Elisa Day - Szeneeinstieg

Gothic Friday Februar: After all this time? Always!

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Elisa Day - Szeneeinstieg
Elisa Day ist ihrer Szene treu geblieben (c) Facettenauge – Denny Ohne Namen Hartung

Kinder, Kinder – ist das lange her! Der erste Gothic-Friday mit all‘ seinen interessanten Themen ist nun 5 Jahre her. Umso spannender ist es nun mal nachzusehen, was sich in der Zeit getan hat. Und was soll ich sagen? So Einiges!

Das Studium ist beendet, Sonneberg habe ich den Rücken gekehrt. Mit dem Forschungszentrum für Gruftologie im Gepäck zog‘ es mich per Zufallsprinzip nach Wesel. Sonderlich viel konnte ich mich damit noch nicht befassen. Ich weiß nur, dass der Bürgermeister hier überraschenderweise nicht Esel heißt und dass ich zumindest den Friedhof in Sonneberg hübscher fand. (Ich werfe später für diese Äußerung 50 Cent in die Klischeekasse, versprochen!) Dafür kann allerdings der Auesee vor der Nase kräftig punkten, sowie die Nähe zum Pott mit seinen unendlich vielen Ausgeh-und Konzertmöglichkeiten.
Was sich allerdings nicht geändert hat ist, dass ich mal wieder nicht weiß, wie ich beginnen könnte. Also werfe ich einen Blick auf meinen Beitrag zum Szeneeinstieg vom letzten Gothic-Friday. Und natürlich passiert das, was immer passiert, wenn man sich alte Beiträge von sich selbst durchliest: Man schämt sich für einige Dinge und klickt auf das „x“. Und trotzdem bin ich noch in der Szene und trotzdem schreibe ich wieder beim Gothic-Friday mit. Möglicherweise bin ich einfach lernresistent. Im Grunde bin ich aber vor allem eines: Meiner Szene treu geblieben.

Musik neu- und wiederentdecken

Was zunächst wie ein schmalziger Ausspruch klingt, bei dem man Sturheit und Stillstand vermuten könnte ist für mich mehr als das. Ich bin noch in der Szene, weil ich auch nach ca. 10 Jahren noch immer Neues für mich entdecken kann und weil ich mich noch immer am richtigen Platz fühle. Einerseits natürlich im musikalischen Sinne: Die Neubauten und X-Mal Deutschland höre ich noch immer sehr gerne. Es kamen aber noch unzählige Bands hinzu. Mit dem Neofolk-Bereich habe ich mich in den letzten Jahren stärker beschäftigt und so wechseln sich altbekannte Lieblinge wie Bauhaus und Siouxsie and the Banshees mit Jännerwein, Hekate und TriORE ab.

Egal wie alt man ist - man freut sich immer wie ein kleines Kind, wenn man seinen Lieblingsmusiker trifft!
Egal wie alt man ist – man freut sich immer wie ein kleines Kind, wenn man seinen Lieblingsmusiker trifft!

Zudem habe ich in den letzten Jahren eine sehr pubertäre Liebe für die Musik von Frank the Baptist entwickelt. Von einem Stillstand meiner Hörgewohnheiten kann also kaum die Rede sein – im doppelten Sinne. Einerseits überwiegt natürlich eher szenetypische Musik fast aller Genres und ich durchforste noch regelmäßig das Netz auf der Suche nach neuer und alter Musik. Nur so findet man fast vergessene Bands wie Afobia oder Cyan Revue. Andererseits habe ich, ganz szeneuntypisch, eine Vorliebe für lustigen Deutschpunk entdeckt und so träume ich davon mit Mülheim Asozial einmal sturzbetrunken am Auesee eine FKK-Par…lassen wir das.

Den Forschungsbestand aufstocken

Vertieft hat sich ebenfalls mein Interesse an Subkultur generell. Wie entstanden Subkulturen, lange bevor es die schwarze Szene gab? Wie lebten Punks Anfang der 80er in der DDR? Wie sieht sich die Szene von innen? Wie wird sie von außen gesehen? Wie stellt sie sich selbst dar? Wie wird sie dargestellt? Auch nach 10 Jahren sind das essentielle Fragen, die ich immer wieder reflektiere und versuche, für mich selbst zu beantworten.
Deshalb habe ich den Bestand des „Forschungszentrums für Gruftologie“ aufgestockt mit allen möglichen Medien, die ich dazu in die Finger kriege. Ich kaufe so ziemlich jedes Buch über Subkultur, welches ich finden kann. Natürlich beinhaltet dies die bekannte Reihe „Gothic 1-3“, sowie „schillerndes Dunkel“  und reicht bis zu den Veröffentlichungen vom bekanntesten Jugendkulturforscher Klaus Farin, der sich mit dem Buch „die Gothics“ auch schon der schwarzen Szene annahm. Hinzu kommen Bücher wie „Lass uns mal ’ne Schnecke angraben“ oder „Punk. Was uns kaputt macht, was uns an macht“, bei dem Punks aus Köln in den 80ern interviewt wurden. Außerdem befindet sich in meiner Sammlung auch das Kinderbuch „Stella und das Gothic“-Girl.
Und das ist bei Weitem nicht alles: Comics wie „Emily the Strange“ und „Lenore“ gehören genauso dazu, wie das Pfingstgeflüster, der Pfingstbote, die Spontisheftchen und vereinzelte biografische Bücher, wobei derzeit besonders die Sex Pistols vertreten sind.
Zu meiner Sammlung zähle ich auch Bücher, die ich in das Genre „pubertärer Gruftikitsch für 13jährige Claudys“ zuordne: Victoria Frances, Bildbänder über Friedhöfe oder Gedichtbände, bei denen ich mich frage, warum man derart schlechte Prosa überhaupt veröffentlichen wollte.
Bisher sind es nur 55 Printmedien zu diesen Themenkomplexen und es werden noch einige hinzukommen. Derzeit versuche ich auch an alte Bravos heranzukommen um Artikel über Szene (insbes. Punk und Gothic, da mich diese Szenen am meisten faszinieren) in meine Sammlung aufnehmen zu können.

Ich glotz‘ TV!

Das sind zunächst nur die Bücher: Auf meiner Festplatte lagern unzählige TV-Beiträge, die in irgendeiner Art und Weise Subkultur zum Thema haben. Von Dokus aus den 80ern über „Menschen die lebten, als sein sie schon tot“ über die (ich möchte schon sagen legendäre) Tatortfolge „Ruhe sanft“ bis hin zu Gruftimädchen auf Schloß Einstein ist alles Mögliche in meiner Sammlung zu finden. Auch Karnsteins Auftritt bei Pro7 um in einem Hip Hop-Club zu feiern ist dort zu finden. (Ich sehe alles!) Wenn ihr also mal Lust auf Pleitevampire in einem qualitativ hochwertigem RTL II-Format habt: Sagt Bescheid! Leider sind mir zwei besonders schöne Folgen von den Trashsendungen „Verdachtsfälle“ und „Familien im Brennpunkt“ verloren gegangen, aber ich bin mir sicher, dass diese entweder bald wiederholt werden oder dass irgendein RTL-Schreiberling nach dem WGT zu einer neuen, tiefdüsteren und realistischen Folge inspiriert wird. RTL, ich glaube an dich!

Ein ganz normaler, nicht gestellter Tag im Forschungszentrum für Gruftologie
Ein ganz normaler, nicht gestellter Tag im Forschungszentrum für Gruftologie

Jedoch beschränkt sich auch hier nicht alles nur auf einen direkten Bezug zur Szene und Trash: Ich habe fast alle DVD-Boxen der alten Addams Family-Serie und die Kinderserien „Growing up Creepie“ und „Ruby Gloom“ auf DVD. Zuckersüß und düster, damit man schon die Jüngeren für etwas dunkleren Charme begeistern kann. Irgendwann kommt sicherlich auch die Zeichentrickserie „Beetlejuice“ und „Danny Phantom“ hinzu. Es gibt immer was zu sammeln. Und selbstverständlich habe ich auch eine DVD zur „Geschichte des Todes. Friedhöfe in Europa“ im Repertoire.

Und wer weiß: Vielleicht fällt mir irgendwann etwas Tolles ein, um über Spontis einen tieferen Einblick in meine doch sehr eigenwillige Sammelwut zu gewähren – sofern gewünscht ;)

Apropos sammeln: So ganz neben her habe ich einen Faible für totes Tier entwickelt. Einfache Schädel, Insekten hinter Glas oder Fuchsorgane in Formaldehyd – alles, was eklig und bizarr ist zieht mich an und findet seinen Platz in meiner Kitschbude. Meine neuste Errungenschaft ist eine konservierte Flatterfledermaus. Vielleicht kaufe ich ihr einen kleinen Glassarg oder ich hänge sie einfach irgendwohin. Wer weiß, was mir noch so einfallen wird.

Fazit

Wenn ich mir also betrachte, wie viel in den letzten Jahren hinzukam, kann ich mir erst Recht nicht vorstellen, dass ich irgendwann einmal die Schnauze voll haben werde. Sicher, manchmal hat man so Momente, in denen man gerade nicht die passende Musik findet und in denen man einen Poetry Slam einer schwarzen Veranstaltung vorzieht. Zugegeben: Manchmal fühlt man sich übersättigt, manchmal gelangweilt. Dennoch kann ich es mir anders nicht vorstellen. Um der Szene den Rücken zu kehren müsste sich mein Geschmack komplett wandeln, ich müsste plötzlich vollkommen konträre Interessen entwickeln – und das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Ich habe es auch schon lange nicht mehr erlebt, dass mir irgendwer sagen will, dass ich zu alt dafür bin. Meine Art in der Szene zu leben und mein Leben zu gestalten ist einfach ein Teil von mir. Allerdings nicht so, dass ich ohne Szene nichts bin. Die Szene nimmt einen großen Teil meines Lebens ein – aber sie bestimmt mich nicht. Ich lebe so, weil ich es schön finde und es genieße. Nicht, weil ich mich daran gewöhnt habe, es nicht reflektiere oder nicht weiß, was ich sonst treiben soll. Ich lebe gerne so. Und so lange dies so ist, werde ich mich als Teil der Szene betrachten, egal, wie oft ich mich vereinzelt über so manches beschwere. Nach all‘ den Jahren hat sich eines nicht geändert: Die Szene ist eine Nische in der ich mich ausleben und wohlfühlen kann. Und trotz des Einflusses dieser Dinge auf mein Leben ist das Wichtigste, dass man den ganzen Kram nicht zu ernst nimmt. Ich stecke daher für diesen Beitrag 10€ in die Klischeekasse und werde mir von diesem Geld auf dem WGT schwarzen Lippenstift kaufen, wofür ich dann wieder Geld in diese Kasse stecke…usw. The ride never ends!

Auf der Suche nach dem Szenekern droht die gnadenlose Verwirrung derer, die sich selbst darin verloren haben. Vom Metalhead mit einem Abstecher über das Mittelalter zum Neoromantiker. Im Herzen bleibt das Gesangstalent aber immer ein Punk, der mit einem Bein auf einstürzenden Neubauten steht.

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Nighttears
Gast
Nighttears

Danke für deinen Bericht!

Es sammelt sich wirklich so einiges an im Lauf der Jahre. Seien es nun Bücher oder Musik, Filme oder Fotos. Vieles, was man sich heute ganz sicher nicht mehr kaufen würde. Und doch ist und bleibt es ein Teil von einem selbst. Erinnerungen an den langen Weg zur Selbstfindung, den man zurückgelegt hat. Vieles von dem, was du hier aufgezählt hast, findet sich auch in meiner Sammlung. Neben der Addams Family sind da auch noch The Munsters. Aus nostalgischen Gründen, weil ich einst mit dieser Serie Englisch lernen durfte.

Marion Levi
Autor

Schöner Artikel.
Ich würde mich sehr über einen tieferen Einblick in das Forschungszentrum für Gruftologie freuen.

Svartur Nott
Autor

Auch dir vielen Dank für deinen Beitrag, ElisaDay. Wie auch Levi würde auch ich mich über einen tieferen Blick in deine Studien nehmen ;) – Sammelst du auch alte Fanzines, z.B. das Glasnost Wave Magazine?

Nighttears
Gast
Nighttears

Auch ich würde mich freuen, wenn du uns hier einen tieferen Einblick in die Gruftologie und deine Studien gewähren würdest.

Shan Dark
Gast

So, eigentlich kann ich mir meinen Beitrag zum 1. Thema jetzt sparen, weil du in deinem Fazit genau das sehr gut ausdrückst, was meine Gründe dafür sind Grufti zu sein und zu bleiben. Sehr schöner Beitrag, gut geschrieben, ich hab mich wie gesagt zu einem großen Teil wiedergefunden. Inklusive der konservierten Tiere und Insekten, dem Faible fürs Morbide!

Marion Levi
Autor

Du kennst es vermutlich schon, aber für den Fall dass dem doch nicht so ist möchte ich es noch erwähnt haben: Kennst du „Some wear leather some wear lace. The worldwide compendium of Postpunk and Goth in the 1980s.“ von Andi Harriman und Marloes Bontje? Ich glaube das würde deine Sammlung bereichern.