Aus vor 10 Jahren: So erinnern sich Besucher an die Kult-Disco Zwischenfall

Heute vor 10 Jahren, am 18. August 2011, endete für viele Gruftis aus dem Ruhrgebiet eine Ära. Ein Feuer oberhalb der legendären Diskothek Zwischenfall zerstöre das Gebäude fast vollständig. Was nicht im Feuer verbrannte, wurde durch den Löschwassereinsatz völlig zerstört. „Die wahre Brandursache wissen bis heute nur die wenigsten„, verrät Norbert Kurtz, der ehemalige Betreiber der Bochumer Club-Legende gegenüber der WAZ. „Im Zwischenfall hat es gar nicht gebrannt. Das war oben drüber. Dort hat eine Frau gebügelt, wurde über das offene Fenster nach unten gerufen und hat das heiße Bügeleisen abgestellt. Das ist dann aber wohl hingefallen.

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Das Gebäude an der Ecke Alte Bahnhofstraße/Ümmiger Straße wurde 2016 abgerissen. Feuer und vor allem das Löschwasser hatten das Gebäude völlig zerstört. Die Löscharbeiten dauerten die ganze Nacht, da immer wieder Schwelbrände entdeckt wurden. Technik, Einrichtung und gelagertes Material wurden dabei völlig unbrauchbar gemacht. An gleicher Stelle entstehen zurzeit 36 neue Wohnungen und Einkaufsmöglichkeiten. Ein Neubau der abgebrannten Diskothek, die fest in den Stadtteil integriert war, ist offensichtlich nie geplant gewesen.

Gründung 1984 – Das Zwischenfall in der Rock-Disco Appel

Der Club, den Norbert Kurtz 1984 zusammen mit DJ und Autor Klaus Märkert gründete, hat sich über die Jahre einen über die Region bekannten Ruf erarbeitet. Als die vorherige Rock-Disco „Appel“, die in den Räumlichkeiten ansässig war, einen neuen Pächter suchte, wurde die Idee geboren, so Märkert in einem Interview mit Orphi Eulenforst: „Im Sommer 1985 fragte mich der Norbert, ob ich Lust hätte mit ihm dort einzusteigen, weil der Pächter würde aufhören und er könnte den Laden übernehmen. […] Für uns war klar, dass wir die New Wave und Dark Wave Schiene fahren wollten, denn das war unser Ding.“ Allerdings war da noch kein Name gefunden, kurze und prägnante Namen wie „X“ oder „Exit“ gingen aus einem simplen Grund nicht.

Der Grafiker, der diesen Entwurf gemacht hatte, der brauchte für seine Vorlage einen längeren Namen. Da kannten wir diese Minimal-Elektronik Band „Zwischenfall“ mit ihrer ersten EP „Millionen und Flucht“, die uns sehr gut gefiel und das ist dann irgendwie hängengeblieben.

Die erste Zeit lockt das Zwischenfall gemischtes Publikum an. Heimatlose Rocker, die ihr Appel suchten, vereinzelte New Waver aus der Umgebung. Mund-zu-Mund-Propaganda und gelegentliche Anzeigen im Zillo benötigen einige Zeit, um immer schwärzeres Publikum anzulocken. Als der bekannte Szene-Treff „Memphis“ in Dortmund 1986 schließt, strömen viele heimatlose Gruftis nach Bochum. Mit vielen Live-Konzerten lockt man auch Publikum von weiter her nach Bochum. Skinny Puppy, The Klinik, The Chameleons, Charles De Gaulle oder auch Green Day – bevor sie berühmt waren. Klaus Märkert ist der Auftritt von „Pink Turns Blue“ in einem eiskalten Winter 1988 besonders in Erinnerung geblieben, denn die haben seiner Meinung nach „Linderung“ für die gequälten schwarzen Seelen gebracht, deren einstige Idole Ende der 80er immer weiter dem Poser-Metal verfallen waren. „Das Konzert war dark, düster und melancholisch und brachte eine sehr atmosphärische Stimmung.

Erinnerungen an ein Szene-Wohnzimmer

Für die meisten Besucher wurde ein Besuch im „Zwischenfall“ mehr als ein netter Abend unter Gleichgesinnten. Für sie war es ein Ort der völligen Freiheit, in der sie so sein konnten, wie sie wollten und wo jeder jeden wie selbstverständlich akzeptierte. Und so kamen sie immer wieder und hielten Norbert Kurtz, der das Zwischenfall von Anfang bis zu seinem abrupten Ende geführt hat, auch nach dem Brand die Treue und besuchen regelmäßig die Veranstaltung im Bahnhof Langendreer. Allerdings, und darin sind sich alle einig, so einen Laden wie das Zwischenfall wird es nicht wieder geben.

Sandra aus Köln ist zum ersten Mal Mitte der 90er ins „Zwischenfall“ gekommen. Nach einem ersten vorsichtigen Besuch konnte sie jedoch bald nicht mehr genug bekommen und fand, die Öffnungszeiten waren viel zu knapp bemessen: „Ab Mitte der 90er war ich im Zwischenfall. Ich erinnere mich noch genau, als ich das erste mal dort war. Ein Traum! Alle Leute sahen so cool aus mit ihren Iros und Tellern. Hier wollte ich hin, hier wollte ich bleiben. Fast jedes Wochenende war ich dann dort, denn das Zwischenfall blieb einzigartig. Die Leute, die Musik, die Location. Ich war jedes Mal den Tränen nahe, wenn es nach rund 5 Stunden wieder vorbei war.

Zwischenfall Gruppe
Für einen Schriftsteller, der über die schwarze Szene ein Buch schreiben wollte, entstand dieses Foto. Manuela und Seelenschwester Kara sind unten zu sehen.

Auch Manuela aus Witten hat das „Zwischenfall“ Ende der 80er-Jahre für sich entdeckt. Für sie und ihre „Seelenschwester“ Kara, wie sie ihren Freund Björn liebevoll nennt, ein absolutes Wochenhighlight und so stylte man sich gemeinsam bereits am Samstag-Nachmittag, bevor es dann abends losging. „Wir waren immer das gleiche Trüppchen, welches auch im Fall stets zusammen blieb. Mit der S-Bahn fuhren wir von Dortmund, wo wir uns alle trafen, bis nach Bochum-Langendreer und meistens traf man während der Fahrt auch weitere dunkle Freunde, die sich zu einem gesellten. Der erste Gang, nachdem man bei Nobbi den Eintritt bezahlt hatte, war erst mal runter zur Garderobe, um alles loszuwerden, was beim Tanzen störte, anschließend in die Toilette, um sich noch mal aufzufeinen.

Das Zwischenfall war für Manuela ein Platz, um sich auszutauschen, neue Menschen kennenzulernen und natürlich, um zu tanzen. Wenn oben auf der Tanzfläche das Lieblingslied läutete, war auf der Treppe hektisches Gedränge. Über seine persönlichen Gegenstände und Klamotten, die man an der Garderobe oder an der Bar gelassen hatte, machte man sich keinen Kopf. „Im Fall kannte jeder jeden, alles war so familiär. Es war ein Ort, wo ich mich absolut sicher, akzeptiert und wie zu Hause fühlte.“

Zwischenfall

„Wir waren immer bis zum letzten Song da, denn die erste Bahn kam sonntags erst so gegen 6 Uhr morgens. Da wir aber mit all unseren Freunden auch immer zurückfuhren, hatten wir viel Zeit, die Nacht Revue passieren zu lassen und Pläne für das nächste Wochenende zu schmieden.“

Ins gelobte Land kam Kitty aus Dortmund, die als frisch gebackene 18-jährige 1989 zum ersten Mal im Zwischenfall aufschlug. „Ich ging zur Schule, war im Tanzkurs und mein Tanzpartner, selbst nur etwas „schwarz angehaucht“, wollte mir diese besondere Disco zeigen.“ Für die Schülerin, die bis zu diesem Zeitpunkt mit Duran Duran, Depeche Mode, The Cure und der Neuen Deutschen Welle aufgewachsen war, wurde das Zwischenfall eine Offenbarung. „Ich betrat eine unbekannte Welt und war fasziniert und gleichzeitig etwas eingeschüchtert, weil ich so „normal“ aussah. Menschen in langen, wallenden Gewändern, Samt und Spitze, Rüschenhemden, Umhänge, viel Schmuck, toupierte Haare, Türme und Teller. Ich wusste: Da will ich dazu gehören.

Von 1989 bis Ende der 90er-Jahre ist sie fast jeden Samstag in Bochum. Anfangs noch mit der Bahn, später mit dem eigenen Auto. Sie lernte eine Menge Leute kennen, die sie geprägt und inspiriert haben. Aus der Neugier einer 18-Jährigen wuchs neben einer andauernden Szenezugehörigkeit auch Toleranz gegenüber sexuellen Vorlieben, Lebensweisen und Genderzugehörigkeiten. Es gab nichts, was im Zwischenfall nicht nebeneinander und miteinander existieren konnte. Was geblieben ist, sind Erinnerungen:

Es gab die schönsten, interessantesten und unterschiedlichsten Menschen dort. Den divenhaften Marcel, der die tollsten Glitzerfummel und Perücken trug, oder im Piratenoutfit erschien, den schönen Markus mit den langen roten Haaren in Lackhose und Rüschenhemd, den meine Freundin und ich heimlich anhimmelten. Die Waver mit Stoffhosen und Pikes, die drei Schritte vor, drei Schritte zurück tanzten. Die Frau mit den fast bodenlangen Haaren, die immer am Geländer oberhalb der Treppe stand und wohl meine erste Inspiration zum Haare züchten war.

Die zarte Gitti, die den höchsten Turm von allen hatte. Den „Tittenmann“ im glänzenden Spandexanzug mit den großen, künstlichen Brüsten. Den Billy Idol-Imitator, der auf der Tanzfläche zur Musik seines Lieblingssängers eine perfekte Performance ablieferte. Den älteren Ledertypen mit der Schirmmütze, der unten an der Bar saß. Die schöne Sabine mit dem Witwenspitz und den romantischen Samtklamotten, die für mich der Inbegriff einer gruftigen Schönheit war.

Oder auch Jörg aus Holland, der immer auf dem Damenklo auf einem Stuhl saß und gewissen „Geschäften“ nachging. Überhaupt, das berühmte Damenklo! Mann, Frau und Divers gingen dort ein und aus, zogen den Lidstrich nach, richteten die Frisur oder verschwanden zu zweit in einer der Kabinen. Was diese Wände alles zu erzählen hätten!

Das Ende vom Zwischenfall ist das Ende einer Clubkultur

Obwohl es immer wieder Bestrebungen gibt, schwarze Diskotheken zu etablieren, bleibt es häufig bei kurzzeitigen Veranstaltungen oder einem enorm breiten Musikprogramm. Wäre ein Zwischenfall, so wie es damals war, heute überhaupt noch möglich? Klaus Märkert erzählt dazu:

Da müsste sich aber schon ganz schön was verändern. So wie man es beobachten kann, wird die Szene eher kleiner als größer und daher haben es Clubs, die diese Musik spielen, es sowieso immer schwerer den Laden vollzukriegen. Da ist es sehr unwahrscheinlich, einen erfolgreichen Club dieser Art zu etablieren. Das würde nur gehen, wenn man so viel Geld im Rücken hätte, dass man überhaupt nicht darauf angewiesen wäre, von den Einnahmen zu leben. Als eine Art Hobby sozusagen, indem man interessante Konzerte und ein abwechslungsreiches Musikprogramm dieses Genres bringt. Ein langer Atem ist wichtig, dass man es mal verkraften kann, wenn es ein paar Abende eben nicht läuft. Dann mag das noch funktionieren.

Das Ende vom Zwischenfall war auch das Ende einer dunklen Clubkultur, die sich immer weniger lohnt, weil die Szene schrumpft und sich die Gemeinschaft ein Stück weit in virtuelle Welten verlagert. Dazu kommen immer neue Regelungen und Bestimmungen, die einen Neubau zu einem schwarzen Club mit Krankenhaus-Atmosphäre machen und letztendlich auch eine Pandemie, die das Nachtleben sowieso seit 2 Jahren vernichtet hat. Es bleibt abzuwarten, ob auf derart verbrannter Erde wieder ein Gothic-Baum wachsen wird.

So war das Feuer im Zwischenfall vielleicht ein böses Omen für das Ende einer Ära der Clubkultur. Kämpfer vom Art of Dark in Köln hat übrigens auch ein Omen gesehen und sich einen Comic, anlässlich des 10-jährigen „Gedenktages“, aus dem Handgelenk geschüttelt:

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Thorsten Stroht
Thorsten Stroht (@guest_60370)
Vor 1 Monat

Ich war von 1985 an Stammgast im Z-Fall und kenne auch jeden von den oben genannten persönlich, und kann mit Sicherheit sagen, daß Skinny Puppy nie im Fall gespielt haben. Deren erstes Konzert war im Oktober 86 im Logo, dann 88 in der Zeche und danach später halt noch mal. Aber definitiv nicht im Fall. Wäre mir bekannt, denn Kevin und Nivek kenne ich auch recht gut, die hätten mir das damals bestimmt irgendwie mitgeteilt. :-) Dennoch, guter Artikel, war ne schöne Zeit! RIP

Thorsten Stroht
Thorsten Stroht (@guest_60373)
Antwort an  Robert Forst
Vor 1 Monat

Moin! Ich kenne Klaus, auch schon eeeewig, er hat sich da evtl etwas vertan, das Skinny Puppy-Nebenprojekt „Download“ (die waren bei uns auf dem Label, ich habe damals bei Off Beat gearbeitet) hat dort gespielt. Ist aber auch egal, das Zwischenfall war damals quasi als „Zweiter Wohnsitz“ in meinem Personalausweis eingetragen. Good Times! :-)

Dirk B.
Dirk B. (@guest_60372)
Vor 1 Monat

In den 90er habe ich das ZFall als Szene Disko kennengelernt und immer wieder besucht. Als ich 2005 als Partyfotograf dort nicht nur meinen Hobby frönen durfte war ich öfter dort als in meinem eigenen Wohnzimmer. Die Partys, Konzerte und nicht zuletzt Menschen machten das ZFall zu etwa ganz besonderen. Der Verlust des ZFall kann bis heute keine andere Veranstaltung, ganz gleich wie groß der Club und wie gut die Party(s) sind wett machen… Alle was bleibt sind unzählige Partybilder, Zeitzeugen einer richtig guten Zeit…

Stefan
Stefan (@guest_60377)
Vor 1 Monat

Das die Kassierer und die allererste Band, die überhaupt im damaligen Appel aufgetreten sind, „The Black Devils“, noch ein Benefiz Gig gespielt haben, wird nicht erwähnt! Schade….

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