Am Eingang stand ein Sarg – Grufti Open-Air 1992

Ein Artikel aus dem Jahr 1992 in der Bravo GIRL! erregte meine Aufmerksamkeit. Unter der Überschrift Grufti Open-Air geht es um ein 1992 stattfindendes Festival der schwarzen Szene auf der „Insel“ in Ost-Berlin. Im Artikel ist von der Band Calva Y Nada die Rede, die ich gleich mit dem ersten offiziellen WGT 1992 in Verbindung brachte, denn da sind sie als eine der damals noch 9 Bands aufgeführt. Das fand aber bekanntlich in Leipzig statt und nicht in Ost-Berlin, daher wird es sich wohl nicht um das erste Wave-Gothic-Treffen 1  sondern um eine alternative Veranstaltung.

Open-Air-Festivals für Gruftis: Schriller kann man sich’s kaum vorstellen. Am heißesten Wochenende – rund 40 Grad wurden in Berlin gemessen – traf sich eine schwarz-rot-lila-vermummte Gemeinde von Gothics, New Romantics und wie immer sie sich nennen auf der „Insel der Jugend“ in Treptow, ehemals DDR. Und alle, alle kamen: Aus Leipzig und Nürnberg, aus Rostock und Berchtesgaden…

Natürlich kann ich euch diesen Bericht nicht vorenthalten, denn zwischen einigen schönen Bildern findet sich ein Text, der zwar mit einigen alten Klischees bricht, aber dafür so viele neue Klischees aufwirft, das hier zur gefühlten Raumtemperatur von 30 Grad weitere 10 Grad der emotionalen Erhitzung dazu kommen. Und nein, ich rege mich nicht wieder auf, denn mittlerweile habe die meisten Jugendlichen die auf der Suche nach Identität durch die Subkulturen streifen einen viel differenzierteren Zugang zu Informationen, oder?

Wenn die einzelnen Gruppen oder Leute den Eingangsweg herunterschreiten, gesäumt von anderen, die total heiß sind auf die Neuankömmlinge, dann geht ein Raunen durch die Reihen. „Ich werd verrückt, die Jeanie!!“ kreischt einer. Und schon küsst man sich mit spitzen Lippen auf den Mund, das Begrüßungsritual in schwarzen Kreisen.“ Gibt es ja gar nicht, ein Begrüßungsritual aus den frühen 90ern? Ja die kenne ich noch. Als ich 1993 Melanie H. auf einer Jugendfreizeit in Norwegen mit spitzen Lippen küssen wollte, habe ich mir ein Ohrfeige eingefangen, dabei wollte ich sie doch nur begrüßen. Ehrlich.

Bravo Girl 1992Ganz großer Auftritt für Tani aus Berlin: Sie ist seit über zehn Jahren in der Szene, kennt jeden der dort Rang und Namen hat. Man ist natürlich international, kennt Gruftis aus London, aus Strassburg, aus München. An der Neu-Köllner Oper arbeitet sie als Maskenbildnerin, hat natürlich Zutritt zum Kostümfundus und kann für ein paar Mark die irrsten Klamotten erstehen, die gerade ausgemustert werden. Heute: Ein Kleopatra-Kleid, nilgrün, aus Samt mit viel Stoff und üppigen Formen. Und das peppt Tani dann mit voll [sic!] Phantasie auf: Mit einem grün-weißen Make-up, mit Ohrringen, die sie aus kleinen Vogelkrallen gebastelt hat (igitt!! Gruftis wollen immer schokken [sic!], der Tod ist überall), mit einem Stock, vollgehängt mit kleinen Narren-Schellen wie man sie aus dem Mittelalter kennt und gekrönt von einem Schimpansen-Totenschädel. Wo ist der denn her?? Tani lächelt spöttisch: „Tja…“ Seine Quellen verrät natürlich keiner, auch nicht Tani.

Aber überall steckt ein Fünkchen Wahrheit drin und so zitiert man 1992 schon: „Die Alt-Gruftis stöhnen: Früher war’s viel besser“. Und wie Großmutter erzählen sie von den irren Zeiten, als jeder noch stundenlang vorm Spiegel stand und sich stylte, als alle Klamotten noch selbstgenäht waren, als jeder Grufti über mindestens zehn Outfits verfügte und niemals auf einem Treffen so war wie auf dem letzten. Ach ja, das waren noch Zeiten…“ Und nein, das kann man nicht abstreiten, heute geht es sogar noch einen Schritt weiter, denn mittlerweile gibt es komplette Outfits aus dem Katalog.

Natürlich erhebt die Bravo GIRL! den moralischen Zeigefinger und möchte den Jugendlichen unterschwellig eine bessere Integration in die Gesellschaft ermöglichen. Unter der Zwischenüberschrift „Pech beim Bewerbungsgespräch“ heißt es:

Die neuen Gruftis machen begeistert mit, die „alten“ tragen aber oft an der Last ihres Outfits. So wie Sonja, die seit Jahren dazugehört. Sie hat gerade die Schule fertig, will Chemie-Laborantin werden. Aber das Grufti-Girl aus Heidelberg mit dem irren Schachbrett-Muster auf der einen Seite des kahlen Schädels kriegt keinen Job: „Beim Bewerbungsgespräch hab ich mich total spießig angezogen. Aber die sehen nur die Haare und sagen schon noch ein paar Sätzen: „Sie hören von uns…“ Alles klar. Was du im Kopf hast, zählt gar nicht, nur wie dieser Kopf aussieht.

Zum krönenden Abschluss gibt es gleich noch ein Lehrstück in Sachen Polemik, die dem jetzt schon schwankenden Jugendlichen, der sich die Frage stellt ob er wirklich zu einer Szene gehören möchte, bei dem das Outfit einer potentiellen Lehrstelle im Weg steht, der finale und verbale Todesstoß versetzt. Die GIRL! hat ihre Mission(ierung) erfüllt und sicherlich wieder 1 von 1000 Lesern davor bewahrt in diese Szene zu rutschen:

Das Fest dauert gerade drei Stunden, da ballt sich über der Spree-Insel ein Gewitter zusammen. Donner, Blitz und Regen prasseln über die gestylten Gruftis – und das ist das Ende des Jobs für unseren Fotografen. Denn nun hängen die mit viel Haarspray hochtoupierten Mähnen nass und schlapp ins Gesicht, die Schminke zerläuft, die verschwitzten schwarzen Talare kleben klatschnass am Körper und die Schnabelschuhe versinken im Morast. Bähhhh! Man rubbelt sich ab, wer Ersatzklamotten dabei hat, zieht sich sofort um. Und plötzlich ist aus so manchem unnahbaren Gothic mit theatralischen Gebärden eine ziemlich lächerliche Figur geworden. So ist das Leben: Viel Styling, viel Elend!

(Bild und Text-Quelle: Bravo GIRL! Ausgabe von 1992)

Einzelnachweise

  1. Nein, das ist nicht falsch geschrieben, denn bis Mitte der 90er nannte man es noch Gothic und nicht Gotik, wie auch alte Eintrittskarten des Festivals zeigen[]
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Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Na ja…ich erinnere mich an ein The Cure Konzert in Wien oder in der Nähe von Wien…muss auch so um 1992 gewesen sein. Das Bild am Ende dieses Bravo Girl Artikels trifft es ziemlich gut. Herr Smith hatte einen Heidenspass daran, das Publikum so lange warten zu lassen, bis der Regen, der sich bereits ankündigte, so richtig runterknallte. Dann kam er auf die perfekt überdachte Bühne und machte noch irgendwelche blöden Bemerkungen dazu. Das war nicht sehr nett, Robert! (Also Robert Smith mein ich jetzt)Die ganzen durchgestylten Gruftis sahen hinterher aus wie….begossene Pudel. Ich fand das lustig und viele andere auch. Aber ich hab damals ja auch keine drei Dosen Haarspray fürs Styling benutzt :-)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Ach ja, über untenstehenden Link sieht man beispielsweise ganz gut, dass sowohl die Bands als auch das Publikum in dieser Zeit optisch wenig mit den obigen Bildern zu tun hatten. Diese extrem geschminkten und theatralisch gestylten Leute kenne ich persönlich nicht. Möglicherweise auch wieder eine Frage der Region…aber mir kommen diese (natürlichen) Bilder hier wesentlich bekannter vor:

Vizioon
Vizioon (@guest_9275)
Vor 13 Jahre

Nö, sieht man nicht, man sieht nur ein Pressefoto. Ich war 91/92 den extrem geschminckten näher als den grundsätzlich gelangweilten „The Cure“. Und das sogar, obwohl ich auch grundsätzlich gelangweilt bin.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Na klar sieht man ein Pressefoto. Aber da drauf sind Fans, die bei einem Konzert fotografiert wurden. Was meinst du mit gelangweilt? Die haben halt Musik gemacht. Oder meinst du die Musik?

Schatten
Schatten (@guest_9281)
Vor 13 Jahre

@Vizioon
Also meines Wissens nach wollten die betont emotionslos rüberkommen, ich meine sogar ich hätte das hier in irgendeinem Artikel gelesen.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9285)
Vor 13 Jahre

Den Artikel kannte ich schon, und ich muss jedes mal feststellen daß ich das Make-Up der türkis-gewandeten Dame einfach genial finde. Das Kleid würd ich gern mal komplett sehen, schätze aber daß die Chancen gegen Null gehen *g*

Ansonsten finde ich daß der Artikel noch einer der Angenehmeren ist, vom Inhalt her. Wenn man in Betracht zieht in welchem Blatt er erschienen ist, natürlich.
Damals wie heute haben sich die Journalisten natürlich auf die optischen Extremisten gestürzt, um dann deren Auftreten irgendwie lächerlich zu machen.

Witzig finde ich auch den Satz oben bei dem Herrn im Rokoko-angelehnten Anzug, vonwegen er würde „neue Wegen in Sachen Gothic-Outfit“ gehen. Ich hab jetzt schon aus verschiedenen Quellen herausgelesen, daß Anfang der 90er, die damals schon „Alten“ das langsam aufkommende Bedienen bei historischen Modestilen abgelehnt wurde, und heutzutage wettern Justaucorps-Träger und Reifrocktanten gehen die aktuell „neumodischen“ Strömungen *g* – irgendwie amüsant … wobei ja nicht mehr viele „alte“ Reifrockmädels mehr übrig sind *fahne hochhalt* – schätze damals wie heute fühlt(e) man sich ein bisschen bedroht vom Aussterben und reagiert – meist unbewusst – entsprechend. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei.

Vizioon
Vizioon (@guest_9291)
Vor 13 Jahre

@Robert und Schatten: Emotionslos passt meiner Meinung nicht, da man (glaube ich) ohne Emotion keine Musik machen kann. Rhythmus vielleicht, aber keine Musik. Leider fällt mir im Moment nichts ein, was den Stil erklären kann.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Hier mal ein Video von nem The Cure Live Auftritt 1993: Ich finde schon, dass das im krassen Gegensatz zu den Bildern im Artikel steht. Keine großartigen Styles bei den Besuchern und auch keine großartigen Schminkaktionen. So kenne ich die Szene von früher. Nicht so wie im Artikel.

http://www.youtube.com/watch?v=s3jndmmy_eo

Robert Smith wirkte immer ein bißchen sonderlich auf der Bühne- in sich gekehrt, nicht von dieser Welt und reserviert. Ich habe das nicht als arrogant empfunden. Er mochte die Öffentlichkeit glaube ich nicht so gerne.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9300)
Vor 13 Jahre

Meines Empfindens nach kam die dunkelromantische Spielart ja schon in den frühen 90ern auf, eben mit den Herren in Rokoko-Anzügen und Damen in Reifrock, beruhend eben auf den Informationen daß zu der Zeit die Alteingesessenen diese neuen Stilrichtungen nicht wirklich gut gefunden haben. In den letzten Jahren gibts da ein wenig ein Wiederaufleben, wo auch junge Leute Anfang 20 sich wieder für historisch inspirierte Klamotten interessieren. Unterschiede gibt es aber freilich, neben dem Reifrock sind gerade auch victorianische Kleiderformen (Tournüre sieht man viel) und Paniers aus dem Rokoko mit passenden Obergewändern verbreitet.
Ich weiß aber auch noch wie ich in meiner ersten Tournüre in meinem Stammclub noch Exot war, wo das heute am Göttertanz doch öfters zu sehen ist. Ich habe aber auch den Eindruck daß der harte Kern der Schwarzromantiker schon viel Hintergrund mitbringt und sich auch sehr intellektuell beschäftigt, Ausnahmen bestätigen die Regel, und es gibt auch da am Rande Mode-Mitläufer.
Ich finde eine gewisse Intoleranz auch als angebracht. Man kann ja jedem seine Daseinsform lassen, aber Szene hat auch Grenzen und damit Abgrenzungen. Wozu wäre es sonst eine Szene?

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@ Rosa Chalybeia

Ich lese aus all deinen Kommentaren die Liebe zu deinen Kleidern und deinem Stil heraus. Wenn ich es richtig verstanden habe, schneiderst du die sogar selber. Das finde ich absolut großartig, weil kreativ und phantasievoll! Ohne dich aber in irgendeiner Form angreifen zu wollen: Das hat für mich nichts mit der Schwarzen Szene zu tun. Das hat eher etwas von Theater spielen oder Kostümball. Ich finde das zwar durchaus stilvoll, aber mir fehlt einfach das Verständnis (nicht Toleranz sondern Verstehen meine ich) dafür, außerhalb einer Bühne so rumzulaufen.

Vielleicht an dieser Stelle mal eine ganz gute Gelegenheit, nachzufragen: Warum legst du (unabhängig von deinem Hobby „Schneidern“) Wert darauf, dich in der Öffentlichkeit zu inszenieren? Ich frage mich das immer wieder, wenn ich die Bilder von den durchaus kunstvoll verzierten Gesichtern und den Kleidern aus dem Theaterfundus (nein, ich weiß, deine sind selbstgemacht) sehe.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9305)
Vor 13 Jahre

 Orphi: ja, ich nähe seit über 10 Jahren :) meine Abendgarderobe genauso wie den Großteil meiner Alltagssachen. Abendgarderobe heißt bei mir: Reifrock-Kleider und historisch inspiriertes, andere Leute haben für den Zweck halt nen chicen Anzug oder ein modernes Abendkleid im Schrank. Meine Festtagskleidung für eher „normale“ Anlässe sind ebenfalls historisch inspiriert, nur dann ohne große Rockunterbauten und generell zurückhaltender. Für mich sind die Kleider keineswegs Kostüme, und ich denke das merken die Leute auch. Alltags bin ich freilich nicht in Reifrock unterwegs, oder mit Klamotten wo ich Korsett drunter tragen muss, aber wenn ich in freier Wildbahn in großer Robe unterwegs bin, fragen mich Leute tatsächlich nie nach dem „Kostüm“, sondern wollen Auskunft darüber, welche Tracht ich da trage *g* entsprechend halte ich mich von typischen Kostüm-Materialien möglichst fern und nehme, soweit es machbar ist – möglichst hochwertige Materialien. Es sind schließlich meine Klamotten, und in den Sachen will ich mich in jeder Hinsicht wohl fühlen. Andere fühlen sich in schlichtem Hemd und Hose wohl, was ja genauso absolut OK ist. Verkleidung wäre für mich das Business-Kostümchen, am schlimmsten noch in pastellfarben *schüttel* – was andere Damen sicher wieder anders sehen und sich im Reifrock wohl fehl am Platz fühlen würden.

Angegriffen fühle ich mich nicht :) ich bin gern bereit da Rede und Antwort zu stehen, wenn jemanden die persönlichen Hintergründe interessieren, warum ich (denn auch hier kann ich nur sagen, daß ich verlässlich lediglich über meine Beweggründe sprechen kann, und nicht über die Anderer) eben so rumlaufe wie ichs tue. Wenn mir meine Ausführungen dann noch ein größeres „Spinner“-Etikett einbringen – auch wurscht. Exzentriker und Spaß dabei *gg* bin halt so und nicht anders.
Oberflächlich betrachtet finde ich die Kleiderformen alter Epochen weit schöner als zeitgenössische Mode. Diese hat für mein Empfinden (ohne es generell verallgemeinern zu wollen, immerhin kommt es auf die Person an die in sowas steckt) einen gewissen Wegwerf-Charakter. Irgendwas ist plötzlich modern, was skurrilerweise ein paar Jahre vorher als total unchic und hässlich galt (Stichwort Leggins … so als Beispiel) – und alle tragen es ohne (scheinbar?) nachzudenken. Dann kommt der nächste Trend und die Sachen werden ausgemustert für die neuesten Trends.
Früher war Kleidung wertvoll und wurde entsprechend behandelt. Der Aufwand der da reingesteckt wurde war sogar in Epochen in denen es noch nicht mal Nähmaschinen gab teilweise immens – da ich auch Living-History interessiert bin hab ich einige Selbstversuche mit handgenähten Kleidern nach historisch korrekten Nähtechniken hinter mir, sowie den wahnwitzigen Versuch ein elizabethanisches Gewand per Hand zu besticken – und ich habs nach 3 jahren Arbeit daran aufgegeben ;) – das beeindruckt mich und hat auch mein Verhältnis zu Kleidung mit beeinflusst. Du gehst halt automatisch anders um mit selbstgenähten Kleidern als mit Massenware von der Stange, und wenn die noch komplett mit Seidenfaden handgenäht sind, dann ist das ein kleiner Schatz für einen selbst. Natürlich nähe ich nur die Living History Klamotten per Hand, für den Rest hab ich meinen kleinen Maschinenfuhrpark (der kürzlich um eine Overlock erweitert wurde *maschinchen streichel* *g* ).
Die Kleider sind natürlich stellvertretend für allgemein den Umgang mit Konsumgütern, und die Tatsache daß ich alles selbst mache was ich machen kann (was sich auch nicht nur auf Klamotten beschränkt), mein privates „ich mach da aber nicht mit!“-Statement in Bezug auf Konsum und „Wegwerf-Gesellschaft“. Für mich persönlich passt das schon irgendwie zum Grufti-Dasein.
Ich persönlich bin halt hobbybedingt in dem Fall Klamottenfixiert. Sicher müsste man das nicht mit entsprechend altmodischen Kleiderformen ausleben, nur habe ich halt auch das Interesse für historische Mode und fühle mich in 10 Meter drapiertem Stoff weit wohler als in Miniröcken und nem Top wo einem die halbe Oberweite rausfällt – bewusst überspitzt ausgedrückt ;)

Mit dem Selbermachen bin ich auch nicht auf die oftmals schlecht verarbeitete Stangenware aus einschlägig bekannten Düster-Klamottenläden angewiesen. Ich mach mein eigenes Ding, entwerfe mir meine Sachen selbst und bin auch innerhalb der Szene aus der derzeitigen schwarzen „Modeindustrie“ vollkommen raus. Für mich haben solche Ladenketten weit weniger mit der Szene zu tun, als das selbst machen und kreativ sein. Wie auch schon irgendwo angesprochen wurde – in den 80ern gabs auch noch keine Dunkelklamotten-Läden, da haben viele zur Nadel gegriffen, auch wenn historisch beeinflusste Klamotten zu der Zeit noch kein Thema gewesen sein mögen.

Selbstinszenierung ist ja auch irgendwo Szenetypisch, warum ich daran so viel Freude habe – da möchte ich grade nicht weiter drauf eingehen, aber aus dem Grund weil ich eh schon einen halben Roman (mal wieder *hust*) von mir gegeben habe und ich schon seit ner Stunde eigentlich am weiterarbeiten sein sollte ;) – wir können dieses Thema aber auch gern per mail weiterführen, falls Du überhaupt magst, denn da sind dann ein paar weit persönlichere Dinge mit im Spiel :)

Sorry, Robert für viel Babbeln – noch dazu nicht so ganz zum Thema passend ;)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@ Rosa
Nur ganz kurz, weil ich auch arbeiten muss:Eine super-interessante Erläuterung und Erklärung, die mich das – zumindest in deinem Fall – verstehen lässt. Es beeindruckt mich sogar auf eine gewisse Weise, weil ich nicht vermutet hätte, dass so viele „Gedanken“ dahinter stecken. Dennoch habe ich natürlich einige Kritikpunkte oder auch Fragen dazu im Kopf. Das Angebot mit der E-Mail nehme ich sehr gerne an – ich werde mich melden. Sonst wird das hier wirklich reichlich Off-Topic ;-)

von Karnstein
von Karnstein(@karnstein)
Vor 13 Jahre

 Orphi :
Ich verstehe nicht so ganz inwiefern jetzt der explizite persönliche Stil etwas mit mehr oder weniger aufgestylet zu tun hat – vorausgesetzt dass man so oder so von der Norm abweicht.
Ich persönlich fühle mich mit Pluderhosen, Pikes, zerfetztem Netz und viel Metall nicht mehr oder weniger aufgestylet als ich es mit Rüschenhemd, Brokatweste und Gehrock tu – nur einfach anders. Beides trage ich im Alltag wie auch beim Ausgehen, je nach Laune. Nur kommt eben beim Ausgehen (ganz wie Rosa es auch schon beschreibt) natürlich gerne noch mal etwas mehr dazu, weil man sich eben betont chique macht. Bei Damen wie Rosa ist es vielleicht der Reifrock oder die Tornüre, bei mir ist es der Dreispitz mit der Pfauenfeder.

In der schwarzen Szene hat es in meinen Augen auch durchaus etwas verloren, vorausgesetzt man betrachtet die schwarze Szene nicht nur als Wave- oder Goth-Szene. Goth im Sinne der deutschen 80er ist die romantische Klamotte sicherlich nicht, keine Frage.

Aber ich denke, das mag mit dem Begriff „Gothic“ an sich zusammenhängen, dessen ursprünglichere (in der Romantik um 1800 verwurzelte Bedeutung) Ende der 1980er einen konkreteren Einfluss auf die Szene gehabt zu haben scheint. Man schaue sich allein die Namen von Bands wie „House of Usher“ oder „Nosferatu“ an, die sich auf Gothic-Stories des 19. Jahrhunderts beziehen. Sean Cronin von den „(Screaming) Marionettes“ etwa gab 1987 an, er interessiere sich mehr für den originalen Gothic der Romantik-Ära und er kleidete sich auch schon entsprechend.
Und ich denke, so wird es vielen gegangen sein. Man hat den Begriff „Gothic“ von seinem rein auf die Atmosphäre der Musik bezogenen Status befreit und quasi eine Stufe weiter nach hinten gesetzt und die Romantik mit all ihren schauerhaften, morbiden Themen konkreter für sich entdeckt, die Autoren wie Poe, Stoker, Shelley, Hoffmann oder auch Goethe vorgelebt haben.

In einem englischsprachigen Forum wurde ich lapidar zurückgewiesen mit der Äußerung ich als Samtlappen sei nicht „goth“ sondern „gothic“… was in sich erstmal bizarr wirkt (und sicherlich sehr kleinkariert ist), aber auf jeden Fall einen Funken Wahrheit in sich hat.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@ von Karnstein

Ich glaube, dass die Welt einfach nicht romantisch ist und dass die Schwarze Szene mit ihrer dunklen und eher kalten Ausstrahlung (zu Beginn) einen Gegenpol zu „Friede, Freude, Eierkuchen“ gebildet hat. Vielleicht erscheint mir der pompöse, romantische Kleidungsstil deshalb so szenefremd. Das zerfetzte Netzhemd mit kühlem, schlichten Schmuck passt da eher.

Ich sehe wohl, dass sich außerhalb des ursprünglichen Kerns viele Strömungen bilden. Einige finde ich interessant und ich mag beispielsweise Mittelaltermärkte sehr gerne. Ich habe auf Rosas Seite die Videos zu diesem viktorianischen Frühstück und zum viktorianischen Tanz auf dem WGT gesehen. Finde ich faszinierend und es gefällt mir. Aber es hat für mich einfach alles nichts mit der Szene und vor allem nichts mit der Realität zu tun – eher mit Entertainment. Ganz wichtig: Ich finde das alles okay, kann aber schlicht den Bogen zu „meiner Szene“ nicht kriegen.

Vielleicht kann ich es so erklären: Ich liebe Star Trek und die damit verbundenen „Botschaften“. Es ist schön , wenn Leute sich auf einer Convention phantasievoll als Vulkanier, Klingonen oder Ferengi verkleiden. Vor allem, wenn sie die Kostüme auch noch selber nähen. Ich habe allerdings Probleme damit, das als individuellen Kleidungsstil zu sehen, wenn jemand täglich als Ferengi durch die Gegend läuft. Selbst wenn es als Protest gegen die Profitgier oder auch nur aus Liebe zu einer bestimmten „Stimmung“ gemeint ist, wirkt es übertrieben.

Bei schlichter (!), schwarzer Kleidung mit szenetypischen Details (Pikes, Doc Martens, Ledermäntel, Netzhemd und Co) habe ich diesen Eindruck nicht. Aber das mag eine sehr subjektive Einschätzung sein. Außerdem muss ich wohl dazu sagen, dass ich auch hier eher auf Natürlichkeit als auf Show stehe.

Poe, Stoker und mein persönlicher Favorit Goethe waren Schriftsteller, die mit ihrer Kunst – mitunter gesellschaftskritisch – aktuelle Themen der jeweiligen Epoche aufgegriffen haben oder einfach Stimmungen und Emotionen erzeugt haben. Rückbesinnung und Bezüge auf literarische Vorlagen und Bilder finde ich gut. Aber Stoker hat sich niemals als Dracula verkleidet!

Abgesehen von all dem:

Ich finde ganz und gar nicht, dass das englische Forum auch nur ansatzweise Recht hat. Man grenzt niemanden wegen der Optik aus. Das wusste mein Sohn schon mit 6 Jahren. Sorry, aber das ist doch Kinderkacke…echt.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9326)
Vor 13 Jahre

Fragts nicht wie lang ich jetzt getippt habe *schnauf* … da ist nochmal doppelt so viel Text Ausschußß weil Orphi in der Zwischenzeit gepostet hat und ich meine Antworten umschmeißen musste. Maaaann, ich muss weiternähen *g*

Für mich ist die Szene als Gegenpol zur „Heilen Welt“ Utopie genauso noch wichtig, Klar hat sich die Szene sehr drastisch verändert, doch ich definiere mich nicht über dieses aufgeblähte Gebilde das die Szene heute ist, auch mir gehen da einige Dinge gegen den Strich, trotzdem finde ich immer wieder Leute die sich in ihr bewegen, die mir ähnlich ticken, seien es echte Grufti-Urgesteine, aber auch Gleichaltrige und junge Leute. Ich treffe Querdenker und andere Exzentriker und Exoten, genauso wie schlicht Schwarzgewandtete, die mit der schönen bunten „Heilen Welt“ der Spaßgesellschaft nichts anfangen können und wollen. Klar hat sich der Zeitgeist seit den 80ern verändert, und auch die Gründe sich in der Szene zu bewegen.
Ich habe die Sichtweise von wem der seit den 80ern „dabei“ ist natürlich nicht, aber ich bin auch kein junger Hüpfer mehr. Die 80er hab ich zwar erlebt, aber nicht gerade in einem Alter wo man vom Lebensgefühl so viel mitbekommen hätte, geschweige denn irgendwie drauf reagiert hätte, da musste ich bis zu den 90ern warten mit meiner persönlichen Sturm-und-Drang-Zeit ;) .
Momentan fühle ich mich fast ein wenig wie der Herr im Rokoko-Anzug aus dem Artikel, der vom Grufti-Urgestein wegen seiner – laut Bildunterschrift – „neuen Wege in Sachen Gothic-Outfit“ nen Vogel gezeigt bekommt *lach*

Nein – ich nehms Dir natürlich keineswegs krumm, Orphi ;) , ich finde es angenehm wenn sich wer für meine Beweggründe interessiert und nachharkt. Letztlich zeigen einem solche Gespräche auch manchmal neue Dinge die man über sich selbst noch nicht wusste oder noch nicht so betrachtet hat. Da lass ich mir gern vom Altgrufti den quasi verbalen Vogel zeigen *amüsiert grins* :D

Ich verstehe schon, warum die schwarzromantischen Roben für Dich, Orphi, als szenefremd erscheinen, denn so gesehen haben sie – wie Karnstein auch sagte – mit den Anfängen nichts gemein. Meine Sichtweise auf die Szene ist – obwohl ich mich bewusst erst später dort bewegt habe – von den 90ern geprägt. Da kamen die Romantik-Typen ja erst auf, haben sich aber inzwischen genauso in die Szene mit rein verwachsen, ja gehören inzwischen selber mit zu den „Alten“ – kann mir aber jetzt auch vorstellen daß diese Aussage die 80er Gruftigeneration ein bissl zwickt ;) . Im Gegenzug kenne ich auch Kommentare von noch Jüngeren die von „meinem klassischen Grufti-Stil“ redeten – mir ist und war aber auch bewusst daß der „klassische Grufti-Stil“ anders aussieht, aber als Goth sehe ich mich dennoch.

Mir persönlich würde ohne das Extrem-Auftakeln etwas fehlen. Und zwar ein Teil von mir selbst. Ich kann nicht beurteilen wie es in den 80ern war – wie schon gesagt – ich entnehme aber reihenweise alten Zeitungsartikeln, respektive den abgedruckten Bildern, daß es damals auch schon Styling-Extremisten gegeben haben muss. Freilich nicht in historisch angelehnten Gewändern, nur bin ich auch schon ein paarmal über Aussagen gestolpert daß sich einzelne Personen auch beispielsweise für Mittelalter interessierten und in ihrem Styling ihre Interpretation dazu einfließen liessen. Als Beleg fällt mir die Doku-Vorschau ein die neulich ASRianerin unter einen von Roberts Artikel gepostet hatte. Der Bericht war glaub ich von 1987 (Übrigens würd ich den auch gern mal komplett sehen!).

Ich mutmaße jetzt mal daß diese Extremisten auch damals schon eher die Minderheit waren, aber wie standen die gemässigteren Grufties damals dazu? Auch „Show“? Das Mädel aus der Doku machte nicht so den Eindruck auf mich, aber vielleicht weil ich nachvollziehen kann was so ein extremes Auftreten für einen selbst bedeuten kann.
„Realitätsfremd“ finde ich dabei jedoch daß dem Mädel das Äussere wichtiger ist als eine Lehrstelle. Bei aller Liebe zum extravaganten Auftreten, mir ist bewusst daß man im Berufsleben Kompromisse eingehen muss, zumindest in manchen Jobs. Die bin auch ich bereit einzugehen wenn es nötig ist, nur bisher hatte ich da Glück und konnte ziemlich tun und lassen was ich wollte. Wird sich erstmal auch nicht ändern.
Natürlich haue ich tagsüber nicht so auf, die großen Gewänder sind wie gesagt Abendgarderobe – ich denke ich bin alltags weit „urguftiger“ unterwegs. Ich steh auf Mäntel, ich trage fast nur Pikes und liebe mein zurechtgeschnibbeltes Bauhaus-Shirt. Dazwischen gibt es aber auch Röcke nach historischen Originalschnitten die für mich normale Strassenkleidung sind, und einiges was auf alltagstaugliche Art historisch angelehnt ist.
Wahrscheinlich rückt das das Bild ein bisschen weiter in die „Kostüm“-Ecke wenn ich zum Ausgehen dann kräftig reinlange und so die Kluft von Alltag zu Abendgarderobe weiter aufklafft, andererseits würde Otto Normalbürger auch nicht mit Frack in die Arbeit gehen, und wiederum andererseits fühlt sich manch Normalbürger auch in moderner Abendgarderobe schrecklich verkleidet, wenn er denn mal sowas anziehen muss. Ich denke das kann man als Analogie durchgehen lassen – Du schreibst ja daß Dir „Natürlich“ lieber ist, Orphi, ergo ist völlig logisch daß Du beipielsweise in einem Reifrock-Kleid verkleidet wärest, während ich halt auf Abendgarderobe ziemlich stehe ;) – für Dich ist es „Show“ – ich kanns auch gewissermaßen nachvollziehen weswegen es für Dich so rüberkommt – für mich ein Ausdrucksmittel das mir wichtig ist, und zwar nicht notwendigerweise als „Show“.

So, mir geht noch viel zu viel durch den Kopf, ich lass hier besser mal gut sein für heute … nur eins noch – in Bezugnahme auf den Artikel:

Und nach dem ersten, zugegeben oberflächlichen Interesse an dem Kleid der türkis-gewandeten Dame aus dem Artikel, würde es mich eigentlich noch mehr interessieren, welchen Beweggrund sie hatte sich so rauszuputzen, besonders wenn behauptet wird daß sie zu dem Zeitpunkt zu dem der Artikel geschrieben wurde, schon bei den Szene-Anfängen dabei gewesen sein muss, und ziemlich sichtbar ja (nach über 10 Jahren immer noch?) einigen Aufwand betreibt. Da frage ich mich ob sich unsere Ansichten überschnitten hätten, oder ob ihr Hintergrund ein völlig anderer wäre.
Und wenn sie wirklich eine von den ganz alten Hasen ist, dann ist sie ganz offensichtlich ja auch mit den neuen Strömungen der frühen 90er mitgezogen und nicht dem klassisch-wavigem Stil treu geblieben …

von Karnstein
von Karnstein(@karnstein)
Vor 13 Jahre

 Orphi :
Hm, ich glaube im Großen und Ganzen muss ich dir (beziehungsweise deiner Argumentation) vorwerfen, dass du einfach recht subjektiv vorgehst. Du findest den Bezug zu deiner Szene nicht, du magst keine Show, dir gefällt Klamotte XYZ besser.
Das heißt aber nicht, dass es deshalb nicht in die schwarze Szene passt.

Der Vergleich mit Star Trek hinkt für mich insofern, als dass es sich für mich auf keine Weise wie eine Verkleidung anfühlt – einfach eben, weil ich es prinzipiell immer trage. Das ist für mich persönlich eines der großen Probleme in der Cyber-Ecke (die ich überhaupt nicht mag), wie auch in der gerade aufkeimenden Steampunk-Ecke (die ich allerdings sehr interessant finde). Beides macht mir den Anschein von Verkleidung zum Weggehen, und die Cyber mit denen ich mich unterhalten habe, haben dies tatsächlich auch bestätigt (Steampunk-Leute kenne ich leider keine).

Gothic-Autoren wie Stoker haben sich natürlich nicht unkonventionell gekleidet, nein, „Poser“ waren sie teils irgendwie dennoch:
Horace Walpole etwa ist bekannt dafür, dass er und seinesgleichen sich neo-gotische Lustschlösschen mit künstlichen gotischen Ruinen, Fake-Grabsteinen und Grotten bauten.
Er laß, was er „gothic“ nannte und schrieb mit „Castle of Otranto“ die erste „Gothic Story“ – er warf also nur so mit dem Begriff um sich und setzte sich mittels seines Anwesens auch sehr düster-exzentrisch in Szene.
Für meine Begriffe mag er damit als der erste Gothic der Weltgeschichte gelten.
Und die moderneren Gothics drücken es eben weniger durch Literatur und Anwesen aus, als durch Musik und Kleidung.

Als Dracula verkleiden hätte sich Stoker übrigens garnicht gekonnt, da dieser ganz normale, zeitgemäße Klamotten trug (wenn auch komplett schwarz). Und die „Schwarzromantiker“ die ich kenne VERkleiden sich auch nicht als Vampir, sondern sie KLEIDEN sich etwa so, wie die frühen Gothic-Künstler es taten, einfach nach der Mode ihrer Zeit (was aber nunmal eben unsere Vergangenheit ist und daher unkonventionell).

Ich habe großen Gefallen daran gefunden, kleidungstechnisch die für mich sehr schönen schwarzen 1980er nachzuempfinden obwohl ich damals noch ein Kind war, trage oft eben z.B. Stretch- oder Pluderhosen mit Pikes, etc. Aber eben nicht, weil Gothic nur so funktioniert, sondern weil es mir gefällt. Ebenso wie Romantik-Klamotten.

Ich würde es als Stillstand empfinden, wenn es solche Strömungen wie die der frühen 90er nie gegeben hätte, sowohl was Kleidung angeht als auch was z.B. die Neue Deutsche Todeskunst angeht. Das sind in meinen Augen neue Schritte gewesen, die nötig sind um das Ganze lebendig zu halten, die aber den Kern bewahren. Das Potenzial sehe ich auch bei neuen Erscheinungen wie etwa der Band „Stillste Stund“ oder dem Steampunk-Stil, aber man muss natürlich schon irgendwo auf eine gewisse Kontinuität achten, die in Bands wie „Agonoize“ und neonfarbenen Schläuchen etwa nicht geben ist (meiner widerum subjektiven Meinung nach jedenfalls).

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@Rosa

Du hast gesagt, dass ich als Alt-Grufti – hey,so alt bin ich gar nicht ;-) – dich – beziehungsweise den Kleidungsstil – kritisieren (ich nenne es „hinterfragen“) darf. Also los: Ich würde mir selbstverständlich verkleidet vorkommen, weil es eben eine Verkleidung ist. Ich weiß, ich bin manchmal ausgesprochen starrköpfig, aber ich will es begründen:

Du lebst nicht im Viktorianischen Zeitalter und meines Wissens nach noch nicht einmal in England. Du bist also keine Dame der englischen Mittelschicht oder des englischen Adels im 19. Jahrhundert. Du tust nur so, als wärst du eine… (optisch gesehen). Deshalb handelt es sich hierbei um eine Verkleidung, in der ein Mensch aus dem 21. Jahrhundert mitten in Deutschland steckt.

Ich persönlich finde einfach nicht, dass es ein individueller Kleidungsstil ist, wenn man sich als Vampir, Adlige Dame oder Gaukler stylt: Es sind Verkleidungen.

An dieser Stelle ein Schwenk zum Hinweis von von Karnstein: Mit Stoker hast du absolut Recht. Das war kein gutes Beispiel. Hätte er sich damals so gekleidet, wäre er kaum aufgefallen. Macht das heute jemand, ist es eine historische Verkleidung.

Ich meine hier aber eigentlich hauptsächlich die „Vampire“ der Szene, die sich falsche Eckzähne einsetzen lassen, farbige Kontaktlinsen tragen und sich gar sonderlich gebärden… Bei Rosa meine ich die pompöse Abendgarderobe, die ja nach historischen Mustern genäht wurde.

@von Karnstein

Dass das eine subjektive Sicht der Dinge ist, ist unbestritten. Ich versuche jedoch, zu begründen, warum ich nicht finde, dass das was mit „meiner“ Szene zu tun hat. Ich zitiere mal Wikipedia:

„Der Szene-Name geht dabei nicht auf das Volk der Goten, auf die Epoche der Gotik oder auf die Gothic Novels zurück, sondern ist grundsätzlich an einen in England entstandenen Musikstil angelehnt, der aufgrund seines dunklen und dumpfen Klanges und seiner verwendeten Themen als „schaurig“ empfunden wurde. Demgemäß existierte zwischen der Gothic-Szene und der Gotik-Epoche bzw. dem Mittelalter kein direkter Bezug, wie er in den nachfolgenden Jahrzehnten hauptsächlich von Außenstehenden fehlinterpretiert wurde.“

Das kann ich – im Gegensatz zu anderen Passagen dieses Wikipedia-Eintrags -so unterschreiben und ich könnte es auch nicht besser formulieren. Vielleicht verstehe ich deshalb auch die Hinweise auf die erwähnte Literatur nicht. Das sind doch zwei Paar Schuhe. Allerdings findet sich im Artikel auch ein Satz, der unsere Diskussion auf den Punkt bringt:

„Obwohl sie sich derselben Kultur zugehörig fühlten, unterschieden sich Goths, die sich an Horrorfilm- und Romanfiguren oder an Teilen der New-Romantic-Bewegung orientierten, schon früh von solchen, die eher dem Punk zugeneigt waren, sowohl was ihr Erscheinungsbild als auch ihre Lebensansichten anbelangte.“

Ich muss mich also korrigieren. Ich bin Punk und ihr seid romantisch ;-) – beides hat wohl seine Daseinsberechtigung in der Szene, weil es sich so entwickelt hat.

Das mit den Lebensansichten diesbezüglich finde ich jedoch sehr interessant. Ohne eine neue Diskussion zu entfachen: Warum schlägt man sich mit Brokat und Tüll, mit Samt und Seide optisch auf die Seite der Upper Class und verbringt viel Zeit mit dem „Styling“, wenn man sich gleichzeitig gesellschaftskritisch gibt und innere Werte und Tiefsinn betont? Oder stehen wir da einfach nur wieder auf verschiedenen Seiten?

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Nachtrag @von Karnstein

Wenn ich akzeptieren soll, dass eure neue Strömung ebenso zur Szene gehört wie die ursprüngliche Bewegung, dann kann ich auch bei Steampunk und Cybers keine Ausnahme machen. Das wäre inkonsequent und nicht nachvollziebar. Dann entwickelt sich das eben so. Oder? ;-)

Vizioon
Vizioon (@guest_9335)
Vor 13 Jahre

 Orphi: Duftiknufti! Etwas aggressiv, aber nett. Auch wenn ich Samt und Seide nicht unbedingt auf die Seite der Upper-Class stellen würde, vor allem, da ich nicht weiß, was das heißen soll. Seide trägt sich gut. Und kühl.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Oha…ich versichere, dass das absolut nicht aggressiv gemeint war…nur kritisch. Das mit der Seide war doch nur ein Sinnbild für den betont gehobenen Kleidungsstil.

Rosa chalybeia
Rosa chalybeia (@guest_9345)
Vor 13 Jahre

 Orphi: jetzt bin ich mal neugierig wie alt Du bist – falls ich das fragen darf. Musst nicht beantworten wenns Dir zu persönlich ist ;)

„Obwohl sie sich der­sel­ben Kul­tur zuge­hö­rig fühl­ten, unter­schie­den sich Goths, die sich an Hor­ror­film– und Roman­fi­gu­ren oder an Tei­len der New-Romantic-Bewegung ori­en­tier­ten, schon früh von sol­chen, die eher dem Punk zuge­neigt waren, sowohl was ihr Erschei­nungs­bild als auch ihre Lebens­an­sich­ten anbelangte.

Den Absatz finde ich so auch ganz zutreffend formuliert.

Ansonsten habe auch ich den Eindruck daß wir beide einfach von verschiedenen Seiten auf die Sache mit den historisierenden Klamotten sehen. Ich hab jetzt lang nachgedacht wie ich es am besten noch umformulieren kann, aber ich muss da heute mal kürzertreten da mir eine Migräne das geradeaus Denken etwas erschwert ;)
Ich verstehe grundsätzlich schon was Du meinst, ich hab nur das Gefühl daß ich Dir meine Sichtweise irgendwie schwer begreiflich machen kann, ich werds gern nochmal versuchen, aber erst wenn mein Schädel die Güte hat mich nicht mehr zu belästigen sondern ordnungsgemäß zu funktionieren *hmpf*

Ich werf aber noch einen Schwenk zur Musik ein, vonwegen romantische Sichtweise des Gruftdaseins und dessen Entwicklung – das wollte gestern nacht noch geschrieben werden, deswegen hab ichs auf Abruf schon parat ;)

Ich spinne das mal weiter in Bezug auf die musikalische Entwicklung – deren Anhänger folgen ja bekanntlich gerne den Künstlern stilmässig oder interpretieren ihre Ausdrucksform davon neu. Tatsächlich haben viele Bands die in den 90ern das „neue“ Genre von Neoklassik, Heavenly Voices etc formten, genauso ihre Wurzeln im Postpunk und Wave. Ich denke da an Faith and the Muse, Ataraxia, Love is Colder than Death, Dead Can Dance, Collection D’Arnell Andrea, und es gibt noch weit mehr. Die ersten Alben von ziemlich allen genannten Bands klingen mehr postpunkig, oft hört man diese Wurzeln auch bei neueren Alben noch sehr deutlich. Und parallel zu den alten Szenegrößen die weitläufiger bekannt sind, haben sich im Postpunk-Umfeld viele experimentelle Musikströmungen entwickelt, die meisten haben mit Wave und Postpunk angefangen und die Sache weitergesponnen. Auch der Bezug auf historische Musikformen ist kein neumodisches Phänomen, auch wenn vieleicht vermehrt ab der 90er im Neoklassik-Feld auf sowas zurückgegriffen wurde. Die haben für mich eben durch diese Entwicklung genauso einen berechtigten Platz in der Szene, anders sieht es aus mit Strömungen die fast vollständig von Aussen hineingerutscht sind – Metal, Mittelalter-Rock, Techno … mit letzterem habe ich auch so meine Erfahrungen und denke, ich kann beurteilen wo Cyber-Gebummer herkommt wenn ichs hör. Vom Industrial bekanntlich nicht – da stammen dafür Sachen wie Ritual, Darkambient und Martial Industrial ab, was bei schwarzromantischen Veranstaltungen genauso gespielt wird wie Neoklassik, Heavenly Voices, Neofolk (die ersten Death in June Alben sind ebenfalls sehr Postpunk, die „Erfinder“ dieses Musikgenres – Current 93 – haben auch so angefangen), und nicht selten bekommt man auch nen Wave-Klassiker bei solchen Veranstaltungen zu hören, da hüpfen Szeneurgesteine friedlich neben Reifröcken auf der Tanzfläche rum. Daher sehe ich auch die passenden stilistischen Formen von Cyber als weniger zur Szene passend als ein historisch inspirierter Fummel.

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@Rosa
Diesen Monat werden es 39 Jahre :-). Sturm und Drang also so etwa von 1986-1992, dann kurze Pause zwecks Arbeits- und Familienplanung und dann wieder so ab 1999 aus dem Untergrund aufgetaucht und in den Untergrund abetaucht. ;-)Ich hoffe, es geht dir besser und bin gespannt auf deine weiteren Erläuterungen.

von Karnstein
von Karnstein(@karnstein)
Vor 13 Jahre

Dem Wikipedia-Artikel widerspreche ich vehement.
Wie implizit aus dem Artikel ja auch richtig hervorgeht wurde das Wort „gothic“ von den Musikjournalisten natürlich mitnichten als Musikstil verwendet sondern einfach als Adjektiv „düster, morbide, melancholisch“. So weit, so gut.
Aber diese Bedeutung hat das Wort „gothic“ im Englischen eben nicht einfach so, sondern einzig und allein von der Gothic-Kunst der Romantik und Viktorianik (immer nur von der „Gothic-Novel“ zu sprechen wird den vielfältigen Kunstformen nicht gerecht).
Vor dieser Ära bedeutete „gothic“ in etwa „barbarisch, grobschlechtig, primitiv, heidnisch“ und natürlich letztlich auch „mittelalterlich“ (als man die mittelalterliche Epoche „Gotik“ nannte meinte man das deutlich abwertend!).

Wenn also ein Musikjournalist Ende der 60er die Musik der Doors als „gothic rock“ bezeichnet, und Joy Divisions Produzent deren Musik zehn Jahre später „dancing music with gothic overtones“ nennt, dann bedeutet das natürlich nicht „grobschlechtig wie im Mittelalter“ sondern „düster wie in der Schauerromantik“. Schlicht und ergreifend.

Natürlich hat sich damals kein Musiker jemals hingesetzt und gesagt „ich schreibe jetzt ein Lied, dass ich an die Gothic-Kunst von vor 150 Jahren anlehne“ – aber die Musiker der frühen Gothrock-Phase haben doch einige Stilmittel verwendet (und das mit Sicherheit größtenteils unwissentlich), die sich kunsthistorisch sehr wohl als „gothic“ beschreiben lassen.
Ich denke ja z.B. auch nicht, dass jemals ein Industrial-Musiker vorhatte etwas dadaistisches zu machen – und dennoch finden wir in der Frühphase das eine oder andere Stück mit deutlich dadaistischen Zügen.

Seit einer Weile schreibe ich an einer Anglistik-Hausarbeit in der ich versuche aufzuzeigen, inwiefern sich die frühen Alben von „The Cure“ relativ nahtlos in die Gothic-Tradition einreihen lassen (wobei ich mir natürlich bewusst bin, dass gerade Robert Smith bei sowas Krämpfe bekommt, weil es eben nie seine Intention war ^^).
Bei Interesse werde ich die gerne online veröffentlichen, wenn sie benotet ist.

Zu der Thematik empfehle ich übrigens das Buch „The Gothic Tradition“ von David Stevens.

„Ich muss mich also kor­ri­gie­ren. Ich bin Punk und ihr seid roman­tisch ;-) — bei­des hat wohl seine Daseins­be­rech­ti­gung in der Szene, weil es sich so ent­wi­ckelt hat.“

DAS ist das einzige, auf das ich die ganze Zeit hinaus möchte :)
Aber Gothic sind wir dennoch beide ^^
Versteht mich nicht falsch: Wenn du vehement beharrst und sagst „Karnstein, du bist kein Gothic“, dann hab ich damit kein Problem – ich identifiziere mich nicht über den Begriff, ich gehe nur sehr bewusst und offensiv damit um. Nur fand ich eben deine Argumentation nicht schlüssig.

Inwiefern sich „Horrorfilmen zugeneigt“ mit „Punk zugeneigt“ beißen soll verstehe ich nicht.
Was wäre denn dann mit Alien Sex Fiend?

Zu Steampunk und Cyber:
Da kommt dann sicherlich irgendwo auch wieder meine eigene Subjektivität ins Spiel, zugegeben ^^
Mir geht es einfach darum: Was ist Kleidung, und was ist VERkleidung?
Die Cyber stehen ja dazu, dass es eine reine Party-Verkleidung ist, daher ist das für mich etwas deutlich anderes. Zudem ist oft kein Funken Düsternis mit dabei (wie auch, mit Neon?), was eben ganz objektiv betrachtet ein entscheidendes Kriterium für Gothic in jedweder Form ist.
Cyber? Ok. Cyber-Goth? Nein, gibt’s nicht.

Beim Steampunk sehe ich allein schon aufgrund der inherenten Düsternis das Potenzial die schwarze Szene zu bereichern. Aber ich habe davon zu wenig Ahnung, als dass ich das schon beurteilen könnte.

Den musikalischen Aspekt hat Rosa ja sehr schön auseinanderklamüstert – kann ich nur unterschreiben ^^

Achja, und aggressiv kam es bei mir auch nicht wirklich an, nur energisch da sehr persönlich.
Ich hoffe, mit meinen Posts ist das ähnlich, denn die Diskussion mit Orphi macht mir Spaß und ich habe nicht vor sie oder sonstwen vor den Kopf zu stoßen ^^

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

@von Karnstein

Es sollte keineswegs der Eindruck entstehen, dass ich ein Revier verteidige und irgendwen wegen seines Kleidungsstils als mehr oder weniger „Gothic“ bezeichne. Schon allein deswegen nicht, weil ich mit diesem Begriff ohnehin nichts anfangen kann und weil mir die Intention dahinter (du gehörst nicht zu uns) sehr sehr fremd ist. So würde ich auch niemals sagen „Karnstein, du bist kein Gothic…“. Ich würde eher sagen: „Karnstein, ich finde dein Outfit übertrieben.“ Das ändert jedoch nichts daran, dass ich – nach dem, was ich hier lese – vermutlich 1 Million mal lieber mit dir und Rosa bei einem Wein/Kaffee/Irgendwas plauschen würde als mit schlicht schwarz gekleideten hohlen Nüssen, die mir zur Genüge auf den diversen Festivals begegnet sind. Es ist doch nur eine Diskussion über Strömungen und Outfits, über früher und heute. Eine Diskussion, die ich sehr interessant finde, auch wenn sie sicher nicht die Welt verändert.

Aus irgendeinem Grund, scheint uns die „Szene“, wie sie auch immer für den Einzelnen aussehen mag, sehr wichtig zu sein, weil wir uns über die entsprechende Musik und sicher auch über die Outfits „erden“ und einem gewissen Lebensgefühl treu bleiben. Im Bezug auf diese Aussage, sind eure Outfits keine Verkleidungen, das ist mir klar und da rennst du bei mir offene Türen ein.

Unabhängig davon bleibe ich jedoch bei der Aussage, dass ein historischen Kleid – getragen von einem Menschen des 21. Jahrhunderts – ein „Kostüm“ ist, das nichts mit einem individuellen Kleidungsstil zu tun hat. Mir erscheint es realitätsfremd und übertrieben- zumal ich die Aussage dahinter nicht verstehe, weil ich mich dem Adel und dem Klerus und deren modernen Nachfolgern nicht besonders verbunden fühle. Ganz im Gegenteil!

Im Bezug auf den Artikel oben, beziehungsweise die Bilder, erscheint mir allenfalls der Typ in der Mitte am rechten Seitenrand (mit der Freundin in Pink/Schwarz) „nicht verkleidet“. Alle anderen Outfits wirken auf mich wie eine Wettbewerb ums coolste Outfit auf Teenager-Niveau. Nein, das meine ich nicht aggressiv – es sind schließlich Teenager :-).

Möglicherweise liegt diese Sichtweise daran, dass mir – wie oben kurz erwähnt – die 90er Jahre rein szenetechnisch komplett fehlen. Ich bin irgendwann Anfang 2000 auf ein Festival gefahren und hab gedacht: „Hä, was ist denn hier los? Karneval oder was?“ Als mir dann noch irgendein Spinner auf der Bühne erzählte er wäre ein Vampir und das Publikum würde gleich zu Asche zerfallen, weil die Sonne scheint, dachte ich, ich bin im falschen Film (69 Eyes waren es glaube ich). Man möge mir diesen „Kulturschock“ verzeihen. In der Folge wurde ich zum ersten Mal mit den geistigen Ergüssen von neuen „Szenegrößen“ wie Oswald Henke konfrontiert, die mir die Welt erklären wollten, während sie sich ausschließlich und sehr unkritisch um sich selber drehten. Ich will das nicht näher ausführen, sonst krieg ich hier wieder eins auf die Mütze, empfehle aber zur kritischen Auseinandersetzung die Rubrik „Henke Digital“ auf seiner Webseite.

Gut, ich habe die 90er theoretisch durch entsprechende Berichte und Artikel nachgeholt und steh nun in schlichtem Schwarz auf Festivals zwischen historisch gekleideten Damen, Gauklern und Mägden, Vampiren und der Neon-Fraktion rum und picke mir die Sachen raus, die ich gut finde. Dass ich nicht dieses „Geistes Kind“ bin, kann am Alter liegen. Aber manchmal möchte ich doch ganz gerne verstehen, was „diese (schwarze) Welt (eigentlich noch) im Inneren zusammenhält.“ Sehr poetisch, was? :-)

Du siehst, ich betrachte die Sache nicht so wissenschaftlich wie du – eher subjektiv und emotional.

Jetzt bin ich gar nicht auf deine – sehr interessante – Hausarbeit eingegangen. Robert Smith würde dir wahrscheinlich nen Vogel zeigen :-) Ich würde die Arbeit dennoch gerne lesen.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9357)
Vor 13 Jahre

 Karnstein: ja bitte! Die Arbeit würde mich auch sehr interessieren :)

 Orphi: Ums der Fairness halber dazuzusagen: ich selbst bin Baujahr 1980 und hab heuer logischerweise die magische 3 vorndran geknackt ;) – Danke fürs Beantworten der Frage, im Übrigen :)

Abgesehen davon glaub ich, daß wir uns langsam tatsächlich dem springenden Punkt nähern – Verständigungstechnisch. Oft sprechen Menschen trotz der gleichen Landessprache trotzdem in gewissem Sinne völlig verschiedene Sprachen.

Wenn ich die Aussage „Moderner Mensch in historischem Kleid wirkt Verkleidet“ so dahstehend und alleine betrachte, mus sich Dir auch recht geben. Auch daß es womöglich keinen individuellen Stil darstellen mag. Den Eindruck habe ich auch deutlicher, wenn ich auf Living History Veranstaltungen rumlaufe wo einmal die Klamotten bei sehr guten Gruppen historisch extrem korrekt ist und kaum Freiheiten für den eigenen Geschmack lassen, mehr noch, die Herrschaften sich auch Charaktere zulegen die sie bei den Veranstaltungen darstellen – noch dazu da die meisten tatsächlich Darstellungen über ihre wahren Verhältnisse machen – wird da gerne das „Prinzessinnensyndrom“ genannt.
Ich habs nicht so mit dieser Form von Darstellung da ich mit meinem Stil eben das Gegenteil machen möchte – mich selbst frei ausleben dürfen, nicht jemanden darstellen der ich eigentlich nicht bin. Zum Glück ist die Gruppe mit der ich hie und da mal unterwegs bin verträglich – sonst würde ich nicht mitgehen. Im Grunde vermeidet man die gröbsten modernen Begriffe und redet – zum Glück – sonst recht normal. Wenn mich auf nem Mittelaltermarkt beispielsweise wer geschwollen von der Seite anbabbelt, dann neige ich auch eher zu nervösen Zuckungen *g* was ich in dem Bereich „historische Darstellung“ aber weit mehr mag ist einmal die Form von „erlebbarer Archäologie“ wenn man die Klamotten wirklich nach authentischen Vorgaben von Hand zusammennäht, und das geht weiter als nur das Erlebnis, was hergestellt zu haben, wie ich weiter oben ja sagte – man bekommt förmlich ein Gefühl dafür wie damals das Verhältnis zu Kleidung, ja generell zu Gütern war, und das steht ja im krassen Gegensatz zu der Realität heutzutage, wo Leute Dinge so bereitwillig wegwerfen und sich schnell mal was neues kaufen. Freilich gilt das nicht für alle Leute, wer knapp bei Kasse ist hat auch heute ein anderes Verhältnis zu Waren. Nur eben der Grundton der heutigen Zeit ist für mich eben diese Wegwerf-Gesellschaft. Deswegen mache ich selbst was ich selbst herstellen kann. Nicht primär historische Kleider, aber die haben wie gesagt meine Sichtweise auf die Dinge verändert. Um nochmal auf historische Darstellung zurückzukommen: ein weiterer für mich interessanter Punkt ist dadurch auch anderen Leuten ein Stück Geschichte näherzubringen, so war ich zB auch schonmal im Museum „lebendes Exponat“ und hab mit Freunden und Gleichgesinnten den Besuchern etwas über Herstellung und Kleidung vergangener Epochen erzählt.

Dieses Hobby hatte eben auch stilistisch einen starken Einfluß einmal auf meine Abendgarderobe, und wie ebenfalls gesagt, genauso auf meine Strassenklamotten. Der oberflächliche Teil daran ist klar – ich finde es schön, mir gefällts, ich fühl mich wohl in meiner Haut. Nur gibt es einen Unterschied ob ich für ein authentisches Kleid entsprechend arbeite, oder ob ich mich bei altmodischen Stilelementen bediene und die neu interpretiere und sie so in meinen Kleidungsstil einfließen lasse. Ein originales Schnittmuster macht noch keine authentische Klamotte. Da hängt noch mehr dran, vornehmlich Material und Farbe, und für die ganz Harten die Verarbeitungsweise bis hin zu 100% Handbetrieb. Würd ich weder bei Abendklamotten noch bei Strassensachen machen, egal wie original der Schnitt ist. Dann kommt noch dazu wie man die Sachen trägt – eine Dame um 1905 hätte zu ihrem Rock sicher kein Trägertop und ein halbes Kilo Silberarmreifen getragen, oder Pikes ;) im Gegensatz zu mir, trotzdem ist und bleibt der Rock nach einem Originalschnitt von 1905. Genausowenig wäre „frau“ um 1880 auf die Idee gekommen eine Taille (a.k.a jackenartiges Oberteil) zu Röhrlhosen und Stiefeln zu kombinieren. Oder hätte das Korsett gar obendrüber getragen – das war unverschämt unanständig ;)

Mir selbst geht es auch kein bisschen darum, mit den historisch inspirierten Klamotten – nicht historisch authentisch ;) – mich auf die Seite von Adligen und Reichen zu schlagen, aber den Vorwurf müssen sich die Dunkelromantiker nicht selten anhören, ich gestehe durchaus daß es so wirken mag auf unbeteiligte Aussenstehende. Und ich möchte auch nicht absprechen daß es auch unter den Leuten diejenigen gibt die mit dem großen Fummel tatsächlich ihr Verhalten verändern, das generell als netten Verkleidungsspaß betreiben oder sich super elitär vorkommen. Das zieht automatisch Leute die ihre eigene Herangehensweise für einen solchen Stil besitzen, leider auch immer mit in diese Ecke, deswegen wehre ich mich grundsätzlich gegen das Etikett „Elitärer Club“ wenn das irgendwo anklingt.
Ich denke, ich hätte den Typen der auf der Bühne die Vampirnummer abgezogen hätte, genauso für nen Spinner gehalten *g* – auch bei den Dunkelromantikern treiben sich die einen oder anderen Gestalten rum die ganz fürchterlich geschwurbelt daherblubbern. „Zefix, red deutsch mit mir!“ denk ich mir jedes mal wieder … oder „man“ wunderte sich wie ich es mit einem Outfit vereinbaren kann, bei Sisters meinen Reifrock auf die Tanzfläche zu packen – freilich mit mir drin *g* – ganz einfach weil ich mich nicht passend für die Veranstaltung verkleide sondern ziemlich konsequent meinen eigenen Stil so durchziehe.

Letztenendes kann kein Aussenstehender für einen beurteilen, was Kostümierung ist und was nicht, man muss sich die Mühe machen nachzufragen, daher stehe ich gerne Rede und Antwort ;) – die Realität ist eben viel Vielschichtiger als pauschal zu sagen – die trägt nen Reifrock, das ist zwingend ein Kostüm!

Dazu kommt eben auch daß die allerwenigsten Dunkelromantiker wirklich authentische Kleider tragen, der Großteil bevorzugt eben angelehnte Kleider aus modernen Materialien die auch bei den Stilelementen mehr modern interpretiert sind, grade weil sich die Leute lieber kreativ austoben statt sich von historischen Vorgaben einschränken zu lassen. Ich denke, den Punkt sehen auch viele Leute nicht, die nicht selbst das Interesse an altmodischen Klamotten haben ;) und auch Anhänger der historisierenden Kleider geraten immer wieder mit Authentikern aneinander. Ich mag beide Herangehensweisen – das authentische wegen oben Beschriebenem, das historisch Angelehnte weil ich da frei bin zu tun was mir in den Kram passt, bzw auch Einzelteile mit garnicht historischen Teilen zu kombinieren. Also ich behaupte mal schon daß das individuell ist, oder?

Ich bin also eindeutig ein moderner Mensch und wollte da nichts dran ändern, letztenendes ist der Vorteil der Gegenwart ja, daß ich nicht durch Gesetze eingeschränkt bin in dem was ich trage, niemand schreibt mir eine Mindest-Kragengröße vor oder verbietet mir bestimmte Farben. Es ist mir nicht verboten ein Männerhemd anzuziehen oder mich quasi über meine Verhältnisse zu kleiden. Jobbedingte Kompromisse seien da aussen vor, selbst wenn ich welche eingehen müsste, in meiner Freizeit könnte ich dennoch anziehen was ich wollte. Dazu kommt daß ich die handwerkliche Fähigkeit habe, mir solche Riesenroben anzufertigen – . schon das Nähen an sich macht mir Spaß, je aufwendiger, umso mehr Freude – das lass ich doch nicht im Kleiderschrank hängen, oder? Und dann eben der Punkt daß ich durchs Selbernähen kein Kunde für die Modeindustrie bin, ich mache mir meine eigenen Gedanken und bediene mich lieber bei alten Epochen statt dem was irgend ein Hirsch grade als „modern“ bezeichnet. Ich habs ja schonmal kurz angesprochen – natürlich muss man nicht mit historischen Stilelementen arbeiten, ich könnte, wenns nur dadrum ginge eben kein Geld bei Klamottenladen-Ketten zu lassen, genauso stinknormale Hosen und Shirts nähen, aber mir persönlich ist das zu langweilig. Und für mich sind eben die historischen Elemente auch ein Statement eben gegen die moderne Gesellschaft, mit der ich oft nichts anfangen kann, vielleicht ein wenig auf altmodisch empfundene „Werte“ wie Höflichkeit, anständiger Umgang miteinander. Die vermisse ich bei der heutigen Welt oft, oder frage mich beispielsweise was aus dem anständigen Umgang mit Sprache geworden ist, wenn sich vor mir mal wieder zwei Tiefhosenträger mit Halbsätzen, durchzogen von „Ey Alder!“ verständigen. Klar muss man auch für solche Standpunkte nicht gleich zu historischen Klamotten greifen, aber es ist eben mein pesönliches Mittel der Wahl eben auch optisch die Abgrenzung zu ziehen. Manchen reicht schlicht schwarz vielleicht aus, das ist genauso völlig in Ordnung, ich will da aber noch einen Schritt weiter gehen, weil es ästhetisch ist, ich mich so wohler fühle und ich eben diesen eben dargelegten Bezug und Hintergrund dazu habe.

Ich kann auch verstehen daß der Punkt ein guter Ansatz für Kritik ist, letztenendes nehme ich mir einerseits ja die moderne Freiheit mich stilistisch auszutoben und mich nicht in Geschlechterrollen-Bilder pressen zu lassen, besinne mich trotzdem auf mache „altmodische“ Dinge. Zugegeben, Dunkelromantiker neigen auch dazu die vergangenen Epochen sehr zu verklären und zu idealisieren. Sogar Reenacter tun das. Trotzdem habe ich auch heutzutage die Freiheit mir mein Weltbild so zusammenzustellen wie es mir entspricht. Mich durch diesen Prozess quasi auch selbst zu finden und mir selbst näher zu kommen, ich nehme aus alten Epochen die Mode und einige Wertvorstellungen mit, lass den Rest der mir nicht passt aber weg. Vielleicht empfinden das einige wieder als inkonsequent, aber wer kann mich heutzutage denn schon wirklich dran hindern? Oder so gesagt: ich suche mir meine eigenen Ausdrucksformen und Symbole um das was in mir drin ist sichtbar zu machen, natürlich versteht man das nur durch Sehen nicht unbedingt, weil es eben meine ganz persönlichen Mittel der Wahl sind, die mir aber eben wichtig sind und die ich entsprechend auch nicht für Andere so gewählt habe, denn letztenendes muss ich allein meinen Lebensweg finden, wie ich dazu stehe und wie ich eben am besten ich selbst sein kann, egal ob ein Aussenstehender das als spinnig und bescheuert empfindet. Aber wenn ich selbst nicht zufrieden bin und mich mit dem was ich tue wohl fühle, werde ich auch mit anderen Menschen entsprechend umgehen.

So, wer bis dahin überlebt hat, kriegt n Keks *g*

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Keks her!!!! :-)

Heißt das. ihr redet dann auch komisch und nennt euch „Lord“ und „Lady“? :-) Dann müsstet ihr aber eigentlich englisch sprechen, oder geht es da nicht nur um das Viktorianische Zeitalter? Ich habe ehrlich gesagt gar nicht gewusst, dass es Living History Veranstaltungen gibt. Das wäre ja mal ein interessanter Beitrag fürs Radio. Auch mit dem Seitenschwenk auf die Näherei und die Museumsgeschichte. Eine Interview-Partnerin hätte ich ja schon :-)

Ich hab mich angesichts der Diskussion mal ein wenig mit New Romantic in den 80er beschäftigt. Ich hab damals ja auch nicht alles mitbekommen. Ich bin dabei auf „Visage“ gestoßen, weil ich mich dunkel dran erinnern konnte, dass die sich auch angemalt haben.

Zitat Wikipedia zur Band…

…Als das Billy’s 1979 zu klein wurde, zog der Club in die Great Queen Street im Stadtteil Covent Garden um und nannte sich Blitz. Das Blitz galt als der Ursprung für die Modebewegung New Romantic, da Strange dort als Türsteher berüchtigt dafür war, nur die als Blitz-Kids bekannten, modebewussten Gäste einzulassen…

Da scheint es ja zumindest diesen elitären Modegedanken gegeben zu haben.

Dann im Beitrag über die New Romantics:

…Die Bewegung wurde als elitär und mit einer lasziven Neigung zur Dekadenz betrachtet.Ihre Präsentation einer nostalgisch-romantischen Popwelt stand im krassen Gegensatz zur Lebensrealität der Jugendlichen in Großbritannien der 1980er Jahre, die geprägt war von Arbeitslosigkeit und einem harten sozial- und wirtschaftspolitischen Reformkurs der Thatcher-Ära….New Romantic wurde zum Synonym für den Ausverkauf des New Wave. Wie die Punks lehnten auch die frühen Goths diese Kommerzialisierung ab…

Sehr lustig in diesem Bericht….und ich habe es bis heute nicht gewusst:

„Ein Leserbrief vom 1. Januar 1981 im britischen Musikmagazin Sounds war ein Höhepunkt in einer ständigen Auseinandersetzung zwischen Punks und New Romantics.“

Scheint sich bis heute nicht ganz geklärt zu haben, was? :-)

von Karnstein
von Karnstein(@karnstein)
Vor 13 Jahre

Im Prinzip sind wir ja mehr oder weniger auf einen Nenner gekommen, wenn man das so nennen mag. Daher (zumindest erstmal) nur ein paar Kleinigkeiten:

Aufgeschwurbeltes Geblubber mag ich garnicht… Es gibt Leute (die ich durchaus mag), die so ihren Spaß daran haben in ihrer Wortwahl in PNs etc. mal so richtig einen auf barocker Edel-Otto zu machen, oder was sie dafür halten. Da frage ich mich immer, wie sie reagieren würden, wenn man mal ganz authentisch zeitgenössisch mit den Worten Mozarts antworten würde: „Ich bitt‘ Sie, reißen’s ihm den Kopf ab und scheißen’s ihm in den Hals!“
Garnicht mehr so Format „Edelmann“, was…?

In der Mittelalterdarstellung gibt es übrigens auch einen Trend „gegen Marktsprech“, was ich sehr begrüße. „Edler Recke, holde Dame!“ – da krieg‘ ich Plack…
In unserer Gruppe wollen wir künftig so viel wie möglich in Mittelhochdeutsch machen (natürlich keine freien Dialoge) – aber das ist eben auch etwas völlig anderes, hier haben wir es wirklich mit Theater zu tun, wenn man so möchte.

Das Thema „Reifrock zu Sisters“ kommt mir (prinzipiell betrachtet) auch sehr bekannt vor.
Auf der Frankfurter Wave/Postpunk/Gothrock/NDW-Party, die ich häufiger besuche, bin ich normalerweise auch der einzige, der in Brokat und Rüschen auftaucht. Aber wenn mir danach ist, hab ich mich davon noch nie abbringen lassen – aber das hat eigentlich auch noch nie jemand versucht ^^
Andererseits lasse ich wenn mir danach ist auch den Waver raushängen, wenn ich weiß, dass leider wohl zu großen Teilen Electro laufen wird (und solche Veranstaltungen suche ich eher selten und meist aus Langeweile auf ^^). Völlig stimmungsabhängig eben ^^

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9366)
Vor 13 Jahre

*keks durch telefonleitung quetsch* :D – quasi Keks-over-IP *schenkelklopfer* :D

Es gibt für fast jede Epoche Veranstltungen und Interessenten, nicht alle Living History Interessierte fühlen sich generell in allen Epochen wohl. Mittelalter ist so die größte Fraktion die auch viel öffentlich auf Märkten vertreten ist, aber da variieren die historischen Ansprüche auch stark. Der nicht versierte Marktbesucher sieht das eigentlich auch nicht. Ich selber mag MA nicht, und bin im Living History witzigerweise noch nicht mal in der Viktorianik unterwegs, ich mache spätes Rokoko zur Zeit der französischen Revolution – grob gesagt – und meine Liebe gilt der späten Renaissance bis zum frühen Barock, ca 1570-1630. Fokus auf England – weil da die meisten Infos zu finden sind, aber auch Deutschland und soweit möglich meine Heimatregion. Da steh ich aber etwas alleine da da das Zeitalter kaum wen interessiert. Hierzulande sind militärisch orientierter Reenacter häufiger die sich mit dem Nachstellen berühmter Schlachten bespaßen, wo die Living History Fraktion mehr auf normale lebensumstände der Vergangenheit abzielt.
Das Prinzessinnensyndrom ist übrigens nur eine Facette, viele stellen auch Arbeiter und einfache Bürger dar, auch meine Living History Ausstattung ist einmal für beide Epochen sehr bodenständig-bürgerlich. Alles was nobliger anmutet ist halb-historisch über grob angelehnt oder komplett neu interpretiert und damit Abendgarderobe. Und doof labern tun wir auch nicht ;) ich schrieb ja schon, man vermeidet allzu moderne flapsige Ausdrücke, und die die sich Charaktere zugelegt haben werden oft auch so angesprochen, doch die Quark-Babbler sind auch unter Living History-Leuten nicht so gern gesehen. Wie ich ebenfalls schrieb ist mein Interesse eher, im Museum den Leuten was über die Mode und deren Herstellung, und damit zusammenhängend das Leben der leute damals zu erzählen.

Auf öffentlich zugänglichen „historischen“ Veranstaltungen wirst du kaum einen waschechten Living History Typen sehen , die Geschichten sind privat im kleinen Kreis organisiert und detailgetreu gemäß der Epoche ausgelegt, da gibts das Essen nach alten Rezepten, die Weinsorte die es damals schon gegeben hat, Kerzenlicht und die exakt passende Lokalität. Weil wenn man die Sache offen für alle auslegt hat man zwangläufig Faschingssatin aus Poly pur, den Brautreifrock und den strahleweißen verendeten Plastikpudel aufm Kopp, mit den Trägern selbiger Dinge die einfach das Wissen nicht haben und sich trotzdem für immens historisch korrekt rausgeputzt halten – nicht mal der moderne Reißverschluss am Fummel kommt denen komisch vor.
Das ist ein Stück erlebte Geschichte in der man zu gewissem Maße schon eine Rolle einnimmt die nicht unbedingt den realen Lebensumständen entspricht, wie gesagt wird da auch romantisiert, aber den meisten ernsthaften Living History Interessierten geht es um das erleben von Geschichte, und das hat nicht so viel mit LARP oder Theater zu tun, oder daß sich alle als Adlige fühlen wollen für ein Wochenende, eben die Museumsbelebung ist ein Punkt den diese Gruppen neben den privaten Veranstaltungen auch machen um so Geschichte für Besucher greifbar zu machen und das ihnen zu vermitteln. Und das ist der Punkt der eben auch mich mehr interessiert wenn ich quasi „Geschichte darstelle“. Es ist klar eine Darstellung, und damit auch als Kostüm bezeichenbar, trotzdem ist es kein Fasching, denn früher hat man sowas nunmal getragen.

Das hat so geshen nichts mit schwarzer Szene zu tun, aber witzigerweise sammeln sich auch Grufties bei solchen Gruppen ebenfalls an. Vielleicht weil das Geschichtsinteresse bei vielen Schwarzbroten einfach vorhanden ist? Du, Orphi, hast ja selbst bemerkt daß sich in der Szene auch viele intellektuell orientierte Leut einfinden – das ist ja doch zweifellos eine Form davon. Also liegt der Schritt nahe das auch in den alltäglichen Stil in gewissem Sinne zu übernehmen. Und seinen Teil fürs eigene Weltbild daraus mitzunehmen. Und es individuell weiter zu spinnen. Da kommt die kreative Auseinandersetzung mit historischen Stilelementen ins Spiel die nicht mehr als Darstellung dienen, sondern ins eigene Leben und Empfinden hinein wachsen und Spiegel für die persönliche Lebenseinstellung werden.

So, zu den New Romantics äussere ich mich nächstes mal.

Nachtrag @ Karnstein: zefix, du warst schneller ;) ich kann Dir aber absolut und voll zustimmen :)

Orphi
Orphi(@orphi)
Editor
Vor 13 Jahre

Zitat Rosa: „Das hat so gese­hen nichts mit schwar­zer Szene zu tun“

Yeah!!!! :-) ~v~ ;-) „Keksmapf“

Nein, den Rest hab ich auch gelesen und teils skeptisch teils wohlwollend zur Kenntnis genommen…vielleicht sollten wir die Diskussion aber per E-Mail weiterführen (mit CC an Karnstein, wenn er denn mag), denn ich hätte natürlich schon noch einige Fragen.

Rosa Chalybeia
Rosa Chalybeia (@guest_9372)
Vor 13 Jahre

Ich will, bevor ich mich hinhau, nur nochmal betonen daß historisch korrekt fürs Living history und historisch angelehnt als gruftige Ausgehgarderobe zwei paar Schuhe sind und ich wohl finde daß das Bedienen bei Stilelementen altmodischer Kleidung wohl individuell ist und keinesfalls Fasching sein muss, das Darstellen historischer Personen – egal ob noblig oder einfach – dagegen mehr als Alltagsuntaugliche Darstellung sehe. Es gibt da Feinheiten – bitte nicht verallgemeinern ;) und ich wiederhole mich gezwungenermaßen. Sollte mal weniger Text produzieren …

tina
tina (@guest_27795)
Vor 11 Jahre

Hallo welche Ausgabe von der Bravogirl war das welcher monat und kann man sie noch irgendwo nachbestellen ?

xxx
xxx (@guest_58172)
Vor 4 Jahre

ähnliche bravo artikel gab es auch in den 80ern

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