Bin ich ein schwarzer Romantiker?

Eigentlich sollte das Thema der Blogparade „Ich bin ein schwarzer Romantiker, weil…“ lauten, doch trotz intensiver Überlegung ist es mir nicht möglich, eine abschließende Antwort auf die Frage zu geben. Worum geht es? Das Städel Museum, das noch bis zum Januar 2013 die Ausstellung „Schwarze Romantik“ beherbergt, hat zu einer Blogparade mit diesem Thema aufgerufen. Wie ich bereits in einem Artikel dazu angekündigt habe, werden wir uns die Ausstellung ansehen und würden uns freuen, wenn daraus ein kleines Spontis-Treffen wird. Interessierte markieren sich den 1. Dezember in ihrem schwarzen Kalender, alles Weitere gibt es in Kürze.

Das Museum streift ein vermeintlich staubiges Image ab und eröffnete im  September 2011 einen Blog, ist seit 2009 in zahlreichen sozialen Netzwerken unterwegs und pflegt auch sonst eine sehr lebendige Kommunikations-Kultur. So wurde man auf meinen Artikel aufmerksam und lud mich zu einem „Community-Abend mit Tweetup und Blogparade im Städel“ ein, der heute Abend ab 18:00 im Rahmen des StARTCamp Frankfurt im Städel Museum stattfindet. Teilnehmen kann ich leider nicht, finde die Idee aber großartig, der sonst so elitären klassischen Kunst eine breite Plattform zu geben. So begnüge ich mich mit dem durchaus interessanten Thema der  Blogparade, an der man noch bis zum 31. Oktober  teilnehmen kann.

Zurück zur Fragestellung: Bin ich ein schwarzer Romantiker?

Filmstill mit dunkler Landschaft
Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931), Faust – Eine deutsche Volkssage, Deutschland 1926, Filmstill – Stummfilm, schwarz-weiß, deutsche Zwischentitel © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Romantiker, so scheint jedenfalls die heutige Auffassung zu sein, lieben das romantische Ambiente. Das Herstellen einer besonderen Stimmung als Ausdruck der besonderen Zuneigung zu einem anderen Menschen. So klingt es jedenfalls, wenn ich versuche, es sachlich zu formulieren. Und in der Tat trifft auch das auf mich zu. Beim Abendessen beispielsweise brennen häufig Kerzen und der Tisch ist hübsch gedeckt. Das übrige Licht wird abgedunkelt, im Hintergrund läuft im Idealfall etwas Ruhiges von The Cure oder wahlweise etwas von Helium Vola, je nach Stimmung und Anlass. Ich bereite alles vor und freue mich darauf, mit meiner Partnerin in diese Atmosphäre einzutauchen, um so den Alltag auszublenden. Romantisch?

Die Tatsache, dass Kerzen – häufig in Form von Grablichtern – die umgebenden Objekte wie Fledermäuse, Totenköpfe und Eulen in ein flackerndes und extrem mystisches Licht tauchen, könnte man – neben der ausgewählten Musik – als Klischee bezeichnen, oder eben als „Schwarze Romantik“.  Doch das ist nur ein Teil von dem, was ich unter Romantik verstehe.

Romantik ist für mich auch Leidenschaft, Sehnsucht und Melancholie. Der Wunsch, einen Zustand herzustellen, der nicht möglich erscheint, und sich daher in Phantasien und Gefühlen manifestiert. Tief empfundene Traurigkeit und die Sehnsucht nach einem besseren Jetzt. Die Nacht ist für mich die romantischste Tageszeit. Der Sonnenuntergang läutet die Zeit der Stille ein, in der das Auge vieler seiner Wahrnehmungen beraubt wird. Die einkehrende Stille hüllt das Selbst in eine beruhigende Glocke der Einsamkeit, man fühlt intensiver, ist nachdenklicher, kreativer und konzentrierter. Die Phantasie benutzt die Leinwand der Nacht für ihre ganz eigenen Projektionen. Ist das „schwarze Romantik“?

Kunst und Gefühl

Ein Friedhof im Sonnenuntergang
Caspar David Friedrich (1774–1840)
Kügelgens Grab, 1821/22
Die Lübecker Museen, Museum Behnhaus Drägerhaus, Leihgabe aus Privatbesitz

Die „Schwarze Romantik“ ist jedoch eine Kunstrichtung. Eine trockene Genrebezeichnung für Künstler mit dunklem Gemüt. Künstler, die eben diese Gefühle mit ihrer Kunst verknüpften und Bilder mit ihrer ganz eigenen Stimmung schufen. Bin ich einer von ihnen? Nein, ich denke nicht. Ich möchte dennoch schildern, warum ich die Bilder und Kunstwerke, die diesem Genre zugeordnet werden, so mag. Vielleicht könnte man das mit der Aussage „Ich bin ein schwarzer Romantiker, weil…“ betiteln.

Es sind Bilder wie das von Caspar David Friedrich, die mich zum Träumen einladen. Der Hintergrund verschwimmt, während ich das Bild betrachte. Ich entdecke Details und erkunde das, was mein Auge sieht. Der Geruch der feuchten Erde kitzelt meine Nase, der leichte Wind wiegt die knorrigen Äste der Bäume. Vor mir sehe ich den Friedhof, den auch Friedrich sah und genieße das Absolute des Todes. Es ist allgegenwärtig und doch nicht präsent. Keine Lebenden auf dem Friedhof, nur der Gedanken an das Vergangene. Was mögen wohl für Geschichten begraben sein? Was erzählt uns die Inschrift auf einem Kreuz?

Ich finde einige der Bilder faszinierend, weil sie eben nicht blühende Sommerwiesen oder im Glanz der Sonne erstrahlende Landschaften zeigen. Sie lenken nicht ab, sie konfrontieren.

Was will uns der Künstler damit sagen?“ – Ich hasse diese – zugegeben klischeehafte – pseudointellektuelle Herangehensweise an gemalte Kunst. Oftmals versucht man herauszufinden, welche Botschaft hinter einem Bild steckt, welche Aussage ein Bild hat und verknüpft biographisches Fachwissen mit einer kruden Interpretation. Muss ein Bild denn etwas sagen? Will uns der Künstler nicht einfach nur einladen, durch seine Augen zu sehen um dann eine eigene Interpretation zu kreieren?

Für mich ist ein Bild, das mein Auge fasziniert, eine Einladung zur Reise in die eigene Gedankenwelt. Eine Verbindung zum Verborgenen, ein Katalysator für Ungedachtes. Ob mich das zu einem schwarzen Romantiker macht, weiß ich nicht. Eine abschließende Antwort oder Erklärung gibt es nicht. Es gibt keine brauchbare Definition dieser Bezeichnung und das sage ich nicht, weil ich mich partout nicht einordnen lassen will. Ich weiß einfach nur nicht, was einen schwarzen Romantiker ausmacht. Vielen Dank an das Städel Museum, das es mir erlaubt hat, die Fotos der Bilder in diesem Artikel zu benutzen.

Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Axel
Axel (@guest_28662)
Vor 8 Jahre

Romantik ist für mich auch Leidenschaft, Sehnsucht und Melancholie. Der Wunsch, einen Zustand herzustellen, der nicht möglich erscheint, und sich daher in Phantasien und Gefühlen manifestiert. Tief empfundene Traurigkeit und die Sehnsucht nach einem besseren Jetzt. Die Nacht ist für mich die romantischste Tageszeit. Der Sonnenuntergang läutet die Zeit der Stille ein, in der das Auge vieler seiner Wahrnehmungen beraubt wird. Die einkehrende Stille hüllt das Selbst in eine beruhigende Glocke der Einsamkeit, man fühlt intensiver, ist nachdenklicher, kreativer und konzentrierter.

Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. :-)

Daniela Bamberer
Daniela Bamberer (@guest_28664)
Vor 8 Jahre

Hallo Robert,

vielen Dank für Deinen Beitrag zur Blogparade! Mit dem Satz “Ich bin ein schwarzer Romantiker weil …” haben auch die anderen Teilnehmer etwas gekämpft. Aber die bisherigen Beiträge sind sehr facettenreich und interessant zu lesen.

Schade, dass Du heute Abend nicht kommen kannst. Für den 1. Dezember wünsche ich Dir und Deinen Freunden einen tollen Ausstellungsbesuch.

Liebe Grüße
Daniela

Alva Katharina
Alva Katharina (@guest_28665)
Vor 8 Jahre

Juhuuu, der 1.12. ist schon mit schwarzer Fledermaus im Kalender markiert worden :)

Bin jetzt schon reichlich gespannt auf die Ausstellung und freue mich auf ein kleines Treffen, hoffentlich klappt es!

Piet Noir
Piet Noir (@guest_28666)
Vor 8 Jahre

Sehr schöner Aritkel, doch ob „Schwarze Romantik“ lediglich eine Kunstrichtung ist würde ich so nicht behaupten. Ich denke schon, dass man es durchaus als Lebensstil pflegen könnte. „Schwarze Romantik“ durchzieht doch so viele Dinge, nicht nur Bilder, auch Literatur, Musik als auch Klamotten und andere Gestaltungsfelder.

Freue mich schon auf den 01. Dezember

Benedikt Vogler
Benedikt Vogler (@guest_28669)
Vor 8 Jahre

Gerade bei Caspar David Friedrich kann man wunderbar interpretieren und man sollte nicht einfach nur das sehen, was der Künstler gemalt hat. Dafür hat man den Realismus. Zitat Wikipedia:

Der Begriff „Realismus“ (von lat. realis „die Sache betreffend“; res: „Sache, Ding“) bezeichnet in der Kunstgeschichte eine Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa einsetzende neue Kunstauffassung, die sich gegen die historisierenden und idealisierenden Darstellungen des Klassizismus und der Romantik wandte.“

Es geht bei ihm meistens um christliche Gedanken, Vergänglichkeit und Auferstehung. CDFs Werke sind meisterwerke und mein Lieblingskünstler. CDFs Werke nicht zu interpretieren, nur weil es ja pseudo-intellektuell wäre, ist einfach nur naiv. Wer Kunst ohne Bedeutung haben will, sollte sich eigentlich mehr mit „simpler“ Naturfotographie (à la flickr) beschäftigen (nicht abwertend gemeint). Lyrik und Kunst muss interpretiert/analysiert werden, wenn einem „sieht schön aus“ nicht reicht (das geht auch ohne Biographie).
Ich bin im Kunst LK im zweiten Jahr und bei mir im Kurs sitzen keine pseude-intellektuellen. Wir haben einfach Freude an Kunst, und die Wirkung komtm erst durch Analyse hervor. Kunst konsequent ohne Analyse ist einfach nur Verschwendung und eine Missachtung der schöpferischen Leistung.

LG

Ian Luther
Ian Luther (@guest_28670)
Vor 8 Jahre

Robert, wieder einmal ein toller Artikel von dir, sehr gut geschrieben und ich schließe mich all deinen Punkten an, die du schilderst. Mit der Kunst ist es so eine Sache. Braucht es immer eine Aussage? Ich finde nicht. Kunst muss das Herz und die Sinne berühren. Gerade Caspar David Friedrich ist einer der „Romantiker“, die das bei mir immer schaffen. Die Abenddämmerung, wie du schreibst, das Einleuten der Nacht, wenn der Blick getrübt wird und man die Geister der eigenen Einbildungskraft zu erkennen vermag. Das ist für mich pure Romantik. Genauso wie herbstliche Waldspaziergänge, wenn die letzten goldenen Sonnenstrahlen durch das löchrige Blätterdach fällt und der Nebel langsam aber sicher die Welt verschluckt. Passend dazu fällt mir ein guter Soundtrack ein.

Benedikt Vogler
Benedikt Vogler (@guest_28674)
Vor 8 Jahre

 Robert Forst Die Provokation ist gelungen ;-)
Jetzt kann ich deinen Standpunkt auch besser nachvollziehen, ich seh‘ das etwas anders, aber das ist ab hier nur noch „Geschmackssache“ und deswegen belass ich es dabei. :-)

Schatten
Schatten (@guest_28677)
Vor 8 Jahre

Schön, dass jetzt endlich ein Termin fest steht :)
Wie siehts denn aus mit Übernachtungsmöglichkeiten? Wird nämlich so schon schwer genug meine Mutter zu überzeugen hinfahren zu dürfen, da wäre es gut irgendwo nen Schlafplatz zu haben, außerdem muss es bei Rosa noch klappen o.o

Danke für die Aufmerksam-Machung auf die Blogparade, da muss ich dringend auch noch was dazu schreiben :)

sba
sba (@guest_28678)
Vor 8 Jahre

„Die Welt muss romantisiert werden“ (Novalis)
Und wo Licht ist, ist auch Schatten, dessen braucht man sich nicht zu schämen, das ist einfach ein Fakt (auch wenn ein so sonniger Herbsttag wie heute m.E. eher schwarzromantische Züge trägt: Man kann den Verfall besser sehen).

Nebenbei nur mal gefragt: Was ist denn an klassischer Kunst „elitär“? Diese Künstler zeigen uns, was sie sehen und wie sie es sehen (wodurch immer eine implizite Aussage da ist, wie auch immer man sie sich entschlüsselt).
Das da würde ich eher für elitären Krimskrams halten:comment image
(also das abgebildete Bild; das Foto selbst würde m.E. tatsächlich als klassische Kunst durchgehen: Solche, die man auch dann versteht, wenn man sich nicht durch Tonnen postmodern(d)er ästhetisch-philosophischer Abhandlungen gearbeitet hat)
Ist aber nur meine ganz private Meinung und sollte nicht von der Frage ablenken ;-)

MfG
das S

Ian Luther
Ian Luther (@guest_28679)
Vor 8 Jahre

Kunst ist immer das, was die Betrachter darin sehen. Leuten wie Gerhard Richter ist es herzlich schnuppe, was er da malt. Daher bricht er oft Interviews ab, wenn er gefragt wird, was er sich bei seinen Werken denkt. Wenn wir uns alles vorkauen lassen würden, geht doch die Seele eines Bildes verloren. Genauso ist es mit Musik. Es muss Interpretationsspielraum übrig bleiben, der sich in einem gegebenen Rahmen abspielt. Ich finde die Reden mancher Laudatoren in Ausstellungen daher oft ernüchternd, da sie einem so viel vorwegnimmt. Gerade abstrakte Kunst, mit der ich mich jetzt so langsam anfreunde ist für mich dazu da, persönlich ergründet zu werden. Ansonsten wären da nur Schmierereien an der Wand zu sehen. Es geht bei mir dort oft gar nicht um das, was tatsächlich abgebildet wurde, sondern um die Gefühle, die geweckt werden, wenn man das Bild betrachtet oder selbst produziert. Oft entstehen solche Bilder aus einer Laune, einem Gefühl heraus, das man nicht so einfach in Worte fassen kann. Diese Bilder sind für mich ein Produkt aus Gefühl und handwerklicher Physik. Aber zurück zur schwarzen Romantik – da ist es für mich genau das selbe, nur das die Bilder bildlich dargestellt werden, aber wie Robert es beschreibt allmählich verschwimmen und zu einer dunklen Traumwelt zerfließen. Ich liebe sowas.

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