Svartur Nott - Geografie

Gothic Friday April: Stadt Land Fluss? (Svartur Nott)

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Svartur Nott - GeografieDas ist ja wohl das Letzte! Richtig. Der Artikel von Svartur Nott, selbst ein Mitglied des Gothic-Friday-Teams, ist der letzte Teilnehmer des April-Themas. Nach anfänglichem Zögern haben sich (sehr zu meinem Erstaunen) immer mehr Leute angesprochen gefühlt, einen Beitrag einzureichen, was mich sehr freut. Svartur ist noch auf dem Weg der Bildung und beschäftigt sich vornehmlich mit unserer Landschaft. Irgendwie jedenfalls. Noch genießt er das Studentenleben hinsichtlich seines Äußeren, ist aber durchaus bereit, Abstriche zu machen, wenn der “Ernst” des Lebens beginnt.

Welchen Beruf strebe ich an?

Ich bin Geograph, bzw. Student der Geographie mit naturwissenschaftlicher Ausrichtung. Falls jetzt jemand das Gesellschaftsspiel, welches ich als Aufhänger genommen habe, im Sinn hat, dem möchte ich die Ansicht etwas geraderücken: Geographen beschäftigen sich mit dem System Erde und wie es in Beziehung mit dem Menschen funktioniert. Es gibt eine sozialwissenschaftliche Ausrichtung, die Humangeographie, welche sich beispielsweise mit Stadtplanung, Landesplanung, Infrastruktur, Geldströmen, Geopolitik und dem teils abstrakten Raum-Begriff etc. befasst.

Auf der anderen Seite steht dann die Naturwissenschaftliche Ausrichtung, die Physische Geographie. Da geht es um Landschaften & ihre Entwicklung, Geologie, Böden, Hydrologie, Klima, Vegetation, und vieles, vieles mehr. Ein wichtiges Werkzeug sind Karten, welche für Analysen genutzt, aber auch selbst mithilfe von Geographischen Informationssystemen (kurz: GIS) zur Darstellung von Sachverhalten erstellt werden. Dies als knappe Erläuterung, damit der Leser ungefähr eine Vorstellung hat, womit ich mich beschäftige.

Dieses Studium habe ich seinerzeit gewählt, da ich wissen wollte (und will), wie die Welt, in der ich lebe, funktioniert. Ich war seit jeher fasziniert von der Vielfalt, die unsere Erde und das Miteinander uns bietet, wollte hinter die Kulissen schauen und nicht nur die Fassade betrachten. In die Richtung getrieben bin ich wohl schon in früher Kindheit: Zu Beginn des Lesen-Lernens schenkten mir meine Eltern einen großen dicken Weltatlas, welcher wohl im Nachhinein gesehen, wegweisend war (Die Bilder darin waren einfach klasse). Generell bin ich schon immer gerne im Grünen gewesen, habe mich in Wald und Wiesen herumgetrieben (Berge gabs bei mir in der Heimat keine, höchstens kleine Hügelchen) und kenne quasi jede noch so unzugängliche Ecke im Umkreis von 20 km um meinen damaligen Wohnort. In der Schule habe ich, wenn es langweilig wurde, Karten über Karten gemalt , was die Lehrer größtenteils hinnahmen (manche Kunstwerke besitze ich heute noch), nur der Geographie-Unterricht war IMMER interessant – was sicher nicht zuletzt an den kompetenten Lehrern lag. Und als die Schule vorbei war, habe ich mich umgesehen, was ich mit meinen Fertigkeiten anfangen kann. Ich wollte irgendetwas machen, was all meine diversen Interessensgebiete möglichst vereinen sollte. Ausbildungen gaben mir diese Möglichkeit nicht, so lief es rasch auf ein Studium hinaus und die Wahl fiel mir nicht schwer. Neben Geschichte und Politikwissenschaften war eben die Geographie meine Wahl. Auch deshalb, weil der Matheanteil – zumindest dachte ich das damals – relativ gering ist.

Nach Jahren des Studiums schreibe ich nun aktuell an meiner Masterarbeit. Was danach kommt:  Arbeit. notfalls irgendwo, deutschlandweit. Auch wenn es dann hieße, liebgewonnene Menschen zurücklassen zu müssen, ich kann da nicht sehr wählerisch sein und will ja schließlich mal nicht mehr nur von der Hand in dem Mund leben. Als Geograph ist man eine Art Generalist, man hat in Vieles schon einmal reingeschnuppert, was von Vorteil sein kann. Ein Nachteil ist jedoch, dass die Berufsbezeichnung extrem selten genutzt wird, passende Stellen häufig über andere Berufsbezeichnungen laufen (bspw. Klimaschutzmanager, Stadtplaner, Verkehrsplaner, Ingenieur für Baugrund, GIS-Analyst, etc.). Tja, und manche Arbeitgeber haben schlicht keine Vorstellung davon, was wir können. Hinzu kommt die sowieso bescheidene Arbeitsmarktlage, auch für Wissenschaftler. Sehen wir mal, was die Zukunft bringt und wo es mich hinverschlagen wird…

(Wie) Lassen sich Gothic und Beruf verbinden und ist mir das überhaupt wichtig?

Nun, ich sehe das ganz simpel: Gothic und Beruf können (in den seltensten Fällen) zusammengehören, müssen es aber partout nicht. Ein Job ist dazu da, seine Qualifikation auszuführen, nebenbei ausreichend Geld zu verdienen, etwas zu bewirken und sich nach Möglichkeit selbst zu verwirklichen. Gothic ist Interesse und Leidenschaft, gehört damit in den Bereich der Freizeit bzw. Nicht-Arbeitszeit.

Welche Abstriche würde ich in Kauf nehmen?

Eine Frage, die mich schon länger beschäftigt. Der Arbeitgeber kann einerseits mehr oder minder vorschreiben, wie man auf Arbeit rumzurennen hat, siehe ‚Corporate Identity‘ oder ‚seriöses Auftreten‘. Wenn ich einen Job haben will, ist daher ein wenig Anpassung unvermeidlich – es sei denn ich lande irgendwo, wo es vollkommen egal ist, wie ich rumlaufe.

Andererseits hätte ich ein arges Problem damit, mich komplett glattbügeln zu lassen und mich verleugnen zu müssen. Nein, sorry, ohne mich. Wenn man mir bspw. damit kommen würde, ich solle doch bitte meine Haare kurz schneiden lassen (sie sind aktuell ziemlich lang), wäre das für mich ein NoGo. Einerseits weil ich mit komplett kurzen Haaren so richtig besch…eiden aussehe, andererseits betrachte ich sie in Zeiten, in denen ehemals subkulturell besetzte und nun Mode seiende (ein tolles Wort) Frisuren von jedem Volldepp getragen werden, als ein Statement. Und auch wenn ich schön ausrasierte und evtl aufgestellte Haare – auch an mir – toll finde, bin ich Realist genug, um zu erkennen, dass man so wohl eher schwer an ‘nen Job rankommt. Da bleibe ich dann doch lieber bei meinem Kompromiss.

Ich sehe den kommenden Vorstellungsgesprächen daher letztlich mit gemischten Gefühlen entgegen…

Welche Vorurteile oder Probleme tauchten bisher im Umgang mit Chefs, Kollegen oder Kunden auf?

Zur letzten Frage kann ich leider keine konkrete Antwort geben. Im universitären Umfeld ist es bisher problemlos möglich gewesen so rumzurennen, wie man möchte, da war bzw. ist das Umfeld sehr liberal. Ob nun wie frisch aus dem Bett gefallen wie einige Zeitgenossen oder gestriegelt wie andere. Es interessiert das Lehr- und Forschungspersonal nicht die Bohne. Ich bin jedenfalls bisher noch nicht angeeckt, laufe allerdings jetzt auch nicht aufgetakelt durch die Gegend bzw. falle unter den Mitmenschen scheinbar nicht weiter auf. Wie das später sein wird, keine Ahnung. Wenn es da ein Problem geben sollte, wird das halt in aller Ruhe beredet oder zivilisiert ausdiskutiert ^^.

Ruhiger, verplanter und vielseitig interessierter Zeitgenosse, nicht zuletzt mit einer Leidenschaft für tendenziell düstere Musik. Bei manch' Gelegenheit Gastautor auf Spontis und Teilzeit-Scheibendreher im Raum Zentral-BaWü.

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tannahgotlost
Gast
tannahgotlost

“Ich wollte irgendetwas machen, was all meine diversen Interessensgebiete möglichst vereinen sollte” – ein wunderbares Zitat und vermutlich ebenfalls der Grund warum ich bei der Geographie gelandet bin.
Sonst agiere ich hier nur als stille Mitleserin aber nun wollte ich mich doch mal zu Wort melden, wenn schon jemand aus dem gleichen Fachbereich zu Wort kommt. Sehr schön geschriebener Artikel bei dem ich mich wohl in fast allen Punkten wiederfinden kann. Allerdings hab ich mich nun im Master auf die Stadt- und Regionalentwicklung spezialisiert und blicke deshalb grade ein wenig positiver der Arbeitswelt entgegen.

Tanzfledermaus
Autor

Klingt nach einem recht abwechslungsreichen Arbeitsgebiet! Viel Glück bei Deiner Masterarbeit und der anschließenden Jobsuche – ich hoffe, mit möglichst wenig Kompromissen/Abstrichen in Sachen Arbeitsort und Dresscode wink