3 Dezember

Die düstere Adventsgeschichte: Kein Sommermärchen für Mirjam (1/4)

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Adventsgeschichte - Kein Sommermaerchen fuer MirjamPassend zum Advent werden wir unserem Anspruch an die Andersartigkeit gerecht und schwimmen gegen den Strom von Geschichten, die uns mit ihren beschriebenen Schneelandschaften, den üppig gedeckten Gabentischen und aus den Zeilen tropfender Fröhlichkeit in die diktierte Weihnachtsstimmung ziehen wollen. Mirjam, die schon lange aus ihrem Schneckenhaus lauernd diesen Blog beobachtet, hat die Geschichte eines Sommerwochenendes geschrieben, um sie mit den Leser zu teilen. Oder besser gesagt, um etwas auszugleichen, wie sie schreibt: „Das Schräge an einem solchen Blog ist, dass ich als Außenstehender, der nur liest, ohne sich selbst mitzuteilen, die Schreibenden zunehmend kennen lerne – zumindest die Facetten ihrer selbst, die sie darin vorstellen – ganz ohne von mir etwas preiszugeben. Einigen von Euch fühle ich mich inzwischen richtiggehend vertraut, während ihr nicht einmal von meiner Existenz wisst. Wie gesagt: Schräg. Unausgeglichen, einseitig, und für mich fühlt es sich parasitär an.

Herausgekommen ist die 4-teilige Geschichte eines Wochenendes im Sommer, die uns auf eine bizarre Art und Weise durch ihre oberflächliche Erscheinung täuscht, um uns dann – wenn wir es dann wollen – auf eine Reise in Mirjams Gedankenwelt entführt. Die entblößt sie nicht nur als düster-melancholischen Grufti, sondern auch noch als exzellente Beobachterin ihrer Umwelt, der sie im Grunde eigentlich lieber aus dem Weg gehen möchte. Das spiegelt sich auch in ihren Bildern, die nur als Inspiration dienen sollten, aber passender nicht hätten sein können.

Kein Sommermärchen für Mirjam (Teil 1)

Ich hatte eine dieser versoffenen Phasen zu fassen, was hieß, dass ich schon seit Wochen nichts anderes tat, als mich nach der Arbeit gezielt zu betrinken. Nicht dramatisch, aber zuverlässig soweit, dass Herumsitzen und Nichtstun als Beschäftigung völlig ausreichend erschienen. Alles, was mir einfiel, was ich mehr oder weniger dringend hätte tun können, konnte ich ebenso gut bleiben lassen, und wann immer ich mich dazu entschieden hatte, war ich außerordentlich erleichtert gewesen.

Parallel dazu hatten sich jeweils Stimmen der Mahnung gemeldet. Ewige Besserwisser in Sachen Gesundheit und irgendeinem Anspruch an ein tätiges Dasein. Ich meine: von außen betrachtet ist es doch völlig in Ordnung, wenn jemand nur die Dinge tut, die für ein reibungsloses Existieren notwendig sind. Und trotzdem nagte es in mir. Irgendein Schweinehund wollte mich nicht in Ruhe gammeln, driften & hängen lassen, sondern stieß in das Horn des Selbstanspruchs. Dummerweise war er entweder ahnungslos, perfide, oder verfolgte einen pädagogischen Ansatz, denn um was es ging und was zum Gilb ich tun sollte, hatte er mir bisher nicht verraten. Natürlich hätte ich dagegen antrinken können, den Mäkelbüdel ersäufen. Aber das hätte nicht gepasst, hätte das Gleichgewicht gestört. Eine feine Balance, die diese Situation schon die ganze Zeit über in der Schwebe hielt und auf etwas zu warten schien. Oder mich in der Warteschleife hielt. Schwebend. Oder was weiß ich. Auf alle Fälle hatte ich in den Kalender geschaut und festgestellt, dass es mir zu lange dauerte. Letzte Woche schon.

Ebenso natürlich hätte ich etwas anderes tun können. Als trinken, meine ich. Etwas Nützliches, oder Gesundes womöglich, zu dem ich mich gezwungen hätte, um mir dann sowohl zum Akt der Selbstüberwindung, wie auch zu dem ach so nützlichen Ergebnis gratulieren zu können. Ich gratuliere. Nee, das war es auch nicht. So oft, wie ich das schon gemacht habe. Da kommt eben immer nur was Nützliches bei raus. Gejätete Beete, oder irgendein gebautes, geflicktes oder gepflegtes Irgendwas. Nichts, worauf ich derzeit Wert legte. Irgendeine Frage gab es, auf die ich gerade nicht kam. Was die Sache mit der Antwort deutlich verkomplizierte. Ich fühlte mich verarscht. Von meiner eigenen Ideenlosigkeit ausgesetzt am Strand der Insel Ratlos. Ohne Wasser.

Am Samstag beschloss ich Sif zu besuchen und stopfte einen Arm voll Klamotten in meinen Büdel1. Über ein halbes Jahr war es mittlerweile her, dass ich zuletzt bei ihm gewesen war, und was ich dort noch in meiner Truhe liegen hatte, war mir mehr als unklar. Die Fahrt mit Bus und Bahn nach Hamburg zog sich hin und der Blick aus dem Zugfenster verriet, wie weit das Jahr schon vorangeschritten war. Gerste, die gut mal hätte gedroschen werden können, wenn es nicht schon wieder geregnet hätte. Hoffentlich würde ich an meinen Schirm denken, statt ihn im Zug stehen zu lassen.

Sommermaerchen - Im Zug

Bild: Adventsgeschichte – Im Zug
Musik: Victor Zoi/Kino – Gruppa Krovij

Die dämlichste Variante wäre, wenn Sif nicht im Hause wäre. Aber daran glaubte ich nicht – dazu fühlte sich die Unternehmung zu glatt an. Er würde schon auftauchen. Früher oder später. Als ich die Treppe hinaufstapfte war klar, dass ich nicht würde klingeln müssen. Leere. An der Wohnungstür angekommen blieb ich stehen, um dieser Leere nachzuspüren. Warm und still fühlte sie sich an. Willkommenheißend und ein wenig erwartungsvoll. Mich erwartend, stellte ich fest. Zu meiner Verwunderung. Einzelne Geräusche in den Wohnungen blieben fern und zusammenhanglos, wenn sie denn zu hören waren. Ich würde bleiben, bis er wiederkam. Aber nicht hier, im Treppenhaus, wo, so unwahrscheinlich es war, mir jemand begegnen könnte, sondern oben. Ich stieg die letzte Treppenwendel hinauf zum Dachboden.

Die Süße staubtrocknen Holzes empfing mich, als ich die, wie immer unverschlossene, Tür zu den Bodenkammern auf der Straßenseite öffnete. Der Dachboden war Niemandsland. Obwohl zu jeder Wohnung ab dem zweiten Stock eine Dachkammer gehörte, der 1.Stock und Hochparterre hatten stattdessen Kellerräume, nutzte ihn, soweit ich mitbekommen hatte, keiner. Zumindest war ich hier oben noch nie jemandem über den Weg gelaufen und der Trockenboden, auf dem ich immerhin schon mal Bettwäsche hatte hängen sehen, lag auf der Hofseite. Hier aber hatte ich die Rückzugsmöglichkeit, die ich benötigte. Für das, was anstand, wovon ich zwar noch nicht wusste, was es sein würde, was mich aber bereits mit einer feierlichen Vorfreude zu erfüllen begann. Ich lächelte. Gut, dass Sif unterwegs war.

Ich wandte mich nach links. Dort gab es eine Kammer, die zu keiner Wohnung gehörte. Sie umgab den vorderen Schornstein, dessen obere Reinigungsluken von hier aus zu erreichen waren. Im Zuge der halbherzigen ‚Generalsanierung‘ des Gebäudes, die immerhin zum Einbau einer Zentralheizung geführt hatte, war dieser Schornstein dichtgesetzt worden und ich hatte die Tür zu seinem Wartungsraum mit einem kleinen roten Vorhängeschloss versehen, das ich in der Sandkiste des Spielplatzes am Kanal gefunden hatte. Rostig und aus dünnem Blech, von dem der Lack bereits großflächig abgeplatzt war, erfüllte es seinen Zweck, ganz ohne dass ich einen Schlüssel dazu besaß. Sobald ich es vor den Türverschluss hängte und zudrückte, sah es höchst amtlich und verschlossen aus. Und das war es, was ich brauchte. Einen Ort der Zuflucht, Insel der Privatheit, wenn Sif nicht im Hause war, denn wann anders, als wenn ich Zuflucht benötigte, kam ich schon her?

Ich hakte es los und trat ein. Das Schloss noch in der Hand, zog ich die Tür hinter mir zu und ließ alle Erwartungen, die ich an diesen Tag und die Fahrt hierher gehabt hatte, fallen. Leer und absichtslos sog ich den Geruch alten Kalkmörtels und den des teerigen Schornsteins ein und alles war gut. Ich lehnte ich den Schirm in eine Ecke und legte meine Sachen auf das Kohlenschapp, das irgendein Vorratsfanatiker hier seinerzeit zusätzlich eingebaut und eingedenk der Tatsache, dass es sich um einen öffentlichen Raum handelte, mit einem stabilen Klappdeckel versehen hatte. Ich kletterte hinauf, wickelte mich in meinen Umhang und zog die Beine unter mir zum Schneidersitz zusammen. So saß ich, mit geschlossenen Augen an die Wand gelehnt, und meine Hände spielten mit dem Vorhängeschloss. Sie klappten es auf und zu, drehten und wendeten sich an und mit ihm und gerieten dabei in Vergessenheit.

Adventsgeschichte - Auf dem Dachboden

Bild: Adventsgeschichte – Auf dem Dachboden
Musik: Nautilus Pompilius – Krylija

Den Nacken hinab fühle ich meine Haare wallen, schleppen und wurzeln. Ruhe steigt aus ihnen auf und ein Gefühl wacher Bereitschaft erfüllt mich. Ich werde mir meines Brustraums, nein, meines Herzens bewusst, das sich in gleißender Helle mehr und mehr weitet. Und dann fühle ich, wie sie, die Haare entlang, beginnen aufzusteigen. Menschen. Wie Saft in Wurzeln, Matrosen in Wanten, Gestirne am Himmel. Stetig, sicher, unabdingbar. Einfach, weil es an der Zeit ist, und ich beginne zu weinen. Atemlos, in extatischer Freude und Erleichterung, gepaart mit der ungläubigen Erkenntnis, wie viele es sind, die mich erwählt haben. Schluchzend bemühe ich mich, so tief und gleichmäßig zu atmen, wie eben möglich, meinen Job als Himmelsleiter wenigstens ordentlich zu machen, wenn ich mich schon nicht daran erinnern kann, wann und wem ich zugesagt hatte, ihn zu übernehmen.

Ja. Hier und jetzt bin ich für euch da.

Mit dieser Entscheidung wird es leichter. Das Schluchzen verebbt und ich atme ohne Anstrengung, während die Tränen weiter fließen. Manche klettern bis zum Nacken hinauf und lassen sich von dort aus, die Füße voran in meinen Herzraum gleiten, andere kriechen, sobald sie die Höhe meiner Schulterblätter erreicht haben mit dem Kopf voraus hinein, als hätten sie Angst, das Tor könne sich wieder schließen. Sobald sie dort angekommen sind, verwirbeln sie im Licht und ich spüre, mit welchen Bürden sie kommen und mit welchen Absichten sie gehen. Ein Strom der Menschlichkeit, dem ich als Mensch mitfühlen kann und der dennoch unpersönlich bleibt.

Dann kommt einer, der in meinem Herzraum verweilt. Schweigend und abwartend zwar, doch auf eine fordernde Art, als verböte ihm nur die Etikette, auszusprechen wonach er verlangt. Nach einer Weile der Ereignislosigkeit nähere ich mich ihm, in der Absicht herauszufinden, was er will oder braucht. Und dann musste ich eingeschlafen sein.

Mit dem unzufriedenen Gefühl, gerade etwas verpasst oder verbockt zu haben, wachte ich mehrere Stunden später wieder auf. Mein Nacken schmerzte und es dauerte eine Weile, bis ich vorsichtig, langsam und umständlich alle Gliedmaßen wieder in Betrieb genommen hatte. Ein leidiger Prozess. Dieser Körper fühlte sich an wie Bruchgestein – ein Haufen harter schwerer Brocken, eckig ineinander verkeilt und mit zähem, heißem Schmerz verklebt, den es zu überwinden galt, um das ganze wieder in Bewegung zu bringen. Wahrscheinlich hatte ich viehischen Durst, ohne es zu merken. Als ich aufrecht stand, konnte ich gähnen.

Dem schwachen Licht nach, das durch das staubdunkle Glas der Ausstiegsluke drang, musste es spät abends sein. Ich wollte es genauer wissen und kramte nach meinem Telefon. 22:35 leuchtete es mir entgegen. Samstag. Dann würde ich auf Sif nicht zu rechnen brauchen. 6h Schichtende plus Fahrzeit. Aber eben auch Samstagabend in Hamburg. Ich gähnte erneut und stopfte das Telefon zurück in den Büdel. Das mit dem Durst war bestimmt nicht nur eine Theorie, aber jetzt nur bis zur nächsten Tanke zu latschen etwas zu trinken zu kaufen und mich dann wieder herzusetzen, um dort weiterzumachen, wo ich eingeschlafen war, hatte ich keine Lust. Oder ich wollte mich davor drücken. Wahrscheinlich war es Drückebergerei. Ich wollte trotzdem nicht und fühlte mich gereizt. Außerdem wäre eine Runde Tanzen auch für die Entsteinerung ganz gut. Ausgiebig mahlte ich mit dem Unterkiefer, drehte den Kopf hin und her, dehnte und reckte mich. Also tanzen gehen. Kapuzenjacke und Umschlagtuch würden ausreichen – immerhin sollte das da draußen Sommer sein. Alles andere konnte hier auf mich warten. Sorgfältig drückte ich das rote Schloss zu.

Ich ging zur Bushaltestelle bei der Eisdiele, in deren Fensterdekoration große Spiegel und viele, viele bunte Lämpchen verbaut waren. Dort angekommen, klaubte ich den Kajalstift aus der Bodenfalte meiner Gürteltasche und schwärzte mir Augen und Lippen, bis mein Spiegelbild so düster aussah, wie ich mich fühlte.

Adventsgeschichte - An der Haltestelle

Bild: Adventsgeschichte – An der Haltestelle
Musik: Gruppa Kino – Gruppa Krovi

Der kleine Club, den ich ansteuerte, war üblicherweise nicht überlaufen und von seiner Musikauswahl schwarz genug, dass ich dort sein kann und tanzen mag. Nicht jedoch heute.

Es begann damit, dass ein hyperaktives Barmädel, das ich dort noch nie gesehen hatte, sofort auf mich einzureden begann. Noch bevor ich ermittelt hatte, was sich hier gerade so schräg anfühlte und ob ich überhaupt bleiben wollte, fragte sie, ob sie meine Jacke in die Garderobe nehmen solle. „Soweit bin ich noch nicht. Aber ´nen Spezi ohne Eis kannst du mir geben.“, beschied ich sie. Noch während ich sprach überlegte ich, was bei dieser Bestellung alles schiefgehen könnte, ob es notwendig sei, ihr Angaben zur Größe des Getränkes zu machen und über die Tatsache, dass ich es gerne mit einem Strohhalm serviert bekäme. Aber ihr Fokus lag ganz woanders. „Ja klar, da sag‘ ich mal dem André Bescheid, wir müssen da aufpassen, dass wir die Kassen getrennt halten, wir haben nämlich ein Konzert heute Abend!“

Sprachs und eilte drei Meter weiter. André hatte mich längst gesehen, nickte und begann das Gewünschte zusammenzugießen. In der richtigen Größe und natürlich mit Strohhalm. „Immer noch 2,50“, grinste er mich beim Abstellen des Glases an, um, als er mit dem Wechselgeld zurückkam zu ergänzen: „Dann bekommst du ja sogar noch was von unserem Konzert mit, heute Abend.“ Ich nickte indifferent. Das war es also.
Das fiese an Synthesizern ist, dass sie immer professionell klingen, egal welcher uninspirierte Dilettant da Knöpfe drückt. Deshalb war es mir nicht gleich aufgefallen. Die Combo war einfach schlecht. Einen durstigen Zug aus meinem Glas nehmend, drehte ich mich zur Tanzfläche um.

Neben dem DJ-Pult war ein Podest als Bühne aufgebaut, auf dem sich das akustische Drama ereignete. Eine Sängerin im kleinen Schwarzen, der die Brust aus dem großzügigen Ausschnitt quoll und deren Ambitionen ihre Fähigkeiten bei weitem überstiegen, wurde dort von einem Tastenmann begleitet. Stücke ohne Stil, Stimmung oder Eigenheit, dargeboten in mieser Technik. Ich trank mit einem weiteren Zug das Glas fast leer – war das eigentlich immer so süß? Ich konnte mich nicht daran erinnern, es war aber nicht dazu angetan, meine Laune zu heben. Dessen ungeachtet bestellte ich einen weiteren Spezi, setzte mich auf meinen üblichen Tresenplatz und ließ meine Sachen in der Garderobe unterbringen.

Der Uhr nach, hätte ich längst ausgelitten haben müssen. Konzerte bis 23h, danach Party.

Sie überzogen und hatten überdies eine Gruppe eifrige Klatscher mitgebracht, die auch noch eine Zugabe forderten und – wie hätte es anders sein sollen – auch bekamen. Weltbühnengehabe mit dem Ausruf: „Hamburg, Ihr wart geil!“ zum Abschluss. Wie die Großen. Naja, auch das würde vorübergehen. Tat es auch, nur, dass es davon nicht besser wurde.

Als nächstes kam ein Typ herein, der sich neben mich an den Tresen setzte und zur Bestätigung seiner Erscheinung lütt un lütt bestellte, wobei er zwar diesen Ausdruck nicht verwendete, den er seiner Aussprache nach wahrscheinlich nicht einmal kannte, es aber schaffte, den zweiten Kurzen nachzuordern, bevor die Tresine es geschafft hatte ihm ein Gespräch aufzudrücken.

Adventsgeschichte - Der Saeufer aus dem Block

Bild: Adventsgeschichte – Der Säufer aus dem Block
Musik: She Past Away – Asimilasyon

Warum, zum Geier, gehen Säufer aus dem Block nicht wie vor 40 Jahren zu Altenraths ins Astra-Eck? Wahrscheinlich, weil diese Art Institution ausgestorben ist. Bis auf die Imitationen davon, die auf dem Kiez der Touribespaßung dienen. Ich drehte mich so weit weg, wie es ging, hielt mich mit der Rechten an meinem Glas fest und sah der Band beim Abbau zu. Umständlich und quälend langsam dödelten Kabelaufroller und Mikrofonständerzusammenleger auf der Tanzfläche herum, als hätten sie vor, den Fortgang des Abends bis mindestens 3h morgens auszuhebeln.

Ich hab schon Leute gesehen, die es schaffen aufzutauchen, so ein Ding zusammenzuklappen und damit binnen 10 Sekunden wieder verschwunden zu sein – von einer großen Bühne wohlgemerkt. Wahrscheinlich war ich nur mäkelig. Nein, stimmte nicht. Ich wollte einfach tanzen. Und dass dieser Laden so schwarz blieb, wie er mal war und meiner Meinung nach gehörte.

In diesem Moment drängte sich direkt vor mir eine Gestalt zwischen die Sitzenden an der Bar, die dringend viele verschiedene Getränke bestellen musste. Schwarzer Anzug und eine trendige Dickrandbrille, ein ältliches Kindergesicht und kleine weiche Hände. Wäre er nicht schon so angetrunken gewesen, hätte die Benimmerziehung von Mama damals, bestimmt gewirkt und er hätte nicht so gerempelt. Aber es war nicht nur Trunkenheit, es war auch Wichtigkeit: er hatte etwas vor und musste es erledigen. Drei Taler, dass es knapp bekleidet und aus Frauenfleisch war. ich machte mir nicht die Mühe, mich zur Lounge umzudrehen, wo sie saßen.

Mittlerweile hatte der DJ begonnen sich durch die Genres zu probieren. Begleitmusik zum Abbau. Die Tür wurde geöffnet und ließ einen Schwall neuer Gäste herein.

Ich sah mich umgeben, von erstens: einem sich interessiert umschauenden Menschen mit grauem Kurzhaarschnitt, Jeans, Turnschuhen und rot-blauem Karohemd, zweitens: dem örtlichen Obdachlosen, dessen Hose, Jackett und Hut einen aufsehenerregenden, aber nichtsdestotrotz unentschieden verlaufenden Speckigkeitswettbewerb untereinander austrugen und drittens: einer Gruppe Typen, die sich offenbar kannten, zuvor schon woanders getrunken haben mussten und sich und ihre Anwesenheit jetzt mit Sprüchen á la: „Alter! Kuck dich um – Wohin hat´s uns denn hier verschlagen? Hö,hö,hö!“ feierten.
Eingedenk der Tatsache, dass bereits ihre erste Runde meinen Gesamtumsatz des Abends toppen würde, hielt ich den Mund und schob André meine Garderobenmarke hin. „Lass uns mal tauschen!“, forderte ich ihn auf. „Das war ja ´n kurzer Besuch!“ „Ja, aber ich fühl´ mich hier gerade völlig fehl am Platze.“ Er warf einen Blick auf die Neuankömmlinge. „Naja“, versuchte er mich zu trösten „dann beim nächsten Mal wieder!“ Wir wechselten noch ein paar Sätze über Termine und sowie ich meine Sachen im Arm hielt, flüchtete ich in den Windfang, wo ich mich anzog und nach draußen verschwand ohne vorher auch nur zur Toilette gegangen zu sein. Das war zwar vielleicht nicht schlau, entsprach aber meiner Gefühlslage… 

Ende Teil 1 – Die Fortsetzung erscheint am nächsten Adventssonntag!

  1. Plattdeutsch für Beutel []

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