Francisco de Goya - Ungeheuer Vernunft

Romantik – Eine Epoche voller Melancholie zwischen Tod und Traum

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Die Romantik ist die Epoche, die das Gothic-Genre wie man es heute kennt, überhaupt erst hervorgebracht hat. Der Begriff „Romantik“ ist heutzutage ziemlich verwässert und lässt uns in der Regel an Kitsch, Blumen und traute Zweisamkeit denken. Doch weit gefehlt. Begrifflich bedeutet „Romantik“ ungefähr, sich mit Geschichte und Kultur des eigenen Volkes auseinanderzusetzen und nicht mehr mit der in der Renaissance so hoch geschätzten Antike. Die gelesenen Texte und Werke waren also nicht mehr in lateinischer Sprache, sondern in der jeweiligen Landessprache, was in Frankreich, Italien oder auch Spanien eben romanische Sprachen sind. Damit stellte die Romantik aber nicht etwa den neuen allgemeinen Zeitgeist dar, sondern war quasi Gegenspieler der Klassik, die sich weiterhin an der Antike orientierte.

Vor allem aber ist die Romantik des späten 18. und 19 Jahrhunderts ist als eine Gegenbewegung zur nüchtern und naturwissenschaftlich geprägten Aufklärung zu verstehen. In einer Zeit, in der alles durchleuchtet und erklärbar wurde und man die Dinge entmystifizierte und rational betrachtete, sehnten sich viele Menschen nach dem Undurchschaubaren, nach Mystik und Abenteuer. Also entdeckte man beispielsweise die Welt der heimischen Sagen und Volksmärchen für sich und romantisierte das Mittelalter, was in unserer heutigen Vorstellung noch immer dieser romantisch verklärten Vision entspricht. Vernunft, Rationalität und kühle Betrachtung waren passé, statt dessen standen große Gefühlsregungen, Leidenschaften und Sehnsüchte im Mittelpunkt.

Wanderer
Der Wanderer über dem Nebelmeer – Casper David Friedrichs

Da wir von einer mehr oder weniger bewussten Gegenbewegung (und somit ein Stück weit vielleicht auch von Realitätsflucht) sprechen, und in Anbetracht der allgegenwärtigen Ängste der Menschen vor einer bedrohlichen, unbekannten, und von Industrie dominierten Zukunft, sollte es nicht überraschen, dass die Romantik im Allgemeinen schon nicht sonderlich fröhlich war. (siehe etwa Goethes „Leiden des jungen Werthers„) Da wundert es nicht weiter, dass sich etwa in der deutschen literarischen Schauerromantik eine konkret düstere Ausprägung breit machte, in der Geistergeschichten rezipiert und geschrieben wurden und wo Melancholie, Tod, Verzweiflung und Wahnsinn oft im Mittelpunkt standen.

Beispielsweise wären hier E. T. A. Hoffmanns „Nachtstücke„, Gottfried August Bürgers „Lenore“ oder auch Goethes „Totentanz“ zu nennen, doch natürlich waren es nicht nur deutsche Autoren, die sich auf diesem Feld betätigten, und so waren es vor allem die Engländer, die dieses Sub-Genre vorantrieben und sich mit deutschen Autoren munter austauschten und hin und her inspirierten.

Romantik in der Architektur

Doch Literatur war natürlich nicht das einzige künstlerische Feld, in dem sich die Romantik manifestierte. Besonders in englischen Oberschichtkreisen kam es zu einem Revival der gotischen Architektur, und somit auch in diesem Bereich zu einer romantisierten Form dessen, was man sich unter dem Mittelalter vorstellte. Horace Walpole zum Beispiel, der mit seinem Roman „Das Schloss von Otranto“ Namen und Motive der Gothic-Kunst prägte, gründete eigens ein „Committee des (guten) Geschmacks“, dass ihn bei den Entscheidungen rund um das Umgestalten und Ausbauen seines berühmten Wohnsitzes Strawberry Hill in neugotischem Stil unterstützte, wobei Kathedralen ebenso Vorbild waren wie Grabmäler.

Andere gingen gar so weit und bauten sich gotische Ruinen und nachgemachte Friedhöfe in ihre Landschaftsgärten und schufen kleine Grotten, in denen als Einsiedler verkleidete Landstreicher hausten, die extra dafür bezahlt wurden.

Strawberry Hill. Ein schlossartiges Landhaus, das sich der Schriftsteller Horace Walpole in den Jahren 1749 bis 1776 an der Themse nahe Twickenham (London) erbauen ließ. Jonathan Cardy, Strawberry Hill House 04, CC BY-SA 4.0

Ebenso ist die Malerei der Romantik oft weniger geprägt von „romantischen“ Landschaftsbildern, sondern eher von düsteren, introspektiven Bildern von Bedrohung und Verzweiflung. Beispielsweise Francisco de Goyas Radierung „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ (siehe Titelbild) gehört einerseits zweifelsohne zu den bedeutendsten Werken der Romantik, wurde andererseits von Richard Davenport-Hines bezeichnet als „perhaps the most important single image for the historian of the gothic“ („das vielleicht wichtigste Bild für den Gothic-Historiker“).

Romantik in der Musik

Diese tendenziell düster-morbide Haltung macht sich auch kenntlich in der Bewertung von zeitgenössischer Musik. So gehen Beispielsweise bei der Kritik der Beethoven-Klaviersonate Nr. 14 (bzw. deren ersten, sehr langsamen und melancholischen Satzes) durch Kritiker der Romantik die Interpretationen drastisch auseinander:

Das Stück ist sehr schleppend und in (cis-)Moll geschrieben und inspirierte dadurch den Musikkritiker Ludwig Rellstab zu der bekannten Bezeichnung „Mondscheinsonate“, da er sich an eine romantische, nächtliche Bootsfahrt auf dem Vierwaldstätter See erinnert fühlte. Zeitgenosse und Kollege Wilhelm von Lenz dagegen hatte weit düsterere Assoziationen, als er sich vorstellte, Beethoven habe das Stück an der Totenbahre eines verstorbenen Freundes geschrieben und es handle sich um einen Trauermarsch. Solch unterschiedliche Assoziationen ein und desselben melancholischen Themas sprechen wohl für sich.

Andere gingen gar so weit und bezogen Elemente der Schauerromantik in ihre Kompositionen ein. So schuf Hector Berlioz 1830 die „Symphonie Fantastique“ (bei der David Stevens konkret von „gothic influence“ spricht), deren dramatische Handlung sich um unerwiderte Liebe, Verzweiflung und Träume von Tod dreht, und die mit einem Hexensabbath mit einer Parodie des Dies Irae (aus der katholischen Totenmesse) schließt. Musikalisch haben wir es mit einer Berg- und Talfahrt der Gefühle zu tun, bei der auch bei scheinbarer Euphorie ein bedrohlicher Kontrabass im Hintergrund brummt und ruhige Momente von einzelnen harten Tönen wie Blitz und Donnerschläge durchzuckt werden.

Und wer jetzt noch denkt, Romantik habe etwas mit verträumtem Friede-Freude-Eierkuchen zu tun, der bemühe kurz Google nach den Namen verschiedener romantischer Maler wie etwa erwähnter Francisco de Goya, Johann Heinrich Füssli oder Caspar David Friedrich, deren mannigfaltige Werke (rangierend zwischen Melancholie, Ohnmacht und wildem Alptraum) wohl mehr aussagen als ich in Worten transportieren könnte.

Casper David Friedrich – Abtei im Eichwald

Dieser Artikel ist bereits 2010 in den inzwischen geschlossenen Otranto-Archiven erschienen und erfährt nun eine überarbeitete Neuveröffentlichung.

 

Karnstein
Lieberhaber alter Schriften und Sprachen ist als Musiker und Herr seiner eigenen Band Farblos auf dem Wave-Gotik-Treffen schon zu einer Legende geworden, ohne je dagewesen zu sein. Kenner und Bekannter des Rhein-Main Gebietes der merkwürdigerweise mit einer Ente verglichen wird. 2017 fusionierte seine Otranto-Archive mit Spontis und wurden als Artikel eingepflegt.

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Tanzfledermaus
Autor

Hmmm…Was du hier beschreibst, passt vor allem auf die schwarze Romantik. Es gab doch auch die schwärmerischen, naturverbundenen Romantiker, die durchaus positive und manchmal kitschige Werke produzierten.

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Ja, hier. Der Schwärmer bin ich. Für mich ist die Romantik vor allem eine schöne auf: Scheiternde Demokratie und Freiheits Versuche in Deutschland und Frankreich zB die in Kaiserreichen, Nationalismus, Militarismus, Kriegen etc enden. Auf den Dampfhammer der Industrialisierung, der die Uhren schneller drehen lässt, die Landschaften stark verändert, zu Aus- Einwanderungswellen führt, und die Gesellschaft stärker in arm und reich spaltet (Stahlbaron mit Villa, und armer Bergmann der nur 35 im Schnitt wird) als je zuvor. Gleichzeitig macht die Wissenschaft große Sprünge, muss sich aber mit ihren Kritikern auseinander setzen. Und die Welt wird globaler denn je, mit der Folge das global mehr ausgebeutet wird denn je per Eisenbahn, Dampfschiff und Schutztruppen. Das sind übrigens die gleichen Gründe aus denen ich heute Romantiker, und politischer Mensch bin, die parallelen sind oft erschreckend. Ich komme da übrigens immer zu anderer Musik aus der Epoche…. nein, nicht Giuseppe Verdis Gefangen Chor aus Aida ;), sondern zB https://youtu.be/LSaTUym_Hm8 Am besten trifft die Romantik auf Deutschland geschaut aber https://youtu.be/B2AxOS9ACE4, und zu guter Letzt https://youtu.be/WJ_Xb317h3w. Alles herrlich und herzlich romantische Lieder.

Tanzfledermaus
Autor

Ich dachte da vor allem auch an die zahlreichen Dichter, die ihre Geliebte, die Natur und ihre Gestalten in sehr schwärmerischer, bildreicher und zum Teil sehr verniedlichender Sprache verewigt haben á la „munter murmelndes Bächlein“, „freudig springendes Rehlein“, „taubetropftes Rosenknösplein“ usw .

das H.Gen
Autor

Ein paar schön Zitate über die Romantik:

„Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke.“
Johann Wolfgang von Goethe, Maximen und Reflexionen, Nr. 1031

„Das Wesen der Romantik ist die Ungewissheit.“
Oscar Wilde

„Jedesmal, wenn die Romantik sich einer Sache bemächtigt und Gloriolen um sie webt, dann ist deren Zeit schon vorüber, und die Sehnsucht nur macht aus der Erinnerung einen wünschenswerten Zukunftstraum.“
Carl von Ossietzky

„Romantik. Alle Romane, wo wahre Liebe vorkommt, sind Märchen – magische Begebenheiten.“
Novalis, Fragmente

„Romantik ist die innere Veranlagung, Dinge zu sehen, die es nicht gibt.“
Sandra Paretti

Robert
Webmaster

Ich hoffe, die Romantik behält ihren Stellenwert innerhalb der Szene, so wie ihr es nach Außen tragt. Neulich arbeitete ich an einem Projekt, dass die WGT-Geschichte aufgreift und las begeistert, wie „romantisch“ man bei der Entstehung und Entwicklung des WGT romantisch gewesen zu sein scheint. Ich hatte mir sehr gewünscht, dass es noch romantische Seelen gibt. Vielleicht kann man ja dann doch von einem Lebensgefühl sprechen. Dinge zu sehen, die es nicht, find ich schon mal ein guter Anfang.

Gruftfrosch
Gast
Gruftfrosch

Tanzfledermaus, hast du jetzt z.B. die Bilder von Spitzweg im Kopf?

Tanzfledermaus
Autor

@ Gruftfrosch:
Nein, Spitzweg kenne ich zwar (der „einsame Poet“ hing während meiner Kindheit bei uns an der Wand), aber ich dachte da vor allem an Dichter, weil ich mich mit der positiv-romantischen Malerei weniger beschäftigt habe als mit Werken von Caspar David Friedrich u.ä. düster-romantischen Malern.

Gedichte aber sammel ich schon seit vielen und da hatte ich auch einige Sammelbände mit alten romantischen Gedichten in den Händen. Da war viel Schönes dabei, aber auch so einiges kitschige, schwülstige, was je nach Wortgewalt des Dichters dann doch noch oder gar keinen Anklang bei mir fand ;-)

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Das Schöne ist, dass sie mir die Romantik eine gewisse Sorglosigkeit und Ruhe (zu meinen Standpunkten und Handlungen) in der Zeit der „Besorgten Bürger“, Kulturdebatten, Amtscrucifixe etc etc… beschert.

Beschreiben tut dies gut:

„Das Wesentliche des Romantischen ist Ungewißheit.“
Oscar Wilde
und
„Nichts ist romantischer, als was man gewöhnlich Welt und Schicksal nennt. Wir leben in einem kolossalen (im großen und kleinen) Roman.“
Novalis
und
und am Besten trifft mein Denken:
„Der Romantiker erreichte sein Ziel, denn er kam niemals an.“
©Anselm Vogt

Ich kann schon verstehen das es Menschen gibt die so eine Einstellung zu „unsicher“ empfinden, aber ich muss diese Menschen ja nicht in ihrer Unsicherheit verstehen.

Dennis
Gast

Mist, ich hatte immer gedacht, ich wäre ein Romantiker. Aber mit diesen Definitionen bin ich überkreuz … Es mag sein, dass für den Ursprung vor Jahrhunderten zutrafen, aber für mich ist sie darüber hinausgewachsen, so wie „Gothic“ über jede Definition aus den ’80ern. Nein, ich habe keine neue Erklärung dieses Phänomens, nur ein paar Gedanken …

Ich bin ein romantischer Naturwissenschaftler. Mich begeistern der Fortschritt des Wissens und der Technologie, aber ich kann die vielbeschworene „Entzauberung“ darin nicht erkennen. Ich kann sie zurückinterpretieren: „Was man erst einmal verstanden hat, kann man durch eine Dampfmaschine ersetzen“, so mag es einmal geklungen haben. Ja, dieses Muster gibt es immernoch … aber seht Ihr unsere Zeit wirklich als „entzaubert“?
Ja, wir fürchten nicht mehr, dass im Schatten ein Dämon lauert. Das ist die Faszination der Angst (oder kommt sie, in übertragener Weise, gerade zurück?). Aber war unser Leben jemals magischer? Wir sprechen mittels eines kleinen Kästchens mit Freunden über Kontinente hinweg, sehen Bilder und Märchen von anderen Ende der Welt, … aber leider steht auf dem Kästlein ein Hersteller aus Korea statt der düsteren Werkstatt in der Winkelgasse … Aber mal ehrlich: wer von Euch kann die Funktion dieses Kastens besser beschreiben als mit modernen Synonymen für „ich habe keine Ahnung, it’s f***ing Magic“. Unsere Welt ist zauberhafter als je zuvor. Durchaus auch auf bedrohliche Weise, aber gehört das nicht zum Kern der Romantik?
Dann ist da das Wissen. Wir erkennen nun, dass wir über Jahrmilliarden der Evolotion aus dem Staub verglühter Sterne entstanden sind. Soll das wirklich weniger „geheimnisvoll“, „romantisch“, „ehrfurchtgebietend“ sein als Lebenden von Göttern, Geistern und Lehm? Wir suchen nach den Signalen anderer denkender Wesen, aber wir haben sie noch immer nicht gefunden. Vielleicht sind wir wirklich allein in diesem Universum. Doch das bedeutet: hier, auf dieses Klumpen aus Gestein, beginnt das Universum, sich seiner selbst bewusst zu werden. Es erkennt, woher es gekommen ist, im großen und im kleinen, und wohin es gehen könnte …
Diese Essenz der Naturwissenschaft ist für mich zugleich der Kern einer Naturromantik. Einer Romantik, die nicht auf Furcht und Ungewissheit zurückgeht, sondern auf eine Ehrfurcht, die mit dem Wissen wächst …

Deshalb (auch) empfinde ich mich als Romantiker. Gerade wegen der Wissenschaft, gerade weil ich Science-Fiction über Quantenphysik und Zeit schreibe (die aktuelle Geschichte beginnt sogar mit einer „Fee“), gerade weil ich auf eine Zukunft hoffe, die mehr als nur den Untergang bringen kann!

Gibt es einen gemeinsamen Nenner mit der „alten“ Definition? Vielleicht eine melancholische, verträumte, schwärmerische, doch nicht hoffnunglose Sicht auf die Welt? Damit könnte man die beiden Enden wohl zusammenfassen. Damit ich mich weiter als „Romantiker“ sehen darf …