Gothic Friday Februar: Schwarzes Werden und Sein

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Caro 1992Zwar überschneidet sich mein Beitrag naturgemäß mit meinem Bericht über meinen “schwarzen” Werdegang und die Szene in Berlin, aber ich habe mich entschlossen  – auch für diejenigen, die den anderen Artikel nicht kennen – alles auszuführen. Auch hatte ich schon zu einem früheren Gothic-Friday-Thema “Ist Gothic (d)ein Lebensstil?” einen bislang unveröffentlichten Artikel verfasst, den ich zum Teil mit einfließen lasse. Lebensstil, Lebenseinstellung, Lebensgefühl… die beiden letzteren Begriffe fallen ja häufig, wenn jemand versucht, zu erklären, warum er ausschließlich schwarz trägt und dunkle Musik hört. Ich würde “Lebensstil” als etwas definieren, was auch äußerlich sichtbar ist (die Schale). Lebenseinstellung bzw. Lebensgefühl würde ich als etwas einordnen, das eher im Inneren stattfindet und nicht automatisch sichtbar nach außen dringt (der Kern). Beides bedingt einander nicht, aber es kann sich auch kombinieren, und wenn es dann auch stimmig ist, das Ergebnis – z.B. eine Szenezugehörigkeit – von längerer Dauer sein.

Ist Gothic mein Lebensstil/-gefühl?
Ich denke schon. Ich verbringe nun über 25 Jahre mit schwarzen Klamotten, dunkler Musik und umgebe mich auch gern mit dunklen Dingen und Orten. Und ich war immer eher nachdenklich, an der Vergangenheit interessiert, kann mich nicht mit der Leistungs- und Spaßgesellschaft identifizieren. Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht mit der schwarzen Musik in Kontakt gekommen wäre. Dann wäre ich innerlich vermutlich nicht anders – aber äußerlich vielleicht? Keine Ahnung. Das werde ich nie erfahren und es sprengt auch meine Vorstellungskraft. Außerdem fehlen mir Vergleichsmöglichkeit durch Erfahrungen in anderen Szenen. Aber ich fühle mich mit diesem Stil wohl und ich bin ihm treu geblieben, daher ist es für mich durchaus ein Lebensstil, im Sinne von Stil FÜR’S Leben und zum Teil auch WIE ich lebe. Mein Alltag unterscheidet sich nicht von dem anderer Menschen, aber meine Freizeit gestalte ich bewusst teilweise – nicht ausschließlich – mit szenetypischen Dingen. Meine Interessen sind vor allem Fotografie, Natur, alte (bzw. marode) Gebäude, historische Orte, Geschichte, Kunst, Bücher und Gedichte.

Anfangs hab ich mir kaum Gedanken darum gemacht, warum ich schwarz wurde. Ich mochte die Musik von Depeche Mode und The Cure, aber Klamotten waren anfangs eher egal, bis auf Shirts mit Band-Motiven. Die Freundin, die mich mit beiden Bands “infinzierte” und die dann mit dem typischen Robert Smith-Schlabber-Look herumlief, schaute ich sogar nur skeptisch an. Wen ich allerdings cool fand, war Simon Gallup von The Cure. Und Bela B. von den Ärzten wink
Erst als ich 1990 auf ein Zillo-Magazin stieß, eröffnete sich mir die Szene auch optisch – die Verbindung von schwarzer Kleidung und oft filigranen, silbernen Accessoires fand ich cool. Und in den Kleinanzeigen las ich von Leuten, die Gleichgesinnte suchten – mit Vorlieben für alte Geschichte, Kunst, Poesie… Das war etwas, was mich schon länger interessierte. Und es war oft davon die Rede, Außenseiter (gewesen) zu sein. Das war ich auch, seit meiner Vorschulzeit und die gesamte Schulzeit hindurch. Ich war viel allein, hatte nur wenige Freunde und beschäftigte mich viel mit mir selbst. Ich las viel, schrieb eigene Geschichten, zeichnete. Und ich schaute gerne Sendungen über Archäologie, untergegangene Kulturen und vergangene Epochen. Damit konnten Gleichaltrige nur wenig anfangen. Als ich 1987 auf eine andere Schule wechselte, wo es schon früh um Trends und Markenklamotten ging, war ich fast die einzige, die sich aus diesen Gruppenzwängen ausklinkte. In Sachen Styling und Musikgeschmack fiel ich etwas aus der Reihe. Um Trends habe ich mich nie groß gekümmert und ich wollte immer so akzeptiert werden, wie ich bin.

1993 - Caro unterwegsDas wurde natürlich schwieriger, als ich begann, mich immer schwärzer zu kleiden. Es war neu für mich, mich mit meinem Outfit zu beschäftigen. Aber es war auch etwas, das mich reizte und das ich ungeachtet der Reaktionen meines Umfelds wollte. Ich hatte etwas gefunden, das mich ästhetisch ansprach, in dem ich mich wohl fühlte und worüber ich mich zugleich ausdrücken konnte. Was wollte ich ausdrücken? Das war anfangs nicht klar, zumindest stand kein Wunsch nach Abgrenzung dahinter, auch wenn ich schon irgendwie stolz war, mich nicht von Trends dirigieren zu lassen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Klassenkameradin, die zugab, immer das zu tragen, was gerade angesagt sei – egal, ob es ihr gefällt oder nicht. Nur um dazuzugehören. So wollte ich nie sein, ich fand dieses Anbiedern erbärmlich. Ich nahm es in Kauf, anzuecken, aber mit Anfeindungen kam ich nie klar – Toleranz und Akzeptanz wollte ich schon. Offene Rebellion oder Provokation war nie meins. Auch wenn es sicher bescheuert klischeehaft klingt, so wurde mein Stil zu etwas, was das Innere nach außen tragen und daher das Innere zugleich schützen konnte – dadurch, dass es mich selbstbewusster machte. Wenn man sich in seinem Outfit wohl fühlt, ist man entspannter und tritt sicherer auf. Gelegentliche Attacken in Form dummer Sprüche können dann böse wehtun, aber nicht wirklich verunsichern.
Insofern war meine Kleidung für mich irgendwann auch ein Schutzschild, so wie die Musik und die Szene für mich wie ein Gerüst im Alltag geworden sind, an denen ich mich orientiere und die mir einen gewissen Halt geben.

In unserer Gesellschaft erlebt man täglich, dass an die Stelle von Miteinander, Zusammenhalt und Rücksicht Egoismus, Gier, Geiz ist Geil und Ellenbogenmentalität treten. Zugleich werden (negative) Emotionen und Zustände immer mehr zum Tabu und ausgeblendet, man hat immer gut drauf und leistungsfähig zu sein. Ich war schon immer recht sensibel und emotional, empfinde sowohl Schlimmes als auch Schönes sehr intensiv. Das Positive daran ist, dass ich mich auch für kleine Dinge sehr begeistern und an vielem erfreuen kann, an dem die meisten Menschen achtlos vorüber gehen. Abgestumpfte Menschen haben es vielleicht manchmal leichter, aber Emotionen machen das Leben gehaltvoller und reicher.

2001 - Caro mit Kater auf dem BalkonSchnittmengen
In der Schwarzen Szene stieß ich auf Menschen, die sich nicht schäm(t)en, Gedanken und Gefühle auszudrücken und zuzulassen: durch Musik, Texte, Gedichte, Kunst und Gespräche. Die sich ebenfalls an Dingen und Themen mit Geschichte erfreuen. Brieffreundschaften mit anderen Schwarzen und mein Umzug zurück nach Berlin mit Szeneanschluss durch ältere Brieffreunde gaben mir ein Gefühl von Zugehörigkeit. Hier wurde ich akzeptiert, wie ich war, und das tat gut.
Bei gelegentlichen Besuchen nichtschwarzer Veranstaltungen fiel mir auf, dass mir auch die schwarze Partykultur viel eher zusagt: wenig übermäßiger Alkoholkonsum, wenig Pöbeleien und dumme Anmachen im Vergleich zu “normalen” Partys. Keine zur Schau getragenen Bierbäuche, keine Prolls, wenig Zugedröhnte und dadurch Unberechenbare, Aggressive. Eher ein Schwelgen, Aufgehen in der Musik, gepflegte Unterhaltungen (wenn/wo möglich), Rücksichtnahme und am Wichtigsten: das Gefühl, nicht unangenehm exotisch herauszustechen, umgeben von Menschen mit ähnlichem Musik- und Kleidungsgeschmack, die eine gewisse Ästhetik pflegen. Hinzu kam infolge der vielen Gemeinsamkeiten ein familiäres Gefühl, wenn man ausging. Die meisten kannten sich – zumindest vom Sehen – und die Veranstaltungen waren daher weniger anonym. Man kam schneller miteinander ins Gespräch und hatte rasch Gesprächsthemen.
Auch außerhalb der Szene habe ich einige Bekannt- und Freundschaften, und natürlich gibt es auch dort viele Gemeinsamkeiten. Allerdings sind es durchweg Menschen, die wie ich selbst eher Außenseiter sind/waren, die insgesamt nachdenklicher sind oder eben aufgeschlossen sind, nicht nur in Schubladen denken. Ich bin froh, dass Gruftis heute nicht mehr so sehr das Klischee der gestörten Satanisten anhaftet, wie es noch vor einigen Jahren gängig war. Dadurch dass Gothic bekannter und “alltäglicher” wurde, sind Intoleranz und Anfeindungen seltener geworden – zumindest in Großstädten in Berlin wird man kaum noch komisch angesehen. Auch wenn es leider immer noch viele gruselige Berichterstattungen gibt. Doch das war in den 80ern und 90ern wirklich schlimmer – von wegen alles war früher besser wink

Und heute?
2012 - Caro heuteHeute sehe ich die aktuelle Szene etwas zwiespältig, sie ist insgesamt oberflächlicher geworden. Ich fühle mich in ihr nicht mehr so heimisch, aber es gibt auch keine echte Alternative. Zum Glück gibt es immer noch Nischen, in denen ich mich bewegen kann, so z.B. einige Veranstaltungen wo sich eher Ältere einfinden. Treffen mit langjährigen und neuen Freunden. Und dann Plattformen wie (früher das “Schwarze Berlin” und) Spontis, in denen noch interessanter intensiver Austausch stattfindet.

Mein Alltag bietet natürlich auch wenig Szeniges, doch wenn ich nach Hause komme, läuft fast immer entsprechende Musik. Ich umgebe mich gern mit Dingen, die ich schön finde und habe meine Wohnung in eine kleine dunkelbunte Höhle verwandelt, die zugleich mein Zufluchtsort ist. Auch wenn ich mich nicht mehr so stark über’s Styling definiere – der Alltag lässt das auch gar nicht richtig zu – so trage ich doch immer noch fast ausschließlich schwarz.
Stilistisch habe ich mein Ding gefunden, wobei das nicht heißt, dass ich nicht über den Tellerrand schaue, auch musikalisch. Aber ich kann mir nach über 25 Jahren in schwarzen Klamotten kaum vorstellen, mal total stinknormal in bunter Kleidung rumzulaufen. Ich käme mir regelrecht verkleidet vor. Ich mache mir keine Gedanken (mehr) darum, warum ich fast ausschließlich schwarz trage, es ist einfach das, worin ich mich wohl und schick fühle. Nicht trist, nicht erhaben, nicht provokant – einfach nur vertraut und gefällig. Und langsam kann ich auch vom Alter her von mir behaupten, dass ich ein Grufti bin wink

Schublade “Schwarz”
Ich schäme mich meiner Szenezugehörigkeit nicht, wunder mich nur immer wieder, mit welcher Vehemenz manche sich dagegen wehren, mit dem Etikett Grufti/Gothic versehen zu werden – als bedeute es eine Brandmarkung, die schmerzhaft ist und Individualität im Keim erstickt. Wenn mich jemand fragt, was ich bin, würde ich eher antworten, dass ich “schwarz” oder ein Grufti bzw. Waver bin. Unter Gothic wird heutzutage so dermaßen viel Verschiedenes zusammengefasst, dass es schwer ist, sich in dem Begriff wiederzufinden. Ich bin “schwarz” bezeichnet zwar erstmal auch nur das hauptsächliche Tragen einer (Nicht-)Farbe, aber eine solche Antwort animiert das Gegenüber eher zum Nachfragen, als wenn ein – scheinbar – klarer Begriff verwendet wird. Als ich zur Szene stieß, hießen wir noch Gruftis und daher ist der Begriff mir vertrauter.

Grufti seit 1989. Umkreist in unregelmäßigen Bahnen das Berliner Szeneleben - inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Tauscht sich gerne über das Gestern und Heute aus. Stromert liebend gern mit ihrer Kamera in und um Berlin herum und hält fest, was ihrem Gefühl von Ästhetik am Nächsten kommt.

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Zahaebron
Gast
Zahaebron

Vielen Dank für diesen wunderwunderschönen Artikel!
Er trifft meine eigenen Gedanken ganz fantastisch.
Als vor kurzem unser Professor in der Kulturwissenschaftsvorlesung plötzlich anfing, über die ‘Gothic Subkultur’ zu sprechen (und das zum Glück bedacht und sehr gut recherchiert!), wäre ich ihm am liebsten ins Wort gefallen und hätte ihn auf Spontis verwiesen – unter anderem genau wegen solcher Artikel. Und genau deshalb ist es auch immer wieder schön, hier her zu kommen: Spontis ist, wie Du schreibst, eine der (raren) Plattformen, “in denen noch interessanter intensiver [und reflektierter] Austausch stattfindet.” Ich stelle immer wieder fest, zu welch großen Teil das für mich ‘meine’ Szene ausmacht (d.h. meine Sicht darauf, meinen Teil davon).
Auf dass uns das noch lange erhalten bleibt.

Ronny Rabe
Gast
Ronny Rabe

Danke für den Einblick in deine Vergangenheit . Ich erkenne mich in manchen Abschnitten wieder. DÄ – die hatte ich in meinem Artikel gar nicht erwähnt, obwohl Bela B. auch bei mir einiges bewirkt hat .
Und Grufti als Betitelung – ist doch völlig ok und dieser ” Titel” hat die Jahre überweg überlebt wink

Kitty
Gast
Kitty

Dein Artikel ist sehr schön geschrieben und ich finde mich in vielen Dingen wieder. Das Außenseiterdasein in der Schule, mehr/intensiver zu fühlen als andere Menschen, sich gerne mit Lesen und Kreativität selbst zu beschäftigen, sich mit seinem Kleidunggstil wohlzufühlen, ohne provozieren zu wollen, sich von fiesen Sprüchen trotzdem verletzt zu fühlen…all das spricht mir aus der Seele.
Hast Du Dich schon mal mit dem Thema HSP (Hochsensibilität) beschäftigt? Ich bin hochsensibel und mußte bei Deinen Beschreibungen gleich daran denken. Es hat vielleicht nicht direkt mit der schwarzen Szene zu tun, aber ich denke, daß sich viele besonders sensible und kreative Menschen dort wohlfühlen.

Gruftfrosch
Gast
Gruftfrosch

Wunderbarer Beitrag. Hab ihn gern gelesen (wie auch deine anderen. Leider kam ich in letzter Zeit kaum zum Anmerken. Schande über mein Haupt). Ja, jeder richtet sich’s ein, wie er/sie es eben mag. Sei es von der Kleidung, der Wohnung, den Hobbies usw. Wenn ich Besuch bekomme, wundert der sich zwar immmer noch und die Blicke wirken irritiert, dass da eben ein Schädel auf der Kommode im Flur steht (Joah, is eben “Edgar”) oder Grablichter, aber so gefällt mir’s nun mal.

In unserer Gesellschaft erlebt man täglich, dass an die Stelle von Miteinander, Zusammenhalt und Rücksicht Egoismus, Gier, Geiz ist Geil und Ellenbogenmentalität treten. Zugleich werden (negative) Emotionen und Zustände immer mehr zum Tabu und ausgeblendet, man hat immer gut drauf und leistungsfähig zu sein. Ich war schon immer recht sensibel und emotional, empfinde sowohl Schlimmes als auch Schönes sehr intensiv. Das Positive daran ist, dass ich mich auch für kleine Dinge sehr begeistern und an vielem erfreuen kann, an dem die meisten Menschen achtlos vorüber gehen. Abgestumpfte Menschen haben es vielleicht manchmal leichter, aber Emotionen machen das Leben gehaltvoller und reicher.

So ist es, ganz und gar meine Meinung. Wer sensibel ist, zerbricht allerdings leichter an der Gesellschaft oder dem, was sie mit sich zieht. Gerade deswegen sind die Fluchtpunkte, seien es Orte, Hobbies oder die Musik auch so wichtig. Diese Flucht ist keine Furcht. Sie bewahrt vorm Durchdrehen und gibt Kraft.

Beruflich bin ich ja in Berlin tätig. Habe hier im Regal zudem ein Büchlein über Berliner Friedhöfe liegen, in dem ich des Öfteren schmökere. Vielleicht ergibt sich ja mal eine Tour über einen Friedhof deiner Empfehlung?

ColdAsLife
Gast
ColdAsLife

Ein sehr schön zu lesender Bericht, der viel Gefühl transportiert und Empathie berührt.

Sensibilität, Rücksichtnahme, Gefühle, Wiederfindungsschwierigkeiten und Vertrautheiten – all das und viele weitere von dir genannte Aspekte zeigen die Parallelen auf, die ich erkenne, wenn ich über das von dir genannte Familiäre nachdenke.

Und dem, was Gruftfrosch schreibt, kann ich ebenfalls nur bedingungslos zustimmen:

So ist es, ganz und gar meine Meinung. Wer sensibel ist, zerbricht allerdings leichter an der Gesellschaft oder dem, was sie mit sich zieht. Gerade deswegen sind die Fluchtpunkte, seien es Orte, Hobbies oder die Musik auch so wichtig. Diese Flucht ist keine Furcht. Sie bewahrt vorm Durchdrehen und gibt Kraft.