Neuerscheinung: Our Darkness – Gruftis und Waver in der DDR

Es gibt eine ganze Menge Informationen, mit dessen Hilfe man die Entwicklung der Grufti-Szene in der DDR nachzeichnen kann. Ein ganzer Haufen Bücher, Filme und Artikel beleuchten unzählige Facetten dieser Deutsch-Deutschen Geschichte, die sich hauptsächlich unter den ostdeutschen Jugendlichen in den 80er-Jahren abgespielt hat. Wie rechtfertigen also Sascha Lange und Dennis Burmeister ihr neuestes Werk Our Darkness: Gruftis und Waver in der DDR, das am 13. Mai 2022 im Ventil-Verlag erscheinen wird?

Nachdem ich mir ein Vorab-Exemplar zu Gemüte führen durfte, sind mir einige Dinge aufgefallen, die dieses Buch durchaus rechtfertigen – allerdings nicht für jeden. Die Grundvoraussetzungen waren schon mal ideal, denn die Autoren, die bereits die Bücher „Depeche Mode Monument“ und „Behind The Wall. Depeche Mode-Fankultur in der DDR“ herausgebracht haben, glänzten schon da mit Akribie und Genauigkeit und einer geradezu erschreckenden Leidenschaft für das Zusammentragen von Informationen, die sich auch in stets in der tollen haptischen Qualität der Bücher selbst spiegelten. Diesmal kommt auch besonderer Fleiß hinzu, denn die unzähligen tollen Bilder, die man zusammengetragen hat, geben dem Buch ein extrem nostalgische Gänsehaut-Attitüde. Jedenfalls für mich.

Cover des Buchs Our Darkness

Our Darkness: Inhalt

Ich bin 1974 geboren und damit (fast) genau in dem richtigen Alter, um mit diesem Buch auch in der eigenen Nostalgie zu schwelgen. Nicht etwa, weil ich in der DDR aufgewachsen bin, sondern weil die musikalische, popkulturelle und subkulturelle Entwicklung ganz ähnlich abgelaufen ist. Ich lege also die Erinnerungen der Leute, die sich an ihre Wave- und Gruftizeit in der DDR erinnern wie eine Blaupause auf die eigenen Erinnerung und bin erstaunt über manche Unterschiede und überrascht über viele Parallelen.

Our Darkness vermittelt einen unglaublich detaillierten Blick in ostdeutsche Kinderzimmer heranwachsender Gruftis, der mit unfassbar vielen und großartigen Bildern angereichert wird. Durch die Erzählungen der vielen Leute, die man für das Buch befragt hat, bekommt ein Gefühl davon, wie heilig beispielsweise eine Ausgabe der Bravo gewesen sein muss, wie Musik in Kopier-Session verbreitet wurde und mit wieviel Phantasie und Enthusiasmus man an einer möglichst „gruftigen“ Erscheinung arbeiten musste.

Ich erinnere mich gut daran, wie ich litt, weil ich kein paar anständige Pikes bestellen konnte und der einzige alternative Schuh-Laden in den nächstgelegenen Großstadt nie meine Größe hatte. Beim Lesen komme ich mir in der Rückbetrachtung ziemlich lächerlich vor, denn in der DDR war es faktisch unmöglich überhaupt so etwas zu erwerben. Ja, so ein bisschen peinlich berührt über die Probleme in der eigenen Jugend ist man dann schon.

Auch wenn sie die DDR ab Mitte der 80er versucht hat, sich zu „öffnen“ und mit DT64 1987 sogar seinen eigenen Jugendradio-Sender an den Start gebracht hat, bleibt bei allem, was die Jugendlichen dort trieben, ein fader Beigeschmack der Überwachung und Kontrolle. Sich in Kellern oder verfallenen Gebäuden heimlich zu treffen, um zu quatschen und leise Musik zu hören, war eine Notwendigkeit, keine Freiwilligkeit.

Das Buch beleuchtet auch diese Teil der ostdeutschen Vergangenheit, lässt aber die Eindringlichkeit zugunsten der Information auf kleiner Flamme lodern.

Obgleich die Überwachungsorgane des Staates tonnenweise Akten produzierten, Namenslisten anlegten und Verhöre durchführten, hatte das auf die Ausbreitung der Jugendkulturen in der DDR der späten 1980er Jahre keinerlei nennenswerte Auswirkungen mehr. Der Kontrollverlust wurde immer offensichtlicher, verbunden mit einer Orientierungslosigkeit, wie mit den Jugendkulturen umzugehen sei.

Mit der Wende endet dieses Buch glücklicherweise nicht, denn es stellt auch dar, wie sich ostdeutsche Grufti- und Waver-Szene in einer rasanten Aufholjagd alles das zu konsumieren versuchte, was ihnen über Jahren verwehrt geblieben war. Reisen nach London, Platten der angesagten Bands und natürlich Konzerte der Stars. Ein Cure-Konzert im August 1990 in Leipzig markiert, wenn man so möchte, das Ende einer geteilten Szene. Alles, was sich in der sterbenden DDR Grufti oder Waver nannte, war an diesem Tag in Leipzig und machten daraus ein ganz besonderes Konzert.

Auch wenn viele Gruftis- und Waver dann eigene Wege gingen, entstand aus dem Geist der Jugendlichen von damals das heutige Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Man wollte sich wohl 1992 nochmal wiedersehen, um dann in den folgenden Jahren eine spürbare Distanz zur gesamtdeutschen Szene aufzubauen. Alexandra Tchen schreibt dazu im Buch: „Über die späteren Wave-Gothic-Treffen habe ich mich eher aufgeregt, weil das für mich nur Fasching war. Mich ärgerten diese ‚Wochenendgruftis‘, denn wir hatten uns das damals hart erkämpft.

Our Darkness: Fazit

Auch wenn die meisten Informationen und Hintergründe schon vielfach aufgeschrieben wurden, bietet „Our Darkness“ eine komplette Zusammenfassung der ostdeutschen Grufti- und Waverszene. Hier wurde nicht nur lieblos aneinandergereiht, sondern akribisch recherchiert und zusammengetragen. In vielen Dinge pulsiert die Leidenschaft der beiden Autoren für das Thema aus jedem Abschnitt dieses Buches. Besonders hervorzuheben sind die vielen tollen Bilder, die man zusammengetragen hat, die ich in so einer Ansammlung noch nicht gefunden habe. Optimal finde ich auch, dass das Buch nicht mit dem Fall der Mauer in seinen Erzählungen stoppt, sondern den Bogen auch in die „Post-DDR-Zeit“ spannt.

Eine Gruppe von Gruftis posieren für ein gemeinsames Bild
Our Darkness – Eine Gruppe von Gruftis posieren. Einige Beteiligte wollten auch nach 30 Jahren unkenntlich gemacht werden | (c) Malte Freymuth

Allerdings bietet das Buch für Leser, die ebenso leidenschaftlich lesen, wie die Autoren schreiben, keine neuen und bahnbrechenden Erkenntnisse, Geheimnisse oder Einblicke, denn dieser Teil der deutschen Geschichte ist nur einmal passiert und vielfach und aus verschiedenen Blickwinkeln nacherzählt worden. Auch geht für meinen Geschmack in der Fülle der Informationen, Fakten und Bilder die Tiefe verloren, die ich mir persönlich gewünscht hätte.

Aber das ist, wie könnte man es anders vermuten, jammern auf höchstem Niveau. Ich bin mir sicher, dass ich mir auch dieses Mal ein Exemplar des Buches ins Regal stellen werde.

Wer möchte, kann auch eine Lesung der Autoren besuchen: Am 17. Mai in Rüsselsheim, am 18. Mai in Leipzig, 21. Mai Potsdam, 25. Mai Berlin, 25. Juni Erfurt, 27. Juni Karlsruhe, 07. September Bremen und am 8. September in Lübeck. Alles Weitere dazu erfahrt ihr hier.

Robert Forst
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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KRACHKIND
KRACHKIND(@dennis)
Vor 1 Monat

Hallo Robert, Danke für das Lob. Liebe Grüße, Dennis :)

Bibi Blue
Bibi Blue(@biljana)
Vor 1 Monat

Vielen Dank für diese charmante Ankündigung. Ich ahne schon, dass das Buch Wallungen in mir hervorrufen wird. Ich habe darüber über die facebook-Ankündigung von ‚Das Rind‘ in Rüsselsheim erfahren und mir gleich eine Karte besorgt. Ich habe in der DDR nur vier Jahre gelebt, doch diese waren sehr prägend. Ich habe eben in meine Schulzeugnisse von 1980-1984 geschaut, von der 4. bis zur 7. Klasse im damaligen Ost-Berlin, und einige Erinnerungen wurden wach. In der 6. oder 7. Klasse gab es schon die Depeche-Mode-Fans, die in der Schule wegen ihren Frisuren von manchem Lehrenden nahezu diffamiert wurden. Dass wir die geschmuggelte Bravo gelesen haben oder westdeutsches Radio gehört haben, haben sie nicht mitbekommen. Doch einmal trug ich meine Sportsachen in eine Tüte vom Westen zur Schule, ohne etwas Böses zu ahnen. Ich wurde ordentlich vor allen zusammengeschrien und belehrt, wie böse die westliche aufgedruckte Werbung ist und sollte die Tüte auf der Stelle umstülpen. Mir kommen gleich die Ausrufe in Erinnerung, „Der Imperialismus ist schuld!“ (dreimal hintereinander). Nicht, dass ich den Imperialismus gutheißen würde, aber darum geht es jetzt nicht. In Jugoslawien, wo ich danach bis 1990 lebte, gab es auch sonderbare Auswüchse. Ich hatte in der Zeit noch Briefkontakt mit meinen Schulfreunden aus Berlin, habe einige von ihnen mal beim Klassentreffen gesehen. Ich konnte mir in der Zwischenzeit einige ihrer Sehnsüchte ausmalen, ich erinnere mich daran, wie unglücklich die meisten von ihnen noch als Kinder über „die Mauer“ waren, das Symbol für die Repression bezüglich der eigenen Entfaltung, der Reisefreiheit, sogar der Bildung. Ja, ich habe später einen Verleger in Berlin kennengelernt, der schon mal speziell wegen des Besitzens von Büchern von Umberto Eco von der Stasi verhört worden ist. Ich bin jetzt jedenfalls erneut inspiriert, einige Kurzgeschichten über diese Zeiten fertigzuschreiben. Doch erstmal lasse ich mich von der dunklen Fülle des angekündigten Buches berieseln.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Bibi Blue
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 1 Monat

Hab’s mir gestern bestellt und freu mich drauf :-)

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 22 Tagen

Wo kann man es bestellen?

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Robert Forst
Vor 22 Tagen

Merci. :)

jo.figurehead
jo.figurehead (@guest_61123)
Vor 1 Monat

Das Buch werde ich mir auf jeden Fall zulegen.
Aber ich muss dem Bild auf dem Cover mal unterstellen, das es kein Bild aus DDR Zeiten ist. Ein professionelles Cure T-Shirt und echte Pikes, da brauchte man aber sehr gute West-Beziehungen und hoffen das Paket kommt auch an.

Zu meiner Zeit erinnere ich mich eigentlich nur an ‚Bastel‘ Arbeiten,
z.B. selbstgemachte Buttons mit Sicherheitsnadel und Klebeband
oder sogar Stickarbeiten, wo versucht wurde irgend ein Bild nachzusticken.
Irgendwann gab es dann schwarze Aktenkoffer, habe ich gehabt und quer den The Cure Schriftzug im ’87 Style geschrieben.
Muss dazu sagen, daß unsere Schuler etwas humaner mit Gestalten wie uns umgegangen ist, vielleicht weil es ein paar mehr von uns an der Schule gab.
Höhepunkt, Fahnenappell zum Schulanfang 1988, ich mit FDJ Bluse und Käppi auf den toupierten Haaren.
Natürlich auch nicht mit Haarspray oder Haargel, haben immer den bröckigen Rasierschaum aus der Tube benutzt, da waren kleine Seifenstücke drin. Hat gut gehalten….. bis es geregnet hat….
Beim ersten WGT im Eiskeller war ich dann völlig überrascht, das es so viele Gruftis gibt. Erinnere mich noch an die Ankündigung, Das Ich und Goethes Erben auf einem Konzert, da musste ich dabei sein.
Ach schön wars, danach war vieles anders, vielleicht auch weil das Leben als Grufti irgendie einfacher geworden ist.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  jo.figurehead
Vor 1 Monat

Ja, die Pikes haben mich auch verwundert, da sie ganz sicher nicht selbstgemacht aussehen.

Dennis Burmeister
Antwort an  Robert Forst
Vor 28 Tagen

Genau so ist es. :)

Dennis Burmeister
Antwort an  jo.figurehead
Vor 28 Tagen

Das Foto wurde im August 1990 aufgenommen, als THE CURE in Leipzig spielten. Da existierte die DDR auf dem Papier noch ;)

jo.figurehead
jo.figurehead (@guest_61124)
Vor 1 Monat

Ganz vergessen, The Cure Leipzig 1990, Irgendwie war meine Erwartungshaltung damals, The Cure, speziell Robert kann kein ’normaler‘ Mensch sein, er muss irgendwie besonderst sein, entweder ganz groß oder strahlend, keine Ahnung, irgendwie besonderst. Zu DDR-Zeiten habe ich außer den Sisters nur The Cure gehört, alles von Kassette beim NDR, Rias oder DT64 mitgeschnitten und stundenlang angehört. Das Besondere, was ich erwartet habe, kam dann erst als er anfing Plainsong zu singen und ich begriff, daß das wirklich The Cure war. Außerdem gab es einen Zillo Stand, eine ganze Zeitschrift nur mit unserer Musik, alles so schön in schwarz, weiss mit viel Rot.

Gruftfrosch
Gruftfrosch (@guest_61128)
Vor 1 Monat

Wurde auf der Pop-Up-Buchmesse im Werk2 im März schon angekündigt. Danke für’s Erinnern…det koof ick mir.

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