1983: Dublins Subkulturen im Gespräch mit dem irischen Late-Night-Talker Gay Byrne

Punks, Mods, Rockers, Teds, Greasers, Futuristics, New Romantics, Blitz Kids, Skinheads, Rudie Skinheads, Boot Boys, Hells Angels, Bikers and Ska Boys.” Die Subkulturen, die Gay Byrne 1983 in seiner Late-Late-Show anmoderiert, sind vielfältig und offenbar ein Abbild dessen, was man seinerzeit auf den Straßen Dublins beobachten konnte. Er wollte der Frage auf den Grund gehen, warum man sich aus der Lust an Individualität einer speziellen Gruppe anschließt und welche Form von Rebellion dahintersteckt.

Dazu hat er sich 4 Gäste auf seine Sitzgelegenheiten eingeladen: Die beiden Punks Donnacha (20) und Siobhán (19), den illustren Mode-Studenten John (20) und den – etwas gegensätzlich wirkenden – Mod Gerard (20), die alle aus verschiedenen Stadtteilen Dublins stammen und ihre ganz eigenen Ansichten mitgebracht haben.

A rebellion against the old system, the system, that we were born into and are supposed to live by but we don’t agree with today’s system so we rebel against it in our appearance, the way we dress and the way we think.

Auf wenn es diffus und wenig geplant klingt, ist diese Sichtweise möglicherweise die Essenz dessen, wie junge Erwachsene ihr Leben in Dublin verbrachten. Zum Entwickeln geboren wissen sie, dass sie anders sein wollen als das, was ihnen wie ein Leben aus dem Lehrbuch erscheint. Sie wollen selbstbestimmt herausfinden, wo sie ihr Leben hinführt. Ihr äußeres Erscheinungsbild soll ihr Attitüde unterstreichen, das System mit seinen ungeschriebenen ästhetischen Regeln brechen und letztendlich auch für ein Gemeinschaftsgefühl mit denen sorgen, die eben so denken, wie sie selbst.

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Ein schönes Zeitdokument der Realität. Ohne bedeutungsschwangere Rebellionserklärungen, zielgerichtete Antihaltung gegenüber definierten Zwängen oder gar einer politischen Protesthaltung gegen weltpolitische Entwicklungen. Nichts von all dem liegt den Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Sinn. Es geht um das Anders-Sein, das einsame Gefühl etwas zu wollen, mit dem keiner etwas anfangen kann und das abzulehnen, was man von Ihnen im Irland 1983 erwartet.

Angesichts aktueller Jugendstudien, die 2017/2018 von einer nie dagewesenen Anzahl von “Angepassten” sprechen, halte ich die die 80er und 90er tatsächlich für mitunter unangepasstesten Jahrzehnte. Woran das liegt? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht geht es uns zu gut und kaum jemand spürt echte Hoffnungslosigkeit oder Zukunftsangst. Vielleicht sind wir völlig überreizt oder es gibt zu viele Ablenkungen und Zerstreuung in unserem Alltag. Doch alles bleibt Spekulation.

Gay Byrne macht seine Sache jedenfalls gar nicht schlecht in diesem kurzen Ausschnitt, auch wenn er sich gelegentlich in Effekthascherei verfängt. “Wir lassen uns nichts diktieren!“, sagt der junge Punk. “Aber lasst ihr euch nicht bereits etwas diktieren, wenn sie euch nicht in Pubs oder Discotheken lassen?” Darauf hat der junge Punk keine Antwort. Byrne stellt kluge Fragen und versucht die Oberfläche ein wenig zu verlassen und die Beweggründe der jungen Leute zu verstehen. Doch möglicherweisen haben sie ja gar keine Beweggründe. Müssen sie auch gar nicht.

Quelle: RTÉ Archives – Gangs of Dublin: Rebelling against the System (1983)

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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