Rosenmontag in Schottland – Up Helly Aa

Up Helly Aa - SeelenfaengerSchon bei Asterix und Obelix war klar, Menschen mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen spinnen. „Die spinnen, die Schotten!“ wäre Obelix wohl über die Lippen gerutscht, hätte er erfahren, dass die Schotten der Insel Shetland erst ein Wikinger-Schiff bauen um es dann zu verbrennen. Seit etwa 1870 feiern die Einwohner der Insel im Norden von Großbritannien das Up Helly Aa, das Feuerfest. Immer am letzten Dienstag im Januar verkleidet man sich, taucht eine ganze Stadt in feurigen Schein, trinkt und feiert um als Höhepunkt das zuvor aufwendig gebaute Schiff den Flammen zu opfern. So ähnlich wie der Rosenmontag im Rheinland, nur mit Feuer.

Sobald es dunkel wird, werden in der Hauptstadt Lerwick die Laternen abgeschaltet, eine Signalrakete ist das Zeichen in der ganzen Stadt die Fackeln zu entzünden und das Schiff wird durch die Straßen gezogen um es seiner finalen Rolle zuteil werden zu lassen. Auf dem Schiff sitzt der Guizer Jarl, der für den ganzen Tag die zentrale Rolle des Wikingerhäuptlings einnimmt. Gemeinsam mit seinem 60-Mann starken Gefolge trägt er Sorge für den Schiffstransport und das anschließende Feuer. Die Einwohner, sowie zahlreiche Touristen und Anhänger des Festes säumen die Straßen und geben dem Schiff und dem Häuptling das letzte Geleit, denn Vorbild ist wohl das nordische Begräbnis, bei dem verstorbene Wikingerhäuptlinge immer mit ihrem Schiff verbrannt werden.

Die ganze Stadt befindet sich im darauf folgenden Fest im Ausnahmezustand. Tausende verkleidete Wikinger stürmen die Tavernen und Tanzsäle und unterhalten sich und alle anwesenden mit musikalischen Tanzeinlagen. Der darauf folgende Mittwoch wurde vorsorglich zum Feiertag erklärt, den wenn die trinkfesten Schotten schon mal feiern, dann richtig.  Auf den Seiten von boston.com gibt es unter der schon legendären Rubrik The Big Picture – Fiery European Festivals einige wirkliche beeindruckende Bilder, von denen auch das Titelbild stammt. Über die Bilder des spanischen Festes für Antonius den Großen erlaube ich mir jetzt kein Urteil, jeder Linkklicker wird wissen warum.

Besonders einfallsreich zeigen sich auch die vielen kleinen Gruppierungen (Squads), die mit Sketchen, Shows oder Tanzeinlagen das Publikum begeistern. Irgendwie erinnert mich das alles an den heimischen Karneval nur englischer oder – ich entschuldige mich – schottischer. Die Deutung der Tanzgruppe Slantigirt Flabley überlasse ich dem Zuschauer.

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Auch der lokalkritische Unterton, den man vom rheinischen Karneval gewohnt ist, kommt nicht zu kurz. Während des gesamten Umzugs verteilt der Guizer Jarl ein kerniges Feuerwerk der Wort und wettert gegen Obrigkeit, Bürgermeister und Öffentlichkeit. Dieses „rebellische“ Verhalten hallt natürlich in den zahlreichen Darbietungen der Teilnehmer wieder. Ob das Fest nun Geschichtshistorisch mit dem austreiben der Wintergeister verwandt ist oder nicht, diese Form der Brauchtumspflege gehört auf jeden Fall weitergetragen. Auf den englischen Seiten der Veranstaltung Uphellyaa.org gibt es zahlreiche Hintergrundinformationen und Bilder vergangener Zeiten, unter anderem auch eins aus dem Jahre 1906, das einen Squad zeigt.  Das diesjährige Wetter mit Regen und Wind konnte die Enthusiasten des Festes ebenfalls nicht stoppen. Ganz erstaunlich finde ich auch die Tatsache, das die meisten Bärte die ich zu sehen bekomme, echte Bärte sind. Offenbar ist man auf einer der nördlichsten Inseln Großbritanniens haariges gewohnt und bis zum skandinavischen Festland ist es auch nicht mehr weit. Für die kriegerischen Wikinger von 793 bis 1066 wäre das sicherlich eine Huldigung gewesen.

Es gibt jedoch einige Punkte, die sich vom rheinischen Karneval unterscheiden. Es werden keine Süßigkeiten unter dem Volk verteilt und traditionell nehmen keine Frauen am Umzug teil, man beruft sich darauf, das es sowas bei den Wikingern auch nicht gegeben hat. Sagt man(n).

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Kingsizefairy
Kingsizefairy (@guest_6877)
Vor 12 Jahre

Bleibt nur anzumerken, dass der Rest von Schottland durch die Bank weg eine unkarnevalistische Zone ist.
Hier ist nix. Gar nix. Keine Kamelle, keine Strüßjer, nix.
Ich hatte mal spaßeshalber eine Polonäse angefangen, was aber nur grausam verwirrte Blicke meiner Umwelt nach sich zog.

Merke: kommst du aus dem Rheinland, geh zur Karnevalszeit entweder zurück oder nach Lerwick.

Greetings fae Scotland

die Kingsizefairy

stoffel
stoffel(@stoffel)
Vor 12 Jahre

*lol* Das Video der Tanzgruppe ist köstlich :) Über diesen Brauch wusste ich bisher garnix, danke Dir für diesen Beitrag … Freu lernt immer gerne dazu.

stoffel
stoffel(@stoffel)
Vor 12 Jahre

*lautlach* … wie kommt das nur? ;)

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