Musikalischer Briefkasten 7

Musikalischer Briefkasten #7: Neue Musik unter dem Licht des fahlen Mondes

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Es herbstet. Bunte Blätter fallen auf das bleiche Fenster meiner Dachschräge und werden im nächsten Moment hinfortgeweht. Aus dem Augenwinkel sehe ich etwas achtbeiniges im Schatten verschwinden, Schutz und Ruhe suchend. Wenn dies kein besinnlicher Moment ist, sich Spontis’ musikalischem Briefkasten anzunehmen um dort etwas Platz zu schaffen?

Gedacht, getan. Schon öffne ich den Briefkasten, erblicke stapelweise Promo-Material und beginne einfach mal mit:

Das Integral – Maximal Digital/Lasermusikanten/Horizon

Der Ballungsraum Stuttgart hat an Projekten, die in die Wave- und Post Punk-Schiene im Weitesten Sinnde tendier(t)en, derzeit wenig zu bieten. Klar, es gibt immer noch “Camouflage” aus Bietigheim-Bissingen, “Die Selektion” aus Esslingen, “Plastikstrom” & “Diorama” (zumindest zum Teil) aus Reutlingen, Aber ansonsten ist es hier echt mau in Punkto regionale Gruppen. Vor allem, was direkt Stuttgart selbst betrifft. Man möge da gerne mein Wissen erweitern!

Umso erfreulicher finde ich es, dass die Jungs von Das Integral, “Foxtrot” & “The Integer 84”, mir doch glatt ihr aktuell noch überschaubares Schaffenwerk auf’s Ohr gedrückt haben. Dieses kleine Projekt aus dem Stuttgarter Umland muss es seit mindestens 2018 geben und soll laut Facebook “Synthpop, Postpunk, Pop History” spielen. Was auch immer Letzteres ist.

Drei Demo-Stücke sind bisher auf Bandcamp zu finden, so schmeiße ich den ersten Track “Maximal Digital” an und denke mir: Klingt nach NDW. Der schrägen Ecke davon. Und recht minimal. Dem folgt Nummer zwei, “Lasermusikanten“.  Schonmal deutlich eingängiger als sein Vorgänger, tidiliert sich das kleine Stück infantil anmutender Kunst in mein Leben und will es einfach nicht mehr verlassen. Man kratze es mir aus meinen Gehörgängen, Argh! Bleibt zum Abschluss noch das letzte Stück, Horizon mit charmantem Synthie und vordergründigem Bass. Schade, dass hier nicht der gesamte Text zu verstehen ist.

An sich ist Das Ingegral ein nettes, kleines Projekt, bisher nur auf Demo-Niveau, aber mit Potential. Wenn keine Absicht, dann bitte künftig vor allem am Gesang feilen! Das würde den Wiederspielwert, gerade der “Lasermusikanten”, deutlich erhöhen.

Figure Section – Spectre

Nun aber zur Sache: Das Label Aufnahme+Widergabe legt Spontis das frische Duo Figure Section nahe. Gerade im Oktober ist die erste kleine Veröffentlichung (Single, würde man im analogen Zeitalter dazu sagen) Spectre der beiden in Brüssel beheimateten Künstler Olivia Carrère und Yannick Franck herausgekommen. Ein erstes Reinhören in den titelgebenden Track erinnert mich sogleich an Boy Hasher und diverse andere, neue Projekte elektronischer Prägung.

Wie von A+W gewohnt, bekommt man tanzbare, elektronische Musik geboten, hier inklusive kleinerer Perkussionsspielerei und ein bisschen Wumms. Lauscht man nach dem Titeltrack “Spectre” der Nummer zwei, “Disfigured Section” (mit Video verlinkt) und drei der Single, “Slick“, kommt die zart angedeutete Eigenständigkeit des Projektes deutlich besser rüber. Dort wird weniger mit Bässen denn mit erwähnten Perkussionsinstrumenten und Samples gearbeitet, welches im Gegentum zu manch anderen Veröffentlichungen von A+W ausreichend abwechslungsreich für meine Ohren klingt. Sobald der erste Longplayer draußen ist, werde ich auch dort mal reinschnuppern, eine gewisse Erwartungshaltung ist hiermit geweckt…

Bedless Bones – Sublime Malaise

Bedless Bones ist ein Projekt aus Tallin, der wunderschönen Hauptstadt Estlands. Hier erschafft die Künstlerin Kadri Sammel seit 2014 aus dem reichhaltigen Fundus elektronischer Musik ihren ganz eigenen Sound, was sie wie folgt ziemlich treffend beschreibt:

“Bedless Bones experiments with different noir genres, building bridges and bending borders between dark wave, murky techno beats and industrial sounds and abstract otherworldly atmosphere akin to IDM”

Ihr kürzlich im September veröffentlichtes Album “Sublime Malaise” umfasst elf Titel, bei denen Tanzbarkeit fast durchweg gewährleistet ist und zugleich Gefühle und eine gewisse Spannung geweckt werden, ähnlich Hante oder Minute Machine (sad and alone). Ich war angenehm überrascht, wie abwechslungsreich und doch passend abgemischt die Stücke ineinander übergehen: Die elektronischen Versatzstücke klingen einerseits frisch, und andererseits doch so vertraut, da bereits in den 80s verwendet (Niobe)… Toll. Stimme und Gesang der Dame passen zur Musik, was will man als Hörer mehr?

Das bereits bekannter gewordene Label Cold Transmission, welches Robert vor einer Weile bereits schonmal vorstellte und welches mittlerweile auch die beim letzten Musikalischen Briefkasten erschienen SYZYGYX in ihem Portfolio haben, hat eindeutig ein glückliches Händchen gehabt. Hier macht ihr beim Reinhören sicher nichts verkehrt!

White Ring – Gate Of Grief

Etwas Witch-House gefällig? White Ring haben mit Gate Of Grief letztes Jahr offenbar einen neuen Longplayer beim mir bis dato unbekannten Label Rocket Girl veröffentlicht, … der mich jetzt beim Durchhören etwas wortlos dasitzen lässt.

Ja, man kann sich das Werk ohne Skrupel anhören. Es kommen die üblichen Stilmittel zum Einsatz, wie auch von anderen Genre-Kollegen genutzt. Ja, es gibt einige tanzbare Tracks, die deutlich in die Elektro-Richtung tendieren, und natürlich auch ruhigere, atmosphärischere.

Aber so recht überzeugen kann mich das gesamte Machwerk irgendwie nicht. Einzeltacks, wie “Leprosy” oder “America – Lord Of The Flies” sind ganz okay, das finale Stück “Do U Love Me 2?” sogar ansprechend, der Rest für meine jedoch Ohren belanglos. Da mir Framing fern liegt, solltet ihr euch bei Interesse am Besten selbst einen Eindruck davon machen. Ich habe leider nichts weiter dazu zu sagen.

Caroline K – Don’t Believe It’s Over 12”

Mannequin Records (das Label vom “Berghain” in Belin) hat offenbar tief in der Vergangenheit gegraben und den ehemaligen Demo-Track “Don’t Believe It’s Over” der Künstlerin Caroline K als 12” veröffentlicht. Caroline war ihrerseits Mitbegründerin der “Nocturnal Emissions”, welche alles andere als unbekannt in der britischen Wave- und (Post-) Industrial-Szene waren und vielleicht auch in diesen Landen Hörer fand.

Neben der aufgearbeiteten Originalaufnahme und dem Instrumental befinden sich zwei Remixes auf der (u.a. digitalen) Pressung. Für mich erscheinen diese allerdings etwas überflüssig, versprüht das Original allein doch einen gewissen Charme. Vielleicht bin ich da auch nur ein Musikkultur-Banause und weiß den Mehrwehrt davon nicht zu schätzen, für mich ist das jedoch nur ein nettes Stück für Nebenbei, nichts Aufsehen erregendes.

An diesem Punkt frage ich mich, warum Mannequin Records Spontis ausgerechnet diese – doch eher spezielle – Veröffentlichung nahelegt, während im April diesen Jahres doch zwei Nocturnal Emissions-Alben wiederveröffentlicht wurden. Goth weiß alles, ich weiß nichts…

Standing Ovations – What Meaning

Bleiben wir noch kurz elektronisch. Dead Wax Records hat mal wieder in der Vergangenheit gewühlt und die Standing Ovations ausgegraben.

Es könnte wie eine Blaupause der frühen 80er Jahre klingen: Zwei blutjunge Jungs, in diesem Fall die beiden Briten Paul Bramhall und Glen Redgen, spielen ein wenig an ihen Instrumenten herum und entscheiden sich dann ins nahegelegene Studio zu gehen und ein paar ihrer Songs mit einigen Synthies und Bassgitarre aufzunehmen. Die dann in Folge zu gesuchten Raritäten- und nun als 7” wiederveröffentlich werden. Nun gut. Wie so oft, löste sich die kleine Band dann in Folge von unterschiedlichen Vorstellungen, wie es weitergehen soll, auf… Soweit zur kurzen Historie. Was ist aber nun mit dem titelgebenden Track? Wie kam es dazu, dass er offenbar so beliebt wurde, dass die Kassette, auf welchem sich auch das zweite Lied “Times Of Fun” befand, nicht mehr erhältlich war?

Ehrlich gesagt: Ich habe keinen Schimmer. Ohne Frage, “What Meaning” ist ein typisches, minimales Wave-Stück mit gewissem Charme, aber andererseits auch kein großer Sprung. Kann es eher an einer zu geringen Auflage der ursprünglichen Aufnahme von 1983 liegen? Wir werden es wohl nie erfahren, aber zumindest mal anhören:

( ( ( S ) ) ) – Black Dog

Dänemark hat, nach einem längeren Gespräch mit einer Alt-Gruftine in Aalborg letztes Jahr (Sie hat dort einen netten kleinen Laden mit dunkel-alternativen Klamotten etc in der Touri-Passage), leider aktuell nicht allzuviel schwarze Musikprojekte zu bieten. Die existenten Projekte tummeln sich häufig in Kopenhagen, in welchem es noch eine Art Schwarzer Szene geben soll. Darunter befindet sich auch der Künstler ( ( ( S ) ) ), der vor kurzem sein neues Album Black Dog herausgebracht hat.

Dieses Werk wurde nun via Promo an Spontis herangetragen, welches dem Hörer eine Mischung aus psychedelischer Post Punk-Gitarre, teils ruhigen und ambientigen Klanglandschaften präsentiert. Über das Album verteilt finden sich heiter klingende Stücken, wie they’rebuildingbuildings oder it’sajobit’sajob, welche eine positive Grundstimmung in das Album bringen. Garniert wird das gesamte Werk durch eine Bandbreite von Effekten und entsprechend geladenen Gitarren, was mich beispielsweise bei allofitall sehr an eine gewisse etherische Entwicklung aus dem Post Punk erinnert. Andererseits gibt es auch etwas bedrückende Stück, welches unten mit Video verlinkt ist.

“Black Dog” ist in meinen Ohren handwerklich gut gemacht, definitv etwas anderes auf dem großen Musikmarkt, jedoch ohne “Hits”. Fast könnte man sagen, es wäre das Werk des Künstlers für sich selbst. So bleiben bei mir erst mit mehrmaligem Hören manche Stücke im musikalischen Gedächtnis hängen (und meine vorige Meinung musste revidiert werden), insbesondere wenn der letzte Song hereIamwhereareyou? läuft. Aber, wie ich im vorigen Brief-Kasten schon meinte: Das muss nicht schlecht sein…

Kill Shelter – Damage

Da wir bei den Saiteninstrumenten sind: Ihr wollt mehr Gitarren? Mit ordentlich Effekten? Schön melancholisch-gruftig? Dann kommt ihr bei diesem Briefing an einem gewissen Pete Burns nicht vorbei (nein, nicht mehr dem hier). Vielleicht bekannt durch seine Mitarbeit bei den “Zeitgeist”-Kompilationen, hat Mr. Burns bei Manic Depression- bzw. Unknown Pleasures Records unter dem Projektnamen Kill Shelter sein erstes eigenes Album veröffentlicht.

Für jeweils ein Stück seines Werkes hat er sich unter anderem mit Hante (FR), Buzz Kull (AUS), Antipole (NOR), Undertheskin (PL), The Shyness of Strangers (USA), Pedro Code (Iamtheshadow, USA), den New Haunts (UK) und Bragolin (NL) zusammgetan und das Ganze von Eric Van Wonterghem (der Typ von Klinik & Insekt) final abmischen lassen. Doch lassen wir Pete selbst zu Wort kommen:

The 10 tracks on the album all deal with trauma in one way or another, and are themed around the physical and psychological hurt that we inflict upon ourselves, others and the world around us. The themes at times are dark, dystopian, melancholic, introspective and unsettling. There is a beautiful space which lies somewhere between hope and melancholy and I always try to capture that in my work – there is a darkness but there is also contrast and resolution and that natural tension is fundamental to the music that I try to create. I had a very strong vision and concept for both Kill Shelter and Damage from the outset. As a producer, I wanted to unite like-minded artists from around the world and create a work that was reflective of a point in time both musically and culturally. Damage was made by the quality of the contributors. I’m still extremely honoured that they all said yes – each one has something very unique in the character of their voice and approach and you can hear that come through on the album.”

Gleich der Opener “As Trees Do Fall (feat Bragolin)” klingt einladend, die typische Bragolin-Gitarre und der Gesang passen zusammen und hinterlassen eine melancholische Stimmung, welche vom zweiten (“Black String”), dritten (In Decay”) und vor allem vierten Stück, “Kiss Me Goodbye (feat. Hante)” gekonnt weitergetragen wird. Gerade dieses besticht durch seine Ruhe und Atmosphäre, welche sie in meinen Räumen verbreitet. Wirklich schön! Und Track Nummer Fünf, “Sever (feat New Hounds)” steht dem in Nichts nach. Das sechste Lied nimmt wieder Fahrt auf, bewegt sich weiterhin im melancholischen Stimmungsfeld. Mit “No regrets (feat Untertheskin)” kommt ein Tick Verzweiflung und Härte dazu.

Bodies” klingt am Anfang fast so, als wären die leider verblichenen “Angels of Liberty” zu Gange (Tip!), tatsächlich ist es aber Marc Dwyer vom dunkelsynthetischen, australischen Projekt Buzz Kull (Tip!!). Der Track ist für mich die Nummer eins, holt mich ab und nimmt mich mit. Da geht “Hollow” ein wenig unter, denn auch dieses Stück hat etwas. Zum Schluss lässt Pete Burns/Kill Shelter mit “The Happening” das talentierte Trio Killjoi die Abschiedsklänge verkünden, auch hier wieder eine wundervolle Kombination aus Gitarre und Synthesizer/Keyboard.

Fazit: Für mich wirkt das Album sehr homogen und doch abwechslungsreich: Es baut Stimmung auf, trägt und variiert sie. Die Künstler bringen gekonnt ihre eigene Note in jedes von Petes Werken, dass man eigentlich nicht auf die Idee käme, die Veröffentlichung würde von nur einem Projekt kommen.

Ich kann jedem Gitarrenwave-Junkie dieses Werk nur ans Herz legen. Wenn vielleicht nicht für Diskotheken o.ä. gemacht, ist dies doch ein Stück Musik, welches es zu spielen lohnt. Und sei es nur zuhause, unter dem Licht des fahlen Mondes…

Ben Blutzukker – Radaudiophil

Break. Zuletzt, und etwas aus dem Kontext gerissen, möchte ich auf das Ein-Mann-Projekt Ben Blutzukker eingehen, welches sich offenbar nach einer Spaß-Stampf-Elektro-Phase unter dem damaligen Projektnamen “Blutzukker” nun dem Dark Metal verschrieben hat. Für Promo-Zwecke wurde in zwei kurzen Sätzen Spontis angeschrieben und ich bin so frei, ebenfalls noch zwei Sätze dazu zu schreiben:

Konkret dreht es sich um den Song “Radauiophil”, welchen Ben quasi als eine Hommage an Motorhead und Manowar veröffentlichte. Mit der bleibenden Frage im Kopf, was daran Dark Metal sein soll und warum ausgerechnet Spontis als Wunschplattform zur viralen Verbreitung des Musikstücks und Anwachsen seiner bereits geraumen Fan-Schar auserkoren wurde – wenn nicht aus Jux – schließe ich hiermit den 7. Musikalischen Briefkasten und überlasse es jedem selbst, das nun folgende Video laufen zu lassen.

 

Desillusionierter, eher introvertierter und verplanter, jedoch auch freundlicher und vielseitig interessierter Zeitgenosse mit einer Neigung zu abseitigen Themen, dabei immer offen für ein Gespräch und anfällig für Humor. Musik ist für Ihn Passion, nicht zuletzt deshalb lässt er bei Gelegenheit gerne seine Scheibchen (digital) kreisen. Lassen die Umstände es zu, bietet Spontis ihm die Gnade, seine oftmals unstrukturierten Gedanken zu sortieren und niederzuschreiben...

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Maulwurf
Gast
Maulwurf

Der link von integral geht auf die falsche bandcamp seite im Satz
Umso erfreulicher finde ich es, dass die Jungs von , “Foxtrot” & “The Integer 84”, mir doch glatt ihr aktuell noch überschaubares Schaffenwerk auf’s Ohr gedrückt haben.

die geht auf integral nicht das integral ;)

Rene
Gast
Rene

Bands aus dem Stuttgart Raum: Seelennacht (aus Tamm)


Bereits Auftritte auf dem Amphi Festival, WGT, NCN und weitere Festivals…..

Dann hätt ich noch Bysmarque & Snowwhyte (aus Karlsruhe)

…und Van Undercut (aus Heilbronn)

Rene
Gast
Rene

Bysmarque & Snowwhyte aus Karlsruhe