Lyschko: Eine dystopische Wiedergeburt der Neuen Deutschen Welle

In einer musikalischen Welt, in der das, was böse, tiefgründig und anderes erscheinen soll als Gothic etikettiert wird, kommen die wirklich gruftigen Überraschungen aus völlig anderen klanglichen Schubladen. Zusammen mit Drangsal hat sich die Band Lyschko für den Song „Fremd“ ins Bett gelegt und eine klangliche und visuelle Wiedergeburt des Songs „Lullaby“ geschafft, die sich trotz aller Parallelen zum ikonischen Original richtig neu und spannend anfühlt.

Lyschko war nicht nur ein Mühlknappe im Koselbruch, sondern ist auch New-Wave Band aus Solingen. Die Band besteht aus den Geschwistern Lina und Jonah Holzrichter, die zusammen mit Lukas Korn auf einer sehr aktuellen Strömung surfen: die neue Neue Deutschen Welle. Das OX-Fanzine schreibt zum Song: „„Fremd“ ist der Soundtrack für alle verlorenen Seelen, diejenigen, die zu früh von einer Party nach Hause gegangen sind und jetzt allein durch verlassene Straßen tanzen.

2011 gründete sich die Band noch unter dem Namen „Cuckoo“, veröffentlichen bereits erstes Material und haben jetzt unter dem neuen Namen die ersten Songs herausgebracht. Eine EP mit dem Namen „Stunde Null“ gab 2019 den Startschuss, nach ausgedehnter Tour widmet man sich jetzt mit „Fremd“ wieder der musikalischen Zukunft.

Für mich hört sich die „Neue Neue Deutsche Welle“ fantastisch an, klingt schön nach dem Sound von „The Cure“ ohne altbacken und Retro zu wirken, während mich Sängerin Lina ein bisschen an „Ideal“ erinnert. Allerdings sind sie von der Stümpferhaftigkeit der NDW-Ära weit entfernt, denn Lyschko wirken unfassbar talentiert und professionell. Abgerundet durch einen Text, der einfach nur Melancholie und Einsamkeit verströmt, wird daraus ein Grufti-Leibgericht zum Dahinschmelzen. Auch das Gefühl von Lina unterstreicht diesen Eindruck, wie sie dem „Album der Woche“ erzählt:

Wir sind eben die Generation Y: keiner weiß irgendwas, keiner macht irgendwas. Alle sind unzufrieden, vor allem mit sich selbst, aber man kriegt auch nichts geschissen […] Du kannst machen was du willst – es interessiert eh keinen. Dann machen es halt alle anderen nicht. Dann stellt Deutschland die AKWs ab und alle feiern, aber ich denk mir: Ja, aber die die anderen schaffen sich sogar noch Atomwaffen an. Es ist völlig egal.

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Sind „Lyschko“ die Prototypen einer neuen Goth-Bewegung? Die Band sieht sich in einer gesellschaftlichen Apokalypse und blickt dem drohenden Untergang in der Zukunft mit klarem Auge entgegen. So ist der Song „Fremd“ ein Augenblick in diesem Lebensgefühl, in dem sich „kein Weg richtig anfühlt„.

Während die Szene mit düsterem Schlager ein fröhlich-buntes Kostümfest zu feiern scheint, lebt uns der Nachwuchs vor, was wirklich zu einer schwarzen Szene gehören sollte. Erinnert ihr Euch an die junge Frau in diesem Video aus den 90ern?

 Du kannst nichts richtig machen. Du kannst nur versuchen, es möglichst wenig scheiße zu machen

Den Song „Fremd“ und das dazugehörige Video haben Lyschko für mich schon mal ziemlich richtig gemacht. Der Scheiße-Faktor tendiert gegen null. Auch wenn dieser Song nichts ändert, so weckt er dennoch Hoffnung auf eine düstere Jugend, die im kleinen etwas besser machen möchte, ohne sich einzubilden, das große Ganze auf den Kopf zu stellen.

Lyschko findet ihr bei Facebook, Instagram, Spotify und Youtube.

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Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Vor 1 Monat

Hmmm… hab da irgendwie mehr erwartet nach deiner Beschreibung. Ist ganz okay, aber klingt weder neu noch hebt es sich aus den vielen anderen Deutschrock-Bands mit Sängerin hervor (hab auch mal in andere Songs von denen reingehört).
Inzwischen hör ich mir Songs auch lieber ohne Video dazu an, weil Videos zu sehr ablenken, oft sehr hektisch gefilmt sind, so dass ich immer noch versuche, aus der vorherigen Szenerie was zu erkennen, obwohl schon die nächste Szene läuft und dann mehr die Augen statt die Ohren damit beschäftigt sind, den Song wahrzunehmen.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Tanzfledermaus
Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Robert
Vor 1 Monat

Du wirst lachen, aber ich mag tatsächlich eine ganze Menge NDW-Songs und auch poppigen Kram (80er Pop, Italo-Disco, Minimal-Elektro, Synthiepop), es muss also nicht immer düster bzw. gruftig sein.
Ich find den Song ja auch nicht schlecht, nur passte er nicht zu dem Kopfkino, dass ich nach Deiner Beschreibung hatte. Macht ja nichts, Musik lässt sich oft schwer beschreiben, und jeder hat andere Assoziationen.
Tja, Melancholie und Dystopie dürfte anhand der aktuellen Entwicklungen vermutlich ganz schnell wieder Oberwasser bekommen bei vielen Songs – aktuell ist es ja noch viel schlimmer als zu Zeiten des Kalten Krieges, der sehr viele Bands zu hoffnungslosen, schwermütigen Songs inspiriert hat.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Tanzfledermaus
Markus
Markus(@markus)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 1 Monat

Da bin ich ganz bei dir! Genau das war ja das Schöne an den New Wave-NDW-Zeiten der 80er Jahre *seufz*. Das Musikangebot war sehr breit gefächert, vielschichtig und es wurden plötzlich so viele unterschiedliche Stile parallel populär: Pop in all seinen Varianten über Italo-Disco bis hin zum Folk-Pop, Rock und Hardrock bis hin zu Metal, (New) Wave, echter Underground, Synthiepop, NDW, Avantgarde-Sachen wie Les Rita Mitsouko oder die kaum zu kategorisierenden B 52’s – da hat man sich nach Herzenslust, Neigung, Stimmung und Laune bedienen bzw. beschallen können. Weil in den traditionellen Diskotheken musikalisch viele Genres parallel bedient wurden und bedient werden mußten, um den Laden möglichst voll zu bekommen. Die Schnittmengen unter den verschiedenen Musikstilen waren aus heutiger Retrospektive auch deutlich größer, nicht umsonst wurden klassische NDW-Songs wie „Eisbär“ oder „Tango 2000“ später zu echten Szene-Klassikern. Ähnlich wie Sigue Sigue Sputnik oder Dead Or Alive, die ja nun wirklich nicht unbedingt in eine „Gothic“-Schublade passen, aber in der Szene ihren Platz haben.

Man hatte damals durchaus viel mehr Möglichkeit, auch mal über den Tellerrand zu hören, neue/ andere Musik zu entdecken und lebte bei weitem nicht so sehr in (s)einer genrespezifischen, algorithmus-gesteuerten Blase wie heute. Die Madonna-Look-a-like-Schülerin war am Samstagabend in der Disko genauso zuhause wie der Van Halen-liebende Schichtarbeiter oder der durchgestylte Human League-Azubi. Und man kam miteinander klar oder ignorierte sich einfach. Weil man sich nur begrenzt aus dem Weg gehen konnte. Ich kann heute noch beim Autofahren einen ABC- oder Simple Minds-Song der 80er im Autoradio mitsingen, ohne mir jemals einen Tonträger dieser Bands gekauft zu haben. Einfach, weil diese Musik damals in Disko, Radio und Freizeit ständig präsent war und man weder vorspulen konnte, noch den DJ dazu überreden, den ganzen Abend nur und ausschließlich Underground zu spielen.

Wurde es mit Modern Talking oder Blue System dann in der Zappelbude zu arg, hat sich alles, was sich einer sich gerade erst entwickelnden, alternativen Szene ganz oder auch nur ein wenig verbunden fühlte nach und nach vor die Tür verpieselt und dort rumgealbert oder irgendwer öffnete den Kofferraum seines PKW, dudelte auf seinem Autoradio selbstgebastelte Mixtapes mit undergroundigen bis düsteren Sachen ab und die Party ging auf dem Parkplatz vor dem Schuppen weiter, bei Wetter wie dem aktuellen nicht selten bis tief in die Nacht.

Deshalb sehe ich mich auch heute noch eher als „Waver“ denn als „Gruftie“, auch wenn ich letzteres schon allein der schwarzen Kleidung und der Haarpracht wegen ständig entgegengeschleudert bekam; Otto-Normalbürger wußte es einfach nicht besser und das Label „Gruftie“ reichte ihm zur Kategorisierung und Taxierung. „Waver“ war irgendwie geheimnisvoller, vielschichtiger, nicht einzig und allein auf Friedhofsbesuch und Trauerstimmung fixierbar. Die 80er Jahre waren so bunt, so vielfältig – nur „Gruftie“ wäre mir da zu wenig gewesen…

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Markus
Norma Norma
Norma Norma (@guest_61521)
Antwort an  Markus
Vor 1 Monat

Tango 2000!!! Kein Wunder das dieses Lied ein Szene Klassiker geworden ist, veranschaulicht es doch perfekt die Atmosphäre auf einer düsteren Tanzfläche, hehe  ; ) 
Als Jugendliche haben Besuche auf 80er und NDW Partys meinen Weg zu richtigen Szene Parties geebnet.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 1 Monat

Hier übrigend ne Doku zu Italo-Disco ;-)
https://www.arte.tv/de/videos/084718-000-A/italo-disco/

Norma Normal
Norma Normal (@guest_61522)
Antwort an  Tanzfledermaus
Vor 1 Monat

Ja, die Doku ist gut, macht Laune : )

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus(@caroele74)
Antwort an  Norma Normal
Vor 1 Monat

Ich finde ja diese total abgefahrenen Diskotheken in der Doku klasse. Schade, dass es sowas nicht mehr gibt. Das „Linientreu“, das ich in Berlin noch erleben durfte, hatte noch ein kleines bisschen dieses Flairs, kam aber an die gezeigten futuristischen Tanztempel bei weitem nicht heran.

Letzte Bearbeitung Vor 1 Monat von Tanzfledermaus
Gruftfrosch
Gruftfrosch (@guest_61509)
Vor 1 Monat

Mit Verlaub, wenn Drangsal mitmischt, kann’s eigentlich nur gut werden. Vor Jahren mal auf nem WGT von denen angefixt worden und für gut befunden. Irgendwie ne Mischung aus Farin Urlaub und Jochen Distelmeyer. Nicht unbedingt gruftig im Klang, aber von den Texten durchaus. Ich mag das Stück da oben, Robert. Geht mir in die Beine.

Wiener Blut
Wiener Blut (@guest_61524)
Vor 1 Monat

Hmmm, ich habe reingehört… und als langjähriger Tocotronic Fan versuche ich gerade herauszufinden was Kyschko mir an intelligenten deutschen Texten geben… also wo man 2-3 mal mit dem „was?! ahaa! Faktor“ hinhört. Entweder bin ich alt und eingefahren… oder „Im Zweifel für den Zweifel“. ;-)

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