Wahlgeschichten – In der Urne ist keine Asche

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Ein verregneter Sonntagmorgen. Einer von diesen Tagen, an denen es nie richtig hell wird und die Sonne ständig von schwarzen Wolken verdeckt werden sind mir manchmal ganz recht und das nicht nur, weil die Wolken schwarz sind. Bei Wetterlagen wie diesen kann man ohne schlechtes Gewissen den Tag mit Faulenzen verbringen und zergeht nicht in Selbstmitleid wenn man darüber nachdenkt, was man hätte alles machen können.

Frühstück. Ein sonntägliches Ritual, genauso wie die Sendung mit der Maus, aber nur wenn auch Shaun das Schaf kommt. Frühstückmachen beginnt damit den Kaffee aufzuschütten und Eier zu kochen. Natürlich sind die Eier ausgegangen, hätte ich mir ja irgendwie denken können. So entschließe ich mich zu Kaffee, Aufbackbrötchen und Nektarinen mit Joghurt. Das ganze auf einem Tablett angerichtet und in trauter Zweisamkeit die Nahrungsaufnahme zur Sendung mit der Maus synchronisiert.

Es ist also 11:30 am Sonntag, den 07.06.2009, heute sollen die Bürger der EU über ihre ins Europaparlament entsandten Abgeordneten entscheiden. Auch wir werden zur Wahl gehen, die Wahlzettel hängen schon eine ganze Weile an der Magnettafel und erinnern im Vorbeigehen immer wieder an die Entscheidungsunsicherheit und einiger gewissen Hilflosigkeit sich für das Richtige zu entscheiden. Obwohl, das Richtige liegt natürlich im Auge des Betrachters und sollte auf einer fundierten Meinung basieren. Aber mal ehrlich, wer schaut in die Wahlprogramme alles zu Wahl stehenden Parteien? Also ich nicht.  So reift die Entscheidung, die Partei zu wählen, die meine persönlichen und ganz egoistischen Ziele unterstützt.

Meine Mutter hat mal gesagt, zu Wahl muss man immer gut angezogen gehen. Wenn ich meine Eltern zur Wahl begleitete, habe ich immer mein bestes Hemd anziehen müssen, mein Vater immer mit Krawatte und Anzug, mein Schwester im Kleidchen (später hat sie rebelliert und nur noch Hosen angezogen). Klarer Fall, das ich meiner kindlichen Konditionierung auch heute nachkomme. Meine beste schwarze Röhrenhose zu meinen politisch unverwerflichen Siouxsie & The Banshees Shirt ist schon mal eine schöne Basis. Dazu gibt’s passende Pikes und eine hübsche Weste, schließlich will man chic sein. Als Tribut an die Großwetterlage bewaffne ich mich noch einer Jacke und einem Regenschirm, nehme meine Freundin an die Hand und stiefel los.

Wahllokale sind ja meistens in Schulen und für viele Menschen ist das immer ein aufregende Erfahrung, jedenfalls für mich. Die Gesamthauptschule, in der auch unser Wahllokal liegen soll ist irgendwie richtig malerisch. Das nach hinten ausladende Gelände verschafft etwas Ruhe und bringt Abstand zur Hauptverkehrsstrasse, das Gebäude ist ein schulisch funktionaler Flachbau ohne Schnörkel, dafür ist es tatsächlich künstlerisch ausstaffiert. Auf dem frisch gebonerten Linoleumboden klingen die Schuhe wie Cowboystiefel, sportliche Schuhe geben dieses typisch quietschende Geräusch.

Gähnende Leere. Die drei Wahlbezirke, die hier vertreten sind schein vereinsamt. Der Typ im Jogginganzug und Hausschuhen ist wohl gerade erst aus dem Bett gefallen, meine Mutter würde sich im Grabe umdrehen. Überraschung: Man braucht keinen Personalausweiß. Da hätte ich auch meinen dämlichen Nachbarn schicken können und irgendwie verliert sich das Gefühl, etwas wichtiges zu tun. Mit meinem Wahlzettel stelle ich mich hinter den Sichtschutz, die niedrige Bauhöhe verhilft mir zu einer unbequemen Zwangshaltung bei der ich mich tief bücken muss, ist irgendwie auch symbolisch. Der Wahlzettel ist 1m lang und fällt ausgeklappt zu Boden. Ich überfliege die Liste der Kandidaten und muss laut lachen. Wie peinlich, normalerweise herrscht ja ein kirchlich andächtiges Schweigen und die Anwesenden flüstern und ich kann nicht an mir halten. Die Violetten, die spirituelle Partei Deutschlands ist schuld daran. Eine großartige Idee! Hätte ich mich nicht im Vorfeld für eine Partei entschieden, wäre mein Wahl getroffen.

Ich versuche den Bogen anständig zu falten, was aufgrund seiner komplexen Vorfaltung eher schwierig ist und werfe ihn in die Urne. Wieso heißt der Plastikeimer eigentlich Urne? Werden die Wahlzettel wohlmöglich gleich verbrannt und sammeln sich dann als Asche am Boden der Urne. “In der Urne ist keine Asche“,  versichert man mir. “Schade.” sage ich und wunder mich über die Humorlosigkeit mancher Zeitgenossen. Der restliche Tag verläuft unspektakulär. Jemanden im Krankenhaus besucht, Kaffee getrunken und Abends eine Pizza bestellt. Die Wahlergebnisse im Fernsehen haben heute Lottozahlencharakter. Alle großen Parteien haben Verluste hinnehmen müssen. Nur der Jürgen Prochnow der FDP, Guido Westerwelle freut sich. Koch-Mehrin hat ihr Ziel erreicht, immerhin bin ich einer von 229.117 – ein gutes Gefühl.

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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stoffel
Gast

Oh das kenne ich auch noch … gestriegelt und geschniegelt sind meine Eltern auch immer zur Wahl gegangen.

Wir haben unsere Wohlfühl Klamotten übergezogen, unseren Hund mitgenommen und unser Kreuz gemacht.
Stefan meinte noch scherzhaft: “Wenn der Hund nicht mit rein darf wähle ich nicht” ;) Bei uns war das Wahllokal der örtliche Jugoslawe, im Raucherraum und natürlich durfte der Hund mit ;)

Unsere Ausweise wollten die Wahlhelfer auch nicht sehen, aber das hat mich nicht sonderlich gewundert, denn auf dem “Dorf” ist eh alles anders ;) Uns wurde sogar beim falten des überlangen Wahlzettels geholfen, denn normal geknickt passte das Ding niemals in den Schlitz. Über Humorlosigkeit konnten wir uns nicht beklagen im Gegenteil, es wurde sehr über den 1m Wahlzettel gescherzt.

Tears
Gast
Tears

Ich habe mein “Feed me!”-Shirt ausgeführt und auch wenn ich mir nicht 100%ig sicher bin und meine bessere Hälfte vor lauter Aufregung (die erste Wahl ihres Lebens) nichts mitbekommen hat: Ich meine, der gute Herr hätte uns erklärt, welcher Wahlzettel welcher ist und beim EU-Stimmzettel gemeint “Da sind alle Parteien drauf, auch die Piraten und so…”. Nun, ob er es gesagt hat oder nicht wird wohl ewig ein Mysterium bleiben.

Das mit den unbequemen “Wahlkabinen” kann ich bestätigen. Bei uns war die Wahl in der Schule um die Ecke und entsprechend war da nur so ein Kasten auf einen Schultisch gestellt. Die waren mir im Sitzen immer schon zu niedrig aber im Stehen? Naja, sind ja jetzt wieder ein paar Jahre bis man die nächsten Hirnis wählen muss und die Wahlbeteiligung vermutlich bei 30% liegt.