ARTE-Doku: Horror! Warum gruseln wir uns?

Im Düsseldorfer Kunstpalast findet noch bis zum 21. Januar 2024 die Ausstellung „Tod und Teufel“ statt, die sich mit dem Thema Horror in künstlerischer Form auseinandersetzt. Sie zeigt, wie sich das Thema in der Gesellschaft manifestiert und versucht, dem „Grusel“ auf den Grund zu gehen. Wie einige Leser bereits wissen, haben wir die Ausstellung bereits zu Eröffnung besucht, wie man in Orphis Artikel ausführlich nachlesen kann. Bei ARTE kann man sich auch eine 30-minütigen Dokumentation anschauen, in der auch die Kuratorin der Ausstellung, Westrey Page, zu Wort kommt.

Eine abschließende Antwort auf die Frage „Warum gruseln wir uns?“ geben uns die Dokumentation und die interviewten Menschen allerdings nicht, jedenfalls keine eindeutige. Allerdings kommt Westrey Page zu einer interessanten Schlussfolgerung, nach dem sie sich nun intensiv mit allen Facetten des Horrors auseinandergesetzt hat.

Ich finde es besonders wichtig, dass wir uns Horror anschauen oder uns damit beschäftigen, in Zeiten wo echter Horror passiert. Eskapismus und schöne Kunstwerke helfen uns nicht weiter, wenn wir einfach weggucken. So ist der [künstlerische] Horror ein Mittel und zu trainieren, damit wir beim echten Horror genauer hinschauen können.

Die Augen vor der grausigen Realität, in der uns brutale Kriege in nie dagewesener Form multimedial präsentiert werden, zu verschließen, drängt uns in ein Schneckenhaus, in der wir uns von der Realität verstecken.

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass der „Konsum von Horror“ uns nicht abstumpfen lässt, sondern die Wahrnehmung schärft und uns hilft, scharfe Grenzen zu ziehen. Möglicherweise braucht unser ethisches und moralisches Empfinden entsprechende Einflüsse, um sich auszuformen und zu festigen. Ich bin aber auch der Ansicht, dass es bei einigen Menschen tatsächlich zur einer „Abstumpfung“ führen kann, in der beispielsweise Gewalt zum adäquaten Mittel wird, seine Meinung zu vertreten.

Wie seht ihr das? Führt der Konsum von Horror, die Beschäftigung mit dem Tod und die Auseinandersetzung mit den düsteren Randbereichen des Lebens zu einer Abstumpfung? Oder ist ein natürlich Umgang damit ein Training, die Realität einzuordnen?

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Graphiel
Graphiel(@michael)
Vor 5 Monate

Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass der „Konsum von Horror“ uns nicht abstumpfen lässt, sondern die Wahrnehmung schärft und uns hilft, scharfe Grenzen zu ziehen. Möglicherweise braucht unser ethisches und moralisches Empfinden entsprechende Einflüsse, um sich auszuformen und zu festigen.

Offen gestanden bin ich davon ganz und gar nicht überzeugt. Die „Tradition“ sich gegenseitig zu gruseln, zu erschrecken oder auf sonstige Art einen mehr oder weniger wohligen Schauer über den Rücken zu jagen ist schließlich keine Erfindung der letzten 40 Jahre. Die schlimmsten Gräueltaten und Kriege wurden völlig unabhängig von bestehendem Grusel/Horror in Kunst und Kultur begangen. Mit Ausnahme der wenigen Fälle, wo sich besonders durchgeknallte Leute durch Kunst und Kultur haben inspirieren lassen, versteht sich.

In meinen misanthropischen Augen trägt die künstlerisch-/kulturelle Auseinandersetzung mit dem Horror für den Durschnittsmenschen nicht viel mehr als Unterhaltung bei, indem sie ihn auf fiktive Weise mit seinen Urängsten konfrontiert. Einige wenige Ausnahmen mag es geben, die sich durch die bewusste Auseinandersetzung mit dem fiktiven Horror in Sensibilität und einer Schärfung der Wahrnehmung üben, doch für die meisten Leute dürfte dies so nachhaltig sein wie die „bösen“ Bildchen auf den Zigarettenschachteln: Vielleicht! einmal hinsehen, mitfühlend Seufzen, doch dann wieder unbekümmert weiterrauchen.

Ich bin aber auch der Ansicht, dass es bei einigen Menschen tatsächlich zur einer „Abstumpfung“ führen kann, in der beispielsweise Gewalt zum adäquaten Mittel wird, seine Meinung zu vertreten.

Ja, das denke ich auch. In einigen wenigen Fällen mag die ständige Auseinandersetzung mit Gewalt eher abstumpfend wirken, ich denke aber auch hier dürfte die zahl derer bei denen es passiert ähnlich groß sein wie jene, die sensibler werden. Wie bereits geschrieben halte ich den Effekt für die meisten Menschen als zu gering bis quasi nicht vorhanden und auf lange Sicht daher leider bedeutungslos.

Trotzdem ein großes Dankeschön für den Doku-Tipp. Ich werde sie mir sicherlich ansehen.

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Robert
Vor 5 Monate

Herrje. Nennt man das wohlmöglich „Halo-Effekt“? Die eigene Wahrnehmung lässt annehmen, dass alle so denken müssten…

Zumindest könnte man es unter das große und spannende Kapitel der kognitiven Verzerrungen (auch als bias bekannt) einordnen. ;-)

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  Graphiel
Vor 5 Monate

Aber das würde ja bedeuten, das Kunst und Kultur im Großen und Ganzen komplett spurlos an uns Menschen vorbeigeht und wir uns im Grunde nur damit berieseln. Das mag zwar schon bei einigen Menschen zutreffen, doch selbst dann wenn es nicht bewusst passiert, bewegen Filme, Bücher oder Musik in den meisten Menschen etwas. Natürlich hängt es auch stark von der Art der Darstellung ab, bestimmte kreative Formen sind dafür gemacht eher zu berieseln, Beispiel „Fahrstuhlmusik“. Aber im Gegensatz dazu gibt es eben auch jene Kunst die darauf abzielt das sich Menschen näher mit bestimmten Themen befassen. 
Ich denke zwar schon man darf die Wirkung nicht überschätzen, aber auch nicht so unterbewerten. 
Ich habe mal irgendwo aufgeschnappt das oft ängstliche Menschen sehr an Horrorfilmen interessiert sind, weil sie sich dann im Äußeren mit etwas (konkret) befassen können, was sonst nur (diffus) in ihrem Inneren stattfindet. Aber das ist wohl nur ein Erkläransatz von vielen, wenn es um die Faszination des Horrors geht. Ob es eher abstumpft oder sensibilisiert hängt wohl stark von der Persönlichkeit des Rezipienten ab. 

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Norma Normal
Vor 5 Monate

Ich rede hier von langfristigen Wirkungen, die ich in der breiten Masse einfach nicht sehe.

Bleiben wir mal bei deinem Beispiel der Fahrstuhlmusik. Die Musik dudelt dir noch im Aufzug beruhigende Töne ins Ohr, doch schon wenige Minuten hinterm Steuer deines Autos und mitten im Verkehr der Großstadt ist die Wirkung schon wieder verflogen. Dann ist wieder Stress, Hektik und Ärger über die anderen, doofen Verkehrsteilnehmer angesagt.

Ich wünschte wirklich es wäre anders, aber ich sehe einfach keine Belege dafür. Menschen sind leider unglaublich talentiert darin erlebte Emotionen ganz schnell wieder zu verdrängen und davonziehen zu lassen. Wäre dem nicht so, dann müssten Videos über den Alltag in einem Schlachthof die Leute reihenweise dazu bewegen wenigstens Vegetarier zu werden. Die Realität zeigt aber, dass dem nicht so ist. In den allermeisten Fällen reichen bereits wenige Stunden aus und all das ängstliche Geschrei und Gewimmer der Schlachttiere ist wie fortgeblasen. Dann sitzt Otto Normal wieder am Tisch seines Lieblingsrestaurants und kloppt sich das nächste Schnitzel rein.

Ob es eher abstumpft oder sensibilisiert hängt wohl stark von der Persönlichkeit des Rezipienten ab.

Absolut, ja. 

Norma Normal
Norma Normal(@normanormal)
Antwort an  Graphiel
Vor 5 Monate

Im Grunde sprechen wir ja über die Wirkung von Medien. Und zum Glück, kann man da fast schon sagen, ist es nicht soooo einfach Menschen damit zu beeinflussen/ manipulieren. Sonst konnte das ja auch sehr leicht ausgenutzt werden, ABER es gibt eben auch einen unterbewussten Einfluss, z.B. Werbung, wie groß der allerdings ist, da sind sich vermutlich Fachleute nicht mal einig (wie ja bei so vielen andern auch).
Letztendlich können wir nur über unsere gefühlte Wahrheit reden, und da kann ich einige deiner Ansichten durchaus nachvollziehen. Dennoch bin ich auch gewillt mir ein gewisses Fünkchen Naivität zu bewahren, und zu hoffen das es genügend Menschen gibt, die zweimal hinsehen oder nachdenken, aller Menschen Skepsis zum Trotz!

Graphiel
Graphiel(@michael)
Antwort an  Norma Normal
Vor 5 Monate

Dennoch bin ich auch gewillt mir ein gewisses Fünkchen Naivität zu bewahren, und zu hoffen das es genügend Menschen gibt, die zweimal hinsehen oder nachdenken, aller Menschen Skepsis zum Trotz!

Dem möchte ich auch gar nicht entgegen wirken. Ich freue mich, dass es noch Leute gibt, die ihre Hoffnung auf eine bessere Menschheit nicht in die Klamottenkiste verbannt haben. Leider gehöre ich nicht zu dieser Sorte und versuche daher irgendwie als gestrandetes „Alien“ auf dieser trostlosen Welt zurecht zu kommen, ohne vollends dabei zu verzweifeln. ;-)

Dismas
Dismas(@dismas)
Vor 5 Monate

Die Frage ist, wo sich zwischen harmlosem inszenierten Grusel und unfreiwilligem Entsetzen durch Tod, Verstümmelung und Leid in Folge von Unfall, Krankheit oder Krieg das freiwillige Anschauen und Ergötzen an realer Gewalt wie bei öffentlichen Hinrichtungen oder den Gladiatorenkämpfen und Tierhatzen der Antike oder auch Hunde-, Stier- oder Hahnenkämpfen einordnen lässt. Vielleicht begeben wir uns in die Situation des kontrollierbaren oder uns nicht aktuell bedrohenden Grauens, um uns durch die Wahl der vermeintlich sicheren Seite bzw. die Sufgestion, im Geauen nicht real bedroht zu sein, die Angst vor dem Leid zu nehmen?

Dismas
Dismas(@dismas)
Antwort an  Dismas
Vor 5 Monate

Suggestion sollte es heißen, Entschuldigung.

Maren
Maren(@maren)
Vor 5 Monate

Entschuldigt bitte, wenn ich mich jetzt einfach direkt in diese Diskussion einmische und euch direkt anspreche – das ist nicht frech gemeint, aber zu diesem Artikel und den bisherigen Kommentaren geht mir auch so einiges durch den Kopf. @ Graphiel: Bis zu einem gewissen Grad teile ich Deine Skepsis über die Wirkung des Horrors in der Kunst auf den Durchschnittsmenschen: Kann und will dieser sich überhaupt mit Kunst beschäftigen und überträgt er dann tatsächlich seine Erfahrungen auf den Umgang dem realen Grauen in der Welt? Du stellst hier auch die Frage der nachhaltigen Wirkung des Gesehenen auf diesen Menschen , und ich halte Deine Zweifel für berechtigt.
@ Norma: Für mich spielen da genau die beiden Faktoren eine Rolle, die du genannt hast: Die Art der Darstellung und die Persönlichkeit des Rezipienten.
Was die Art der Darstellung anbelangt, ist es meiner Meinung nach entscheidend, ob der Horror subtil wirkt und ins Innere des Rezipienten vordringen kann, oder ob das ganze nur einen Kurzen Moment Nervenkitzel oder beim sensiblen Betrachter Übelkeit und Ekel auslöst, aber sofort vergessen ist, wenn man den Blick abwendet. Beispiele fallen mir für beides ein. Ich möchte hier den Zeichentrickfilm „Wenn der Wind weht“ herausgreifen, weil er in diesem Blog schonmal in einer Diskussion um verstörende Zeichentrickfilme Erwähnung fand. Für mich macht er das nukleare Grauen spürbarer als mancher actionreiche Spielfilm zu dem Thema. Dies wird durch den Kontrast Vertrauen des alten Ehepaars in die Anweisungen der Behörden einerseits und reale Katastrophe, die kein Mensch mehr unter Kontrolle hat andererseits, erreicht. Der Film wurde wenige Monate nach Tschernobyl ausgestrahlt, in Deutschland am 23.12.1986, aber leider haben ihn sich zu wenige Menschen angeschaut. Hier wären wir wieder beim Konsumenten: Entweder sorgt der Film für zu wenig Nervenkitzel oder er stört de Rezipienten in seiner Behaglichkeit: “ Müssen die so etwas einen Tag vor Weihnachten senden?“ Hier Westrey Pages Ausspruch zustimmen: „Eskapismus und schöne Kunstwerke helfen uns nicht weiter, wenn wir einfach weggucken.“ Ich verstehe dies dahingehend, dass man, wenn man das Grauen in der Kunst nicht auf sich wirken lassen will, vor dem Grauen in der Welt die Augen verschließt, weil man auf keinen Fall seine rosarote Wohlfühlseifenblase verlassen will. dadurch trägt man aber auch zur Empathielosigkeit in der Welt bei.
@ Wizard of Goth: Wenn hingegen der Konsum von Horror in jedweder Kunstform helfen soll, die Realität einzuordnen, wie du sagst, dann darf man eine gewisse Verantwortung gegenüber dem Rezipienten nicht außer Acht lassen. Du und alle, die in diesem Blog schreiben, bringen die nötige Reife und Erfahrung mit, um mit Horror in der Kunst umzugehen. Aber diese Voraussetzungen bringt nicht jeder mit. Ich habe da vor allem junge Menschen im Blick, deren moralisches und ethisches Empfinden noch in der Entwicklung ist oder die auch der Rezeption von Horror nicht gewachsen sind (auch wenn das seltener ist). Sie benötigen dafür Anleitung, damit sie lernen, richtig hinzusehen und nachzudenken. @ Norma: Hier geht es mir ähnlich wie dir, ich werde von einer Vorstellung geleitet, die naiv erscheinen mag, aber für mich ist es Hoffnung, ohne die ich meinen Job nicht mehr ausüben könnte.

Danke für Eure Geduld beim Lesen. Wie „Apocalypse Now“ hilft, zum Grauen im eigenen Inneren vorzudringen, lasse ich jetzt besser aus.

Phoenix
Phoenix(@phoenix75)
Vor 5 Monate

Vielleicht sollte man an der Stelle nochmal differenzieren, um was für einen Horror es sich handelt. Ist es eher der Psycho-Horror, der sich tatsächlich tief in den Kopf eines Menschen fräsen kann oder ist es eher der brutale und offensichtliche Horror, auch gern als Splatter bezeichnet. Der Psycho-Horror geht tatsächlich oftmals ganz subtil so tief ins Unterbewusstsein, dass zart besaitete Menschen auch mal schlecht davon träumen können. Das ist für mich persönlich eher Grusel, als das Offensichtliche, was bei Menschen doch eher Ekel und Übelkeit auslöst. Da ich ein großer Horror-Fan bin (hab mit der Wende damals, die Vídeotheken regelrecht belagert) und kann jetzt nicht sagen, dass das abstumpft oder irgendwie charakterlich verändert.
Solche Veränderungen könnte ich mir eher bei Ballerspielen im Videospiele-Bereich vorstellen.
Ich kann mich zumindest durchaus noch erschrecken, wenn ich im dunklen Wald ein Knacken nicht weit von mir wahrnehme. ;)

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