht Abhilfe. Auf 92 Seiten tummeln sich wieder einmal viele erwartet gute und überraschend großartige Artikel verschiedener Autoren, die eine andere Seite des WGT zeigen und vielleicht sogar dem Wiederholungsbesucher eine neue Sichtweise verschaffen, während der Neuling erstaunt feststellen muss, dass Gothic doch mehr ist als Musik und schwarze Klamotten.

Ich möchte einen kleinen Einblick in die Themenvielfalt gewähren und kann dennoch nicht das ganze Werk mit Worten begleiten. Tatsache ist, dass ich mir keine bessere Zeitschrift für das WGT vorstellen könnte und das nicht nur, weil ich wie bereits 2011 einen Artikel beisteuern durfte.

  • Pfingstgeflüster 2012 - InhaltsverzeichnisDas viktorianische Picknick – Zwischen Rokoko und Steampunk (Rosa Chalybeia)
    Damit hatte ich zunächst nicht gerechnet, doch umso mehr freute ich mich über die Überraschung, etwas von Frau Chalybeia im Heft zu finden. Sie widmet sich in ihrem Artikel dem viktorianischen Picknik, dass vom kleinen Event begeisterter Anhänger fast schon zur klassischen Eröffnungsveranstaltung des WGT geworden ist: „Auch wenn das Picknick zu einem unüberschaubar großen Ereignis geworden ist, dem die Atmosphäre der ersten Jahre ein stückweit abhanden gekommen ist, so fügt es sich mit seinem Grundgedanken – dem des Treffen Gleichgesinnter – in das Konzept des WGTs gut ein.
  • Das heidnische Dorf – Vom Zauber eines Platzes (Ekkehard Schulreich)
    Eine kleine Perle ist auch der Artikel über das heidnische Dorf in Dölitz, der interessante Einblicke in den Werdegang dieser inzwischen autonomen Veranstaltung gibt. Autor Schulreich beschäftigt sich hier mit Marco Schwarz, der das Konzept des Dorfes entwickelt und umgesetzt hat: „Als Schwarz das Gelände am Rand der Aue Ende der Neunziger Jahre zum ersten mal sieht, spürt er den Zauber dieses Platzes. Eines Ortes, der Geschichte atmet, ohne sie auf den ersten oder zweiten Blick schon preiszugeben.“ Seit 1999 findet das heidnische Treffen in Dölitz statt, nachdem es sich zuvor am Connewitzer Mühlholz einen Stammplatz im WGT Programm erkämpfte.
  • Hekate – Jubiläumsfeier beim WGT (Axel Menz)
    Gründer und Sänger Axel Menz erzählt vom Jubiläum seiner Band „Hekate“, die sich mittlerweile im selben Alter befindet wie das WGT selbst. Er war auch einen kleinen Rückblick in die eigene Vergangenheit, der sich nicht weniger spannend liest, als das Jubiläum selbst. „Im Jahre 1998 folgte unser erster Auftritt auf der Parkbühne, der von einem Fernsehteam des ZDF gefilmt wurde. Um sieben Uhr morgens sah man uns 30 Sekunden lang – etwa gewöhnungsbedürftig nach einem Beitrag mit den Spice Girls.
  • Die Besucher – Eine gemeinsame Reise (Robert Forst)
    Auch ich habe mich wieder im Pfingstgeflüster verewigen dürfen. Eine Tatsache, die mich sehr stolz macht, denn nicht nur das Gefühl in einem gedruckte Heft seinen Namen zu lesen hat seinen Reiz, sondern auch die Auswertung der Fragebögen an die Besucher hat mir sehr viel Freude bereit. Ich habe versucht ein differenziertes Licht auf die Besucher zu werfen, die sich nicht mehr in Schubladen sortieren lassen und nehme den Leser dazu auf eine Reise mit: „Das Wave-Gotik-Treffen ist wie ein Zug, in den immer wieder Reisende ein- und aussteigen, während andere länger unterwegs sind und manche gar nicht wissen, wohin sie eigentlich wollen. 20.000 schwarze Reisende auf der Suche nach ihrem Abteil, mit einer Reservierung für ihren Stammplatz oder auch als Passagier in einem der Großraumwaggons.
  • Dunkelblau – Mein langer Weg zum Übergoth (Christian von Aster)
    Mittlerweile ist es kein Geheimnis mehr, dass auch der typische Goth gerne lacht, auch gerne über sich selbst. Christian von Aster ist die Galionsfigur des „schwarzen Humors“, was er mit seinem Artikel für das Pfingstgeflüster wieder einmal unter Beweis stellt: “ >Nein, das ist dunkelblau.< Das war er. Der Satz, mit dem alles begann, und in dessen Zuge Mario mir vorwurfsvoll eines meiner Hemden entgegenhielt. Ich war mir sicher, dass dies so nicht stimmen konnte. Dunkelblau. Und das bei mir. Es war natürlich schwarz. Ganz klar schwarz. So wie alles andere aus meinem Kleiderschrank. Als ich diesen Einwand nun aber vorbrachte, schaute Mario mich nur kurz an und hob verächtlich eine Braue. (…) Wenn einer weiß, was schwarz ist, dann vermutlich er. Er ist so ein Typ, der seine Muttermilch allein der Farbe wegen verweigert hat. Quasi ein Vollblutnachtschattengewächs.
  • Schemenkabinett – Boten des Todes (Katharina Heiler und Parm von Oheimb)
    Die Ausstellung „Boten des Todes“ wurde von vielen Besuchern hoch gelobt und entwickelte sich noch während der Pfingsttage zum Kult. Was liegt näher, als die Macher selbst zu einem Artikel im Pfingstgeflüster zu gewinnen? „In einer Ecke des Raumes schienen sich mehrere dutzend Totenkopfschwärmer aus einem Grab in die Lüfte zu erheben. Die Schmetterlinge waren allesamt in verschiedenen Flügelstellung präpariert und steckten auf kleinen Nadeln vor einer zwei Meter hohen Schwarz-Weiß-Fotografie eines Friedhofes. In einem anderen Teil des Zimmers erleuchtete über den Köpfen der Besucher eine Videoprojektor-Installation flackernd den Raum.
  • Lesungen – Der arme Poet? (Edith Oxenbauer und Marcus Rietzsch)
    Das WGT hat Lesungen wieder in den Fokus der Szene gerückt. Exemplarisch stellen die beiden einige Autoren und Teile ihre Texte dar. Mit dabei sind Myk Jung (Der Herr der Ohrringe), Torsten Schneyer (Kellerkind von Rosendorn) und Sara Noxx (Gedichte: Erinnerungen und Fenster bricht).
  • Südfriedhof – Ort der Geschichte und der Natur (Alexander Mewes)
    WGT-Besucher, die IHN noch nicht kennen, sollten das unbedingt nachholen. Alexeander Mewes Artikel bietet den idealen Einstieg zur Faszination des Friedhofes, zahlreiche faszinierende Bilder runden das Ganze ab: „Leipzigs größter Friedhof findet sich also einem historisch bedeutsamen Areal wieder. Doch er hat auch selbst Geschichte geschrieben. Alleine mit der Vielzahl der hier bestatteten bedeutenden Leipziger Bürger ließe sich unschwer das Alphabet (…) füllen.
  • Friedrich Nietzsche – Menschliches, Allzumenschliches (Guldhan)
    Freund und Mitstreiter der schreibenden Front Guldhan hat sich intensiv mit Nietzsche beschäftigt und zeigt in seinem großartigen Artikel ein menschliches – vielleicht sogar ein allzu menschliches – Bild des Dichters und Denkers: „Friedrich Wilhelm Nietzsche. Geboren am 15.Oktober 1844 in Röcken bei Lützen, Professor der klassische Philologie in Basel sowie freier Philosoph und Komponist. Ab 1869 als staatenlos lebend. Einzug der völligen geistigen Umnachtung und somit der geistige Tod am 9. Januar 1889. Entmündigt am 26. November 1889. Körperlicher Tod am 25. August 1900 in Weimar.

Das Pfingstgeflüster gehört gekauft. Nicht nur wegen der guten Artikel, sondern auch wegen der Leidenschaft die hinter einem solchen Projekt steht. Herausgeber Marcus Rietzsch möchte der Szene etwas zurückgeben und versammelt Autoren, die etwas zu sagen haben, um der Belanglosigkeit mancher Szene-Auswüchse entgegenzuwirken. Für 8,90€ ist es auf der Internetseite  des Pfingstgeflüsters zu finden, einen kleinen Einblick bietet man in Form einer PDF findet man hier und selbst ein Video gibt es (bei dem sich Karnstein übrigens für die Musik verantwortlich zeigt):

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Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Marcus
Marcus (@guest_25793)
Vor 9 Jahre

@Robert: Danke für die ausführliche und positive Erwähnung des Pfingstgeflüsters. Diese Würdigung freut mich natürlich sehr, ist dies für ein kleines Projekt doch immens wichtig. Ich hoffe, dass es noch viele Leser gibt, die ebenso viel Spaß an der Lektüre haben wie Du.

tobikult
tobikult (@tobikult)
Vor 9 Jahre

Die diesjährige Ausgabe ist so was von gelungen, ich befürchte, da ist wenig Luft nach oben für die nächste Ausgabe.
Ohne diesen gepflegten und auf Papier verewigten Rückblick auf unser jährliches Treffen in Leipzig, würde ich mich gar nicht trauen, meinen albernen Blick auf die Pfingsttage zu posten :-)
https://werturteilsfrei.wordpress.com/2012/07/22/wave-gotik-treffen-2012/

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@rosa-chalybeia)
Vor 9 Jahre

Schöner Überblick über eine auch in diesem Jahr wieder mehr als gelungene Ausgabe des Pfingstgeflüsters.

Mir war es eine Ehre, auch einen Beitrag zusteuern zu dürfen – sozusagen mein erstes Stück Text daß in derarter Form gedruckt und veröffentlicht wurde – macht auch mich ein Stückchen stolz :)

Lucretia
Lucretia (@marion)
Vor 9 Jahre

Hach, jetzt bin ich noch mehr in Versuchung mir das Pfingstgeflüster dieses Jahr zu holen, obwohl ich leider nicht zum WGT konnte (und daher versucht habe Bildern und Berichten so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen, um nicht zu sehen was ich alles verpasse).

Marcus
Marcus (@guest_26261)
Vor 9 Jahre

 Tobikult:

Die diesjährige Ausgabe ist so was von gelungen, ich befürchte, da ist wenig Luft nach oben für die nächste Ausgabe.

Du setzt uns jetzt aber ganz schön unter Druck ;-) Wir werden jedenfalls unser Bestes geben und hoffen auf ein tolles Programm, das uns sozusagen in die Hände spielt.

@Lucretia:

Auch Daheimgebliebene dürften ihre Freude am Pfingstgeflüster haben. Du musst es einfach als Einstimmung für das WGT 2013 sehen.

Lamaštu
Lamaštu (@guest_27054)
Vor 9 Jahre

Als ebenfalls Daheimgebliebene kann ich mich dem Lob nur anschließen. Hochwertige Gestaltung und ansprechende Inhaltstiefe unterscheiden das Pfingstgeflüster deutlich von handelsüblichen „schwarzen“ Mode-Druckerzeugnissen und geben einen anschaulichen Querschnitt des Treffens wieder.
Ebenfalls erwähnenswert ist der sehr Preis, der im Vergleich zur gebotenen Qualität doch sehr moderat (=studentenfreundlich ^^) ist.

Möglicherweise sollte ich das Heft gerade jenen Minimalinformierten einmal ausleihen, die das WGT dank der ziemlich einseitigen Medienberichte eher als ‚Karneval mit Saufen und Deprimucke‘ (Leider ein Zitat) einordnen. Wenn ich’s denn aus den Händen legen könnte… ;)

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