Das Rendezvous mit der Angst

Gruseln – Was vom reizvollen Rendezvous mit der Angst übrig geblieben ist

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Gerade zu Halloween liegt es mal wieder im Trend, das kontrollierte Gruseln – obwohl die amerikanische Vorlage so unfassbar überreizt ist, das daraus ein fröhlich buntes Kostümfest wird. Aber auch Freude gehört zum Spiel mit den eigenen Hormonen, der Selbstbefriedigung mit den körpereigenen Drogen.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an einen intensiven Gruselschauer. Ich war 12 Jahre alt und hatte erreicht, dass ich endlich Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ im Fernsehen schauen durfte. Ich lag an einem kühlen Herbstabend auf dem Sofa und hatte mich gemütlich in eine Decke gehüllt. Nicht etwa, weil ich jetzt schon die Hosen voll hatte, sondern weil mein Vater ein strenges Heizungsregiment führte. Dank der eindrucksvollen filmischen Vorlage dauerte es nicht lange, bis ich zur Sehne des Spannungsbogens wurde. Mein Herz klopfte schneller, meine Hände wurden feucht und die Nerven zum Zerreißen gedehnt. In besonders aufregenden Szene nutzte ich die Decke, um meine Augen zu verdecken, nur um Sekunden später der Neugier zu erliegen, wie der einen Spalt breit daraus hervorzugucken.

Wir machen uns damit eine Eigenheit des Gehirns zu Nutze, das zwischen der echten und der fiktiven Angst keinen großen Unterschied macht und uns mit dem Hormon-Cocktail belohnt, den wir uns erhoffen.

Das Spiel mit der Angst ist keine Erfindung von Alfred Hitchcock, sondern lässt sich seit Jahrhunderten eindrucksvoll belegen. Die Märchen der Gebrüder Grimm zum Beispiel waren nicht als Kindgerechte Geschichten gedacht, sondern erzählten häufig von grausigen und blutigen Begebenheiten. Dabei dienten sie nie allein der Unterhaltung. Sie sollten den Kindern zeigen, dass man das „Böse“ auf der Welt durch Mut und Klugheit stets besiegen konnte. Bilder, Bücher und Schauspielerei sollten uns erschrecken, um uns zu läutern, zu belehren und die Regeln einzuhalten. Sie brachten uns bei, was gefährlich ist, was man lieber nicht tun sollte und wie man sich verhält, um eben nicht in Angst leben zu müssen.

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchsen auch neue Schauergeschichte und fiktive Schreckensgestalten, die in gewisser Weise auch die sich ändernden Lebensweisen reflektierten und Verwirrungen und Verstörungen der damaligen Zeit eine Plattform boten. Spätestens das 21. Jahrhundert ist über sämtliche Mythen erhaben. Mittlerweile verpuffen die Gebrüder Grimm, Dracula und Frankenstein auch in Kinderstuben zu zarten Seifenblasen, die weder belehren, noch Mut und Klugheit fördern. Sie dienen der puren Unterhaltung und werden in Form von Kostümen und Stofftieren völlig ihres ursprünglichen Grusels beraubt.

Halloween
Szene aus dem aktuellen Trailer zum Film Halloween mit Jamie Lee Curtis

Der neueste Streifen der Horrorserie „Halloween“, der aktuell in den Kinos gezeigt wird, macht auch uns Erwachsene weder schlauer noch weiser und zeigt auch sicherlich keine Wege auf, mit den Ängsten unseres Alltags umzugehen. Filme wie Halloween verfolgen nur ein Ziel: Ihre Vorgänger an Brutalität und Gewaltexzessen zu überbieten, um so die Kinokassen zu füllen. Im Internet brechen Videos von gestellten und mitunter auch echten Gewaltdarstellungen alle Rekorde und Grenzen. Je perverser, desto erfolgreicher.

Unser Gehirn verlangt nach ständig höheren Dosen an Reizen, um die gewünschte Menge Hormone auszuschütten, die uns in Angst und Schrecken versetzen. Was uns als Kinder noch unter die Bettdecke getrieben hat, entlockt uns heutzutage höchstens noch ein mildes Lächeln. Der Kampf um die Hormone wird nicht durch feinsinnigen Grusel, präzise gespannte Spannungsbögen und raffinierte Geschichten gewonnen, sondern durch permanente Steigerungen des erträglichen. Auch ich sehne mich in die Zeit zurück, als mir auf Stromleitungen sitzende Vögel einen gehörigen Schrecken beschert haben und ich lautstark gebettelt habe, dass Protagonistin Tippi Hedren nicht die Tür öffnet, hinter der die Tiere lauern.

Wohin das alles führt, vermag sich noch keiner auszumalen. Wie viel Grauen ertragen wir noch? Verroht unsere Gesellschaft durch das Feuerwerk der Gewalt? Zerbröckeln die Hemmschwellen durch die sich stets wandelnden Sehgewohnheiten? Was können wir tun, damit wir Gänsehaut wieder als wohlig warme Schauer wahrnehmen? Diskussionen um die sozialen und psychischen Folgen des ausufernden Konsums von Horror und Gewalt sind so alt wie der Schrecken selbst und bleiben stets offen und ungelöst.

In der Szene ist die Sehnsucht nach einer erneuten Mystifizierung des Alltags spürbar. Der Grufti sehnt sich nach Schauergeschichten, Legenden und Mythen und besucht alte Friedhöfe um die Stille zu genießen. Ist das ein Refugium vor den Perversitäten unserer Zeit? Die Schutzschicht zwischen den Zombies auf der Mattscheibe und den Menschen vor den Fernsehern ist sehr dünn geworden. Wie lange hält sie noch?

Titelbild von Daniel Jensen bei Unsplash

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Kathi
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Kathi

Vermutlich lebe ich auch hier in einer Blase, aber gerade unter den Monsterchen gibt es eeeiinige Sensibelchen. Auch unter den Normalomonstern (Stinos gibt’s bei uns in der Regel nicht- man muss schon etwas bekloppt und empathisch sein um sowas zu mögen).
Ich kenn auch einige Wesen, die die alten Klassiker mögen. Da kann man ja auch schauspieltechnisch viiel lernen.
Ich glaube es ist tatsächlich eine Frage des reflektierens. Heute wird nicht mehr beigebracht kritisch zu hinterfragen und sich selbst und seine Umwelt in Frage zu stellen. Warum auch? Das wäre reines Gift für die Zustände die jetzt herrschen- und bitte auch so bleiben sollen. Allerdings (die ewige Idealistin^^) habe ich Hoffnung. Durch den Wandel Richtung Nachhaltigkeit denken Menschen wieder mehr nach, gehen auch mal auf die Straße und es hieß ja schon in dem Kinderlied:
„viele kleine Leute, die viele kleine Schritte tun können das Gesicht der Welt verändern.“

Ich glaube auch wichtig ist, dass man versucht so verlockend es ist nicht vor der Realität in seine kleine Gemeinschaft zu flüchten. Wirklich etwas ändern an den Zuständen, die herrschen ( zunehmende Verrohung z. B. wie du sie angesprochen hast müssen alle zusammenarbeiten.