Aokigahara: Selbstmord im schwarzen Meer der Bäume

Im Schatten des majestätischen Berges Fuji liegt Aokigahara. 30 Quadratkilometer Wald, der so dicht und undurchdringlich erscheint, dass er „Meer der Bäume“ genannt wird. Traurige Berühmtheit erlangte der Wald allerdings nicht durch seine Vegetation, sondern durch die vielen Leichen, die dort jedes Jahr gefunden werden. Bei den Toten handelt es sich hauptsächlich um Selbstmörder, die tief in den Wald eindringen, um sich dort in der Abgeschiedenheit das Leben zu nehmen.

Warum ausgerechnet Aokigahara ein berühmter Ort zum Sterben geworden ist, soll auf zwei Romane des japanischen Schriftstellers Matsumoto Seichō zurückgehen. 1957 erscheint sein erster Roman mit dem Titel „Turm der Wellen„, der von einer jungen Frau namens Yuriko erzählt, die sich aufgrund verschmähter Liebe in den Wald zurückzieht und sich dort umbringt. Der zweite Roman, der 1960 erscheint, trägt den Titel „Schwarzes Meer aus Bäumen“ und handelt von einem unglücklichen Liebespaar, das sich ebenfalls im Aokigahara umbringt.

Möglicherweise ließ sich Seichō von der Legende inspirieren, dass bereits im 19. Jahrhunderte arme Familien angeblich gezwungen waren, Kleinkinder und pflegebedürftige Senioren zum Sterben in dichten Wäldern zurückzulassen. Diese Praxis, die unter dem Namen Ubasute bekannt geworden ist, konnte jedoch nie zweifelsfrei nachgewiesen werden. Die Legende spricht von Geistern der Opfer, die noch heute in Wäldern wie dem Aokigahara ihr Unwesen treiben sollen.

Ein Besuch im Wald ist grundsätzlich nicht ganz ungefährlich, denn im weitläufigen und abgeschiedenen Areal ist der Handy-Empfang sehr schlecht und der hohen Eisen-Anteil in Felsen und Boden stören Kompass und vermutlich auch GPS-Signale. Da die Vegetation durchgehen dicht und gleichförmig ist, verlieren vor allem Touristen schnell die Orientierung.

Aokigahara ist eines der weltweit bekanntesten Suizidziele

Im Laufe der Jahre nach den oben genannten Romanen fand man immer mehr Leichen im „Meer der Bäume“. Seit 1971 durchkämmen Bereitschaftskräfte regelmäßig den Wald und bergen die Leichname der Selbstmörder. 1993 erscheint das umstrittene Buch „Kanzen jisatsu manyuara“ (The Complete Manual Of Suicide) Handbuch zum Selbstmord) des japanischen Autors Wataru Tsurumi, das auf 198 Seiten alle möglichen Formen des Selbstmords beschreibt und Aokigahara als „perfekten Ort zum Sterben“ empfiehlt. Im Vorwort erklärt er zwar, er „habe nicht die Absicht, Leser zum Selbstmord zu ermutigen„, analysiert aber kleinteilig, welche Methode die effektivste, am wenigsten schmerzhafteste oder einfachste ist. Auch in Mangas, wie beispielsweise „The Kurosagi Corpse Delivery Service“ spielt der Wald eine zentrale Rolle.

Mit Aufkommen des Internet und einem immer stärkeren medialen und popkulturellen Interesse steigt die Zahl der Leichenfunde rasant. 2002 zählen die Behörden 78 Tote innerhalb eines Jahres, ein Jahr später sind es bereits 105 Leichen. Es wird befürchtet, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, da man wegen der Dichte des Unterholzes und den vielen Spalten im porösen Boden des Waldes viele Leichen nicht finden kann.

Die Möglichkeit, Tote zu finden, hat in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten „Leichentourismus“ geführt. Unzählige Youtube-Videos zeigen vermeintliche Geistererscheinungen oder verlassene Lager von Selbstmördern. Durch bunte Bändchen an Bäumen habe viele Selbstmörder ihren Weg markiert, um für den Fall, dass sie es anders überlegen, wieder den Weg aus dem Wald zu finden, sind diese Lager leicht zu finden. Diebe und Plünderer folgen diesen Zeichen, um die Lager oder gar die Leichen nach Wertgegenständen zu durchsuchen.

2016 bringt der Horror-Film „The Forest“ Aokigahara mit all seinen Mythen und Fakten auf die Leinwand:

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Der weltweit berühmte US-amerikanische YouTuber Paul Logan besuchte im November 2017 den Selbstmordwald, betrat abgesperrte Bereiche und filmte sich dabei, wie er einen Suizidanten fand, der sich erhängt hatte. Reichweitenwirksam lud Paul das Video am 31. Dezember 2017 auf YouTube und andere Social-Media-Kanäle hoch und sorgte damit für weltweite Kritik und Entsetzen. YouTube löschte das Video kurz darauf und Paul sah sich gezwungen, eine Entschuldigung zu veröffentlichen. Im Zuge des Vorfalls verlor er viele lukrative Zusammenarbeiten und Kooperationen, konnte seine Reichweite aber erneut vergrößern.

Seppuku – Tradition Selbstmord

In Japan hat Selbstmord nicht das gleiche negative Image wie in vielen anderen Ländern. Die Praxis des Seppuku, der ehrenhafte Selbstmord der Samurai, geht auf die feudale Ära Japans zurück. Obwohl sich diese Tradition nicht mehr in der japanischen Kultur findet und auch 1868 offiziell verboten wurde, „können Überreste der Seppuku Kultur als eine Möglichkeit gesehen werden, Verantwortung zu übernehmen„, wie Yoshinori Cho, Direktor der Psychiatrischen Abteilung an der Teikyo-Univesität der Japan Times berichtet.

Den Menschen in Japan ist es wichtig, einen Beitrag leisten zu können und werden darauf getrimmt, Leistung zu erbringen. Viele Menschen, die diesem Druck nicht standhalten, fühlen sich minderwertig. Der Direktor einer japanischen Hotline für Menschen, die Selbstmord begehen wollen, berichtet: „Anrufer geben am häufigsten psychische und familiäre Probleme als Grund für Suizidgedanken an. Dahinter finden sich aber noch anderen Themen, wie finanzielle Probleme oder der Verlust des Arbeitsplatzes.

Einer Studie zufolge ist die häufigste Art in Japan Selbstmord zu begehen, das Erhängen und das Springen von hohen Bauwerken, wie beispielsweise Brücken. Die japanische Regierung unternimmt viel, um präventiv gegen Selbstmord vorzugehen. Neben baulichen Veränderung an Brücken und hohen Gebäuden setzt man auch auf Aufklärung und Überwachung. So finden sich in an den Zugängen zu Aokigahara Überwachungskameras und Schilder mit Sätzen wie „Denke an Deine Kinder und die Familie.“ oder auch „Dein Leben ist ein kostbares Geschenk Deiner Eltern.

Obwohl sich die japanische Regierung seit Einführung der Prävention mit einer 20 Prozent niedrigeren Selbstmordrate schmückt, bleiben die Zahlen – vor allem bei Jugendlichen – erschreckend hoch. Zuletzt sorgte die Pandemie für einen deutlichen Anstieg der Zahlen, wie die DW berichtet. „Der Anstieg der Selbstmorde fällt in Japan besonders auf, da die Pandemie bisher relativ wenige Opfer gefordert hat. Rund 1600 COVID-19-Toten stehen aktuell mehr als 13.000 Tote durch Selbstmord gegenüber.

Hinweise

Wir versuchen, rein informierend über das Thema Suizid zu berichten, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Solltest du selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern nicht, Hilfe zu suchen. Freunde, Vertraute oder die Familie helfen, es gibt auch Hilfsangebote, bei denen du dich anonym, kostenlos und jederzeit mit jemandem unterhalten kannst. Unter 0800/111 0 111 erreichst du die Telefonseelsorge, mit der man über ihre Internetseite auch chatten oder über E-Mail Kontakt aufnehmen kann. Hier gibt es noch einen Selbsttest, der Hinweise liefern kann, allerdings keine medizinische Diagnose ersetzt.

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Markus
Markus (@guest_60938)
Vor 3 Monate

Traurig, daß so viele Menschen ihr Leben nicht als Geschenk betrachten können und diese Sicht aus dem Blick verlieren. Wobei gerade in Asien der gesellschaftliche Druck sehr hoch ist; neben Japan kämpft Südkorea seit langem mit erschreckend hohen Zahlen von Suiziden. Auch dort können viele junge Menschen nicht mit der vermeintlichen Schande leben, mit Mitte 20 nicht verheiratet zu sein/ eine Familie gegründet oder berufliche Ziele nicht erreicht zu haben. Ein asiatisches Phänomen ist das jedoch nicht; selbst in der Bundesrepublik gibt es jährlich mehr Tote durch Suizid als Verkehrstote.

Die Sensationsgeilheit und fragwürdige Neugier am Leid anderer kann ich nach wie vor nicht verstehen. Der bislang wohl krankeste Fall von Mißachtung eines Freitods und Störung der Totenruhe ereignete sich bereits 2006: Eine Gruppe von zehn Jugendlichen zwischen 13 und 17 (!!!) hatte im Rahmen einer privaten „Walpurgisnachtparty“ in einem Wald bei Traunreut die Leiche eines 49 jährigen Selbstmörders gefunden und sie anschließend durch massive körperliche Gewalt so übel zugerichtet, daß die später verständigte Polizei beim Auffinden des Toten zunächst von einem Mordopfer ausging. Wie Minderjährige an so etwas „Spaß“ haben können – da schaut man echt in Abgründe…

Gruftwurm
Gruftwurm(@christian)
Antwort an  Markus
Vor 3 Monate

Den Chiemgauer wundert das verstörende Verhalten der Jugendlichen in Traunreut wenig. Skurrile Aktionen in dieser kleinen Stadt passiert dort öfters…. Aber ja, es ist wirklich unverständlich.

Letzte Bearbeitung Vor 3 Monate von Gruftwurm
Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Gruftwurm
Vor 2 Monate

OMG ja, stimmt. Ich versuche ja möglichst keine Vorurteile zu haben, aber als ich „Traunreut“ gelesen habe kam sofort dieser Reflex: „Warum war mir klar dass da nicht z.B. Trostberg oder Traunstein steht…?“. ;)
Verdammt, ich muss noch an mir arbeiten fürchte ich.
(Zum Vorfall an sich: Einfach nur noch abstoßend.)

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Markus
Vor 2 Monate

Traurig, daß so viele Menschen ihr Leben nicht als Geschenk betrachten können und diese Sicht aus dem Blick verlieren.

Ich habe ehrlich nie verstanden warum man das muss, bzw. warum dieser Satz „Das Leben ist ein Geschenk!“ so als unumstößliche Wahrheit die nicht hinterfragt werden darf bzw. nicht weiter begründet werden muss gilt. Wie ein Naturgesetz oder ein mathematisches Axiom, das ich persönlich hier aber einfach nicht erkennen kann. Geht das echt nur mir so?
(Mal unabhängig davon dass sicherlich jeder schon irgendwann irgendwo mal ein „Geschenk“ bekommen hat das er nicht wollte/mit dem er nichts anfangen konnte, das ist ja eh klar.)

Norma Normal
Norma Normal (@guest_61106)
Antwort an  Durante
Vor 2 Monate

Das geht, hoffe ich, nicht nur dir so. Ich selbst (da sind wir zumindest schon zwei :D ) finde, das ist eine sehr schwierige Aussage, die ganz dringend hinterfragt werden muss!
Mehr noch als Musik & Styling ist sowas zu hinterfragen für mich eigentlich immanenter Bestandteil der Szene, so wie ich sie betrachte. Aber ich hab eh einen speziellen Blick auf die Dinge, den nicht viele teilen.

Letzte Bearbeitung Vor 2 Monate von Norma Normal
Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Norma Normal
Vor 2 Monate

Tatsächlich, zumindest wir beide scheinen da was gemeinsam zu haben (auch was die Szene bzw. deren Bedeutung für uns persönlich betrifft). :)

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Robert
Vor 2 Monate

Richtig, der immer wieder im Kontext von Suizid/Freitod aufgewärmte Satz „Das Leben ist ein Geschenk!“ suggeriert dass das Leben automatisch etwas positives ist für das man „gefälligst dankbar zu sein hat“. Und das ist halt einfach nur eine Behauptung, die in meinen Augen nicht allgemein gültig ist. Mag für die allermeisten Menschen ja wohl scheinbar so stimmen, aber definitiv nicht für jeden.

Graphiel
Graphiel(@michael)
Vor 3 Monate

Ich habe das Leben immer als ein Geschenk gesehen. Und auch den Tod betrachte ich inzwischen seit vielen Jahren, sowie einer interessanten und prägenden Unterhaltung mit einem jungen Gruftie als ein solches.

Dennoch, oder vielleicht auch gerade aufgrund meiner eher versöhnlichen aber respektvollen Grundhaltung gegenüber dem Tod nehme ich Nachrichten über Suizide und damit verbundenen Zahlen als besonders bewegend bis bestürzend wahr. Doch bevor es hier zu Verwechslungen kommt ein kleiner Disclaimer: Ich möchte an dieser Stelle ganz klar eine friedlich überlegte, bewusste, bis professionell begleitete Selbsttötung ausklammern, wie man sie beispielsweise beim Thema Sterbehilfe wünscht und diskutiert. Ich rede hier wirklich ausschließlich von Selbsttötungen aus nachvollziehbarer, aber eigentlich vermeidbarer Verzweiflung heraus. Soweit so gut? Dann mal weiter ;-)

Ich finde es nach wie vor unendlich traurig, dass wir es trotz all unserer zivilen Fortschritte noch immer nicht geschafft haben eine einigermaßen stabile Gesellschaftsform entwickelt zu haben, in welcher der Suizid eher die extreme Ausnahme bildet und es stattdessen einen Platz auch für die eher „schwächeren“ Seelen gibt. Dem gesellschaftlicher Druck und einer sich ständig und (dem Gefühl nach) immer schneller drehende Welt halten leider nicht alle Menschen stand. Das sich manch „stärkere“ Leute dabei die Frechheit herausnehmen und diesen Umstand mit sozialdarwinistischen Argumenten auch noch klein reden trägt dabei zu meinem eher misanthropischen Weltbild bei. Deutschland mag dabei im Vergleich mit anderen Ländern ja sogar noch gut bei weg kommen, doch perfekt läuft es auch bei uns nicht. Da gibt es noch viel Luft nach oben.

Somit sollte man sich immer vor Augen führen: Orte wie dieser Wald in Japan mögen eine unheimliche und atmosphärische um nicht zu sagen gruftige Stimmung erzeugen, doch sind sie zeitgleich auch immer ein trauriges Zeugnis davon, dass es auch in unseren modernen Zeiten gesellschaftlich nach wie vor krankt. Brücken abzusichern, das regelmäßige Durchstreifen von Wäldern, oder Netze unter die Fenster hoher Gebäude zu spannen, so wie es in einigen asiatischen Gegenden gemacht wird wirkt da auf mich immer etwas wie das bemalen einer vom Schimmel befallenen Wand mit neuer, besser abdeckender Farbe. Es macht die Sache zwar erst einmal optisch schöner, doch die eigentlichen Probleme bleiben unangetastet.

Durante
Durante(@durante)
Antwort an  Graphiel
Vor 2 Monate

Ich möchte an dieser Stelle ganz klar eine friedlich überlegte, bewusste, bis professionell begleitete Selbsttötung ausklammern, wie man sie beispielsweise beim Thema Sterbehilfe wünscht und diskutiert.

Vielen Dank. So eine Differenzierung liest man bei dem Thema leider fast nie. Geht sonst immer im allgemeinen „wie kann man nur???“ unter. Deshalb: Danke!

Frieda von Rabenstein
Frieda von Rabenstein(@friedavonrabenstein)
Vor 3 Monate

Hinsichtlich der japanischen Kultur kann ich sagen, dass -wie im Artikel zu lesen- der gesellschaftliche Druck sehr hoch ist. Gerade unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen, aber auch aufgrund der großen Angst, versagt zu haben. Über die Suizide wird im Allgemeinen in der japanischen Gesellschaft generell ungern gesprochen. Der Wald ist einfach nur ein Wald, am Fuße des Berges Fuji.

In meinem Bekanntenkreis hatte ich leider schon mehrere Suizide miterlebt. Diese Last, diese Pakete, die man mit sich herumschleppt, müssen ungeheuer groß sein, wenn man sich zu diesem Schritt entschieden hat. Für die Hinterbliebenen bleiben jedoch und meistens viele Fragen unbeantwortet. Ich selbst kann diese „Entscheidung“ nur bedingt nachvollziehen, macht mich jedoch auch traurig und wütend, obwohl die Vorfälle schon viele Jahre her sind.

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