Gothic Friday April: Es war mir ein Bedürfnis, zu etwas zu gehören (ColdAsLife)

Frei nach dem Motto „Besser spät als nie“ hat ColdAsLife seinen Beitrag, kurz bevor Marion mit ihrem Resümee zum April-Thema des Gothic Fridays fertig geworden ist, eingereicht. Eine Erwähnung im selbigen bleibt ihm damit verwehrt, ändert aber nichts an der Tatsache, dass auch sein Beitrag eine mehr als willkommene Bereicherung darstellt. Solltet ihr erst jetzt in die Gothic-Friday Aktion stolpern, würden wir uns sehr darüber freuen, auch Euren Beitrag als „Nachzügler“ in die großartige Reihe der Artikel einzureihen.

Die diesmonatige Thematik des Gothic Friday erschien mir – zunächst – vor allem aus rein voyeuristischer Perspektive heraus interessant: es wird die Möglichkeit geboten, womöglich schon einmal gesichtete Gesichter und deren dahinter befindliche Persönlichkeiten, in einem ihrer natürlichen Lebensräume gewissermaßen betrachten und einen Hauch von dem aufnehmen zu können, das sich im Dunstkreis der Privatsphäre ansiedeln lässt. Schließlich habe ich mich schon sehr oft gefragt, welche beruflichen Sparten in welcher Präsenz in der Szene verbreitet sind.

Um jedoch nicht nur Nutznießer der Beiträge vorheriger Teilnehmer zu sein, sollte ich selbst auch den anderen den Vorzug des Voyeurismus lassen und dem auch in mir angelegten Drang zum Exhibitionistischen einfach mal nachgeben. Mir fällt nämlich überdies zunehmend auf, dass es meinerseits zwischen biographischen Checkpoints, äußerer Optik und innerer Einstellung Korrelationen gibt, die in ihrer einzelnen Betrachtung zwar schlüssig, aber im Vergleich höchst unterschiedlich sind. Dennoch würde ich heute sagen, dass es immer eine latente Pfadabhängigkeit gegeben haben muss. Sonst wäre ich letztlich nicht zu dem Abschnitt meiner Wurzeln zurückgekehrt, der am massivsten und verwobensten ist. Den Abschnitt, den ich – und das steht nun fest – von allen am liebsten habe.

Dieser eine Abschnitt, der wirklich wichtig ist und bleibt und bleiben muss. Der Abschnitt, der nun kein bloßer Abschnitt bleiben soll, sondern mein eigenes, andauerndes Monument nur für mich selbst. Entsprechend der gezielten Frage nach dem Berufsleben beginnt für diesen Artikel die Stunde Null mit dem Zivildienst als erste tatsächliche Station beruflicher Heranführung, für den ich bereits einen Großteil meiner Bandshirts, Nieten und seitlich geschnürten Hosen abgelegt hatte. Schließlich musste ich mich von nun an beweisen. Und um im Gruft-Look Anerkennung zu erheischen, wie ich sie brauchte, um später einen Ausbildungsplatz bekommen zu können, fehlten mir nötiges Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen. Mit jedem der neun Monate Zivildienst in einer Düsseldorfer Werkstatt für Behinderte changierte das Dunklere zum Bunteren – was sich von da an für einige Jahre als vermeintlich angenehmer herausstellen sollte.

Immerhin braucht man sich für Bluejeans, Sneaker und Polohemd oder sonstige farbenfrohe Shirts mit Aufdrucken einstiger amerikanischer College-Sportteams weniger rechtfertigen, als für Boots und Ledermantel – so diktierte es mir mein damaliges Verlangen nach Anpassung. Mein schließlich selbstverdienter Ausbildungsplatz bestätigte mich in dieser Haltung. Es folgt also eine Ausbildung als Bürokaufmann in einem namhaften Textil-Unternehmen, deren Beginn in einem halben Jahr zehn Jahre zurückliegt. Natürlich erschrickt es mich gerade mittelschwer. Beruhigt aber auch. Denn zu dieser Zeit gab es nichts mehr, das mich mit Gothic auch nur im Entferntesten in Verbindung gebracht hätte – bis auf ein paar wenige CDs in meinem Regal und den tief verstauten Kisten im Keller.

Es war mir ein Bedürfnis, zu etwas zu gehören, das sich an Coolness-Faktoren orientierte. Intellektuelles, moralisches und emotionales Gebaren war anstrengend und zeitraubend, ebenso wie das Emporheben von Musik und Szene-Exzentrik zu (m)einer Kardinaltugend. Zu diesem Lebensabschnitt ist also betreffs der Ausgangsfragen dieses Gothic Fridays nicht viel zu sagen. Es gab mich dort nicht in der Szene. Es gab nicht mal Schwarz. Es schließt sich an die Zeit der Ausbildung das Zweifeln am einst erlernten Beruf an, und ich bin heute sehr dankbar, dass ich nicht sofort nach der Ausbildung eine Stelle offeriert bekam, die mir Spaß gemacht hätte. Es folgte eine Stelle, die mir alles andere als Spaß machte, als Einkaufs-Assistent in einem winzigen Handelsunternehmen für Medizinprodukte. Von Gothic nach wie vor keine Spur. Baldige Kündigung meinerseits. Neuorientierung. Ausrichtung überdenken. Vor allem: Rückbesinnung. Auf echte Werte, echte Gefühle, echte innere Stimme. Auf das, was ich wirklich bin. Nicht das, was ich vermeintlich gerne sein würde. Nachdem das funktioniert: neue Idole suchen. Ideale ausloten. Wieder selbstbestimmter werden – was quasi fast im Widerspruch zum vorherigen Satz steht. Zufriedenheit spüren. Idioten hinter sich lassen, undankbaren Freunden kündigen, nichtssagende und desinteressierte Bekanntschaften abschütteln. Oberflächlichem entsagen und eigenständig Denken lernen. Ganz zentral auch: Musik wiederentdecken. Das Alte, was gut war, zu Neuem machen, das noch besser ist. Der Begriff nervt zwar in heutigen Zeiten, aber er bedeutet mir trotzdem etwas: Individualisierung.

Der langen Rede kurzer Sinn: Das abgeschlossene Philosophie-Studium ist das Beste, das mir in meinem bisherigen Leben passiert ist, und die Arbeit, der ich derzeit nachgehe, das Zweitbeste: Pflege. An dieser Stelle passt es nun, auf die konkreten Fragen Bezug zu nehmen, denn der Eintritt in meine derzeitige Arbeit war der Zeitpunkt, ab dem sich auch mein – diesmal tatsächlicher – Einstieg in die Szene entwickelte.

Welchen Beruf übe ich also aus?

Ich arbeite in einem gemeinnützigen Pflegedienst, der körperlich Behinderten ein Leben in bestmöglicher Selbstbestimmung ermöglicht. Dabei stehe ich ihnen im Sinne einer Kompensation als Assistent für alles zur Verfügung, was sie aufgrund ihrer Einschränkung nicht selbst tun können – von Toilettengängen und Körperpflege über Nahrungsaufnahme und Haushalt bis hin zu Arztbesuchen und Amtsangelegenheiten. Fast alle haben bei uns aufgrund ihres Behinderungsgrades eine Genehmigung für eine 24-StundenBetreuung, was bedeutet, dass im Schichtsystem gearbeitet wird. Die Vor- und Nachteile hiervon kann man sich vermutlich denken. Erschöpfungszustände bleiben, wie bei jeder Arbeit, nicht aus, und wenn ich abends nach Hause komme, ist es mir ein reges Bedürfnis, den Raum in der Horizontalen zu bewachen – auf der Couch, vielleicht mit einem Glas Rotwein.

Ob sich Gothic und der Beruf verbinden lassen? Ich würde sagen, bedingt. Ist das überhaupt wichtig? Ich würde sagen, bedingt. Zu Ersterem: Ich lege auf der Arbeit weder Patchouli auf, noch
trage ich Ketten, Armbänder oder Pikes. Kein Flauschmantel, keine Jacquard-Hosen. Grundfarbe ist jedoch immer Schwarz, ab und zu mal Grau. Tasche mit Buttons gehört auch stets dazu. Daran stört sich niemand, und auch, wenn es etwas ausgefallener wäre, sollte es keine größeren Debatten darum geben. Weder mit den zu Assistierenden, noch den Kollegen, noch den Vorgesetzten. Diesbezüglich herrschen glücklicherweise relativ liberale Zustände, auch Tattoos sind kein Problem. Die Pflege muss halt optimal umgesetzt werden können, natürlich gilt es auch, sich an gesetzliche Vorgaben zu halten. Schmuck wie Ringe ist ohnehin nicht erlaubt, festes Schuhwerk Pflicht, lange Haare als Zopf ebenfalls. Knallenge Hosen empfinde ich als hinderlich. Damit sollte auch deutlich geworden sein, wie ich zur Wichtigkeit von Szene(optik) im Beruf stehe: eine Tendenz ist mir wichtig, aber nicht, dass ich so auftreten kann, wie es meine Garderobe hergeben könnte.

Abstriche würde ich nur soweit in Kauf nehmen, als von mir nicht verlangt werden würde, meinen Stil gegen einen aufgesetzten Stil zu tauschen. Wenn mir jemand sagen würde, bitte tragen Sie doch in Zukunft keine schwarzen Textilien mehr, sondern nur noch welche in beige und blau, dann würde ich das nicht mitmachen. Wenn es jedoch vom Arbeitgeber gestellte Kleidung wäre, die bei allen Mitarbeitern dieselbe ist, dann dürfte sie gerne auch beige und blau sein. Es ist jedoch relativ unwahrscheinlich, dass ich in einem uniformierungspflichtigen Unternehmen arbeiten würde. Frisuren und Haarfarbe muss ich darüber hinaus selbst wählen können dürfen. Wobei es in meinem Fall eh nicht aufsehenerregend ist, da ich weder toupiere noch abrasiere. Von Vorurteilen habe ich in meinem Arbeitsumfeld noch nie etwas mitbekommen. Wie gesagt, liberales Flair. Die meisten scheinen eher interessiert. Der Kreis hat sich also irgendwie wieder geschlossen, bin sowohl wieder bei der Arbeit mit Behinderten, als auch der Szene angelangt. Dort, wo ich ich sein kann.

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