Blockiert, ignoriert, gelöscht. Begegnungen ohne Werte.

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Vor langer Zeit, als es noch keine Smartphones und kein Internet gab, begegnete man sich überwiegend „in echt“ und es gab keine Möglichkeiten, Menschen per Mausklick aus der Freundesliste zu schmeißen und zu blockieren. Möglicherweise wäre die Szene nie entstanden, wenn Begegnungen diesen geringen Wert gehabt hätten, den sie heute zu haben scheinen.

In den 80ern musste man es schonmal aushalten, wenn ein Mitglied der Gruppe nervte, anderer Ansicht war als man selber oder Dinge tat, die man selber doof fand. Es gab kein kleines Kreuz, das man zum „schließen“ oder „entfernen“ anklicken konnte. Man traf sich persönlich und wer rennt schon durch den Pulk der Anwesenden, um die Freundesliste zu überarbeiten: Du darfst bleiben, du fliegst raus… ?!

Man musste sich miteinander auseinandersetzen und sich aushalten. Oft entstanden so nach einiger Zeit sogar ganz ungeahnte Beziehungen, die den eigenen Horizont erweitert oder einen inspiriert haben. Es ist halt schwieriger, verschlossene Türen einzurennen als offene. Und man ist mitunter positiv überrascht, was sich hinter diesen verschlossenen Türen verbirgt. Heute trifft man sich zwar auch persönlich, redet miteinander, tanzt auf der gleichen Tanzfläche, unterhält sich mitunter sogar, aussortiert wird man dann aber einen Atemzug später trotzdem – das Internet macht es möglich.

Ich bin mir nicht sicher, ob Freundschaften „damals“ einen höheren Wert hatten. Das stelle ich hier gerne zur Diskussion. Allerdings sprechen einige Dinge dafür, dass Begegnungen und persönliche Beziehungen heute kaum noch Substanz hinter der Fassade haben. In der „alten“ Welt schrieben Schriftsteller Sinnsprüche wie:

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ – Antoine de Saint-Exupery (Der kleine Prinz)

Heute ist Vertrautheit austauschbar. Man bekommt das ganze Leben einer Person mit, wenn man sich nur bei Facebook verbindet. Und so schnell, wie man in die Privatsphäre eingeladen wird, sich mit den Erlebnissen und Gedanken des Anderen vertraut macht, so schnell fliegt man auch wieder raus aus der Privatsphäre.

Da bekommt man über Internet mit, wie eine Person die große Liebe findet oder sich trennt, wie sie heiratet, ein Kind bekommt oder arbeitslos wird. Wie sie sich sorgt, wenn jemand erkrankt oder der Hund wegläuft. Man schreibt Kommentare zu Ereignissen und Gedanken der Person, gratuliert zum Geburtstag, lacht mit, trauert mit, fühlt mit. Bis zum Rausschmeiß-Klick. Und alles, was vorher war, ist nichts mehr wert. Vertane Zeit.

Wenn man „Freundschaften“ wegklicken kann, dann hatten sie nie einen Wert, oder? Macht es angesichts dieser Praxis überhaupt noch Sinn, sich mit irgendwem „vertraut“ zu machen? Menschen sind durch das Überangebot genauso austauschbar geworden wie Nachrichten oder Arbeitskräfte. Von allem zu viel und nichts davon ist wirklich wichtig. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Chef sich noch verantwortlich für „seine“ Leute fühlte. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich Menschen miteinander vertraut machten, um zu bleiben.

Ich habe mich auch schon anstecken lassen, verschwende immer weniger Gedanken daran, dass am anderen Ende der Leitung echte Menschen sitzen, miste die Freundesliste aus oder klicke Leute stumm. Bei echten Begegnungen lasse ich mich noch weniger auf Kontakt ein. Investitionen lohnen sich einfach nicht, wenn man schon morgen aussortiert werden kann. Begegnungen werden flacher und hohler. Nur ab und zu flackert mal die Hoffnung auf, dass man sich wirklich vertraut machen kann, um zu bleiben.

Orphi Eulenforst – impulsiv, pragmatisch, weniger optimistisch! Prädestiniert für den “Hexenfluch”. Außerdem großer “The Cure”-Fan und überzeugte Schriftstellerin. Sabrina wurde 1971 in Duisburg geboren und beschäftigt sich vornehmlich mit den kulturellen Aspekten der Szene. Darüber hinaus macht sie sich als Muse und Gegenpol unbezahlbar.

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Robert P.
Gast
Robert P.

Hi,

Sind denn Facebook-Freunde mit realen Freunden zu vergleichen? Natürlich hat man den einen oder anderen Kontakt sowohl in seiner virtuellen als auch in seiner realen Freundesliste (was für ein widerliches Wort, wenn man tatsächlich die Menge der Menschen meint, die man Freunde nennt). Aber eigentlich – oder bin ich da zu altmodisch – organisiert man sich mit seinen Freunden (jetzt wieder die, die man wirklich und nicht nur virtuell kennt) auf anderen Kommunikationskanälen. So ein Telefon kann ja noch mehr, als eine Facebook-App.

Ich finde jedenfalls, dass die Facebook-Freundesliste gar keine Freundesliste ist. Eher eine Liste von Leuten, von denen man immer mal die Beiträge unter die Nase gerieben bekommt. Mal ist es unterhaltsam, mal nervt es und manchmal schämt man sich für das, was die „Freunde“ posten. Mit Freundschaft hat das doch nichts zu tun. Mit Vertrauen schon garnicht.

Kihrin
Gast

Die „Freundesliste“ bei Facebook (ist weiß nicht, wie es in anderen sozialen Netzwerken ist, da ich keine weiteren sozialen Netzwerke wie MySpace mehr nutze oder kenne) ist nun aber auch keine Liste von Freunden, sondern eine Agglomeration von verlinkten ganzen Personen oder nur deren Teilaspekten (Künstler, DJ, Bandmitglied,…). Im Vergleich mit dem „wahren“ Leben aktuell oder früher also durchaus übertragbar mit dem Bekanntenkreis in der Stammkneipe (oder Club): Man kennt fast jeden vom Sehen, einige nur flüchtig und andere intensiver, einige nur in der Funktion als DJ, Thekenpersonal, etc., andere sind flüchtige Bekannte, von denen man wenig weiß, obwohl man vielleicht sogar viel zusammen unternimmt (gemeinsame Fahrten zu Konzerten, viel Smalltalk) und andere sind bisweilen „echte“ Freunde, von denen man viel weiß, denen man sich verbunden fühlt, obwohl man sich vielleicht wenig sieht. Und natürlich die obligatorischen Spezialisten, von denen man viel weiß, weil sie allen jede persönliche Geschichte oder ihre Meinung aufdrücken, obwohl man sich selber diesen Personen weniger verbunden fühlt.

So weit die Ähnlichkeit zwischen RL und VL, wie ich sie wahrnehme. Den Unterschied sehe ich dann bei den virtuellen Listen im ständigen Hinzufügen, also das immerwährende Erweitern der Liste, obwohl die Menge an Aufmerksamkeit für all den ganzen Input nicht erweiterbar ist. Man bekommt also immer weniger von den Personen mit, die einem wichtig sind (trotz oder gar wegen bestimmter Algorithmen der Software). Während man im Real Life authentisch aussortiert, indem man die zur Verfügung stehende Aufmerksamkeit gezielt aufteilt (aufteilen muss) und sich um (aus subjektiver Sicht) unwichtige Personen weniger kümmert oder bestimmte Personen einfach nicht mehr im eigenen Dunstkreis auftauchen (und man bei Wertschätzung jener Individuen selber mal nachgraben muss), muss man also bei den Listen aktiv aussortieren oder zumindest einige Personen entsprechend zurückstufen, wenn man nicht möchte, dass bestimmte Leute alles mitbekommen, was man durchaus einem anderen großen Teil der Freunde und guten Bekannten mitteilen möchte. Und wenn sich im realen Leben Freunde auf Grund ihrer Meinung oder aus sonstigen Gründen zu einer Persona non grata entwickeln, so versuche ich dort den Personen aus dem Weg zu gehen, meide tunlichst die Konversation mit jenen, kann ihnen aber auf Konzerten oder Partys bisweilen nicht zur Gänze entfliehen. Ähnlich im Virtuellen: Ich kann jene Blocken oder aus der FL entfernen, werde aber bisweilen noch einiges von ihnen in der Timeline oder Chronik sehen oder zumindest Reaktionen anderer auf deren Einlassungen.

Mein Fazit: Die Unterschiede zwischen realem Leben und dem virtuellen Pendant empfinde ich eher als marginal – womit ich mich aber alleine auf die hier von Orphi genannte Problematik beziehe. In anderen Belangen empfinde ich die Unterschiede zwischen RL und VL als durchaus groß, mit Vor- und Nachteilen in beiden Welten.

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Ich selber bin sehr früh in Communitys und dann Facebook unterwegs gewesen. As subkulturell Aktiver und Interessierter, politisch Aktiver und Interessierter, etc etc, fand ichs erst gut. Zunächst wars ja noch überschaubar und irgendwie positiver im Austausch. Als dann später die Massen reinschwappten und damit auch mehr Leute die egal zu was nur motzen, mosern, und Sch… verzapfen, ohne Sitte, Grenze, Anstand und demokratisches Bewusstsein, hab ich mehrmals meinen Facebook Account platt gemacht. Seid 1 1/2 Jahren habe ich Facebook ganz verlassen und platt gemacht, und auch sonst in Foren kaum Zeit verbracht. Whats App benutze ich fürs Nötigste, habe viele Gruppen verlassen bzw gehe garnicht erst rein. Die Gespräche laufen jetzt im echten Leben ab, und nur noch mit Leuten wo auch was bei rumkommt. Und tadaa, ich bin zufrieden und möchte nicht mehr zurück. Mal ehrlich, wie viele wirklich gute Freunde braucht der Mensch? Mir reichen ein paar echt gute, der Rest wird erst kritisch getestet, und kann mich dann meist mal… in Ruhe lassen… Ausnahmen bestätigen die Regel ;-)

Jenny
Gast
Jenny

Was für mich als Neuling in dieser Szene ein riesen Problem ist, dass man mit den Leuten scheinbar nur reden darf wenn man ein Freya/Matthias Abziehbild ist und dazu ein hübsches Gesicht hat. Wer diesen Ansprüchen nicht gerecht wird, kann es scheinbar vergessen jemals Anschluss zu finden. Dazu auf online Freundeslisten aussortiert zu werden komme ich erst gar nicht.

Tanzfledermaus
Autor

Hallo Orphi, mit diesem Thema sprichst Du eine Entwicklung an, die mir schon länger Kummer und Kopfzerbrechen macht. Das Phänomen betrifft nicht nur Online-Kontakte, sondern leider auch viele reale, sogar langjährige und intensive Kontakte!
Es gibt mittlerweile auch einen (natürlich wieder d-englischen) Begriff dafür, und zwar „Ghosting“. Es wird einfach abgetaucht, blockiert, nicht mehr gemeldet/reagiert, ohne dass der andere weiß, warum.

Es kostet ja Mühe, jemandem zu erklären, warum man keinen Kontakt mehr möchte. Es gibt ja durchaus legitime Gründe, aber kaum jemand hat den Arsch in der Hose, das auch auszusprechen. Damit wird zum einem dem anderen die Chance genommen, sich dazu zu äußern und zum anderen die Option, daran arbeiten zu können, dass es wieder „passt“. Manchmal sind es ja auch nur Missverständnisse, die sich aus dem Weg räumen ließen. Aber stattdessen wird plötzlich einseitig eine Mauer errichtet, die keine Türen oder Fenster bietet und auch keine Möglichkeit, statt einer Mauer neue Wege zu finden.

Inzwischen frage ich mich wirklich immer mehr, ob es überhaupt noch Sinn macht, in Freundschaften zu investieren und neue aufzubauen. In den letzten Jahren hab ich, gerade im langjährigen und engen Freundeskreis derart viele Enttäuschungen erlebt, dass ich immer verbitterter werde. Ganz oft passiert es auch, dass Menschen, solange sie Single sind oder sonstwie das Bedürfnis nach einem Kummerkasten/ Ansprechpartner haben, sich ganz nah an einen binden, viel Kontakt suchen, sich öffnen und das Gefühl vermitteln (es häufig sogar aussprechen, was für ein wichtiger Mensch/Freund der andere für sie ist), und dann, sobald sich in ihrem Leben etwas ändert, einfach abtauchen. Vor allem neue Partnerschaften bedeuten häufig das Aus oder Einfrieren anderer sozialer Kontakte. Das ist zum einen gefährlich, weil man dann im Falle des Scheiterns dieser Partnerschaft nahezu ohne soziale Kontakte dastehen kann, und zum anderen ist es auch nicht gut, sich nur auf eine Person im Leben zu konzentrieren, alles nur noch in Symbiose mit dem Partner zu machen. Oder sich nur noch auf die Arbeit zu konzentrieren und zur „sozialen Amöbe“ zu mutieren.

Kürzlich las ich einen Satz, den ich fortan beherzigen werde: „Laufe neiamdem hinterher. Wem Du etwas bedeutest, der wird Dir entgegen kommen“. Diese Erkenntnis schmerzt, aber ich habe damit begonnen, einseitige Kontakte rigoros auszusortieren. Ich mag nicht mehr die einzige sein, die in einen Kontakt investiert und als einzige Kontaktpflege betreibt. Facebook ist für mich kein Ersatz für reale Kontakte, das Telefon auf Dauer keins für Treffen mit Freunden, die in derselben Stadt leben und es trotzdem nie schaffen, wenigstens zwei, dreimal im Jahr Zeit für echte Treffen freizuschaufeln. Dann entfernen sich Freunde nämlich irgendwann voneinander, der verbindende „Faden“ reißt und es wird oberflächlich. Darauf kann ich verzichten. Werde ich zukünftig auch. Auch wenn es tierisch weh tut, zu erfahren, dass bei angeblich engen Freunden keine Zeit mehr für spontane Telefonate oder Treffen bleibt, auf Anfragen nicht reagiert wird oder wenn solche Misstände tatsächlich einmal angesprochen werden, auch noch beleidigt reagiert wird. Ich kann auf Menschen verzichten, die nur sich selbst sehen und ihren eigenen kleinen Kosmos, aber andererseits mein Mitgefühl und meine Zeit beanspruchen, wenn es ihnen schlecht geht, sie einsam sind oder gerade keinen scheinbar interessantere Person greifbar ist. Für solche einseitigen Kontakte oder gar Energie-Vampire bin ich mir inzwischen zu schade.
Ich bin traurig, diese Sätze zu schreiben, aber ich habe in den letzten Jahren genug traurige Erfahrungen gemacht. Es reicht einfach. Ich kann Deine Enttäuschung sehr gut verstehen.

Tanzfledermaus
Autor

Auch wenn Sinnsprüche oft abgedroschen klingen oder belächelt werden, so gibt es einen weiteren, der viel Wahrheit enthält, wie ich finde: „Wer etwas nicht will, findet Gründe – wer etwas will, findet Wege.“ Das lässt sich auch sehr gut auf den (Nicht-)Willen, einen Kontakt lebendig zu halten, übertragen.

Tanzfledermaus
Autor

Ist es nicht generell immer so, dass man sich als Single auf die Freunde und in einer Partnerschaft eher auf den Partner konzentriert?

Das meinte ich so nicht, natürlich spielt ein Partner eine besondere Rolle, steht an erster Stelle, und das ist an und für sich ja auch okay. Seine Freundschaften nahezu komplett aufzugeben / schleifen zu lassen, nur weil man kein Single mehr ist, finde ich allerdings schon bedenklich… Das erlebt man leider immer häufiger, nicht nur ich habe das beobachtet. Auch im Gespräch mit anderen kam heraus, dass sich viele Paare nahezu bis komplett abschotten (aus Eifersuchtsgründen oder weil sie nur noch eine Symbiose sein wollen). Man kann doch lieert sein und trotzdem Freundschaften pflegen…