Vysehrader Friedhof Prag (3)

Letzte Ruhe in der goldenen Stadt der 100 Türme – Vyšehrader Friedhof

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Friedhöfe haben mich schon immer fasziniert. Ganz besonders jene, auf welchen Gräber aus lang vergangener Zeit zu finden sind. Die Grabsteine von der Witterung umschmeichelt und von der Zeit gezeichnet, von Pflanzen umrankt und im Schatten uralter Bäume. Wer waren die Menschen, die dort begraben liegen? Wie haben sie gelebt? Was hätten sie zu erzählen? Wen haben sie geliebt und wer hat sie geliebt? Was von dem was auf den Grabsteinen geschrieben steht wurde wirklich so empfunden und was gliederte sich nur ein in eine gesellschaftliche Begräbnispraxis? Was erfahren wir über den Umgang mit dem Tod zur früheren, wenn wir vor diesen alten Steinen stehen? Ein Friedhof strahlen für mich eine sanfte Ruhe aus die eine unendliche Spanne von Gefühlen beinhaltet und werfen mich zurück auf die einzige Wahrheit, die das Leben zu bieten hat: Wir werden alle sterben. Das ist die einzige Sicherheit, die in uns angelegt ist.

Wenn ich andere Städte besuche, besuche ich unglaublich gerne alte Friedhöfe, wenn die Zeit es her gibt und so kam ich beim Besuch Prags im Herbst letzten Jahres natürlich nicht darum herum, den Friedhof der “zweiten Prager Burg” – Vyšehrad – zu besuchen. Prag an sich ist immer eine Reise (oder eher zwei, drei, vier…) wert und im Herbst ganz besonders. Die Geschichte der Stadt reicht zurück bis in die Steinzeit und gehörte zu den am durchgängigsten und dichtbesiedelten Gebieten im Böhmen der Ur- und Frühgeschichte. Keltische, germanische und slawische Stämme ließen sich dort nieder und im 9. bzw. 10 Jahrhundert konnte sich die Stadt bereits mit zwei Burgen rühmen. Die zweite Prager Burg, zu der auch der Friedhof gehört, thront auf dem Vyšehrad über der Moldau südlicher der Prager Neustadt. Die zugehörige St. Peter und Paul Kirche wurde Ende des 11. Jahrhunderts als Kollegiatstifts- und Grabkirche im romanischen Stil errichtet, mehrfach vergrößert, nach einem Brand im führgotischen Stil erneuert und bei weiteren Umbauten von barocken und neogotischen Einflüssen geprägt.

Schon auf dem Weg von der Bahnstation zum Friedhof und auf dem Burggelände empfängt einen eine wohltuende Ruhe nach den Menschenmengen an den Sehenswürdigkeiten und so genossen wir in der warmen Herbstsonne zunächst den Ausblick von der Burganlage auf die Stadt, die Karlsbrücke und die erste Prager Burg, die sich im Dunst über der Stadt abzeichnete und wurden Zeugen einer tschechischen Hochzeitsgesellschaft, die, bei grauenvoller (Schlager-?)Musik das gleiche Tamtam um das bildliche Festhalten das Ereignisses veranstaltete, wie meine Familie es zu tun pflegt (jetzt das Brautpaar mit den Eltern, das Brautpaar mit den Eltern des Bräutigams, das Brautpaar mit den Eltern der Braut, das Brautpaar mit den Großeltern, das Brautpaar mit den Cousinen und Cousins, das Brautpaar in liebevoller Umarmung, da Brautpaar stehend, das Brautpaar sitzend und sich nicht anmerken lassend, dass es keine Lust mehr auf weitere tausend Fotokonstellationen hat usw.). Mit diesem Bild des Lebens näherten wir uns der Stätte der Toten.

Neben der Kirche, unter Bäumen und mit dem Säulengang über den randseitigen Gräbern lädt der Friedhof, der 1869 eröffnet wurde, zu einem kleinen Rundgang ein.  Klein – denn er ist wirklich nicht sonderlich groß, die Gräber drängen sich dicht an dicht. Doch durch die Begrenzung durch den Säulengang an der linken und der hinteren Friedhofsseite, der üppigen Bepflanzung und der Kirche neben dem Eingang wirkt der Friedhof wie ein Pol der Stille und Ruhe. Zahlreiche Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte, Komponisten,  Wissenschaftler, Maler, Nobelpreisträger haben dort ihre letzte Ruhe gefunden – einige von ihnen im Slavín auf der östlichen Seite des Friedhofs, ein Mausoleum des Bildhauers Antonín Wiehl – die letzte Ruhestätte für besonders verdienter Persönlichkeiten.

Fasziniert hat mich der Detailreichtum vieler Gräber, der zum Verweilen und Betrachten einlädt, die Gesamtkomposition, die sich aus den dicht gedrängten Reihen ergibt und die Weitläufigkeit, die durch die vielen schmalen Reihen aus Gräber und den großen Platz vor dem Slavín entsteht. Wunderbar festgehalten auch von Marcus Rietzsch.

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Pest
Gast
Pest

Mae govannen!

Cooler Bericht – Prag muß eine ziemlich tolle Stadt sein. Ich hab mir schon immer für Prag interessiert, aber wie es immer so ist … man schiebt und schiebt es immer wieder auf, warum weiß man selber nicht. x]

Aber ich habe mir fest vorgenommen, Zwotausend Sechzehn wird diese mystische Stadt mit ihren Brücken, Türmen, Grüften und Friedhöfen erobert! [:

Marcus
Gast

Flederflausch: Danke für die schmeichelnde Erwähnung und Verlinkung.