WTF! Leipzig 2026: Warum die schwarze Szene ihre eigene Wissenschaftsbühne braucht

Im Juni 2022 habe ich an dieser Stelle zum ersten Mal vom WTF! Leipzig erzählt – damals noch als Ankündigung, mit offenem Ausgang. Heute, vier Jahre später, ist daraus ein etabliertes Format geworden, das jedes Pfingstwochenende sein eigenes Publikum in den Kupfersaal lockt. Ein Publikum, das sich nicht zwischen WGT und WTF entscheiden muss, sondern beides zusammen denkt.

Genau das ist mir an dieser Stelle wichtig: Ich glaube, das WTF versteht sich nicht als Konkurrenz zum Wave-Gotik-Treffen, sondern als Erweiterung dessen, was das Pfingstwochenende in Leipzig seit jeher ausmacht. Wer schon einmal dabei war, weiß: Das WGT lebt mindestens so sehr vom Rahmenprogramm wie von den musikalischen Auftritten. Lesungen, Ausstellungen, Friedhofsspaziergänge, Vorträge, zufällige Begegnungen im Park – das ist der eigentliche Kitt eines Wochenendes, das eben nicht nur aus Konzerten besteht. Das WTF reiht sich da ein, mit eigenem Akzent, und bietet darüber hinaus auch einen Anlaufpunkt für Besucher, die nicht ein ganzes Festival besuchen können oder wollen.

Was Lydia Benecke und Christian von Aster mit dem WTF ins Leben gerufen haben, verdient ohnehin Anerkennung. Eine eigene Veranstaltung parallel zum WGT auf die Beine zu stellen, heißt: Räume anmieten, Technik organisieren, Tickets verkaufen, Referent:innen einladen, Werbung machen, Risiko tragen. All das, was bei einem etablierten Festival im Hintergrund läuft, musste hier von Grund auf selbst gestemmt werden. Dass das WTF inzwischen in der vierten Auflage steht und sich seine eigene Fangemeinde erarbeitet hat, ist kein Selbstläufer – das ist harte Arbeit, die sich ausgezahlt hat.

Und es ist mehr als das. Ich glaube, eine Subkultur wird erst dann wirklich zur Kultur, wenn sie über Musik und Ästhetik hinaus auch inhaltlich etwas zu sagen hat. Schwarze Mode und düstere Klänge sind die sichtbare Oberfläche der Szene, aber das, was darunter liegt – die Auseinandersetzung mit Tod, Geschichte, Psychologie, mit dem, was unbequem oder unheimlich ist – das ist es, was uns als Szene eigentlich zusammenhält. Formate wie das WTF! geben diesem inhaltlichen Interesse eine Bühne. Sie machen explizit, was sonst nur mitschwingt. Und sie zeigen, dass die schwarze Szene eben nicht nur Posing ist, sondern eine Kultur mit einem ernsthaften Interesse an den großen, dunklen, unangenehmen Fragen.

Genau deshalb stelle ich euch „Wissenschaft Trifft Freundschaft“ und das Programm 2026 hier ausführlich vor.

So funktioniert das WTF! Leipzig

Das WTF! ist kein klassischer Kongress mit Bändchen am Handgelenk und festem Ablauf, sondern bewusst flexibel aufgebaut. Das Programm ist in 8 Themenblöcke gegliedert – vier am Samstag, vier am Sonntag. Jeder Block dauert etwa zwei bis zweieinhalb Stunden, enthält zwei bis vier Vorträge oder Lesungen zu einem gemeinsamen Thema und endet mit einer offenen Q&A-Runde, in der das Publikum den Referent:innen direkt Fragen stellen kann.

Beim Ticket habt ihr die freie Wahl, wie ihr euch euer „WTF-Menü“ zusammenstellt:

  • Einzelne Themenblöcke – wenn euch nur ein bestimmtes Thema interessiert (22-25€)
  • Tageskarten für Samstag oder Sonntag – wenn ihr einen kompletten Tag dabei sein wollt (35€)
  • Das Wochenendticket – die „All-you-can-eat“-Variante für beide Tage komplett (59€)

Zwischen den Blöcken gibt es Pausen, in denen ihr die Vortragenden auch persönlich treffen, Bücher signieren lassen oder einfach plaudern könnt. Das ist ausdrücklich Teil des Konzepts: Wissenschaft als Erlebnis in freundschaftlicher Atmosphäre, nicht als Frontalveranstaltung.

Ort: Kupfersaal Leipzig
Termin: WGT-Wochenende, 23. und 24. Mai 2026
Tickets: über wtf-leipzig.de/shop

Das Programm vom WTF! Leipzig 2026

Samstag, 23. Mai

Block 1 – Batman, Buddenbrooks und Wuthering Heights: Große Gefühle, düstere Geschichten (ab 12:00 Uhr)

Der Auftakt führt in literarische Abgründe. Christian von Aster liest aus „Batman bei den Buddenbrooks“, einem schräg-vergnüglichen Trip zwischen Wunderland und Wirklichkeit. Anschließend stellt Bernd Harder Emily Brontës „Wuthering Heights“ vor – jenen Klassiker, den Kate Bush 1978 zu einem Nummer-eins-Hit machte und der zuletzt mit Margot Robbie neu verfilmt wurde. Lydia Benecke seziert den Roman im Anschluss psychologisch unter dem Titel „Hurt People Hurt People“ und zeigt, wie Brontë den Kreislauf von Trauma und Gewalt beschreibt – und wie er durchbrochen werden kann.

Block 2 – Wirklichkeit – nur elektrische Signale in deinem Gehirn? (ab 14:30 Uhr)

Vier Perspektiven auf die Frage, was wir eigentlich wahrnehmen und was uns dabei in die Irre führt. Dr. Holm Hümmler widmet sich den „Biophotonen“ und der Frage, ob hinter dem Comeback dieses esoterischen Konzepts mehr steckt als geschicktes Marketing. Fabian Deister vom YouTube-Kanal „fabiologe“ zeigt, wie aus Begriffen wie Epigenetik und Biohacking Wochenend-Seminare mit haarsträubenden Heilsversprechen werden. Ruth Habeland analysiert das Phänomen der „Toxischen Positivität“ – jenen Druck, auch in Krisen optimistisch bleiben zu müssen. Den Abschluss macht der Wiener Quantenphysiker Dr. Florian Aigner, dessen aktuelles Buch „Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr“ auch den Titel seines Vortrags liefert: eine Entdeckungsreise durch die Physik der Sinneseindrücke.

Block 3 – Tod und Tatortreiniger: Der Letzte macht das Licht aus (ab 17:30 Uhr)

Ein Block, der Tabuthemen mit Humor und Realitätssinn angeht. „Der Tod“ – eine Bühnenfigur in Gestalt des Sensenmanns – nimmt dem Sterben mit seiner Death Comedy etwas vom Schrecken. Thomas Kundt, Deutschlands bekanntester Tatortreiniger und SPIEGEL-Bestsellerautor, erzählt aus seinem Berufsalltag und davon, wie aus echten Geschichten im Internet manchmal Fake News werden.

Block 4 – Mordermittler und Gerichtspsychiaterin klären auf: Krimis, Thriller und die Realität (ab 20:00 Uhr)

Wer wissen will, wie weit Tatort und Polizeiruf von der Wirklichkeit entfernt sind, ist hier richtig. Ronald Straew, seit 30 Jahren in der Mordkommission Leipzig (K 11), spricht mit der Kriminalpsychologin Lydia Benecke über die Realität von Todesermittlungsverfahren. Im Anschluss erklärt Dr. Nahlah Saimeh, seit über 25 Jahren forensische Psychiaterin und Sachverständige, was Psycho-Gutachter:innen wirklich tun – und was nicht.

Sonntag, 24. Mai

Block 5 – Macht und Ohnmacht: Adultismus, Trad-Wives und künstlerische Verarbeitung (ab 12:00 Uhr)

Annika Harrison erklärt, was Adultismus ist – jenes alltägliche Machtgefälle, mit dem Erwachsene Kinder kleinhalten – und warum es demokratierelevant ist, Kinder ernst zu nehmen. Luci van Org (bekannt aus „Lucilectric“, heute Cross-Media-Künstlerin) liest gemeinsam mit dem Musiker ingmar. aka auf.dem.bug aus ihrem noch unveröffentlichten Roman „KIND“ – einem tiefdunklen Märchen über Schmerz, Wut und Liebe. Dr. Rebecca Wismeg-Kammerlander vom King’s College London nimmt anschließend die „Trad Wives“ auseinander: jene perfekt inszenierten Hausfrauen-Idyllen auf TikTok und Instagram, die sich bei genauerem Hinsehen als Einfallstor für rechte Narrative entpuppen.

Block 6 – Europäische Untote und Geistwesen: Eine kulturgeschichtliche Spurensuche (ab 14:30 Uhr)

Drei Wege zu den Untoten: Der Archäologe Mirko Gutjahr berichtet von Vampirgräbern in Europa – Bestattungen, bei denen Verstorbene gepfählt, geköpft oder festgenagelt wurden. Bernd Harder erzählt die kaum bekannte Vorgeschichte zu Bram Stokers „Dracula“: Der Roman beginnt nämlich in München, in der Walpurgisnacht. Lydia Benecke taucht weiter in die slawische Mythologie ihres Geburtslands Polen ein und stellt nach der Zmora aus dem Vorjahr nun weitere fantastische Wesen vor – darunter die Kikimora.

Block 7 – Hexenverfolgung: Zwischen Geschichte und Mythos (ab 17:00 Uhr)

Andrej Pfeiffer-Perkuhn, bekannt durch seinen YouTube-Kanal „Geschichtsfenster“, räumt mit den hartnäckigsten Mythen über die Hexenverfolgung auf. Lydia Benecke ergänzt mit einem Vortrag zum Hexenglauben in Polen, der historischen Entwicklungen und mythologische Wurzeln nachgeht. Die Q&A-Runde wird von Julia Jeschke mitgestaltet.

Block 8 – Warum morden Menschen? Psychologie und Prävention von Tötungsdelikten (ab 20:00 Uhr)

Der Schlussblock geht in die Tiefe. Ruth Habeland beleuchtet „Toxische Männlichkeit“ – die Frage, wie Rollenbilder von Dominanz und Härte nicht nur andere belasten, sondern auch Männern selbst schaden. Lydia Benecke spricht über die Kriminalpsychologie von Tötungsdelikten und deren Prävention. Den persönlichsten und wohl eindringlichsten Beitrag liefert Hagen Braun: Er wurde 1996 wegen Mordes verurteilt, hat in der Haft einen radikalen Wandel durchlaufen und arbeitet heute als zertifizierter Anti-Aggressivitäts-Trainer in der Straffälligenhilfe und Präventionsarbeit.

 

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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