Fanzines – Tod und Reinkarnation Jugendkultureller Archive

Der Journalist ist ein elitärer Beruf. Junge Menschen besuchen Universitäten und lernen, wie sie über Produkte, Erfahrungen, Kriege, Katastrophen, Menschen und Geschichten zu berichten haben. Objektivität und Neutralität wird vermittelt, ebenso wie Recherche, Rechtschreibung und Grammatik.

Ich weiß gar nicht genau, wann einige der jungen Journalistikstudenten umkippen und sich als Meinungsmacher, Vorurteilserfinder oder Klischeeausdenker spezialisieren und die Pfade des aufrechten Journalismus verlassen. Irgendwann ist es jedenfalls soweit, sie bewerben sich als Nachwuchs großer Nachrichtenagenturen und Verlage, die Information nicht als Allgemeingut betrachten, sondern als Produkt das sie verkaufen. Produkte wie Magazine und Musikzeitschriften, die einen Zeitgeist vorleben und dabei Musik und Trends verkaufen, die ihnen die Anzeigen der Industrie suggerieren. Doch genug davon, nachher wird mir noch der Hang zur Polemik vorgeworfen.

Es hat mich aber nie gewundert, das sich die Jugend neue Wege sucht über das zu Berichten was sie erleben und das zu beschreiben was sie gut finden, ohne dabei zensiert oder filtriert zu werden. Im Laufe der 70er entwickelten sich so die Fanzines. Während die ersten Zeitschriften eher Werke der klassischen Cut & Paste 1 Kultur waren, gewann sie durch die Punk-Kultur immer mehr an Bedeutung und waren Mittel der Jugend, ihre Meinung und Ansichten innerhalb der Subkultur zu verbreiten.

In den 80ern waren Fanzines das zentrale Medium einer Vielzahl von Subkulturen, sie boten den Szenegängern Informationen aus erster Hand und Neuigkeiten, die sie sonst erst viel später erfahren hätten. Veranstaltungen, Partys und Treffen wurden teilweise nur durch diese Magazine bekannt gemacht. Sie waren Teil eines Zugehörigkeitsgefühls, denn sie sagten den Jugendlichen „He, du bist nicht allein.“ Einige Underground-Bands gewannen allein durch die Fanzines an Bekanntheit, der Slogan „Für die Szene, aus der Szene.“ wurde zum Leitsatz einer ganzen Generation.

Als das Internet Anfang der 90er Jahre seinen Siegeszug antrat, sorgten sich viele Herausgeber um die Zukunft ihres Mediums und proklamierten vorzeitig das Ende und den Tod der Fanzine Kultur 2 Obwohl es schon immer ein hohe Fluktuation von erscheinenden und eingestellen Fanzines gab, sollten die Kritiker recht behalten. Das klassische Printmedium war dem Tode geweiht. Die Idee jedoch ist nie gestorben, sondern hat sich nur die neuen Medien zu nutze gemacht, so ist zeitgleich ein rapide Vermehrung von E-Zines 3 zu verzeichnen. Nach dem Tod durch das Netz nun die Reinkarnation durch den Todbringer selbst.

Durch die Erweiterung der Möglichkeiten im Internet bekommen die Herausgeber solcher Magazine ein mächtiges Werkzeug an die Hand ihre Gedanken und Meinungen einer viel breiteren Masse zugänglich zu machen. Jugendlicher Nachwuchs hat durch das Web 2.0 die Möglichkeit mit wenigen Mausklicks selbst zum Publizist zu avancieren. Phantasie und Kreativität werden keine Grenzen gesetzt. Selbstverständlich gibt es auch Schattenseiten. So ist gerade die Qualität solcher Magazine und Artikel fraglich und es wird immer schwerer die Spreu vom Weizen zu trennen. User Generated Content ist zum Marketinginstrument geworden und viele Firmen nutzen gezielt das verwischen von Grenzen zwischen  informativen Artikeln und Vermarktung und platzieren geschickt verpackte Werbung für die Jugendlichen Fanzineanhänger.

Glücklicherweise ist der Szenegänger mit der Zeit gegangen und vermag es, die für sich relevanten Artikel und Veröffentlichungen zu sondieren. Es bleibt aber für mich unbestritten, das die aktuelle Entwicklung der Fanzineszene und ihrer Symbiose mit der Netzkultur positiv zu sehen ist. Keines der alten Medien ist ganz gestorben und lebt mittlerweile in friedlicher Koexistenz mit den neuen Formen der Verbreitung. Nach wie vor gibt es Print-Zines, die eine entsprechende Internetseite für die Verbreitung ihrer Werke nutzen und ausgewählte Artikel auch Online anbieten. Andere Magazine werden im PDF Format unter den Lesern verteilt oder als Podcast auf Sendung gebracht. Dahinter stehen meist eine ganze Reihe von Leuten, die als Gemeinschaft zusammenarbeiten und sich Hierachielos organisieren. Doch was ist mit all den einzelnen, den Individualisten und den Eigenbrödlern?

Hier kommen die Weblogs ins Spiel, die häufig als Ego-Zine 4 betrieben werden aber auch durchaus Magazin Charakter haben können. Die Erscheinungshäufigkeit spielt dabei für mich persönlich eine untergeordnete Rolle, sondern vielmehr die Qualität der Beiträge, wobei die Kriterien für Qualität nur meinen eigenen Maßstäben unterliegen.

Unabhängige und unkommerzielle Berichterstattung liegt in den Händen vieler Publizisten und sollte nicht allein den Journalisten überlassen werden, die sich viel zu oft nicht mehr für diese Werte einsetzen. Doch auch die Schreiber der unzähligen Artikel und Berichte sollte sich auf journalistische Grundwerte einlassen und zumindest eine eigene Meinung äußern, das Erlebte möglichst sachlich und aus seiner Sicht schildern, sowie ihre Glaubhaftigkeit mit Recherche würzen. Das dabei Wortwitz, Kritik und Kreativität nicht zu kurz kommen müssen zeigen all die vielen Fanzines, die immer noch, oder immer wieder erscheinen. Auch ich lese noch das gedruckte Wort und schätze Fanzines in mehrfacher Hinsicht, gerade beim Stuhlgang.

Interessierten zum Thema sei der Fanzine Index ans Herz gelegt, der viele aktuell erscheinende Werke listet. Ein Archiv für alte Fanzines und damit Fundgrube für die Vergangenheit ist das Archiv der Jugendkulturen, das Europas größte Fanzine-Sammlung in seiner Bibliothek unterbringt. Auch Google liefert unter dem Suchbegriff „Fanzine“ eine Vielzahl von Magazinen.

Einzelnachweise

  1. Cut & Paste steht für Ausschneiden und Einkleben und bezeichnet die Methode mit Schere und Kleber[]
  2. Christian Schmidt, Im Copyshop mit meinem Laptop, Journal der Jugendkulturen No. 12, S. 72[]
  3. E-Zines, die auch Webzines genannt werden sind Internetportale im Stil eines klassischen Magazins nur in rein elektronischer Form.[]
  4. Ein Egozine wird meist nur von einer Person herausgebracht. Die Inhalte der Egozines sind meist auf ein Themengebiet konzentriert, wobei dieses von Rezensionssammlungen bis hin zu Sauf- und Reiseberichten alles beinhalten kann.[]
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