Rückblick: Mittelalterliche Gedanken zur Saisoneröffnung in Xanten

Das Mittelalter war eine düstere Zeit zwischen Krankheit, Armut und Tod – die Kirche machte was sie wollte, Lehnsherren und Könige auch. Was den Menschen an Freude geblieben ist, kompensiert sich heute in Mittelaltermärkten. Gaukler, Musiker, Minnegesang und Völlerei in möglichst authentischen Umgebungen übt einen gewissen Reiz aus, auch auf mich. Eigentlich wollte ich schon den letzten schönen Sonntag dazu nutzen, die Burg Satzvey zu besuchen, leider machte mir ein Schlafproblem einen Strich durch die Rechnung. Doch gestern haben wir es endlich geschafft und sind bei strahlendem Sonnenschein zum Siegfried-Spektakel nach Xanten gefahren. Die Stadt ist nicht nur mit einem unglaublich schönen historischen Stadtkern und einer großen römischen Wehranlage gesegnet, nein sie ist auch die einzige in Deutschland, die mit einem „X“ beginnt.

Neben dem üblichen Markt gab es auch noch 3 Bühnen, auf denen in dichter Reihenfolge bekannte und weniger bekannte Mittelalter-Kapellen, Barden und Gaukler das Volk belustigten und so auf dem schlauchförmigen Ring vor der Stadtmauern für eine dichte Atmosphäre sorgten. Das die meisten Mittelalterfeste mittlerweile von großen Veranstaltern ins Leben gerufen werden, die damit durch ganz Deutschland reisen, tut der Sache eigentlich keinen Abbruch, sorgt aber für recht ordentliche Eintrittspreise und so gönnten wir uns für 12€ die Karten für alle 3 Bühnen, denn auf der großen Nibelungenbühne sollte die große Drachenshow starten. Der Eintritt für den übrigen Markt wäre mit 9€ zu Buch geschlagen und damit unwesentlich günstiger gewesen.

Rückblickend hätte ich mir die zusätzlichen 3€ sparen sollen, denn die Drachenshow dauerte 20 Minuten und war im wesentlichen für Kinder ausgelegt. Mich, der schon in unzähligen Träumen mit viel gefährlicheren Drachen gekämpft hatte, konnte das ganze natürlich nicht beeindrucken. So blieb es beim Erlebnis Markt mit musikalischer Untermalung, der aber dank zahlreicher Schmuckstände nicht ohne Folgen für unseren Geldbeutel bleiben sollte. Ein Ring in Gestaltung der Fleur de Lis, sowie ein Pentagramm das von einer Schlange durchbrochen nun mein Hals ziert. „Es dient als Schutz vor bösen Geistern und übernatürlichen Kräften. Es kann zur Verteidigung gegen magische Angreifer genutzt werden, indem es dem Zauber gegen seine Urheber wendet. Die Schlange als Amulett fördert die Bereitschaft durch Lernen zur Erkenntnis zu gelangen. Sie steht für Weisheit und Einsicht. Die Schlange weist den Weg in die Spiritualität.1 Bea, hellfühlige und weise Frau des Ladens, war so nett mir das Amulett auch noch mit positiver Energie aufzuladen und mir zu raten, das Ritual zu vollführen um es an mich als Träger zu gewöhnen.

Aber eins kann auf diesen Märkten keiner mit Geld aufwiegen, das beobachten der Leute. So kam es, das wir uns mit einem kleinen Snack bewaffnet an die Mauer zurückzogen um über die unglaubliche Bandbreite der Besucher zu lästern sinnieren. Da tummeln sich klassische Familien im funktionellen Jack Wolfsskin Outfit „Geh mal nicht so nah dahin, der hat keine Schuhe an!„, die ihre Kindern mit Schild und Schwert in die Grundlagen des bewaffneten Kampfes einweihen. „Schlag aber nicht so fest, nachher tut ihr euch weh!“ neben den mit riesigen Fotoapparaten bewaffneten Paaren die ihre Fotosammlung sinnvoll erweitern möchte und so auch die dicksten Rohre auf jeden mit Fell bekleideten Wilden richten „Können Sie bitte nochmal böse gucken?

Ja das ist verwerflich, wie ich mich so ungestüm meinen Gedanken hingebe, aber Hand auf’s Herz: Wer macht das nicht? So rege ich mich auch nicht auf, wenn der Wikinger mit dem spätmittelalterliche Ritter über die konsequente Zersetzung über ihres sonst so authentischen Refugiums diskutieren. Schließlich passen wir „schwarzen“ ja auch nicht ins Bild und stören mit unserer Fahne aus Patchouli empfindlich die von Schweiß und Rauch geschwängerte Luft. Immerhin duldet man uns, schließlich bringen wir Devisen. Der aufmerksame Leser erkennt, wie leicht man mit Floskeln die Tatsachen in einem anderen Licht darstellen kann.

Ehrlich, ich mag diese Mittelaltermärkte, egal vor welchem historischen Hintergrund sie stehen oder wie authentisch sie sind. Als Entdecker an Schmuckständen oder auf der Suche nach neuen Kombinationsmöglichkeiten in Sachen Kleidung finde ich sie herrlich. Dazwischen eine schnelle Wurst als mittelalterlicher Snack und Apfelschorle aus klobigen Bechern zu Klängen aus Sackpfeifen, Trommeln und Drehleiern. Ein wirklich schöner Sonntag in Xanten, einer Stadt in der sich immer ein Besuch lohnt. Wer das Freilichtmuseum APX noch nicht gesehen hat, sollte die kleine Reise unbedingt auf sich nehmen (von Mönchengladbach aus rund 75km), es gibt viel zu sehen in der Stadt mit „X“.

Einzelnachweise

  1. Quelle: Internetseite des Händlers auf dem Siegfried-Spektakel Magic-Wotan aus Schrecksbach[]
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