Grabwanne im Abney Park Cemetery in London

Die 6 größten Irrtümer über Gothics

Von -
10

Grabwanne im Abney Park Cemetery in LondonSchwarz zeigt wie keine andere Farbe die gewählte Ausgrenzung vom Rest der Gesellschaft, die Distanz zur rein konsumorientierten Gesellschaft, aber auch Selbstbewusstsein und Stärke. Unsere rein ästhetische Provokation trägt prächtige Früchte und verführt – unterstützt durch die Boulevardpresse – den Bürger zur Annahme der verrücktesten Vorurteile und Klischees. Ein paar ernste und weniger ernst gemeinte Vorurteile möchte dieser Beitrag entschlüsseln.

Wer weitere Vorurteile aufgeklärt wissen möchte, fühle sich frei eine entsprechende Anregung in den Kommentaren zu hinterlassen.

Gothics schänden Gräber, Gruften und Ruinen

Friedhöfe sind die friedlichsten und einsamsten Plätze in unserer unruhigen Welt. Gothics lieben Friedhöfe und alte Gemäuer. Wir genießen die Ruhe und die morbide Ausstrahlung eines solchen Ortes und schätzen auch den mystischen Charakter alter Grabstätten. Die sterblichen Überreste der Menschen zerfallen in der Erde, vereinen sich wieder mit der Natur und bringen so neues Leben hervor, die Knochen verbleiben als symbolisches Zeichen der gelebten Existenz. Warum sollten wir diese also zerstören? Unzählige alte Friedhöfe warten nur darauf entdeckt zu werden, auf jedem ist die Ruhe und die Spur Okkultismus, die ich so schätze, vielleicht sollte der ein oder andere beim nächsten Friedhofsbesuch etwas genauer hinschauen. Das Klischee hält sich aber hartnäckig und ruft jederzeit halbherzige Berichterstattung auf den Plan, sind es Hakenkreuze waren es die Neonazis, sind es Pentagramme waren es die Gothics. Vereinzelte Vorfälle in den frühen 80ern in Thüringen1 stehen nicht stellvertretend für die Szene und werden Szeneintern sogar verabscheut.

Merke: Von tausenden Gothics, die respektvoll einen Friedhof besuchen redet niemand, von den drei Idioten in schwarzen Klamotten reden alle.

Gothics riechen nach Gruft

Ja, bevor wir ausgehen, besuchen wir ein frisches Grab und wälzen uns darin um möglichst gruftig zu erscheinen. In Wirklichkeit ist der typische Gothic Geruch Patchouli, der eigentlich Patschuli geschrieben wird, das klingt den meisten aber zu niedlich. Das ätherische Öl, das aus der gleichnamigen Pflanze gewonnen wird, findet im Asiatischen Bereich Verwendung im Kleiderschrank um Motten zu vertreiben. Anfang der 70er verwendeten es die Hippies, um den typischen Cannabis Geruch zu überdecken. Doch eigentlich riecht eben dieses ätherische Öl, das in Räucherstäbchen und Parfüms Anwendung findet so herrlich muffig und morbide, das es einfach zu jedem anständigen Gothic Haushalt gehört. Im Überfluss angewendet wirkt es jedoch lästig und aus dem angenehmen und geheimnisvolle Duft wird schnell eine ernst zu nehmende Geruchsbelästigung.

Merke: Gothics riechen nicht nach Gruft, sonder Gruften riechen wie Gothics, nämlich nach Patschuli.

Gothics haben Todessehnsucht

Wenn Gothics sich intensiv mit dem Tod beschäftigen, steht dahinter nicht allein die Faszination für das Extreme, sondern auch das Ziel, den Tod wieder wie zu vorchristlichen Zeiten als unweigerlich eintretendes Ereignis zu akzeptieren. Die Gothics sind keine Subkultur des Todes, die alle labilen Menschen in den Suizid treibt, sondern eher der Versuch, sich mit der eigenen Melancholie und Todesnähe kritisch und zusammen mit anderen auseinanderzusetzen. “Sie entwickeln mit dem Bewusstsein, dass sie hier und jetzt leben und ihre Probleme bewältigen müssen, eine andere Beziehung zum eigenen Tod, da sie die große Angst vor dem Sterben überwunden haben.”2

Merke: Wir möchten nicht früher sterben als andere, sind meist mit unserem Leben sehr zufrieden und haben uns lediglich mit der Tatsache abgefunden, das es irgendwann zu ende geht.

Gothics sind Satanisten

Unser überdurchschnittliches Interesse an Religion aller Epochen läuft nicht zwangsläufig darauf hinaus, das wir dem Teufel huldigen, sondern eher zu einer kritischen Distanz zu jeder institutionalisierten religiösen Einrichtung. Wer an den Teufel glaubt, glaubt auch an Gott, sonst bliebe jede Diskussion substanzlos. Für viele jüngere bleibt das spielen mit Elementen des Satanismus nur Mittel zur Provokation ohne die dahinter stehenden Dogmen anzuerkennen. “Anders als Beispielsweise im Black Metal gehört Satanismus nicht zum selbstgewählten und stilbildenden Kern der Kultur und Mode, sondern ist vor allem ein von außen – den Medien – aufgedrückte und daher ohnehin Szene-intern gehasster Stempel.”3 Die Verwüstung von Gruften, Ruinen oder alten Gemäuern liegt nicht in der Natur der Gothics und wird als solches verabscheut. Schwarze Messen mit rituellen Tiertötungen gehören in das Märchenbuch und auf die Leinwand.

Merke: Wo an einen Gott geglaubt wird, glaubt man auch an einen Teufel. Die meisten Gothics kommen durch die Intensive Beschäftigung mit Religionen zur einer offeneren Ansicht über den Glauben, Satanisten sind wir nicht.

The Cure haben den typischen Gothic-Style erfunden

Hochtoupierte Haare, schwarz umrandete Augen, ein totenblasses Gesicht, vewischter Roter Lippenstift. Robert Smith, Sänger der Band The Cure Anfang der 80er Jahre in vielen Zimmern heranwachsender Gothics als Poster die Wände schmückte, wird als Erfinder des typischen Styles propagiert. Er ist zwar sicher der populärste aber hat sich auch von Siouxsie Sioux der Sängerin der Banshees inspirieren lassen, die gab bereits 1976 Konzerte mit schwarz umrandeten Augen und hochtoupierte Haaren, sowie dem Leichenblassen Gesicht. Sie sah die Farbe schwarz als Abbild der Gesellschaft. “Siouxsie gab mit ihrer Musik und ihren Texten nicht nur dem Punk und dem New Wave jener Tager eine deutlich morbidere, introvertiertere Richtung, sie popularisierte auch die Beschäftigung mit okkulten Symbolen und entsprechenden Themen.”4 Weisse Gesichter trennten bereits im Mittelalter die Adeligen von den Bürgern, die von der Arbeit bei Wind und Wetter eher eine braune Hautfarbe hatten und werden damit von den Gothics als optische Trennung zum Rest der Gesellschaft benutzt.

Merke: Robert Smith darf durchaus als Stilikone der Gothic-Szene durchgehen, Erfinder des Styles ist er aber nicht.

Gothics ritzen

Selbstverletzendes Verhalten ist die Folge einer ernst zu nehmenden psychologischen Erkrankung, bei der sich manche Erkrankte zur Lösung der inneren Spannung Schaden zufügen, um Schmerz zu empfinden und das körperliche zu Verdrängen. Das Borderline-Syndrom ist nur eines der möglichen Ursachen.5. Viele benutzen dazu eine Rasierklinge oder ein Messer um sich die Unterarme einzuschneiden. Jugendliche sprechen vom Ritzen. Kurioser Weise ist das Ritzen bei manchen Jugendliche Ausdruck ihres Individualismus zur Gesellschaft und Zeichen einer Gruppenzugehörigkeit und verkommt damit bei manchen Menschen zu einer Modeerscheinung. Klingt jetzt komisch, ist aber so. Das viele Erkrankte sich zur Gothic Szene hingezogen fühlen, liegt am wohl am ehesten am melancholischen, romantischen und introvertierten Charakter der Szene selbst, lässt sich aber nicht verallgemeinern. Piercings, Brandings und Tattoos gehen Thematisch sicher in eine ähnliche Richtung und gelten auch als Selbstverstümmelung, habe aber wiederum mit dem Ritzen nichts zu tun.

Merke: Ritzen ist nicht cool, sondern Ausdruck einer psychologischen Erkrankung und nicht typisch für die Gothics.

  1. Ingo Weidenkaff, Jugendkulturen in Thüringen – Die Faszination des Andersseins, S. 44, 1999 []
  2. Birgit Richard: Schwarze Netze, 1997 bei SPoKK, Seite 131 []
  3. Klaus Farin, Jugendkulturen in Deutschland 1990-2005, S. 38. Erschienen bei der Bundeszentrale für politische Bildung []
  4. Klaus Farin, Jugendkulturen in Deutschland 1990-2005, S. 31. Erschienen bei der Jugendzentrale für politische Bildung []
  5. Angelika Reschke, Selbsthilfe-Initiative Rote Linien www.rotelinien.de []
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

10
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
  
smilegrinwinkmrgreenneutraltwistedarrowshockunamusedcooleviloopsrazzrollcryeeklolmadsadexclamationquestionideahmmbegwhewchucklesillyenvyshutmouth
Foto und Bilder Dateien
 
 
 
Audio und Video Dateien
 
 
 
  Abonnieren  
neuste älteste beste Bewertung
Benachrichtige mich bei:
Konna
Gast
Konna

Sehr schöne Zusammenstellung und Entkräftung der Vorurteile über Gothics. Finde es furchtbar, mit welcher Engstirnigkeit in den Medien oft falsche Zusammenhänge geknüpft und Verallgemeinerungen betrieben werden, auch wenn ich selbst kein Gothic bin, sondern nur sehr gerne Musik aus dieser Richtung höre. Schön, dass du mit diesem Beitrag ein wenig Aufklärung betreibst.

Patchouli mag ich übrigens auch sehr gern riechen. wink

Atanua
Gast

Jaja, wär ja schön würden die Menschen mit Vorurteil überhaupt wissen wer Robert Smith ist^^
Patchouli…bäh, zum Glück bin ich kein Goth wink

Idee mit Quellenverweisen finde ich sehr gut ^^ Sollten sich manche Medien auch zu Herzen nehmen, obwohl…dann könnten die ja dicht machen,hehe.

Lg

Tears
Gast
Tears

Nur so als Anmerkung: Borderline ist eine Schublade. Das “Ritzen” hat mit dieser Erkrankung nur im weitesten Sinne etwas zu tun. Zwar ritzen sich die meisten Borderliner (wenn sie sich nicht anderweitig schlimmer verletzen), ein Privileg auf das Ritzen haben Borderliner allerdings nicht, das Verhalten tritt auch bei vielen anderen Erkrankungen auf oder können auch Folge von Traumata sein.

Ansonsten toller Artikel – du hast Post!

Lilly
Gast
Lilly

Ich habe jetzt schon einige Postings von dir gelesen und ich muss sagen, dass du bis ins Detail recherchierst. Klasse!
Gothic war ich auch…damals…vor Lichtjahren…zumindest hielt ich mich dafür.
Was geblieben ist, ist die eindeutige Affinität zu dunkler Musik und dunklen Klamotten.

Dir einen schönen Sonntag!

funkygog
Gast

Sehr interessanter Bericht. Es gibt so viele Klischees.
zu The Cure:
Robert Smith hat mit dem Siouxie Bassisten unter dem Bandnamen “The Glove” auch etwas veröffentlicht.

emmelie :nichts:
Gast
emmelie :nichts:

ich liebe gothic’s ganz viel, allein, ich must fur meine schule ein rede vortragen, uber gothic’s !

hast du wass information fur mir, wilst du dan eine eMail absenden ??

Danke schon!

XxX emmelie, von holland.

zusehen nicht auf mein deutch ;)(L)

emmelie :nichts:
Gast
emmelie :nichts:

@Robert: Heei Robert, Mwahaa, ich kan das wol lesen razz
Deutch ist endlich meine Liebelings sprache (L)
eigentlich ist es kein probleem fur mir, wilst du mir die information geben.. ?

Danke Schon wink

( ich bin aus holland (L) )