Svartur Nott - Rechenknecht

Gothic Friday September – Das Netz ist für die Schwarze Szene eine Bereicherung (Svartur)

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Svartur NottFür die Zukunft sieht Svartur schwarz, trotz einiger Lichtblicke steckt er nicht viel Hoffnung in die Menschheit. Was das mit dem Internet zu tun hat und warum er das Netz trotzdem als Bereicherung wahrnimmt, verrät er uns in seinem Beitrag zum Gothic Friday im September.

Teil I

Vor gefühlt einem Monat hatte ich auf Grundlage eines Brainstormings einige Fragen für das September-Thema formuliert, wobei gleich in der ersten Frage die vielgebrauchte Worthülse „Schwarzsein“ zum Einsatz kam. Was bedeutet diese für mich? Ich würde es als schwarzes Dasein beschreiben, welches die Lebenseinstellung/Denkweise, die Art zu Leben, sowie Vorlieben/Interessen. Das Internet bietet für all diese Bereiche vor allem eines: Bereitstellung und Austausch von Informationen. Ich nutze dafür neben dem normalen Surfen vor allem diverse Blogs und Internetauftritte, allerdings mit dem „Dunklen Leben“ ab und an auch ein Schwarzes Forum.

In Punkto Lebenseinstellung und Weltsicht liefert mir das Netz neben all dem, was im analogen Leben auf mich einwirkt, weitere, teils ehrlichere/ungeschminkte, aber natürlich auch verzerrte oder gar fehlerhafte Eindrücke. Filtern ist daher oberstes Gebot, bzw. es geschieht automatisch. Alles in Allem bekomme mit, wie der Mensch im Weitesten Sinne mit sich selbst und seiner Umwelt umgeht und das nicht nur mit lokalem Wahrnehmungshorizont, sondern dank Internet mit Globalem. Sei es die Ausbeutung und das sinnlose Morden an der eigenen Spezies oder anderen Tieren, sei es die Zerstörung der Umwelt zugunsten des Wohlstands weniger, sei es die schleichende Aushöhlung unserer Demokratie, Massenüberwachung, Entmündigung und Stigmatisierung bei anderer Meinung, oder der Siegeszug des Extremismus unter verschiedenen Flaggen…Ich könnte noch so vieles aufzählen, was mich stört, doch geht es heute um andere Dinge. Natürlich gibt es einzeln immer mal wieder Lichtblicke, die blanke Masse an all den Dingen, die falsch laufen führt bei mir zu einer wenig positiven Weltsicht, will heißen: Ich sehe für die Menschheit Schwarz.

Und diese Sicht zeige ich bzw. sage ich auch offen, wenn ich über diese Thematik mit jemandem rede. Allerdings mit einzelnen Ausnahmen (wie dieser hier) nicht über das Netz, da ich es vorziehe analog zu kommunizieren.

Die Darstellung meiner Existenz bzw. Lebensart via Internet entfällt daher so gut wie komplett, ich lege keinen Wert darauf ein gläserner Mensch zu sein. Das bedeutet, dass ich mich auch Facebook, Whatsapp und Konsorten entziehe. Zum einen eben aus Gründen des Datenschutzes, zum anderen aufgrund der Oberflächlichkeiten, die ich seinerzeit dort erlebt habe und nach wie vor über Nutzer im Bekannten- und Freundeskreis mitbekomme. Wer mit mir kommunizieren möchte, muss das zudem nicht über FB etc. erzwingen. Ich hatte seinerzeit faktisch genau das erlebt und entschieden, dieses Spiel nicht mitzuspielen. Es gibt ja noch genügend weitere Wege neben sozialen Medien, Kontakte aufzunehmen und zu pflegen. Was den Punkt sinkendes Diskussionsniveau in Sozialen Medien bezogen auf die Schwarze Szene betrifft: Das kann ich aufgrund meiner dortigen Abwesenheit nicht einschätzen oder gar bewerten.

In Punkto Lebensart und Internet soll an dieser Stelle noch die ins Netz verlagerte/ausgeweitete Veranstaltungskultur aufgegriffen werden, welche ich als sehr praktisch erachte. Diverse Seiten und Soziale Medien bieten heute (und nach wie vor über Flyer) einen guten und meist aktuellen Überblick über das Schwarze Nachtprogramm, teils sogar mit „Testberichten“, wie hier auf Spontis unter der Rubrik „Dunkeltanz“. Das kann einem böse Überraschungen ersparen, erst recht, wenn es keine Möglichkeit der Mundpropaganda gibt. Allerdings ist da auch nicht alles Silber, was glänzt, dazu später noch einige Worte.

Was die Vorlieben betrifft, bietet das Netz ungeahnte Möglichkeiten. Mein Interesse für Lost Places wird vor allem analog (der Zauber solcher Stätten lässt sich aber natürlich nur vor Ort spüren), aber auch digital ausgelebt. So bekomme ich im Netz bei meinen Streifzügen Inspirationen aus verschiedensten Quellen bspw. über historische Hintergründe zu den Objekten, je nachdem, wo ich gerade surfe (daher gibts jetzt auch keine Verlinkungen).

Was mein Interesse für Geschichte & Politik (Schwerpunkte: Römisches Reich/Byzanz, Nationalsozialismus+2.WK, Sowjetunion, Kalter Krieg) betrifft, bietet das Netz auch reichlich Nährboden, an welchem ich mich laben kann. So habe ich früher Nächte in der Wikipedia verbracht, weil man über Verlinkungen in den Artikeln immer wieder auf neues, unbekanntes Wissen stoß. Und selbst heute passiert mir sowas manchmal immer noch.

Schräges und Seltsames l

Selbstverständlich nutze ich das Netz auch für die Erkundung neuer Musik, hier macht es den Großteil der Neuentdeckungen aus:

Sei es YouTube mit seinen Abermillionen, von Nutzern zusammengestellten Playlists und durch den Vorschlag-algorithmus präsentierte kleine Videos am Rande, es wird nach Interesse reingehört und gefiltert. So kommt man an Bands aus den 80s und 90s, die hier eher unbekannt waren/sind, bsp. die Japaner „Madame Edwarda“ oder die Italiener „Lacrime di Cera“ – aber auch neue Gruppen wie „Double Echo“, „Neon Romance“ oder „Saigon Blue Rain“, welche einen Teil ihrer Musik mit dazugehörigen, stimmungsvollen Videos unterlegen.

Oder auch Bandcamp, menschliche Tipgeber aus dem erwähnten Schwarzen Forum bzw. Spontis, sowie diverse Label- und Schwarze Infoseiten. Eine kleine Auswahl meiner Ziele sind dabei

und ich habe sicher noch einige gute Seiten vergessen aufzuzählen…

Einen weiteren Aspekt stellen neben der Musik auch Dokus mit Thematiken aus meinem Interessensfeld aber auch aus längst vergangenen subkulturellen Tagen dar. Was man da immer mal wieder ausgräbt, ist schon toll. So bin ich während der Recherche über die Japanische PostPunk/Indie-Szene letztens über dieses Video gestolpert. Zum Ende hin tauchen da sogar noch die bereits genannten „Madame Edwarda“ auf. Zugegeben, es mag nicht extrem spannend wirken, für mich ist es allerdings ein weiteres Puzzleteil im großen Gemälde „Post-Punk/Goth/etc“. Genauso, wie die zahlreichen anderen Videos, von denen Spontis die besseren bereits irgendwann mal verlinkt hat.

Anderweitig stalke ich als stiller Mitleser neben zahlreichen politischen Blogs und natürlich Spontis den Schwarzen Planeten und die Blogs einiger Teilnehmer, die sich hier tummeln. Daneben habe ich noch eine Weile Mick Mercers Magazin  „The Mick“ und seine  Radiosendung verfolgt, bei Ersterem hat sich allerdings in den letzten beiden Jahren nichts Neues mehr ergeben.

Und was mache ich im Netz selbst so? Sonderlich kreativ bin ich da nicht, verwende es lediglich für sporadische Veranstaltungswerbung, oder ab und an für meinen YouTube-Kanal, auf dem ich mich musikalisch v.a. mit der NDT befasse. Grund dafür waren die von YT-Nutzern total wahllos zusammengestellten Playlists mit Musik, die teils gar nichts damit zu tun hatte, was mich als Liebhaber dieser speziellen Musik wiederum angenervt hat.

Teil II

Meiner Meinung nach ist das Netz insgesamt für die Schwarze Szene eine Bereicherung, die auch ich persönlich mit Blick auf meine Bedürfnisse ungern missen möchte. Vernetzung untereinander, Organisation, Information, all das wäre schon noch ohne möglich, jedoch einfach komplizierter. Das Werkzeug Internet nimmt einem einen guten Teil der Arbeit ab.

Doch die Ankunft des Internets in dem Leben des gemeinen Schwarzkittels hat auch seine Schattenseiten: Dadurch, dass das Netz so vieles bietet, so viele Welten aufzeigt, habe ich manchmal den Eindruck, dass die eigene Phantasie dadurch zu kurz kommt, quasi verkümmert. Denn hat man nicht alles schon im Netz gesehen? Will man das dann in der Realität auch noch? Ich mag mich täuschen, aber hier sehe ich die Gefahr, auch als Schwarzer/Grufti/Wasauchimmer in dem digitalen Kosmos hängenzubleiben, kaum noch herauszukommen um sich von der realen Welt beeindrucken zu lassen.

Eine andere Sache ist die Informationsflut und Qualität der Informationen. Es wird in Punkto Schwarze Szene so viel Nonsens im Netz verbreitet, dass es der jungfräuliche Neuling in dem Thema schwer hat sich zurechtzufinden. Das Netz bietet aber glücklicherweise neben genanntem Unsinn einige Quellen für die Recherche, „wie es früher war“, bzw. „heute ist“ (bspw. hier in Punkto Deahtrock). Er muss sich also damit beschäftigen, wenn er der Wahrheit näher kommen will.

Und dann gäbe es da noch die Thematik der Kommerzialisierung. Es ist fraglich, ob es ohne den Siegeszug des Netzes zu einer Ausschlachtung der Schwarzen Szene gekommen wäre. Ich würde das hier mit dem Abholzen der Regenwälder vergleichen: Durch das Internet werden Schneisen in das Schwarze Dickicht geschlagen, über welche die Geldmacher dann einfallen, alles roden, die besten Pfründe mitnehmen und ihre Profite machen, dabei aber den Boden der Schwarzen Subkultur zerstören, sodass danach nur noch eine degradierte und zerstörte Landschaft übrig bleibt, die so gut wie nichts mehr mit dem Ursprünglichen, Natürlichen zu tun hat…

SN_GF_SIn dem Kontext des Geldscheffelns sehe ich auch in Hinsicht auf Veranstaltungspromotionen das Problem, dass Stile auf die digitalen Flyer gehauen werden, die in der Realität gar nicht gespielt werden. Und somit Publikum gelockt wird, welches die restliche Schwarze Szene wiederum verwässert.
Nun, letztlich bin ich gespannt, wie die Digitalisierung in Punkto Schwarze Szene in den kommenden Jahren weitergeht und welche Züge das noch annimmt. Zersplitterter, entmystifizierter, belangloser und offener als heute war diese vermutlich nie (wenn man überhaupt noch von einer einheitlichen & schwarzen Szene reden mag). Schlimmer kann es also nicht mehr werden. Und selbst wenn…

Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass das Netz einen „neuen“ Untergrund ermöglicht, welcher aktuell wächst und dank Vernetzung gedeiht.

Ach ja, zu guter Letzt und total unspektakulär: Mein Arbeitsplatz in meinem alten Wohnheim, von dem ich bis jetzt jeden Spontis-Artikel schrieb. Steril und kalt, eng und monochrom weiß… und doch war da etwas: Eine kleine gelbe Lebenslinie in die reichhaltige, digitale schwarze Welt…

 

Ruhiger, nachdenklicher und manchmal etwas verplanter Zeitgenosse, leidenschaftlicher Genießer (vor allem gruftiger) musikalischer Künste, Helferlein für den Gothic Friday 2016,

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Gast

Sehr spannender Beitrag und danke für Links, da werde ich mich gleich mal durchklicken! Und das mit den Nächten in der Wikipedia kenne ich auch nur zu gut … ;-)

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Gerne, werte Cookie, dafür ist ja der GF gedacht: Austausch und Inspiration :)

Victor von Void
Gast

Ahhh, neue Links … ein Vorteil des Netzes :)

Was Kommerzialisierung angeht, gebe ich Dir insofern Recht, dass das Netz hier eine Rolle gespielt haben mag. Allerdings waren entsprechende Tendenzen schon sichtbar, bevor das Netz einen nennenswerten Einfluß hatte (der X-tra-X Shop wurde schon 1991, also vor dem Siegeszug des Internets, gegründet und war lange Zeit quasi DAS Symbol für die Kommerzialisierung der Szene). Zudem glaube ich, dass ohne die Kommerzialisierung die Szene längst nicht mehr bestehen oder allenfalls ein Nischendasein führen würde, da bereits in den frühen und mittleren 90ern die ursprüngliche Gothic-Subkultur quasi ausstarb und nur mit Hilfe des Netzes die Schwarze Szene als neues Sammelbecken für deren Anhänger und Artverwandtes in einem Maße etabliert werden konnte, das eine stabile „Population“ ermöglichte.

Ina Wölfin
Gast
Ina Wölfin

Sehr schöner Beitrag und ich sehe vieles sehr ähnlich bis genauso aber ich als oller Pessimist denke dennoch Gruftis werden immer da sein und irgendwann zwangsläufig übrig bleiben wenn all die nicht dazu gehörigen das Weite suchen. Denn viele wachsen aus dieser Phase heraus weil es bei denen eben nur ne Phase ist. Irgendwann ist es dann wieder uninteressant und wir haben wieder unsere Ruhe und Szene zurück. :)

Heiko
Gast
Heiko

Interessanter Beitrag, danke dafür. Die Links hab ich mir alle mal gespeichert, da gibts genug Lesestoff für die nächste Zeit. Das Video über die japanische Szene ist recht interessant, bzw wäre es, wenn ich irgendeine Ahnung hätte, was die da eigentlich reden :D Schon allein der optische Eindruck ist aber schonmal was wert. Danke dafür. So kriegt man immerhin mal Musik aus Fernost mit, die nichts mit diesem ekelhaft klebrig-süßen J-Pop oder seltsamen Visual Kei auf sich hat und das ist einfach nur eine Wohltat!

Btw, ich denke nicht, dass es die Menschheit noch 100 Jahre macht. So als alter Pessimist gesprochen.

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Es freut mich, dass ich mit der kleinen Linksammlung die Leser beglücken konnte. Es liegen allerdings noch weitere Lesezeichen in meinem Browser ;)

@ Victor: Ich bestreite nicht, dass es die Kommerz.-Tendenz schon früh gab. Das war/ist ja auch bei sich organisierenden und festigenden Subkulturen (siehe Punk seinerzeit) ganz natürlich. Es entsteht dann eben aufgrund der inner-szenischen Nachfrage auch ein entsprechendes Angebot, welches von Menschen aus der jeweiligen Szene für die Szene gedeckt wird. Soweit, so okay.

Problematisch wird es allerdings dann, wenn aus Gründen schnöden Profits von Außen bspw. modische Trends in eine Szene reingedrückt werden und das dann auch noch gekauft wird. Diese werden dann publik gemacht, bspw. unter dem G-wort vermarktet und zack, denkt die Uschi aus Unterberg sie goff, wenn sie mit der entsprechenden (Ver)kleidung durch die Gegend läuft.
Andersrum werden von der Mainstream-Klamotten-Industrie Elemente der Subkultur(en) aufgelesen und dann zweckentfremdet bzw. vermarktet. Aus der Sicht der Konzerne toll, aus meiner Sicht scheiße (Wobei es bei einer so extrovertierten Subkultur nicht verwunderlich ist, wenn sich dort bedient wird), lässt sich aber nicht ändern. Erstgenanntes schon – allein schon durch schlichten Boykott.

Ob die Schwarze Szene ohne Kommerzialisierung überlebt hätte? Ich denke schon, denn, wie auch Ina es schreibt, wird es Schwarze im Geiste immer geben, mit der entsprechenden Musik und Neigungen auch Gruftis. Und die waren/sind meines Erachtens nach nicht auf kommerzielle Strukturen angewiesen (ging ja früher auch ohne). Ohne die Kommerzialisierung wäre die Schwarze Szene nicht so aufgeblasen worden. Einen einzigen Vorteil, den ich vielleicht sehen könnte, wären die „Quereinsteiger“, die durch die kommerziellen Strukturen reinrutschen könnten…sonst aber nix.

@ Heiko:

Das mit dem Verstehen ist bei mir auch problematisch, aber hey, ich konnte japanische Postpunks/Gruften sehen. Wenn man so nach Japan und Goth sucht findet man leider häufig das von dir genannte Zeugs, wobei ich die Visual Kei-Bubis doch ab und an ganz knuffig finde. Interessieren tut mich das allerdings nicht die Bohne. Und Jpop… *begrab*

Aber das ist ja das tolle am Netz, du bekommst aus aller Welt mit, was da geschieht. Seien es die Schwarzen/Gothics/Gruftis in Brasilien, Kolumbien, Costa Rica, der Ukraine, Russland oder Ex-Yugoslavien. Überall kann man reinschauen und sich ein kleines Bild machen.

Und das nutze ich eben, solange ich noch die Zeit dazu habe, bevor ich meinen (Achtung, Deutschland talentfreiste Gruftkapelle der End90er) Totentanz beginne (so als junger Pessimist bzw. Realist zu einem alten Pessimisten ^^)

Sasha Crows
Gast
Sasha Crows

Lieber Svartur, besten Dank für die von dir erwähnten Musik Empfehlungen.
Habe mich beim Durchhören eben spontan in Saigon Blue Rain verliebt.
Und jetzt sitze ich hier, les mich durch Spontis, höre geile Musik und mir geht’s gut.

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Herzlich gern, Sasha, dafür ist ja der GF da. Auf Saigon Blue Rain bin ich vorletztes Jahr über den „Twist The Past 2“-Sampler aufmerksam geworden. Werde mir das heute abend mal im Club wünschen (auch wenn ich davon ausgehen kann, dass sowas nicht gespielt wird -_-)