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Gothic Friday November: Manchmal schäme ich mich, zur gleichen Spezies zu gehören (Marion)

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marion-gesellschaftskritikMarion fühlt sich bei „den Schwarzen“ einfach wohler als beim Rest der Gesellschaft. Dieser Umstand sorgt immerhin dafür, dass Sie sich Zeit genommen hat, den letzten Beitrag zum aktuellen Gothic Friday etwas zu schreiben. Für das November-Thema setzt Sie sich mit der Frage auseinander, ob sie in der Szene und eine Form der Abgrenzung sieht oder ob zum Gothic-Sein auch Gesellschaftskritik gehören muss.

Hat Gothic etwas mit Gesellschaftskritik zu tun? Sind Gothic gesellschaftskritisch und grenzen sie sich, nicht nur optisch sondern auch gedanklich oder aktiv in ihrem Verhalten von der Gesellschaft ab? Ich muss gestehen, mein erster Gedanke war „leider nein“.  Denn was ist die Szene denn nun heute. Jeder kann sich das schwarze, knappe Outfit auf diversen Internetseiten bestellen, auf Facebook eine mehr oder minder gruftige Veranstaltung suchen und dort zu Rammstein tanzen. Politischer Aktivismus? Engagement in Umwelt- oder Sozialfragen? Konsumkritik? Leider nein. Zumindest nicht als Gesamtszenekonstrukt.

Nicht wirklich sichtbar oder hörbar. Nun gut, „wir“ sind ja auch kein organisierter Verein, der zu einem bestimmten Zweck gegründet wurde oder sich ein Motto oder ein Ziel auf die schwarze Fahne geschrieben hat und wenn ich mich mit meinen FreundInnen unterhalte, höre ich durchaus gesellschaftskritische und nachdenkliche Tendenzen und Meinungen. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass zu meinen FreundInnen nun mal die Leute zählen, die ähnlich denken und ticken wie ich und nicht daran dass diese Leute auch größtenteils der Szene zuzuschreiben sind. Wie dem auch sei, ich wollte mich mit meinem ersten Gedanken, dem „Leider nein“ nicht anfreunden. Glücklicherweise sind mit dann doch noch ein paar Punkte in den Sinn gekommen, die szeneintern anders laufen als in der Mehrheitsgesellschaft und die dazu beitragen, dass ich mich bei „den Schwarzen“ wohlfühle.

Welche Verhaltensweisen und Normen eurer Umgebung oder der Gesellschaft lehnt ihr ab und sind dies Eurer Meinung nach szenetypische Ansichten oder Eure ganz persönlichen?

  • Traditionelle Rollenbilder/Geschlechterklischees
    Sogenannte traditionelle Rollenbilder beziehungsweise Geschlechterklischees nerven mich unheimlich, das ganze Gerede darüber was man tun und mögen und können muss, um eine „richtige“ Frau zu sein oder ein „richtiger“ Mann. Das fängt bei der zur Auswahl stehenden Kleidung und deren Farben an, geht bei Hobbys und Sportarten weiter und endet bei der Arbeitsaufteilung im Haushalt.
  • Perfektionismus und Natürlichkeit
    Dass das Äußere in der Gesellschaft (und ja, auch in der Szene) eine wichtige Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Die Anforderung allerdings gleichzeitig möglichst perfekt auszusehen (schlank, die „richtigen“ Proportionen, reine Haut, gesunde Haare) während dies alles so wirken soll als wäre es gottgegeben (Zu viel Make-up? Pfui. Plastische Chirurgie? Tabuthema.) finde ich doch skurril.
  • Akzeptable Hobbys
    Du gehst drei Mal die Woche in irgendeinen Club nur um dich zu betrinken?
    Cool.
    Du liest oder malst?
    Du bist ein Langweiler ohne Freunde.
    Du schreibst?
    Was? Das ist ja Arbeit! Wie kann man sowas freiwillig tun?
  • Akzeptable Gefühle
    Die Frage „Wie geht es dir?“ höre ich mindestens drei Mal am Tag. Zumeist ist es aber mehr eine leere Floskel, die sich gut nach der Begrüßung sagen lässt als eine Frage nach dem tatsächlichen Befinden. Manchmal wird die Antwort gar nicht abgewartet oder dieser keine Beachtung geschenkt, weil ohnehin jeder mit „Gut“ antwortet bzw. diese Antwort erwartet wird. Holt man zu einer umfangreicheren, ehrlichen Antwort aus, die möglicherweise, oh Schreck, kein „Gut“ enthält kann dies bei anderen Personen schnell zu Genervtheit und dem Versuch das Thema zu wechseln führen.
  • Erwachsen sein
    Sobald man ein bestimmtes Alter erreicht hat, soll man sich plötzlich reif und erwachsen benehmen. An sich nichts Schlechtes, allerdings mag ich es nicht, dass dies auch bedeutet, dass man viele Dinge, die als kindisch gelten, nicht mehr machen kann ohne seltsam angeschaut zu werden. Wie schaukeln, auf einen Baum klettern oder Festivals besuchen. Diese Dinge sind mehr Spiel und Spontanität und passen daher nicht in die Erwachsenenwelt, wo immer jeder effizient und bedacht agieren soll.

Ist Euer Kleidungsstil, Euer Styling und Euer Körper Ausdrucksmittel einer Rebellion oder wollt ihr Euch nur wohlfühlen?

„Ausdrucksmittel einer Rebellion“ ist mir eine zu starke Phrase, hauptsächlich trage ich schwarze Klamotten, düsteres Make-up und Silberschmuck mit allerlei Symbolen, weil ich mich genauso wohlfühle und als schön empfinde. Hauptsächlich, aber nicht ausschließlich. Eine weitere Komponente ist irgendwas zwischen „lasst mich in Ruhe“ und „ich mag nicht so sein wie viele andere Menschen“, das ist aber weniger bewusste Abgrenzung oder gar Rebellion, sondern eher eine Art Traurigkeit darüber wie viele Menschen miteinander, mit Tieren oder der Umwelt umgehen. Wenn ich die Zeitung aufschlage oder Nachrichten einschalte und mir ansehe was für Gräueltaten täglich geschehen oder wenn ich auch nur den alltäglichen Gesprächen in den öffentlichen Verkehrsmitteln lausche muss ich mich teilweise echt schämen zur selben Spezies zu gehören.

Tut ihr etwas dagegen? Wenn ja, was? Und wenn nicht, warum nicht? Wo seht ihr euch mit Widerständen konfrontiert? 

Ich versuche in meiner täglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen diese zu ermutigen zu ihrer eigenen Meinung zu stehen und andere Menschen nicht aufgrund von bevorzugter Kleidungsfarbe, religiöser Haltung oder sexueller Präferenz  auf- oder abzuwerten. Außerdem lasse ich mich immer wieder auf, meistens leider sinnlose Diskussionen über politische und gesellschaftliche Themen ein, vor allem mit Verwandten, was die ganze Sache irgendwie noch verkompliziert. „Das kannst du doch nicht zu deinem Onkel sagen! Auch wenn er der Meinung ist Flüchtlingskinder sollte man zurück in den Krieg schicken, dir hat er doch nie etwas getan.“ Stichwort Widerstände.

Abgrenzung und Gesellschaftskritik?

Ersteres ist meiner Meinung nach sehr wohl in der Gothic Szene zu finden, letzteres wenn dann nur sehr vereinzelt. Aber wie ich bereits eingangs geschrieben habe war es ja auch nie Sinn und Zweck der ganzen Szene gesellschaftskritisch insofern abzubringen als dass versucht werden soll etwas zu verändern. Es geht viel eher um Abgrenzung, die „lasst mich in Ruhe“ Haltung und den Rückzug aus Teilen der Gesellschaft mit denen man sich nicht identifiziert.

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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