Balenciaga verkauft Rammstein Klamotten – Vom ewigen Streben nach Authentizität

Die Luxusmarke Balenciaga, die dank Influencer-Marketing gerade bei jüngerem Zielpublikum angesagt ist, verkauft jetzt Rammstein-Merch. Von der Kappe im used-look für 350 € bis hin zum Rammstein-Regenmantel für 1790 € ist alles dabei, was das Fan-Herz höher schlagen lässt. Vermutlich.

Demna Gvasalia, Kreativchef des französischen Luxusmodehauses Balenciaga, scheint selbst eingefleischter Rammstein-Fan zu sein. In seiner öffentlichen Playlist finden sich einige Lieder der deutschen Band, die es mit ihrem oft als „Tanzmetall“ bezeichneten Musikstil zu weltweitem Erfolg gebracht haben. Unter dem Label „Balenciaga Music“ verkauft man jetzt Hoody, T-Shirt, Kappe, Bauchtasche, Regenmantel, Rucksack und Longsleeve mit entsprechendem Band-Aufdruck.

Bei den meisten Fans von Rammstein stößt die auf dem offiziellen Instagram-Account der Band geteilte Modelinie weitestgehend auf Unverständnis, zumal es ja vergleichbare Artikel im Onlineshop der Band für einen Bruchteil des Preises gibt. Für beispielsweise 25 € gibt es dort ein Band-Shirt, das damit nur einen Bruchteil von dem Balenciaga-Shirt für 495 € kostet. Ein Fan fragt nach den ethischen Grundsätzen der Band, die aus einem sozialistischen Land stammt:

So much so for a band coming from socialism, what happened to your ethics?!! These prices are criminal, nothing can justify such prices, nothing.

Allerdings sind trotz der breiten Empörung alle Artikel der Linie aktuell ausverkauft. Vermutlich sind Leute mit prallem Geldbeutel daran schuld, die zwar nichts mit der Musik der Band zu tun haben, aber sowieso schon alles besitzen, was der Luxusdesigner auf den Markt gebracht hat. Oder es sind eingefleischte Sammler, wie dieses Bild suggeriert:

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Auf der Suche nach Authentizität

Es ist keine Neuigkeit, dass sich Luxusmodehäuser am „Style der Straße“ bedienen und diesen Stil dann zu einem vielfach höheren Preis anbieten. Aber auch für die breite Masse, die Logos und Bandnamen zwar cool fanden, sich allerdings mit der Musik und den Band nicht identifizieren konnten, sorgten Modehäuser wie H&M oder auch Engelbert Strauss in der Vergangenheit für entsprechende Produkte. Ein Artikel von Maria Hunstig beim Magazin der Süddeutschen wirft einen genaueren Blick auf dieses Phänomen (Danke Sophie!)

Für Fans der Musik sind diese Produkte in der Regel nicht gedacht, denn die wühlen sie lieber durch die Shops der Bands oder ergattern auf Konzerten Shirts der aktuellen Tour.

Zielgruppe ist die trendbewusste Jugend des neuen Jahrtausends (manchmal auch Millennials genannt), die Wert auf Ästhetik und nicht unbedingt auf Inhalt legt. So sind besonders Bands, die eine düstere oder apokalyptische Bildsprache pflegen, besonders beliebt. Bandshirts von Metallica, Marilyn Manson, Korn oder auch Slipknot sind häufig kein Ausdruck eines persönlichen Musikgeschmacks, sondern vielmehr eine modische Umsetzung des Zeitgeistes. Und da stehen die Zeichen nun mal auf Sturm. Terror, Brexit, Klimawandel und Präsidenten einiger Länder, denen zwischen Größwahn und Machtgier Angst wie Schuppen aus den Haaren rieselt, geben keinen Anlass zur Hoffnung.

Dass das logischerweise vor der Gothic Szene nicht halt macht, brauche ich euch nicht zu erzählen. Habe ich ja schon gemacht. Außerdem hat Demna Gvasalia auch die Sisters of Mercy in seiner Playlist, wie ich gesehen habe, möglicherweise gibt es ja hier bald die nächsten Luxusprodukte?

Ich werfe niemandem seinen Luxus vor, wenn jemand so viel Kohle für Band-Klamotten ausgeben möchte und kann, bitteschön. Wer kann, der kauft auch. Das war selbst in den 80ern nicht anders, als Armani, Versace oder Klamotten von Lacroix nach Außen getragen wurden. Kein Popper ohne einen Anzug von Boss, Jeans von Levi’s und Turnschuhe von Adidas.

Ist jemand kein authentischer Metal-Fan wenn er einen Band-Regenmantel für knapp 1800 € trägt? Ich bin der Ansicht, das kann man so nicht beurteilen. Der Neid erzieht uns möglicherweise dazu, es für unauthentisch abzustempeln.

Die Authentizität, die definitiv am häufigsten leidet, ist die der Bands selbst, die mit fragwürdigen Zusammenarbeiten ihren subkulturellen, unangepassten und rebellischen Weg verlassen und zu Profit-Orientierten Unternehmen mutieren. Fans, die seit Jahren die Band verfolgen und sich mit dem „Underdog“ Image identifizieren, stellen sich spätestens an diesem Punkt die Frage, inwieweit beispielsweise Rammstein noch diesem Image entsprechen.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Norma Normal
Norma Normal (@guest_60057)
Vor 7 Monate

Ich fände es ja unfassbar witzig wenn jemand in so nem 1800 Euro Regenmantel über z. B. das Wacken, laufen würde. Dekadent aber witzig. Ethisch fragwürdig aber witzig. Waren Gummistiefel auch Bestandteil der Kollektion!?

Und wer weiß evtl. versucht der Balenciaga Designschef solche Kooperation zu etablieren und das mit den Sisters of Mercy ist vielleicht gar nicht so unrealistisch…

Formeo
Formeo (@guest_60066)
Vor 7 Monate

Muss tatsächlich zugeben, dass ein kleiner Teil meiner Bandshirt Sammlung aus dem H&M und C&A stammt. Gab’s damals im Ausverkauf und 10€ H&M Ware ist halt billiger, als 20€ Fanshop Ware und wer hat als Teenager schon Geld, geschweige denn Zugang zu Online Shops, ich zumindest nicht. Das mit den Luxusmarken allerdings, naja, was solls. Hoffe mal, dass ich niemals so viel Geld besitze, dass ich es für so einen Kram ausgebe, haha.

Victor von Void
Victor von Void (@guest_60069)
Vor 7 Monate

Kann man einer Band, besonders jetzt während der Pandemie, in der Auftritte nicht möglich sind, wirklich vorwerfen, etwas Geld verdienen zu wollen?

Und was ist diese „Authentizität“, deren Verlust beklagt wird? Jeder Künstler hofft doch, von seiem Werk zumindest leben zu können. Wer schon einmal etwas von Rammsteins Bühnenshow gesehen hat, weiß auch, dass da eher geklotzt als gekleckert wird, und dass das auch eine Menge Geld kostet, kann man sich denken. Rammstein haben auch nie wirklich das Image der armen, darbenden und besonders kapitalismuskritischen Künstler gepflegt, insofern wäre es eher unauthentisch, wenn sie das jetzt plötzlich tun würden. Genauso könnte man auch Malern oder Bildhauern vorwerfen, dass ihre Werke für Millionen verkauft werden.

Solange es noch Merch zu „normalen“ Preisen gibt, ist die Balenciaga-Geschichte eher ein Publicity-Gag, den auch andere Bands schon hinter sich haben.
Und mal ehrlich: wo ist der Unterschied zwischen H&M und Balenciaga? Bei den Gewinnen aus solchem Merch dürfte vermutlich ohnehin H&M (und damit auch die Künstler, deren Name dabei vergoldet wird) die Nase vorn haben….

Letzte Bearbeitung Vor 7 Monate von Victor von Void
Norma Normal
Norma Normal (@guest_60070)
Antwort an  Victor von Void
Vor 7 Monate

Ich bin mir nicht sicher ob eine Band wie Rammstein wegen der Pandemie in Geldnöte gerät, das trifft wohl eher auf kleine Indiebands zu. Von daher ist auch die Frage von Authentizität fast schon irrelevant, da gebe ich dir recht. Ich nehme Rammstein nicht als eine Band wahr die ein bescheidenes Image hätte.

Per se finde solche Zusammenarbeiten aber auch nicht schlimm, Mode und Musik stehen in Wechselwirkung zueinander, Inspiration ist keine Einbahnstraße. Im Idealfall könnte dabei was künstlerisch spannendes entstehen.
Auch kann ich verstehen das manche Designer für ihre Kreationen, vor allem im Haute Couture Bereich, enorme Summen verlangen. Exklusive Materialien und außergewöhnliches Design haben ihren Wert. Aber nicht immer spiegelt der Preis den Wert wieder. Bei der Rammstein-Kollektion scheint mir das qualitative und kreative Argument fragwürdig, man bezahlt wohl in erster Linie die „Namen“. 

Auch dein Beispiel, dass manche Künstler extreme Summen für ihre Arbeiten erzielen, darf und soll man in Frage stellen und nicht einfach als gegeben hinnehmen. 

Manu
Manu(@manu)
Vor 7 Monate

Wenn man das als Aktionskunst im Sinne von affirmativer Überidentifikation interpretiert, zeigt es eine gewisse Absurdität auf. Ich denke, die Band und die Designer haben sich sicher etwas dabei gedacht, aber interpretieren muss es jeder für sich.

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