Yami Kawaii: Durchbricht morbide Niedlichkeit ein japanisches Tabu?

In Tokios Trendviertel Harajuku hält sich seit Jahren ein düsterer und gleichzeitig quietschbunter Trend. “Yami Kawaii” ist für junge Menschen in Tokios Straßen eine modische Auflehnung gegen das Tabu über Depressionen oder mentale Krankheiten zu sprechen. Das Video “The Dark Side Of Harajuku Style” wirft einen genaueren Blick auf den Trend.

“I Love You, I Kill You”

Die Bekleidungsstücke, die Künstler Bisuko Ezaki entwirft, ertrinken in knallbunter Niedlichkeit. Seine Markenzeichen ist jedoch das Spiel mit entgegengesetzten Elementen. Der Aufdrucke seiner Shirts “I love you, i kill you“, ist für ihn das, was den Trend “Yami Kawaii” beschreibt.

But it’s so cute, so it’s tolerable. The mismatch between how cute it looks, and the anti-social words is what makes it so popular. That’s what makes it Yami Kawaii.

Sein von ihm entworfener Manga Charakter, Menhera-Chan, ist so was wie die Galionsfigur dieser Bewegung. Ihr Charakterbogen zeigt auf groteske Art und Weise die Gegensätze, die der Künstler in seinem Style zusammenbringen will. Das Cutter-Messer beispielsweise, mit dem sich die Figur ritzt, ist mit einem Herz verziert. In das Bild vom Land des Lächelns und den stets höflich und zuvorkommenden Menschen mag das alles nicht so ganz passen.

Men
Menhera-Chan Charakterbogen – Das Wort Menhera steht für Menschen mit physischen Krankheiten | (c) Bisuko Ezaki, atelier M.U

Ein Mode-Trend mit Hintergrund

Dieser Trend kommt jedoch nicht von ungefähr. Japan hat weltweit eine der höchsten Suizidraten. Die WHO hat herausgefunden, dass die Selbstmordrate rund 60% höher ist, als im globalen Durchschnitt. Durchschnittlich 70 Menschen begehen pro Tag in Japan Selbstmord, erschreckenderweise viele Kinder und Jugendliche. 2014 war Suizid sogar die Todesursache Nummer Eins bei Jugendlichen zwischen 10 und 19 Jahren. Seit einigen Jahren versucht sich die Regierung in Prävention, stellt Schilder an bekannten Orten auf und hat auch eine Art Telefonseelsorge eingerichtet. Die wird jedoch kaum benutzt, denn über seine Probleme zu reden, das machen Japaner nicht. Schon gar nicht am Telefon.

Bisuko Ezaki hat sich in das Zeichnen seines Charakters geflüchtet, weil er sich von seinen Großeltern gemobbt fühlte. Kein Einzelfall, wie der Bericht von Refinery29 zeigt:

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Allerdings ist meiner Ansicht nach gefährlich, mentale Probleme auf so eine Art und Weise zu verniedlichen. Das sieht auch Bastian Kerk vom Blog cosplay-fan.de so, obwohl auch er einräumt, das Schweigen ebenfalls keine adäquate Form der Problembewältigung darstellt. Ich finde es aber auch schwierig, die japanische Kultur zu verstehen und kritisiere sicher nicht dem Umgang mit solchen Problemen. Schweigen ist jedoch in keiner Kultur eine funktionierende Lösung.

Vor ein paar Jahren trugen die EMO ihre Emotionalität zur Schau oder – und so behaupten böse Zungen – machten aus Emotionen eine Schau. Der grundsätzlich guten Idee, Gefühle, Gedanken und Emotionen nach Außen zu kehren schlug Ironie entgegen. Sie wurden lächerlich gemacht und viele von ihnen machten sich lächerlich. Die Gefahr, das von der Idee aus Japan, ein Tabu zu brechen, nur die transportierende Niedlichkeit übrig bleibt, ist hoch. Eine Idee kann kein Modetrend sein, wie ich finde.

Hinweise

Sollte es Dir selbst nicht gut gehen und hat Dein Interesse an diesem Thema aus dem Gedanken heraus kommen, Dir selbst das Leben zu nehmen, rede darüber. Freunde, Vertraute oder Verwandte helfen, es gibt auch Hilfsangebote, bei denen du dich anonym, kostenlos und jederzeit mit jemandem unterhalten kannst. Unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222 erreichst du die Telefonseelsorge, mit der man über ihre Internetseite auch Chatten oder über E-Mail Kontakt aufnehmen kann. Hier gibt es noch einen Selbsttest, der Hinweise liefern kann, allerdings keine medizinische Diagnose ersetzt.

Roberthttps://www.spontis.de/author/robert-forst/
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Wiener Blut
Wiener Blut (@guest_59487)
6 Tage her

Erstmal finde ich diese jungen Japaner schon recht niedlich, und den Bruch der in dieser Mode liegt ansprechend. Aber ich mag modische Brüche generell gerne. Für den jungen Mann finde ich das schon recht mutig, auch in Japan wird er bei vielen optisch negativ aufgefallen… Niedlichkeit und Maskulin ist in vielen Ländern wohl eher nicht üblich verknüpft, (auch in vielen alternativen Gruppen keine echte optische Mehrheit), und wenn dann werden wohl eher bzw schnell negative Schlüsse daraus gezogen. Zur Psyche meine ich persönlich, das Menschen nunmal vielfältig sein können von ihrer Grundstimmung (oder Temperament), es hier und da familiäre etc Probleme gibt, Mal schwerer mal weniger schwer, und das Alter der Gezeigten schon ein anstrengender Lebenszeitpunkt ist. Wenn man konsequent alle mit “Problemen” in Deutschland diagnostizieren würde, und ich meine explizit nicht nur die “Jugendlichen”, und auch sie und ihr Umfeld therapieren, hätten wir in Deutschland auch höhere Zahlen als die offiziellen Zählungen hergeben. Ob das andere Zahlen senken würde, ob alle das überhaupt wollten, wie die Erfolge wären, und ob die Gesellschaft glücklicher wäre, wer weiß. Hätte hätte Fahrradkette… Wenn ein Finger auf Japan zeigt, zeigen vier zurück, auch wenn’s so einfach ist.

Letzte Bearbeitung 6 Tage her von Wiener Blut
Yorick
Yorick (@guest_59488)
Antwort an  Wiener Blut
6 Tage her

Ganz zu schweigen davon, ob “Glück” überhaupt ein Wert bzw. ein erstrebenswertes Ziel sein soll. Als Materialist kann ich das jedenfalls für meine Person klar verneinen. Meiner Auffassung nach streben Menschen nicht nach “Glück”, sondern nach Befriedigung von Bedürfnissen. Was wir in zeitgenössisch-westlichen, stark vom Utilitarismus (pleasure-pain-calculus) Gesellschaften unter “Glück” verstehen, ist in Wahrheit ABSTRAKTE Befriedigung losgelöst von wirklichen Bedürfnissen und dient damit letztlich ideologischen Zwecken.

In Anbetracht dessen finde ich die sich immer weiter zuspitzende Tendenz der Psychologie, Gesundheit und Glück miteinander zu identifizieren, höchst bedenklich – dies übrigens nicht zuletzt mit Blick auf die geistigen Gehalte von Subkulturen wie Gothic oder auch Metal. Wie du schon sagst, sind Menschen unterschiedlich, haben verschiedene Grundstimmungen (die ja auch in der Musik ihre Resonanz finden) und können somit wohl kaum so über einen Kamm geschoren werden wie der Normalismus der Psychologie es verlangt.

Marina Kirishiki
Marina Kirishiki (@kirishiki)
4 Tage her

Hallo Leute, hab mich extra registriert um das hier zu posten.
Ich finde hinter Yami Kawaii steckt viel mehr als nur eine Modeerscheinung, für mich ist es auch Musik.
So möchte ich doch gern die Frage in den Raum werden… Hat Japan so etwas wie eine Schwarze Szene? So wie damals im Zwischenfall oder so? Gibt es in Japan Bands die Kompatibel sind zu europäischen Gruftiohren?
Deswegen würde ich hier gern, wenn’s geht mit Youtubelinks, ein paar meiner japanischen Lieblingskünstler im Bereich Yami Kawaii vorstellen. Aber nun hab ich absolut keine Ahnung wo ich anfangen soll.. lege ich einfach mal los..

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Hoffe ich hab euch nicht zu sehr zugespammt, aber könnte ein Grufti in Japan glücklich werden?

Letzte Bearbeitung 4 Tage her von Marina Kirishiki
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59493)
Antwort an  Marina Kirishiki
4 Tage her

Also weder optisch noch musikalisch spricht mich das an. Die Musik ist für mich unerträglicher Krach. Mit Gothic hat das rein gar nichts zu tun, das würde ich eher im Metal-/Hardcore-Bereich verorten, womit ich auch überhaupt nichts anfangen kann. Aber Japan hat ja so einige Szenen, die auf püppchenhaften Look (diverse Lolitas) und schon fast gruftigen Look zu furchtbarer Musik setzen (Visual Key). Da liegen nicht nur räumliche, sondern auch musikalische Welten dazwischen zum eigentlichen Gothic-Kosmos.

Letzte Bearbeitung 4 Tage her von Tanzfledermaus
Marina Kirishiki
Marina Kirishiki (@kirishiki)
Antwort an  Marina Kirishiki
3 Tage her

Zwei ehrliche Antworten, und Tanzfledermaus war da schon sehr ehrlich, das bin ich fast schon nicht mehr gewohnt. Aber du hast recht.
Die Sache ist die, Japan riecht, schmeckt und.. klingt anders. Und ich komme mir fast wie ein Analphabet vor… Dark Culture, denke das ist da ein neutraler Begriff.
Meine Bandvorschläge kamen aus einem Genre, der dem Yami Kawaii am nächsten kommt. Der Alternative Idol, oder kurz Alt Idol, der mit Gothic eigentlich nicht viel am Hut hat. Japan ist eher Metal und Punk lastig. Aber es gibt ein paar andere Sachen…

Hoffe dieses mal wird’s nicht soviel

Velvet Eden

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Letzte Bearbeitung 3 Tage her von Marina Kirishiki
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59500)
Antwort an  Marina Kirishiki
3 Tage her

Hallo Marina, die beiden ersten Songs würde ich stilistisch schon der schwarzen Szene zuordnen – ist halt was in Richtung elektronischer Darkwave (das erste) bzw. Synthpop (das zweite)…
Wirklich besonders im Sinne von anders als europäische Musik-Pendants klingt es aber für mich nicht, bis auf die Sprache. Es wird sich derselben Klänge bedient wie überall. Also akustisch kein speziell Japanisches “Ding”.
Interessant wäre es gewesen, wenn es wirklich etwas eigenständiges geben würde, aber das ist zu Zeiten der Globalisierung vermutlich schwer, das sich in einem Land was ganz eigenes entwickelt.

Das letzte Stück hingegen ist musikalisch nichts aus dem Gothic-Spektrum.
Ich würde es aufgrund der optischen Aufmachung und Instrumentierung als sehr folkige Steampunk-Musik beschreiben (die ich aber selbst nicht gut kenne, daher ist diese Einordnung mit Vorsicht zu genießen).

Letzte Bearbeitung 3 Tage her von Tanzfledermaus
Avenis
Avenis (@guest_59501)
Antwort an  Marina Kirishiki
2 Tage her

Ich denke schon, dass man als Grufti in japan fündig werden würde, aber man muss halt einige Abstriche machen. Japan hat durchaus eine richtige Goth und Post-Punk Szene. Die hatte allerdings ihre erste (und letzte) Blüte in den 80ern. Zwar gibt es viele Bands entweder immer noch oder dank revival schon wieder, aber so richtig mainstream ist Goth in Japan nicht. Gefühlt gibts nur mehr wenige Clubs, die Goth Events haben und die man an einer Hand abzählen kann.

Dafür ist die Fangemeinde durchaus sehr loyal, viele lokale Szenegrößen sind dort schon seit Jahrzehnten pausenlos aktiv und organisieren auch schon sehr lange Events. Beste Beispiele wären Genet von der Band Auto-Mod und Zin von Madame Edwarda, dem in den 80ern auch der Club Walpurgis gehört hat und der nach dem Vorbild des Londoner Batcave gestaltet wurde.

Hat japanischer Goth einen eigenen Sound? Schwierige Frage. So manch einer behauptet ja, dass die Post-Punk und Wave bands aus den Ostblockstaaten anders geklungen hätten als ihre britischen Pendants. Und natürlich stimmt das bis zu einem gewissen Grad – persönlich würde ich das aber zumeist unter “persönlichen Stil” kategorisieren – Aus meiner Sicht sind die “Coldwave” bands auch nicht viel mehr anders als andere Post-Punk und Wave bands, bis eben auf die Sprache.

Post-Punk scheint aus meiner subjektiven Sicht eine von vornherein sehr “globale” Bewegung gewesen zu sein, die es geschafft hat, innerhalb kürzester Zeit auf der ganzen Welt in sehr ähnlicher Form plötzlich aufzutauchen. Wenn man will kann man praktisch auf allen Kontinenten die jeweilige, lokale Version von Bauhaus, SoM, Joy Division und Co. finden. Und ich sehe jetzt nichts Verwerfliches darin, ist doch das Teilen gemeinsamer musikalischer Merkmale ja das, was das ganze zu einem zusammenhängenden Genre oder eine Szene macht. Klarerweise hat man dann auch in einem weit entfernten Land wie japan seine Cure, Siouxsie und Bauhaus Klone:

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Nun, das wäre halt japanischer Goth. Ist auch nicht viel anders als sonst wo anders, aber wie gesagt, bei so einem internationalen Stil ist das irgendwie auch zu erwarten.

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