Gothic und die Netzkultur – ARTE BiTS klärt auf

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Die Angst hat die Gabe uns an das zu erinnern, was wir lieber vergessen wollen.“ Im wöchentlichen Webmagazin „BiTS“, das im Netz bei arte zu finden ist, hat man sich der Netzkultur verschrieben und möchte die „geekige Welt in allen ihren Erscheinungsformen“ zeigen. Und tatsächlich ist auch Gothic mittlerweile ein Teil der Netzkultur geworden. Denn neben einigen interessanten Phänomen die tatsächlich erst mit dem Internet selbst aufgekommen sind, hat sich die daraus gewachsene Netzkultur auch die meisten analogen Subkulturen einverleibt, um diese in immer neuen Ausdrucksformen zu verändern und weiterzuentwickeln – und möglicherweise so am Leben erhalten.

So versucht das Webmagazin nicht etwa die x-te unsinnige Erfassung einer Subkultur, sondern versucht einen gemeinsamen Nenner zu finden, der Gothic und seine Strömungen vereint. Und auch wenn sich die ewig-gestrigen auf Musik und Klamotten versteifen, ist über die Jahre dann doch etwas mehr gewachsen:

Der Eingangs erwähnte Satz eines Professors aus der Dokumentation ist ein Beispiel für einen gemeinsamen Nenner. Das kontrollierte Gruseln, das melancholische Dahinschmelzen, die Faszination für das Vergangene sind die Inhalte einer Szene geworden, die sich in den 80er damit begnügte, sich in schwarze Klamotte zu hüllen, sich todesähnlich anzumalen, den Erwachsenen einen Schreck einzujagen und in ihrer Musik der Traurigkeit zu frönen, statt sich der gespielten Fröhlichkeit der Neo-bunten 80er hinzugeben.

Ja, wir halten fest, das ohne die Netzkultur die Szene nicht da stehen würde, wo sie heute steht. Sie ist lebendig, vernetzt sich und entdeckt immer neue Inhalte, die den schwarzen Kutten und den viel zu großen Schuhen Leben und ein neues Gemeinschaftsgefühl einhauchen.

Eine schöne kleine Doku-Perle die man da produziert hat. Mir gefällt es richtig gut, wie man den gemeinsamen Nenner darstellt und oft genug habe ich mich dabei erwischt, zustimmend zu nicken, weil das, was dort vermittelt wird, den Nagel häufig genug auf den Kopf trifft.

Ob die BiTS aus den Bereichen Steampunk, H.P. Lovecraft und Gore ebenso spannend sind? (Danke an Flederflausch für den Tipp)

 

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Rocko Francese
Gast

Stimme Dir zu Robert. Mal wirklich ein erfrischender Beitrag, der sich von den zahlreichen anderen Medienberichten zu diesem Themenkreis abhebt und dafür die Essenz beleuchtet. Props auch dafür, dass er ohne die Nennung der üblichen Verdächtigen wie Joy Division, Bauhaus, etc. auskommt und für die wirklich schöne Tanzszene im Abspann ;)

Flederflausch
Gast

Ich fand es spannend, dass hier ein Teilbereich beleuchtet wird, der sonst immer mal Erwähnung findet, irgendwie dann zwischen Musik und Ästhetik aber unter den Tisch fällt (und sind wir ehrlich, wer befasst sich schon ständig damit und wann ist das Thema einer Unterhaltung). Das es sich dabei um einen gemeinsamen Nenner handeln kann, der viele Teilbereiche der „schwarzen Szene“ verbindet, war etwas, das bisher nicht wirklich auf dem Schirm hatte. Auf Anklang triffen Grusel und Schauer, Melachnolie und weiteres sicher bei vielen Menschen / Szenegängern. Als konstitutiv würde ich es nicht zwingend betrachten, aber als interessanten Aspekt (Ich würde vermuten früher mehr als heute, aber ich mag mich da täuschen). Zumindest ich meine in vielen der verschiedenen Strömungen eben diesen Hang zum Düstern und zur Dystopie noch durchaus zu erkennen. Wenn auch nicht, wie in den im Video gewählten Beispielen, Formen und sicher nicht als ständig präsentes Thema.

Wiener Blut
Gast

Solange sich Menschen mit der Vergangenheit, der Zukunft, dem was wäre wenden, und dem unausweichlichen eigenen Ende… und dem Ende aller und allem… frei nach Monty Python „Eiiii äääm Däääd“ außeinander setzen, und dies dann auch noch in Form von Kunst und Kultur Ausdruck findet, wird die Szene nicht unter gehen. So wie ich für den Anfang keine Linie im zwanzigsten Jhd ziehen würde, für die Ränder gelangweilt lieber anderen den Stift in die Hand drücke, ist bei mir für ein Ende oder Niedergang des Ganzen weit und breit keine Linie in Sicht. Gut, man selber wird irgendwie etwas klappriger und steifer vielleicht, aber es sprießt überall munter und geschmeidig nach… und wenn nicht da und so, dann vielleicht da und so. Man muss seinen Hals zum Blicke schweifen halt noch bewegen können… manchmal sogar mal hinkucken, wo man sonst noch nicht geschaut hat. Mal lösen was verdindet, und verbinden was sich löst… und tadaa. Ah, das war jetzt alles herrlich philosophisch.

Rocko Francese
Gast

Flederflausch, ich denke schon dass man es als zwingend konstitutiv ansehen kann, bwz. es hängt vielleicht ein bisschen vom Gegenstand der Betrachtung ab: Schaut man sich die Wurzeln des Gothic in England an, dann sind die Einflüsse doch recht augenfällig, wie ich finde, sowohl in den Topoi, als auch, in noch viel stärkerem Maße sogar, in der Fashion- und Bildästhetik. So bezieht sich bspw. das Bauhaus Video zu Mask recht eindeutig auf Frankenstein und die ganze Batcave Ästhetik ist sehr stark von der Bildwelt des Hammer Horror und den E.A. PoeVerfilmungen Roger Cormans geprägt. Von daher würde ich schon sagen, dass dies ein konstituierendes Element für die Entstehung dessen ist, was wir heute Gothic nennen, und einen ählich zentralen Einfluss ausgeübt hat wie Glam, Punk, New Romantik. Bzw. anders rum gedacht: eliminiert man dieses Element aus Gothic bleibt meiner Meinung nach wenig davon übrig: Was wäre es denn schon ohne Schlösser, Unholde, Friedhöfe, Fledermäuse, Spinnweben, etc. … sind das nicht erst die Ingredienzen, die das Amalgan von Glam, Punk & New Romantik für viele von uns so attraktiv und unwiderstehlich werden lässt?
Betrachtet man hingegen die (kontinentaleuropäische) Schwarze Szene als Gegenstand, dann gebe ich Dir vollkommen recht, denn da ist Gothic ja nur ein Element von vielen anderen und mit Industrial, EBM, Power Electronics, Future Pop, Synthiepop, … und auch mit den unter Grufties derzeit so populären Genres wie Minimal Synth, Cold Wave und Post Punk hat all dies nichts gemein.

Flederflausch
Editor

@ Rocko Francese: Ich finde du hast die Sache ich deiner Ausführung gut auf den Punkt gebracht. Es hängt von der Perspektive und dem genauen Gegenstand (also Teilbereich oder Gesamtzusmmenfassung „schwarze Szene“) der Betrachtung ab.
Beim Lesen deines Textes wurde mir auch wieder bewusst, wie viel Wortglauberei man mit den einzelnen Begriffen betreiben kann und das diese doch nicht immer so eindeutig sind und Verwendung finden, wie man meinen mag :)

Rocko Francese
Gast

Flederflausch „ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch ein Gartenzwerg“, um an dieser Stelle mal Sven Regener zu zitieren :)
Nee im Ernst, ich weiß, was Du meinst und solche Diskussionen sind ja auch auf dieser Seite schon sehr leidenschaftlich geführt worden.

Für mich ist das so ein bisschen ein Steckenpferd, ich beschäftige jetzt schon einige Zeit mit der Entstehung und Ausdifferenzierung dieser unserer Szene, und mittlerweile gibt es ja auch wirklich ein paar sehr lesenwerte Bücher darüber (u.a. das von Alexander Nym, der ja auch in dem arte Beitrag zu Wort kommt, herausgegebene Schillerndes Dunkel), aber die meisten beschränken sich darauf, musikalische Anhnenforschung zu betreiben und irgendwann hat man die Entstehungsgeschichte und die maßgeblichen musikalischen wie anderen popkulturellen Einflüsse auch verinnerlicht. Eine Frage, die mich umtreibt, und zu der ich in der einschlägigen Literatur noch nicht so richtig etwas gefunden habe, ist, wie eigentlich genau sich die Schwarze Szene in Kontinentaleuropa konstituiert hat.

Denn in England, wo die Bewegung Ihren Anfang nahm, war Gothic ja eine recht in sich geschlossene musikalische Bewegung, die erstmal wenig Überschneidung zu anderen zeitgleich stattfindenden Stömungen wie bspw. Industrial, New Beat, EBM, etc. hatte (- es ist ja sogar ein bis heute zu beobachtendes Phänomen, dass die meisten szeneaffinen Bands, die aus England kommen, klassischen gitarrenbetonten Gothic Rock spielen – von der ein oder anderen regelbestätigenden Ausnahme einmal abgesehen). Die aufkeimende Schwarze Szene (die damals noch nicht so hieß) in Resteuropa assimilierte hingegen recht rasch sämtliche düstere, dystopische, unterkühlte oder auch nur melancholisch bis depressive unter dem Wave / Grufti Umbrella.

Das finde ich interessant, obwohl es aus heutiger Sicht rückblickend vielleicht irgendwie folgerichtig erscheint, so ist es doch einigermaßen bemerkenswert, dass in England diese Style sehr lange strikt getrennt voneinander rezipiert wurden, wohingegen in Deutschland, Frankreich, Italien, etc. eine Vermischung dieser Musikrichtungen auf den Tanzböden der einschlägigen Clubs (damals noch Disco genannt ;)) und Tanzveranstaltungen stattfand. So lief im Zwischenfall z.B. Ende der 80er/Anfang der 90er Alien Sex Fiend, Fad Gadget, Front 242, Skinny Puppy, Nocturnal Emissions, Klinik, Death in June, Dead Can Dance, The Chameleons, Philip Boa, Soft Cell, OMD, NDW, Minimal Synth, etc. und sogar Madonna auf einer Tanzfläche und niemand hat es für nötig befunden, dafür zwingend verschiedene Floors einziehen zu müssen, weil man das den jeweiligen Hörern eines Substyles (die es damals auch schon gab, ich fand das immer sehr faszinierend anzusehen, wie sehr sich der Anblick der Tanzfläche bei einem Stück von sagen wir Soft Cell unterschied von demjenigen, den man zu sehen bekam, wenn ein Stück von Relatives Menschsein oder sowas lief) nicht zumuten kann. Das vermisse ich heute etwas… (ohne jetzt ins früher-war-eh-alles-besser Horn blasen zu wollen)

Aber ich schweife ab. Also nochmal kurz rekapituliert, was ich eigentlich sagen wollte:
Schön, was sich aus dem, was die arte Doku so schön umreißt, v.a bei uns und in umliegenden Nachbarländern so entwickelt hat. Schön, dass es damals noch nicht so starke Scheuklappen gab und interessant vielleicht auch der Gedanke, dass damals vielleicht schon im Positiven begann, was heute vielerorts (u.a. auch hier) so kritisch rezipiert wird: die Aufweichung der eigentlichen Kernidee durch die Aneignung anschlußfähiger Musikrichtungen.

Flederflausch
Editor

niemand hat es für nötig befunden, dafür zwingend verschiedene Floors einziehen zu müssen

Mir drängt sich die Frage auf, ob das funktioniert hätte. Ob man genug Publikum angezogen hätte für einen „spartenreinen“ Floor. Ob das „logistisch“ möglich gewesen wäre. Ich vermute, zumindest auf Grundlage was ich beobachte, viele haben eine Vorliebe für einen ganz bestimmten Teilbereich, hören aber auch andere Musik und tanzen auf Parties auch mal auf dem anderen Floor. Ich glaube in der geleben Realität ist die Abgrenzung gar nicht so stark, wie sie erscheint, oder teilweise propagiert wird. Zumindest habe ich den Eindruck die Abgrenzung besteht eher gegen Strömungen, die weniger akzeptiert sind und nicht als „schwarz“ oder anverwandt betrachtet werden (oder gegen optische Auswüchse, ich sage nur Ponies, was dann viel diskutiert wird)

Rocko Francese
Gast

Nee, das wäre zumindest im Zwischenfall aus logistischen Gründen nicht möglich gewesen ;).

Die Frage nach dem Publikum finde ich weitaus schwieriger zu beantworten. Wahrscheinlich war die Szene damals insgesamt größer, aber es gab im Vergleich zu heute deutlich weniger Großveranstaltungen mit 2-3 oder gar mehr Floors. Und natürlich hat man heute die Möglichkeit, von Floor zu Floor zu switchen und sich dieselbe Abwechslung wieder bewußt zu suchen.

Trotzdem fand‘ ich es damals mit nur einem oder selten auch mal 2 Floors schöner, integrativer, weniger hektisch, mit mehr naturgemäen Päuschen, die man für einen Plausch, einen Thekenbesuch, etc. nutzen konnte.

Außerdem hat man ja dieses Phänomen mittlerweile auch auf Parties, wo es nur einen Floor gibt, da es ja mittlerweile nicht selten ’sortenreine‘ Veranstaltungen gibt, auf denen den ganzen Abend lang mehr oder weniger monothematisch demselben Stil gehuldigt wird. Das finde ich dann auf Dauer immer etwas monoton (wenn das jetzt nicht unbedingt der Stil ist, von dem man selbst hunderte Platten im Regal / auf der Festplatte hat und folgerichtig Spaß an der Haarspalterei, die der DJ und die Gästeauf der Tanzfäche innerhalb dieses Subgenres zelebrieren).

Eine gewisse Form der Abgrenzung, die Du ja auch ansprichst, ist natürlich durchau sinnvoll. Es macht wenig Sinn, Cyber mit Cold Wave auf einem Floor zu mischen, ich glaube, das ist weitestgehend common sense, aber es gibt ja auch Stile, die durchaus eine gewisse Nähe zueinander haben.

Und diese optischen Diskussionen… geschenkt, die gab es schon immer und wird es auch immer geben in einer narzisstisch geprägten Szene (oder auch: Gesellschaft) wie der unsrigen ;)