Nahtod: Wenn der Film des Lebens vorbeiläuft

Wer kennt sie nicht, die filmische Darstellung der Momente vor, während oder nach dem Tod? Die Seele verlässt den Körper, wir schweben über unserem sterbenden Hülle, während wichtige Momente unseres Lebens am imaginären Auge vorbeirauschen. Kindheit, Jugend, Hochzeit oder auch die Geburt des ersten Kindes. Andere Filme zeigen Tunnel mit einem Licht am Ende oder geisterhafte Gestalten an der Bettkante. Menschen, die Nahtod-Erfahrungen gemacht haben, berichten tatsächlich von solchen Phänomenen, für deren Existenz die Wissenschaft seit Jahrzehnten Beweise sucht. Der Artikel „What Happens in Our Brain When We Die?“ möchte den wissenschaftlichen Beweis gefunden haben, dass sich so etwas tatsächlich in unserem Gehirn abspielt, während ganz andere davon träumen, diese Dinge einmal sichtbar zu machen.

„Heute ist ein schöner Tag zu sterben“

1990 jagten Kiefer Sutherland, Julia Roberts, Kevin Bacon und William Baldwin in „Flatliners“ in Nahtod-Erfahrungen ihre Dämonen, indem sie ihren Tod künstlich herbeiführten und sich nach einer festgelegten Zeit wiederbeleben ließen. Ich fand das damals, mit zarten 16 Jahren und ersten gotischen Knospen, unheimlich aufregend und hätte damals schon gerne gewusst, was mir mein Geist präsentiert hätte. Den Satz „Heute ist ein schöner Tag zu sterben“ habe ihr mir sogar ins Federmäppchen gekritzelt. 2017 gab es auch ein modernes Remake des Klassikers, den ich in Ermangelung eines vernünftigen Trailers des Originals zeige.

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„Flashbacks“ nennen Neurowissenschaftler und Psychologen dieses erneute „Erleben“ von Erinnerungen, die häufig durch Schlüsselreize, wie einem Geruch aus der Kindheit, dem Hören eines Lieblingsliedes oder eben einer Nahtod-Erfahrung ausgelöst werden. Allerdings gab es dafür bislang keinerlei wissenschaftliche Belege, außer die Erzählungen von Menschen mit solchen Erlebnissen.

Eine neue Studie, die für „Frontiers in Aging Neuroscience“ veröffentlicht wurde, legt nahe, dass unser Gehirn während des Sterbens und auch nach dem Tod aktiv und koordiniert bleibt. Wirbeln diese neuen Erkenntnisse sogar unsere Vermutung, wann das Leben denn nun endet, völlig über den Haufen?

What Happens in Our Brain When We Die?

Um einem 87-jährigen Patienten, der an Epilepsie erkrankte, zu helfen, verwendeten Dr. Raul Vicente und seine Kollegen von der Universität Tartu in Estland, eine kontinuierliche EEG-Aufzeichnung um solche Anfälle zu erkennen und den Patienten zeitnah zu behandeln. Unglücklicherweise erlitt der Patient während dieser Aufzeichnung einen Herzinfarkt und verstarb. Die Daten, die während des Todes des Menschen aufgezeichnet wurden, gab anderen Wissenschaftlern die einmalige Gelegenheit, den Tod eines Menschen anhand detaillierter EEG-Aufnahmen nachzuverfolgen.

Wir haben 900 Sekunden der Gehirnaktivität um den Zeitpunkt des Todes herum geprüft und genau hingeschaut, was in den 30 Sekunden vor und nach dem Aufhören des Herzschlags passiert ist„, sagte Dr. Ajmal Zemmar, Neurochirug an der Universität von Louisville, USA. „Kurz bevor und nachdem das Herz aufhörte zu arbeiten, sahen wir Veränderungen in einem bestimmten Band neuronaler Schwingungen, den sogenannten Gamma-Oszillationen, aber auch in anderen […] Oszillationen.

Solche Gehirnwellen, die normalerweise nur in lebenden menschlichen Gehirnen zu finden sind, deuten auf hochkognitive Funktionen wie Konzentration, Träumen, Meditation, Informationsverarbeitung oder auch Erinnerung hin. Ebene solche Aktivitäten, wie man sie bei einem solchen „Flashback“ erwarten würde.

Offensichtlich scheint es also wahr zu sein, dass ein solcher Film von Erinnerungen vor unserem imaginären Auge vorbeiläuft, allerdings ist nicht klar, welchen Inhalt aus unserem Leben wir zu sehen bekommen.

Der Film des Lebens im DVD-Regal

Im Science-Fiction-Thriller „Project Brainstorm“ entwickelt Christopher Walken 1983 eine Maschine, die die Emotionen und Gedanken von Menschen aufzeichnet, sichtbar macht und auf anderen Menschen übertragen kann. Klar, dass irgendein Knallkopf (Achtung, Spoiler) das Projekt für das möglichst Schlechte im Menschen benutzt, einen Mord aufzeichnet, der einen Zuschauer dann so traumatisiert, dass er durchs zugucken stirbt.

Aber wie wäre es denn, wenn man den „Film des Lebens“ tatsächlich speichern und wiedergeben könnte? Wäre es ein tolle Erinnerung für die Nachfahren oder doch nur eine gruselige Fiktion, die Gedanken eines Toten zu kennen?

Ganz so absurd scheint dieser Gedanke nicht mehr zu sein, man arbeitet bereits daran Bilder aus dem Parietallappen des Gehirns zu extrahieren und sichtbar zu machen. An anderer Stelle wird fleißig daran geforscht, neurale Netzwerke darauf zu trainieren, das, was das Gehirn sieht, darstellbar zu machen.

Aber das ist noch Science Fiction, auch rund 40 Jahre nach „Project Brainstorm“. Vielleicht ist es auch ganz gut so, Erinnerungen und Flashbacks nicht noch einmal sehen zu müssen, Dinge vergessen zu können ist eine unheimlich befreiende Eigenschaft.

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Markus
Markus(@markus)
Vor 8 Monate

An diese Nahtoderfahrungen kann ich mich lebhaft aus den 80ern erinnern: Samstagabend, Viertel vor neun, Badezimmerspiegel, die auftoupierte, platinblonde Mähne endlich zufriedenstellend entgegen der Schwerkraft gebändigt, die langen Ponyfransen ragen geheimnisvoll ins Gesicht, die Haarlackdose zischt – und beginnt röchelnd und spotzend zu versiegen…

Spaß beiseite: Die Faszination, die offenbar anhaltend von Nahtoderfahrungen ausgeht und der Drang zu wissen, was im Moment von und nach dem Tod geschieht hat sich mir noch nie erschlossen. Vor allem nicht unter dem Aspekt, das jeder einzelne von uns früher oder später darüber Gewissheit haben wird…

Letzte Bearbeitung Vor 8 Monate von Markus
John Doe
John Doe(@arno-siess)
Antwort an  Markus
Vor 8 Monate

Wenn ich mir das Ende von „Martyrs“ ins Gedächtnis rufe, dann ist es auch gar nicht so gut, dies vor der Zeit zu erfahren… 😉

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