Douglas P. (Death in June)

Neofolk – Eine Wahrheitssuche zwischen Vereinnahmung und Deutungshoheit

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Neofolk ist in vielerlei Hinsicht ein Zankapfel. Für die einen ist es die letzte Form echter musikalischer Rebellion, für die anderen, wie beispielsweise das Rolling Stone Magazin, der “Der Sound der Neuen Rechten” und eine Einladung an rechte Ideologien. Viele Künstler dieses Genre fühlen sich missverstanden und die Menschen vor der Bühne in eine Ecke gestellt, in der sie nicht stehen möchten. So sind es Musikjournalisten und Kritiker, Bands und Künstler die die Deutungshoheit für Neofolk an sich reißen, doch das wird nicht den Fans gerecht, die dieses polarisierende Genre schätzen und durchaus in der Lage sind, sich differenziert mit dem Thema auseinanderzusetzen. Auch Spontis hat sich bereits in der Vergangenheit mit den Symboliken und Vereinnahmungsversuchen dieses Genre befasst, konnte sich jedoch nie in die Hörer versetzen, die Neofolk leidenschaftlich verfolgen. Autor +VLFBERH+T möchte diese Lücke schließen und lädt ein, seiner Annäherung zu folgen und sich selbst ein Bild zu machen.

But, What Ends When the Symbols Shatter?

Eigentlich wollte ich eine Artikelreihe über Neofolk schreiben, meine ganz subjektive Meinung zu Szene, Szenerie und so weiter. Aber der unsägliche Rolling-Stone-Artikel (das muss man dem RS lassen: Die klaren Worte von Jännerwein, welche sich im Widerspruch zum Artikel befinden, haben sie veröffentlicht) hat mir da dann doch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Mein Artikel wäre zu einem (zwangsläufig) unzureichenden Versuch verkommen, Neofolk möglichst multiperspektivisch zu erklären, was letztlich daran scheitern muss, dass es es zwangsläufig immer weitere Fragen aufwerfen würde, denn:

Wie erklärt man Neofolk, diese Mischung aus bewusst-naiver Akustikgitarre, Synthesizern, Uniformen, martialischen Trommelklängen und Ästhetisierung faschistischer Symboliken?

max-jaennerwein
Max KTG (Jännerwein)
(c) Thorium Heavy Industries

Ursprünglich hatte ich vor, eine ausufernde dreiteilige Artikelreihe über Vergangenheit, Gegenwart und geistige Ansätze des Neofolk zu schreiben. Das habe ich dann verworfen und beschlossen, direkt in medias res zu gehen, frei nach Dávila: “Unnütz, jemandem einen Gedanken erklären zu wollen, dem eine Anspielung nicht genügt1 Daher kann das hier nicht mehr als ein relativ kurzer Artikel über Neofolk werden, in der Hoffnung, dass der geneigte Leser sich mit den jeweiligen Ansätzen selbst durch Quellenarbeit auseinander setzt (oder im Kommentarbereich nachfragt), sowie als Teaser einer Reihe, für die ich mehrere Musikern und sonstigen Gestalten Prousts Fragebogen geschickt habe, im Versuch, Neofolk etwas begreifbarer zu machen.

Mehr, als ein “Guckt mal, es gibt in der Goth-Szene auch das hier” kann es nicht werden.

Um nur andeutungsweise die Komplexität in Zahlen zu fassen: Das Buch “DEATH IN JUNE – Verborgen unter Runen” von Aldo Chimenti, das ich übrigens uneingeschränkt empfehlen kann, umfasst 450 Seiten und behandelt die Geschichte Death in Junes sowie einen Teil(!) der Texte. Chimenti seziert die Texte und findet Anspielungen auf die Völuspá, die Holocaust-Dokumentation Shoah, die Kreuzigungsgeschichte, Jean Genet und nicht zuletzt auf (auch Douglas P.s eigene) Homosexualität… Und das ist nur ein Ausschnitt aus einem Ausschnitt der Analyse eines Musikers. Das ist eines der konstituierenden Elemente des Neofolk: Assoziativität, ein Spiel mit Andeutungen. Um einen Text (ganz) erfassen zu können, bedarf es unter anderem eines breiten literarischen Fundamentes, welches weit über Allgemeinbildung hinaus geht.

Womit wir mit  Dávila direkt bei einem ersten Ansatz wären; er war antimodern, reaktionär und durch und durch katholisch. Wenngleich (christliche) Religion im Neofolk größtenteils wenig Sympathie genießt  (“They wail and weep, the march of the sheep – As they go to the cross on the wall2 ), spielt Spiritualität eine zentrale Rolle. Die bewusste Abwendung von einer Welt, welche als verkommen, lust- und freudlos wahrgenommen wird hin zu einer mit Kulturpessimismus kombinierten Weltflucht. Dies geht einher mit einer bewussten Verklärung der behandelten Themenkomplexe, was wiederum nur zu gerne von Kritikerseite zu einer Bestätigung der Vorurteile umgedeutet wird – und ja, auch umgedeutet werden kann. Denn auch diese Deutung entbehrt nicht einer gewissen Legitimität. Diese Ambivalenz, welche sich häufig auch in Äußerungen von Musikern findet, kann als Erweiterung des Kryptischen betrachtet werden: Je mehr eine Deutung der Musik und der Ästhetik aus den Händen des Zuhörers genommen wird, desto weniger fordert es diesen zur Auseinandersetzung damit heraus. Damit wird auch eine Selbstreflexion des Wahrgenommenen erzwungen.

Und klar: Wenn man vollständig darauf verzichtet, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen, kann man die Szene und die Musiker auch als lustiges rechtsextremes Gruppenkuscheln zu Klampfenmusik wahrnehmen. Und das sowohl von Seiten derer, die das ganz großartig finden, als auch derer, die vor jedem Runes & Men-Festival die immer gleichen Artikel neu schreiben.

Recht haben beide jedoch nicht.

Das R&M, ganz exemplarisch als größtes Festival (2016 waren es über 1000 Gäste in der Leipziger Kuppelhalle), welches auch außerhalb des Neofolk bekannte Namen wie Kirlian Camera oder Rome bereits willkommen geheißen hat, war dementsprechend auch das: Bunt. Ein paar versprengte Metaller hier, viele Gruftschleicher dort, natürlich einiges an Neofolkern und die, die man gar nicht zuordnen konnte oder wollte. Darüber hinaus hat ein lieber Freund sich die Mühe gemacht, mal die Nationalitäten aufzuzählen, von denen er wusste, dass sie da sind: Chile, Mexiko, Norwegen, Schweden, Italien, Spanien, Ungarn, Polen, England. Ich möchte um USA und Frankreich erweitern.

Ian Read von Fire + Ice
Ian Read von Fire + Ice
(c) Thorium Heavy Industries

Das (beispielhaft von Jule Nagel immer wieder heraufbeschworene) “faschistische Spektakel“((Quelle: Dávila – Scholien zu einem inbegriffenen Text – Karolinger 2006 – https://books.google.de/books/about/Scholien_zu_einem_inbegriffenen_Text.html?id=Y5hTGgAACAAJ&redir_esc=y&hl=de)) blieb also aus, das in unmittelbarer Nähe zur Kuppelhalle gelegene Asylbewerberheim wurde nicht Opfer eines gröhlenden Mobs. Stattdessen lief das Festival ab, wie bisher jedes Konzert, welches ich in der Kuppelhalle miterleben durfte. Der einzige(!) politische Kommentar beider Abende kam von Ian Read (Fire + Ice), welcher auf das rasante Aussterben sowie die Bedrohung vieler Tierarten hinwies.

Dass es jedoch bedeutend komplexer ist, sollte spätestens seit Laibach jedoch den Diskurs erreicht haben, weshalb ich auch hier eigentlich nicht sonderlich viel zu schreiben möchte, außer, dass das Buch “Nazi-Chic und Nazi-Trash” den Umgang mit der Ästhetik besser erklärt als ich es je könnte.

Das größte verbindende Element ist dabei aber immer noch die Musik. Dabei ist “Apocalyptic Folk”, wie Neofolk auch bezeichnet wird eine aussagekräftigere Bezeichnung, verrät sie doch sowohl den geistigen (“apocalyptic”) als auch den musikalischen (“Folk”) Hintergrund.
Hört man sich mal exemplarisch einige der Gassenhauer an lässt sich deutlich feststellen, dass Akustikgitarren und minimalistische Kompositionen vorherrschend sind (Davon darf man sich jedoch nicht täuschen lassen, so finden sich beispielsweise bei :Of The Wand And The Moon: immer wieder Klangteppiche deren Herkunft im Doom-Metal man schwerlich verkennen kann. Kein Wunder: Kim Larsen war Musiker bei Saturnus).

Während der Großteil des derzeitigen Neofolk eher der Lagerfeuer-und-Klampfe-Fraktion zuzurechnen ist (was nicht abwertend gemeint ist), sollte dabei zumindest ein kurzer Blick zurück geworfen werden, was mit Crisis, der Band in der Douglas P. (später Death in June) und Tony Wakeford (später Sol Invictus) relativ einfach ist. Hört man sich von ihnen beispielsweise “Holocaust” an, 1978 erschienen, und lässt dem Death in Junes “Heaven Street” folgen, 1980 erschienen, so lassen sich deutliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede erkennen. Während bei Crisis die typisch punkige Stimme ganz konkret vor den Gefahren eines im UK aufkeimenden Neonazismus warnt (wenige Jahre später begannen beispielsweise Skrewdriver ihren Rechtsrock) ist “Heaven Street”, trotz thematischer Ähnlichkeit (die “Heaven Street” bezeichnet einen Weg im KZ Sobibor, eigentlich ist der Track eine Fortsetzung des Crisis-Songs “Kanada Kommando“) dabei bedeutend kryptischer – auch in der Interpretation. Ebenso klingt die Stimme bedeutend düsterer, das Versprechen, dass die Straße in den Himmel führt, wird durch sie untergraben.

Sturmpercht
Sturmpercht
(c) Thorium Heavy Industries

Dem entgegen steht derzeit eine Strömung, welche sich wieder deutlicher in die Punk/Goth-Richtung bewegt, gerne auch mit Betonung auf “Apocalyptic Folk”. Exemplarisch seien hier die Amerikaner von Cult of Youth sowie King Dude  genannt (welcher es schon zu arte geschafft hat…)   und die deutschen MARS, welche inhaltlich deutlich stärker in die Paganism/Heathenism-Richtung gehen. Dem gegenüber stehen Bands wie die eingangs erwähnten Jännerwein, welche mit ihrem Alpinfolk klar Stellung für die Schönheit des Lebens beziehen. Zusammen mit Bands wie Sturmpercht oder Werkraum hat sich so eine kleine Subsubsubkultur gebildet, deren Betonung des Folk-Aspekts der bisherigen Ausrichtung der Subsubkultur einen weiteren Dreh verpasst. Da Douglas P. seinen Rückzug (zumindest was Touren angeht) angekündigt hat, darf man gespannt sein, ob im Neofolk derzeit ein Generationenwechsel stattfindet.

Für eine tiefgreifendere Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex möchte ich folgendes ans Herz legen:

Anmerkung: Alle im Artikel verwendeten Bilder stammen von Thorium Heavy Industries, welcher auch eine großartige Sammlung von Konzertaufnahmen auf YouTube anbietet. Keine Verwendung ohne seine Genehmigung.

  1. Quelle: Dávila – Scholien zu einem inbegriffenen Text – Karolinger 2006 – https://books.google.de/books/about/Scholien_zu_einem_inbegriffenen_Text.html?id=Y5hTGgAACAAJ&redir_esc=y&hl=de []
  2. Quelle: Liedtext von Sol Invictus aus dem Song “Kneel to the Cross” []

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Fraoch
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Fraoch

Wenn man vollständig darauf verzichtet, sich mit den Inhalten auseinander zu setzen, kann man die Szene und die Musiker auch als lustiges rechtsextremes Gruppenkuscheln zu Klampfenmusik wahrnehmen. Und das sowohl von Seiten derer, die das ganz großartig finden, als auch derer, die vor jedem Runes & Men-Festival die immer gleichen Artikel neu schreiben.

Das Problem ist nicht, dass uns die Ideologie immer von außen zugesprochen wird, sondern dass es diejenigen die das ganz großartig finden eben in unseren Reihen gibt und diese auch bedient werden. Die Neofolkmusiker ziehen sich häufig auf eine allgemeine Deutungsoffenheit gegenüber allem und jedem zurück und rechtfertigen ihre Gesprächsbereitschaft mit allen als grundlegende Offenheit über die Grenzen der vermeintlichen Political Correctness hinweg. Wobei Political Correctness hier als negativ konnotierter Kampfbegriff jedem Kritiker entgegengeschleudert wird. Damit wird ganz ungewollt im Verteidigungsmodus allerdings auch verschleiert, wenn es plötzlich um zutiefst menschenverachtende und verschwörungstheoretische Positionen der Gesprächspartner geht, die berechtigt kritisiert werden. Man denke nur an Jay Kay mit seinen Hirngespinsten von einer zionistischen Weltverschwörung oder an, die dusselige These von einem großen Austausch, die Sellner regelmäßig wiederholt, damit sie irgendwann vielleicht jemand glaubt. Die dabei reflexartig gepflegte Rhetorik des „Das wird man doch noch mal sagen dürfen“ macht da auch keinen Halt vor Chauvinismus, Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.

Kein Ausschluss, keine Tabus – Während z.B. Throbbing Gristle eine ähnliche konfrontative Idee als konzeptionellen Grundgedanken ihrer Band inszenierten und mit all den dekonstruierenden Tabubrüchen gezielt darauf verwiesen, dass jeder Mensch das Potential zum denkbar Schlechtesten in sich trägt und dass im Resultat das denkbar Schlechteste eigentlich etwas ganz profanes ist, fehlt eben dieses Dekonstruierende nicht selten im Neofolk. Mehr noch es wird über die muntere Bereitschaft sich der extremen Rechten als Projektionsfläche zu präsentieren (z.B. über Interviews und Werbeanzeigen in Zeitschriften des Rechtsextremismus und der Neuen Rechten) gebogen und gelegentlich sogar gebrochen. Das sich neurechte Denker und Schreiber von Junge Freiheit, Sezession, Nation und Europa oder Europakreuz, Mitarbeiter des VAWS etc. im Publikum und gelegentlich hinter der Bühne als Veranstalter bewegen (Jay Kay als erkennbaren Akteur sei anbei nochmal erwähnt) ist doch mittlerweile allseits bekannt. Diese Leute kommen ja zum Teil aus unseren Reihen und manchmal würde ich mir wünschen es gäbe im Neofolk mehr deutlich absagende Signale in diese Richtung. Da lobe ich mir z.B. ROME! Jännerwein haben diesen Schritt vollzogen als es ihnen im Rolling Stone um die Ohren flog, aber auch ihnen war vorher schon klar wer Martin Sellner, Martin Lichtmesz, Dominik Tischleder etc. sind und dass auch die sich in ihrem Publikum rumtreiben. Kaum ein Neofolkkonzert ohne irgendwelche neurechten bis rechtsextremen Insignien oder Markennamen im Publikum. Von Thor Steinar bis Phalanx Europa, vom Lambda im Kreis, über die Schwarze Sonne bis hin zum Blood-an-Honour-Logo sind mir schon viele fragwürdige Kleidungsstücke auf Konzerten begegnet. Diese Leute machen gewiss nur eine kleine Gruppe im Publikum aus, aber sie sind da und sie bleiben auch da solange sie sich weiterhin angesprochen fühlen.

Die als Beispiel angeführten Laibach haben sich nie zu Interviews mit Zeitschriften des rechten Randes bereiterklärt oder sind zum Frontbesuch einer faschistischen Miliz gereist (Di6 z.B. haben das), haben nie Werbung in Rechtsextremen Gazetten geschaltet (Blood Axis z.B. haben das) oder sich im Skrewdriver-Shirt für rechtsextreme Versandhändler ablichten lassen (Uwe Nolte z.B. hat das), darin liegt in der Betrachtung der Gruppen für mich schon ein eklatanter Unterschied, der noch nicht mal das offenliegende Konzept von Laibach mit einbeziehen muss. Wohlgemerkt wird darüber nicht der komplette Neofolk zur Musik der neuen Rechten und das Neofolkpublikum oder deren Interpreten zu Vertretern dergleichen (wobei ich mir bei manchen durchaus die Frage stelle wie sie sonst zu der einen oder anderen Form der Kooperation kamen), wie es der Rolling Stone gern implizierte, aber der Neofolk bietet der neuen Rechten häufig einen Rückzugsraum. Diese Ideologie wird dort oft toleriert. Oft, nicht immer! Und die Bereitschaft sich auf diese Leute und diese Presse einzulassen ist ein klares Signal der Toleranz.

Lichtmesz beklagte nicht umsonst in Nyms Buch, dass es aufgrund linker Gegenbewegungen nicht gelungen sei Neofolk als Neurechte Jugendkultur zu etablieren. Das verdeutlicht derweil gleich mehrerlei:
1. Dass Neofolk von Neurechts als Affirmationsfähig angesehen wird und wurde und
2. dass Neofolk nie über den Untergrund hinausgekommen ist.
3. Dass die Affirmation nicht zwingend an inneren Bewegungen der Neofolk-Szene scheiterte, aber
4. dass die Etablierung des Neofolk als Jugendkultur zerbrach
Tatsächlich ist der von Lichtmesz bemühte anklagende Wurf nach Links viel zu einfach, ja in der Schlichtheit der Aussage ein Klops sondergleichen. Zillo und Co. stellten in den 1990ern zunehmend die Pressearbeit über Neofolk ein. Zum Teil gewiss aufgrund politischer Entscheidungen, andererseits –und dass war zu diesem Zeitpunkt meiner Meinung nach viel bedeutsamer- weil der Neofolk sich bis Mitte/Ende der 1990er kreativ totgelaufen hatte und gegen die Konkurrenz des Alternative-Hypes nicht ankam. Das nachkommende Aufbäumen des Neofolk fiel in eine Phase in der in der Schwarzen Szene andere weit massenkompatiblere Musikstile den Ton angaben. Und mit Type O, NIN, Rammstein, Wumpscut, Apop, In Extremo und Co. war die Konkurrenz für den Neofolk -als zu diesem Zeitpunkt weitestgehend ausgeschöpften Musikstil, der dazu noch nicht dem einfachen Härteaspekt der umgestaltenen Szene entsprach- zu groß um noch Szenetragend oder Auflagenfördernd für die Zeitschriften zu sein. Da lief ab und an noch eine alte Di6-Nummer in der schwarzen Disco, aber mehr war da kaum noch drin und was passiert mit einer Musikszene die älter wird aber kein neues Publikum findet? Sie stagniert eine Weile und versiegt im Untergrund.

Das Lichtmesz, da gerne eine Legende der von Links zerstörten Szene installieren würde ist aus der Sicht auf seine politische Arbeit natürlich schlüssig und fügt sich eben wieder in die Gesamtproblematik der Frage nach rechten Akteuren in der Szene. Wenn solche neurechten Akteure derart gestaltete Lagerpolitik betreiben indem sie die Schwarze Szene zum Opfer linker Agitation stilisieren und sich inklusive ihrer neurechten Ideologie darin selbst zum Teil -ja zur Stimme- der Schwarzen Szene (v)erklären, kuschelt nicht nur das falsche mit braunem beschmierte Geschöpf mit mir, es saut mir auch noch die schwarzen Klamotten mit einer Masse ein, mit der ich mich nicht anfreunden möchte.

Zurück zu den Interpreten: Der Blutharsch, gut Julius macht(e) keinen Neofolk, aber auch eine kontrovers diskutierte Gruppe, trieb z.B. ein ähnliches Spiel mit Selbstpräsentation, Erwartung und Haltung und das Projekt mochte ich immer sehr gerne. Die Idee sich hier die Option zum Gespräch offen zu lassen finde ich auch nicht verkehrt, aber wenn das Gespräch nicht stattfindet, die Brüche nicht offen zur Schau gestellt werden, dann bleibt die Musik als Projektionsfläche offen für alles und jeden und der kontroverse Impetus wird zwar mit den Gegnern der Musik kaum aber mit den Befürwortern aus dem rechten Lager diskutiert. Ich habe jedenfalls noch nicht erlebt, dass Musiker den Identitären im Publikum oder in Interviews klar machten, dass ihre Weltanschauung nicht mit der eigenen Übereinstimmt. Im Gegenteil, die neue Rechte wird oft in den eigenen Reihen ohne Diskussion um deren Ideologie hingenommen und ob der Gemeinsamkeiten, insbesondere des Antimodernismus, der Romantik und der Esoterik, gar irgendwie Wertgeschätzt. Die lange schon überfällige Diskussion darum wo man selbst steht und wo den die Unterschiede zwischen denen und einem selbst liegen, z.B. ist der hohe Wert des Individualismus unserer Szene mit dem langfristigen Konformismuszwang der Rechten nicht vereinbar, bleibt weiterhin aus, auch weil es kaum noch Neofolk-Medien gibt. Wer lässt sich schon gerne von einer Ideologie vereinnahmen deren Grundgedanke gegen die Freiheit des individuellen Ausdrucks, welche immer noch das Wesen unserer Subkultur darstellt, steht?

Nun vielleicht muss hier auch keine große Diskussion von den Interpreten stattfinden, sondern in der Szene. Bei den Interpreten müssen vielleicht nur die Brüche wie eben bei Laibach und Throbbing Gristle oder auch bei Siouxsie and the Banshees, wo Siouxsie Sioux im offenherzigen Latexfetischfummel mit Hakenkreuzarmbinde auftrat (Pic) auch gegenüber den Rechten klarer herausgearbeitet werden. Wir -als gesamte Szene- verfallen da meiner Meinung nach zu schnell in einen Verteidigungsreflex und werten die teils berechtigte, teils überzogene Kritik an Künstlern schnell als Affront gegen unsere gesamte Szene. Dabei schrieb schon einer der ärgsten Kritiker (Alfred Schobert) in den 1990ern zu Beginn seiner langjährigen kritischen Arbeit, dass es Blödsinn wäre die gesamte Szene in die rechtsextreme Ecke zu stellen. Ich bin bis heute nicht mit allen Analysen von Büsser, Schobert, Langebach und Co. einverstanden, aber ich denke wir müssen immer noch und immer wieder darüber diskutieren, wann und wo welche Kritik berechtigt war oder ist und wann eben nicht. Und mir ist die Kritik mit welcher ich mich ganz gezielt auseinandersetzten kann um ein vielfaches lieber als die rechten Vereinnahmungsversuche von Sellner, Lichtmesz, Kubitschek und Co. Die pauschalen Absagen von Innen sind daher meiner Meinung nach ebenso verkehrt, wie die oft boulevardesken Zuschreibungen von Außen. Mir fehlt die Diskussionskultur zu diesem Thema in unserer Szene seit Jahren. Mir fehlt z.B. eine Diskussion darum welche rechten Akteure Alexander Nym da alle dazu eingeladen hatte Essays zu seinem Buch beizusteuern (Min. Tischleder und Lichtmesz sehe ich da arg kritisch, bei manch anderen müsste man in die intensive Auseinandersetzung gehen).

Und gerade wenn es bei den Interpreten um eine Diskussion, um Gesellschaftskritik und ideologische Auseinandersetzungen und Selbstverortungen geht, dann ist die aktive Auseinandersetzung mit ihren Inhalten, Deutungsmöglichkeiten und Vereinnahmungsversuchen immer und jederzeit geboten. Wenn es den Wert des Neofolk ausmacht, dass hier eine Deutung der Musik und der Ästhetik in den Händen des Zuhörers stattfindet und damit eine Selbstreflexion des Wahrgenommenen erzwungen wird, dann muss diese auch dann stattfinden wenn es schmerzt. An diesem Punkt kann man eigentlich nur noch schreiben, dass jeder noch so pauschalen Kritik eine offene Einladung zur Diskussion, anstelle der all zu oft pauschalen Abwehr, folgen müsste, gerade dann wenn Neofolk sich als Einladung zur Selbstreflexion versteht bleibt den Rezipienten nur die ewige Diskussion, Selbstverortung und Abgrenzung.

Rein musikalisch möchte ich noch die Amerikaner um die Post-Metal-Urband Neurosis nachwerfen, die alle reduzierte Klampfe-am-Lagerfeuer-Brummelmusik irgendwo zwischen Alternative Country, Nick Caves Soundtrack-Arbeiten und einer gute düstere Spur Apocalyptic Folk gestalten Scott Kelly Blood and Time (anderes Projekt von Kelly), Amber Asylum (Gegenseitige Dauergastmusiker) und Steve von Till. In einer ähnlichen Schiene, hat aber nichts mit Neurosis am Hut, läuft beizeiten die allseits beliebte Chelsea Wolfe.

Svartur Nott
Gast
Svartur Nott

Lichtmesz beklagte nicht umsonst in Nyms Buch, dass es aufgrund linker Gegenbewegungen nicht gelungen sei Neofolk als Neurechte Jugendkultur zu etablieren. Das verdeutlicht derweil gleich mehrerlei:
1. Dass Neofolk von Neurechts als Affirmationsfähig angesehen wird und wurde (…)

ein Beispiel, was mir da vorgestern über den Bildschirm flimmerte habe ich auf der Homepage der Identitären Generation (bzw. Bewegung) gefunden. Dort wird der Neofolk, ganz wie Fraoch es beschreibt, dem Leser vor allem über thematische Brücken wie die (deutsche) “Romantik” nahegebracht und ins potentielle Interessenfeld der jungen Neokons gezogen. Das nur mal als winzige Ergänzung…

Victor von Void
Gast
@Fraoch
Großartiger, sehr differenzierter Kommentar, der eigentlich ein eigener Artikel sein sollte! Ich selbst bin und war nie Neofolk-Fan, habe jedoch die Diskussion darum immer mit großem Interesse verfolgt, spätestens seit um die Jahrtausendwende die Diskussion um die “rechte Unterwanderung” der Szene aufkam, die sich ja zu einem großen Teil auch auf die Akteure im Neofolk bezog. Gerade die von dir angesprochenen Punkte (z.B. die fehlende eindeutige Positionierung der Akteure abseits des musikalischen Outputs, andererseits die lahmende Diskussion in der Szene, Kleidungsstücke, die definitiv nicht als Provokation oder Denkanstoß sondern aus Überzeugung oder Unreflektiertheit getragen werden, Beiträge von rechten Akteuren in Büchern über die Szene etc.) sind mir dabei immer wieder aufgestoßen. Darum noch mal Danke für diesen Input!
Gast

Das Problem ist nicht, dass uns die Ideologie immer von außen zugesprochen wird, sondern dass es diejenigen die das ganz großartig finden eben in unseren Reihen gibt und diese auch bedient werden.

Inwieweit werden sie denn bedient?

Die Neofolkmusiker ziehen sich häufig auf eine allgemeine Deutungsoffenheit gegenüber allem und jedem zurück und rechtfertigen ihre Gesprächsbereitschaft mit allen als grundlegende Offenheit über die Grenzen der vermeintlichen Political Correctness hinweg. Wobei Political Correctness hier als negativ konnotierter Kampfbegriff jedem Kritiker entgegengeschleudert wird.

Ja, und weiter? Das ist Allgemeinplatzgeschreibe. “Die machen dies und das”. Hat also keinerlei wert, solange nicht konkretisiert wird…

Damit wird ganz ungewollt im Verteidigungsmodus allerdings auch verschleiert, wenn es plötzlich um zutiefst menschenverachtende und verschwörungstheoretische Positionen der Gesprächspartner geht, die berechtigt kritisiert werden.

Die Aussage ergibt keinen Sinn. Wer ist jetzt Gesprächspartner von wem?

Man denke nur an Jay Kay mit seinen Hirngespinsten von einer zionistischen Weltverschwörung

Ja, ach, vT. Wann genau fand das letzte vT-Konzert statt, wann genau hat vT das letzte Mal was veröffentlicht, was irgendwelchen impact hatte? vT ist ausschließlich deshalb so häufig Thema, weil er, völlig abseits der Musik, inhaltlichen Driss von sich gibt. Und die einzigen, die ihn thematisieren sind Kritiker. Im Neofolk findet vT doch quasi keinerlei Beachtung.

oder an, die dusselige These von einem großen Austausch, die Sellner regelmäßig wiederholt, damit sie irgendwann vielleicht jemand glaubt.

Und was hat das jetzt mit Neofolk zu tun?

Die dabei reflexartig gepflegte Rhetorik des „Das wird man doch noch mal sagen dürfen“ macht da auch keinen Halt vor Chauvinismus, Sexismus, Homophobie, Rassismus und Antisemitismus.

Völlig austauschbarer Allgemeinplatz.

Kein Ausschluss, keine Tabus – Während z.B. Throbbing Gristle eine ähnliche konfrontative Idee als konzeptionellen Grundgedanken ihrer Band inszenierten und mit all den dekonstruierenden Tabubrüchen gezielt darauf verwiesen, dass jeder Mensch das Potential zum denkbar Schlechtesten in sich trägt und dass im Resultat das denkbar Schlechteste eigentlich etwas ganz profanes ist, fehlt eben dieses Dekonstruierende nicht selten im Neofolk.

Warum muss es die geben? Muss der Hörer an die Hand genommen werden? Benötigt es zum Lied direkt die einzig richtige Deutung? Das ist nur Angst vor Ambivalenz.

Mehr noch es wird über die muntere Bereitschaft sich der extremen Rechten als Projektionsfläche zu präsentieren (z.B. über Interviews und Werbeanzeigen in Zeitschriften des Rechtsextremismus und der Neuen Rechten) gebogen und gelegentlich sogar gebrochen. Das sich neurechte Denker und Schreiber von Junge Freiheit, Sezession, Nation und Europa oder Europakreuz, Mitarbeiter des VAWS etc. im Publikum und gelegentlich hinter der Bühne als Veranstalter bewegen (Jay Kay als erkennbaren Akteur sei anbei nochmal erwähnt) ist doch mittlerweile allseits bekannt.

“Allseits bekannt” ist ein argumentum ad populum. Wo befindert sich denn VAWS, abgesehen von vT “im Hintergrund”, bei wem außer bei vT? Und wer on den anderen Zeitschriften? Das ist nicht mehr als eine Behauptung. Jetzt mal ganz konkret. Wer, wo, was?

Diese Leute kommen ja zum Teil aus unseren Reihen und manchmal würde ich mir wünschen es gäbe im Neofolk mehr deutlich absagende Signale in diese Richtung.

Mit welchem Ergebnis? Dass du bösen Jungs dann aufhören die Musik zu hören? Naiv. Die erste Reaktion von Sellner und Konsorten auf Jännerweins Statement war, dass sie angefangen haben ihre neuen Videos mit Musik von JW zu unterlegen und bei Twitter gefragt haben, was denn das Lieblingslied der Leser von JW sei.

Da lobe ich mir z.B. ROME! Jännerwein haben diesen Schritt vollzogen als es ihnen im Rolling Stone um die Ohren flog, aber auch ihnen war vorher schon klar wer Martin Sellner, Martin Lichtmesz, Dominik Tischleder etc. sind und dass auch die sich in ihrem Publikum rumtreiben.

Und, dürfen die das nicht? Ich kann ganz hervorragend ohne diese Gestalten im Publikum leben. Aber erkläre mir doch mal bitte, wie (und wieso) man Menschen ob ihrer Gedanken von Veranstaltungen ausschließen solle. Gedankenverbrechen much?

Kaum ein Neofolkkonzert ohne irgendwelche neurechten bis rechtsextremen Insignien oder Markennamen im Publikum. Von Thor Steinar bis Phalanx Europa, vom Lambda im Kreis, über die Schwarze Sonne bis hin zum Blood-an-Honour-Logo sind mir schon viele fragwürdige Kleidungsstücke auf Konzerten begegnet.

Bzgl. Blood-and-Honour: Und du hast natürlich die Initiative ergriffen und die Polizei gerufen, da das B&H-Logo unter 86a § fällt? Oder nicht?
Bzgl. allem anderen: Und? Wenn derartige Logos und Marken dem Veranstalter nicht lieb sind, kann und soll er sie ruhig verbieten. Was genau wäre damit gewonnen?

Diese Leute machen gewiss nur eine kleine Gruppe im Publikum aus, aber sie sind da und sie bleiben auch da solange sie sich weiterhin angesprochen fühlen.

Was müsste sich den ändern, damit sie sich nicht mehr “angesprochen fühlen”?

Die als Beispiel angeführten Laibach haben sich nie zu Interviews mit Zeitschriften des rechten Randes bereiterklärt oder sind zum Frontbesuch einer faschistischen Miliz gereist (Di6 z.B. haben das),

Stimmt, dafür haben sie in Nordkorea gespielt. Das ist für dich okay?

haben nie Werbung in Rechtsextremen Gazetten geschaltet (Blood Axis z.B. haben das)

Welche Zeitschrift?

oder sich im Skrewdriver-Shirt für rechtsextreme Versandhändler ablichten lassen (Uwe Nolte z.B. hat das),

Das hier hat mich besonders interessiert, weil ich das zwar für möglich halte, aber massiv Zweifel daran habe. Also hab ich mal geguckt, woher das kommt.
Follow me here:

Wikipedia schreibt:
“Nolte selbst stand im Jahr 2000 für einen Katalog mit einem T-Shirt der Rechtsrock-Band Skrewdriver Modell.[1]”
[1] verweist auf http://newdawnfades.blogsport.de/2008/04/03/rechte-neofolk-konzerte-in-halle/ dort wiederum steht (ohne Fotobeleg oder sonstigem): “2000 posierte Uwe Nolte im Nazi-T-Shirt für den Katalog des Ultima Tonträger Versand von Sven Liebich.” Also wird nicht nur aus einem Nazi-T-Shirt ein Skrewdriver-Shirt, sondern es wird völlig ohne irgend einen Beleg behauptet. Mehr als dürftig. Würde ich höchst kritisch sehen, ohne Bildbeleg.

Wohlgemerkt wird darüber nicht der komplette Neofolk zur Musik der neuen Rechten und das Neofolkpublikum oder deren Interpreten zu Vertretern dergleichen (wobei ich mir bei manchen durchaus die Frage stelle wie sie sonst zu der einen oder anderen Form der Kooperation kamen), wie es der Rolling Stone gern implizierte, aber der Neofolk bietet der neuen Rechten häufig einen Rückzugsraum. Diese Ideologie wird dort oft toleriert. Oft, nicht immer! Und die Bereitschaft sich auf diese Leute und diese Presse einzulassen ist ein klares Signal der Toleranz.

Richtig. Solange diese Personen nicht im Rahmen der Konzerte oder “Szene” auffällig werden, wieso sollte man da nicht tolerant sein. Toleranz bedeutet “Duldsamkeit”. Gegenüber Dingen, mit denen man d’accord geht tolerant zu sein ist weder eine Leistung noch etwas besonderes.

Lichtmesz beklagte nicht umsonst in Nyms Buch, dass es aufgrund linker Gegenbewegungen nicht gelungen sei Neofolk als Neurechte Jugendkultur zu etablieren.

Schon mal ins Publikum geguckt? Die wichtigste Prämisse dafür, nämlich die Jugend fehlt.

Das verdeutlicht derweil gleich mehrerlei:
1. Dass Neofolk von Neurechts als Affirmationsfähig angesehen wird und wurde

Ja, und weiter?

2. dass Neofolk nie über den Untergrund hinausgekommen ist.

Naja. Rome bspw. schon.

3. Dass die Affirmation nicht zwingend an inneren Bewegungen der Neofolk-Szene scheiterte,

Sondern?

4. dass die Etablierung des Neofolk als Jugendkultur zerbrach

Ja, weil es keine Jugendkultur ist., s.o.

Tatsächlich ist der von Lichtmesz bemühte anklagende Wurf nach Links viel zu einfach, ja in der Schlichtheit der Aussage ein Klops sondergleichen.

Ich habe eine noch viel simplere Erklärung: Auch wenn man (so man es denn auf die elende Dichotomie runter brechen will) “eher rechts” steht, ist, ganz szeneübergreifend, der Anteil an Menschen, die Bock auf (damals) Lichtmesz, oder (heute) Sellner haben eher gering. Maybe it’s not them [Szene], maybe it’s you [Sellner, usw].

Zillo und Co. stellten in den 1990ern zunehmend die Pressearbeit über Neofolk ein. Zum Teil gewiss aufgrund politischer Entscheidungen, andererseits –und dass war zu diesem Zeitpunkt meiner Meinung nach viel bedeutsamer- weil der Neofolk sich bis Mitte/Ende der 1990er kreativ totgelaufen hatte und gegen die Konkurrenz des Alternative-Hypes nicht ankam. Das nachkommende Aufbäumen des Neofolk fiel in eine Phase in der in der Schwarzen Szene andere weit massenkompatiblere Musikstile den Ton angaben. Und mit Type O, NIN, Rammstein, Wumpscut, Apop, In Extremo und Co. war die Konkurrenz für den Neofolk -als zu diesem Zeitpunkt weitestgehend ausgeschöpften Musikstil, der dazu noch nicht dem einfachen Härteaspekt der umgestaltenen Szene entsprach- zu groß um noch Szenetragend oder Auflagenfördernd für die Zeitschriften zu sein. Da lief ab und an noch eine alte Di6-Nummer in der schwarzen Disco, aber mehr war da kaum noch drin und was passiert mit einer Musikszene die älter wird aber kein neues Publikum findet? Sie stagniert eine Weile und versiegt im Untergrund.

Völlig d’accord.

Das Lichtmesz, da gerne eine Legende der von Links zerstörten Szene installieren würde ist aus der Sicht auf seine politische Arbeit natürlich schlüssig und fügt sich eben wieder in die Gesamtproblematik der Frage nach rechten Akteuren in der Szene. Wenn solche neurechten Akteure derart gestaltete Lagerpolitik betreiben indem sie die Schwarze Szene zum Opfer linker Agitation stilisieren und sich inklusive ihrer neurechten Ideologie darin selbst zum Teil -ja zur Stimme- der Schwarzen Szene (v)erklären, kuschelt nicht nur das falsche mit braunem beschmierte Geschöpf mit mir, es saut mir auch noch die schwarzen Klamotten mit einer Masse ein, mit der ich mich nicht anfreunden möchte.

Auch da: Völlig d’accord.

Zurück zu den Interpreten: Der Blutharsch, gut Julius macht(e) keinen Neofolk, aber auch eine kontrovers diskutierte Gruppe, trieb z.B. ein ähnliches Spiel mit Selbstpräsentation, Erwartung und Haltung und das Projekt mochte ich immer sehr gerne. Die Idee sich hier die Option zum Gespräch offen zu lassen finde ich auch nicht verkehrt, aber wenn das Gespräch nicht stattfindet, die Brüche nicht offen zur Schau gestellt werden, dann bleibt die Musik als Projektionsfläche offen für alles und jeden und der kontroverse Impetus wird zwar mit den Gegnern der Musik kaum aber mit den Befürwortern aus dem rechten Lager diskutiert.

Dann wäre es aber doch an denen, die es für kritikwürdig erachten, das Gespräch zu suchen. Egal ob Brüche offen sind oder nicht. Wieso überhaupt muss Kunst erklärt werden? Als käme jemand auf die Idee, einen Dix, Lichtenstein, John Zorn, oder wenauchimmer zu fragen: “Hey, was meinste denn damit?”

Ich habe jedenfalls noch nicht erlebt, dass Musiker den Identitären im Publikum oder in Interviews klar machten, dass ihre Weltanschauung nicht mit der eigenen Übereinstimmt.

Bzgl. Publikum: Wieso sollten sie das tun? Bei einem Konzert geht es um Musik, nicht um Weltanschauungen. Egal wie meine Weltanschauung ist, was geht es den Musiker an, wenn ich im Publikum stehe?

Im Gegenteil, die neue Rechte wird oft in den eigenen Reihen ohne Diskussion um deren Ideologie hingenommen und ob der Gemeinsamkeiten, insbesondere des Antimodernismus, der Romantik und der Esoterik, gar irgendwie Wertgeschätzt.

Von wem werden sie denn wertgeschätzt? Und wie kommst du darauf?

Die lange schon überfällige Diskussion darum wo man selbst steht und wo den die Unterschiede zwischen denen und einem selbst liegen, z.B. ist der hohe Wert des Individualismus unserer Szene mit dem langfristigen Konformismuszwang der Rechten nicht vereinbar, bleibt weiterhin aus, auch weil es kaum noch Neofolk-Medien gibt.

Das ist doch vollkommen widersprüchlich. Wenn, wie du sagst, der Individualismus in der Szene so einen hohen Wert hat, wie soll es dann überhaupt möglich sein, dass “Rechte” sich in der Szene wohl fühlen? Entweder haben die “Rechten” doch keinen Konformismuszwang, oder der Szene ist es doch nicht so wichtig. Hast DU denn mal mit irgendwelchen der “Rechten” das Gespräch gesucht?

Wer lässt sich schon gerne von einer Ideologie vereinnahmen deren Grundgedanke gegen die Freiheit des individuellen Ausdrucks, welche immer noch das Wesen unserer Subkultur darstellt, steht?

Erst recht diesem Gedanken folgend: Ergo kann diese Ideologie der Subkultur nicht gefährlich werden.

Nun vielleicht muss hier auch keine große Diskussion von den Interpreten stattfinden, sondern in der Szene. Bei den Interpreten müssen vielleicht nur die Brüche wie eben bei Laibach und Throbbing Gristle oder auch bei Siouxsie and the Banshees, wo Siouxsie Sioux im offenherzigen Latexfetischfummel mit Hakenkreuzarmbinde auftrat (Pic) auch gegenüber den Rechten klarer herausgearbeitet werden. Wir -als gesamte Szene- verfallen da meiner Meinung nach zu schnell in einen Verteidigungsreflex und werten die teils berechtigte, teils überzogene Kritik an Künstlern schnell als Affront gegen unsere gesamte Szene.

Denkst du denn wirklich, dass das “den Rechten” nicht bewusst ist? Die Überaffirmation seitens Laibach, etc.pp. kann ganz im Sinne der Postmoderne auch zu einer unironischen Affirmation der Überaffirmation seitens “der Rechten” werden.

Dabei schrieb schon einer der ärgsten Kritiker (Alfred Schobert) in den 1990ern zu Beginn seiner langjährigen kritischen Arbeit, dass es Blödsinn wäre die gesamte Szene in die rechtsextreme Ecke zu stellen. Ich bin bis heute nicht mit allen Analysen von Büsser, Schobert, Langebach und Co. einverstanden, aber ich denke wir müssen immer noch und immer wieder darüber diskutieren, wann und wo welche Kritik berechtigt war oder ist und wann eben nicht.

Jepp, jedoch muss die Frage mMn viel fundamentaler gestellt werden: Wo oder was kann oder soll eine Szene überhaupt regeln? Und wer? Die Szenepolizei?

Und mir ist die Kritik mit welcher ich mich ganz gezielt auseinandersetzten kann um ein vielfaches lieber als die rechten Vereinnahmungsversuche von Sellner, Lichtmesz, Kubitschek und Co. Die pauschalen Absagen von Innen sind daher meiner Meinung nach ebenso verkehrt, wie die oft boulevardesken Zuschreibungen von Außen.

D’accord.

Mir fehlt die Diskussionskultur zu diesem Thema in unserer Szene seit Jahren.

Dann: Go for it. Wo hast du die Diskussion dazu gesucht, mit wem? Jemals mit Lichtmesz, Sellner oder Konsorten diskutiert?

Mir fehlt z.B. eine Diskussion darum welche rechten Akteure Alexander Nym da alle dazu eingeladen hatte Essays zu seinem Buch beizusteuern (Min. Tischleder und Lichtmesz sehe ich da arg kritisch, bei manch anderen müsste man in die intensive Auseinandersetzung gehen).

Auch hier: Go for it. Stoß’ sie an.

Und gerade wenn es bei den Interpreten um eine Diskussion, um Gesellschaftskritik und ideologische Auseinandersetzungen und Selbstverortungen geht, dann ist die aktive Auseinandersetzung mit ihren Inhalten, Deutungsmöglichkeiten und Vereinnahmungsversuchen immer und jederzeit geboten. Wenn es den Wert des Neofolk ausmacht, dass hier eine Deutung der Musik und der Ästhetik in den Händen des Zuhörers stattfindet und damit eine Selbstreflexion des Wahrgenommenen erzwungen wird, dann muss diese auch dann stattfinden wenn es schmerzt.

Klar, ist aber auch irgendwie ubiquitär: Wie ist es mit der Selbstreflexion bezüglich der Tatsache, dass man Menschen ob ihrer politischen Einstellung von Veranstaltungen ausschließen möchte. Wieso überhaupt sollte man das tun?

An diesem Punkt kann man eigentlich nur noch schreiben, dass jeder noch so pauschalen Kritik eine offene Einladung zur Diskussion, anstelle der all zu oft pauschalen Abwehr, folgen müsste, gerade dann wenn Neofolk sich als Einladung zur Selbstreflexion versteht bleibt den Rezipienten nur die ewige Diskussion, Selbstverortung und Abgrenzung.

Sehe ich absolut nicht so. Wieso sollte man sich mit Kritik auseinander setzen, wenn diese nicht substantiiert ist?

Rein musikalisch möchte ich noch die Amerikaner um die Post-Metal-Urband Neurosis nachwerfen, die alle reduzierte Klampfe-am-Lagerfeuer-Brummelmusik irgendwo zwischen Alternative Country, Nick Caves Soundtrack-Arbeiten und einer gute düstere Spur Apocalyptic Folk gestalten Scott Kelly Blood and Time (anderes Projekt von Kelly), Amber Asylum (Gegenseitige Dauergastmusiker) und Steve von Till. In einer ähnlichen Schiene, hat aber nichts mit Neurosis am Hut, läuft beizeiten die allseits beliebte Chelsea Wolfe.

Chelsea hab’ ich raus gelassen,weil ich mit ihr nichts anfangen kann. Neurosis gehören zu meinen absoluten Lieblingsbands, und Steve von Tills “A Grave is a Grim Horse” gehört zu den Alben, die jeder gehört haben sollte.

Fraoch
Gast
Fraoch
Ich fang mal etwas mittig an und versuche mich ohne die Zerfaserung in Einzelantworten zu Zitaten durchzuarbeiten, fange aber mit einem Zitat als Aufhänger an:

Muss der Hörer an die Hand genommen werden? Benötigt es zum Lied direkt die einzig richtige Deutung? Das ist nur Angst vor Ambivalenz.

Was am Neofolk kritisiert wird und wurde war genau das Gegenteil, was Büsser und Co. dem Genre und seinen Interpreten ankreideten war der anhaltende Mangel an Ambivalenz. Ich kann in etwa den Punkt festlegen an welchem diese zunehmend verlorenging. Das war um 1992 ein erster Schritt um die von But What Ends When the Symbols Shatter? ausgehende musikalische Entwicklung und 1997 mit der Gründung von Eis und Licht und der Etablierung von Interpreten die keinen Bezug aus dem Post-Industrial und Post-Punk hatten ein zweiter Schritt. Mit dem Di6-Album als Orientierungspunkt ging viel von der bis dahin noch vorhandenen Kraft des Industrials verloren (Die Nada! und die Burial z.B. zähle ich bis heute einer Reihe der besten Veröffentlichungen des Neofolk. Und zu den Glanztaten des gesamten Dark Wave neben Alben wie der Pornography oder den Joy-Division-Alben und einigen mehr). Die Musik verlor das Element des dekonstruierenden, des konfrontierenden und wurde zunehmend bei ähnlich bleibendem Inhalt überaus gefällig. Gerade was bei Eis und Licht lief war ja früh dafür bekannt den Anteil der Dekonstruktion herauszunehmen und stattdessen eine Wald-und-Wiesen-Romantik einzusetzen. Problematisch wurde es schon in den 90er bei Di6, da die eurozentrischen Heldengeschichten von todessehnsüchtigen Herren bei Pearce von da an fast durchgehend auf positivem Grund lagen. Wo liegt da denn noch irgendeine Ambivalenz vor? In seinen Interviews mit Junge Freiheit und Europakreuz? Aber lassen wir Pearce vorerst, der Mann bietet zwar auch ein paar schöne Brüche auf die ich später noch zurückkomme, ist aber persönlich zunehmend seltsam geworden und lässt nur noch echte Fanboys an sich ran. Sobald man mal kritisch was anmerkte ist man über Jahre für ihn raus. (Das biografische Buch von Aldo Chimenti ist zwar reich an Informationen, bleibt aber eben genau das, ein Fanboywischiwaschidemgroßenmeisterdiefüßeküssenpamhplet, jemand anderes hätte aber vermutlich auch nie so nah an Pearce herangedurft.) Da ist mir z.B. Wakeford deutlich lieber (sein Spätwerk ist mMn auch besser als das von Pearce), der war zwar mal ganz tief im braunen Sumpf verstrickt und ist heute noch ein Eurozentriker, er stellt sich aber immer wieder der Diskussion. Ebenso handhabt Uwe Nolte das, der übrigens auf die Frage nach dem Mailorderfoto angab, dass es ein Freundschaftsdienst für den Inhaber des Versands, welchen er seit Jugendtagen kannte, war und nicht seiner politischen Überzeugung entspräche. Den ersten Teil glaubte ich ihm sofort, beim zweiten Teil habe ich eingeschränkt meine Zweifel auch wegen anderer Geschichten um Nolte. Wie z.B. dem Interview mit der blauen Narzisse. Moynihan dagegen spricht eh mit jedem und proklamiert das genau auch so. Ganz unabhängig von der Ideologie ist für ihn jeder OK solange er ihm nicht quer kommt. Sein Pete-Steele-Interview wurde in der JF abgedruckt. Dazu schaltete er Werbung in dem US-Skin-Magazine Resistance und gab sowas –jenseits der albernen Provokommentare im No-Longer-A-Fanzine-Interviews- von sich:

I respect many of the ideas of the ‘New Right’ and the Third Position. The people I met who are involved with these groups (Junge Freiheit, Orion, Aurora, The Scorpion, Vouloir, Lutte du Peuple…) are all exceptionally intelligent and open-minded. I hope they continue to gain influence for Europe’s future. (Michael Moynihan)

Auch Cornelius Waldner von Sagittarius füllte den JF-Fragebogen, etc. pp. Selbst bei größeren Veranstaltungen in den späten 1990ern wie der Lichttaufe war u.a. Dominik Tischleder als Mitarbeiter von Eis&Licht an der Organisation beteiligt. Das war da auch noch zu einem Zeitpunkt, als es noch Jugendliche im Neofolk-Publikum gab. Ich weiß es, ich war Ende der 1990er da und galt als Jugendlich. Wer hinter Lichterklang und dem Lichterflug steht, und das der Mensch trotz seiner, meines Erachtens glaubwürdigen, Distanzierung von der rechtsradikalen Szene noch mit den Identitären wie z.B. bei Autorenschaften auf Nonpop mauschelt ist auch kein Staatsgeheimnis. Zeigt aber eben auch, dass von Rechtsradikal zu Neurechts auch schon eine Abstufung existiert. Eben drum gibt es die Karten und den Veranstaltungsort ja auch nur via Mail. Dass dann rechtsextreme Zeitschriften wie das Reconquista das ganze zum Event der Antimodernen in einer Bastion gegen linke Agitation stilisieren ist kaum noch verwunderlich. Vom VAWS gingen einige kleiner Konzerte auch jenseits von vT im Ruhrgebiet aus, wobei die nicht viel zu bieten hatten. Die Qualität der Gruppen der Agentur ist eher bescheiden, das war bei den ersten Label-Samplern noch anders, mittlerweile kann man da mit der Lupe nach guten Interpreten suchen. Welchen Stellenwert der VAWS allerdings beim WGT, mit seinem stetig wachsenden Stand einnimmt, wissen wir vermutlich alle. Klar Symanek ist da kein Veranstalter, aber dennoch Knietief drin und mit Backstagepässen ausgestattet. Die beiden angestrebten eigenen Festivals kamen ja aufgrund des Protestes nicht zustande. Bei vT muss ich anfügen das die durchaus weiterhin Beachtung fanden. Klumb wird von den anderen Musikern, den Rezensenten und der deutschen Neofolkszene zwar als ‚dümmlicher Schwätzer‘(O-Ton eines Neofolk-Musikers, dessen Namen ich hier sicher nicht nennen werde, aber er war und ist wohl nicht der einzige der so denkt) belächelt, aber beachtet wird gerade sein musikalischer Output dennoch.

Zurück zum Mangel an Ambivalenz Wenn sich alle einig sind und dem Publikum nicht mehr vor den Kopf geschlagen wird, dann verliert eine auf ein derart kleines Publikum begrenzte Kunst ihre Sprengkraft eben weil sie nicht mehr kontrovers ist. Um Kontrovers zu sein müssten Neofolker sich heute nicht auf Ur-Rechts beziehen sondern all den positiven Beschäftigungen mit Evola, Jünger, D’Annunzio und Mishima etwas entgegensetzten dass nicht dem Gedanken der elitären einzelkämpferischen Selbstverortung entspricht. Die Gay-Rights-Fahne von Pearce ist z.B. so ein Punkt. Oder das er auf einer der letzten Europatourneen dem SS-Schädel Glitzer-Frank-N-Future-Lippen angeklebt hatte war sowas. Oder Wakeford als er Gedichte von Zuzanna Ginczanka vertonte.
Solche Brüche sind mMn Gold wert. Denn wenn es nur noch das Klampfe-Lagerfeuer-Wald-und-Wiesenromantik vieler deutscher Interpreten ist fehlt hier das mMn wesentliche Element. Insbesondere wenn der schnittig militärische Look im Einklang mit der ansonsten gepflegten nationalromantischen Ästhetik vorherrschend bleibt. Wo findet da denn noch eine Provokation statt und wer wird wodurch provoziert? Wem Gegenüber ist das noch Kontrovers? Jedenfalls nicht gegenüber dem Publikum. Die ganze Szene findet mittlerweile im kleinen Kreis statt, auf Konzerten sieht man fast kontinuierlich die gleichen Gesichter auch die in eindeutiger Kleidung bleiben die gleichen. (Übrigens das B&H-Triskel ohne Schriftzug mit reduzierter Farbcodierung geht gerade noch durch. Das war auf einem ein schwarzes Shirt mit weißem Kreis mit dünnem roten Rand und einem schwarzen B&H-Triskel. Die Anspielung ist klar, das 1:1-Logo war es aber nicht.) Und die ewig gleichen bekommen das ewig gleiche geliefert. Ist das jetzt Provokation? Nein, es ist vielmehr eine Abgrenzung nach außen und die Idealisierung einer vermeintlich erhabenen stillen Rebellion außerhalb der als stumpf empfundenen gesellschaftlichen Masse. Genau hier liegt der größte Anknüpfungspunkt der Neuen Rechten zum Individualismus der Szene. Denn den Individualismus kann man auch als egozentrisches Konstrukt der Selbsterhöhung lesen. Solange ich als Individuum mich selbst verwirklichen kann, ja mich selbst als erhaben erachten kann, kann die Übertragung der Idee auf alle Individuen ausbleiben. In der Hinsicht halte ich es mit Crowley dessen Tu was Du willst, immer auch die Beachtung des Willens jedes einzelnen erwartet. Individualismus sollte einfach nicht zum chauvinistisch-sozialdarwinistischen Egozentrismus unter der Hybris des in-besser-Gesellschaftsverhältnissen-geborenen mutieren, tut dies dennoch all zu oft. So bietet der Individualismus genügend Anknüpfungspunkte an programmatische Schlagworte der Neuen Rechten wie eben Eurozentrismus (Nationalismus mal anders) und Ethnopluralismus (Rassismus mal anders), solange es dabei nur um mich und nicht auch um den Rest der Welt geht. Das gleicht der Solidarität der Art der FDP: Wenn jeder an sich selbst denkt ist auch an alle gedacht.

Ich beschäftige mich nun seit Jahren mit dem Thema von Innen und Außen, habe mit einigen Leuten inklusive Musikern und Veranstaltern gesprochen und finde es immer noch nicht abschließend möglich eindeutige Aussagen über Interpreten zu treffen. Für mich geht es aber auch nicht mehr darum den Diskurs um Di6 und die Wiedersprüche in Pearce Vita zu führen, sondern darum mit wem wir uns da das Feld teilen. Natürlich gibt es die, es gibt die deutlichen Absagen an jede Form der Gewalt, es gibt die Unterstützungen Israels, die Ablehnungen jedweden Chauvinismus und dennoch polterte er gerne mal los und zog über fahrendes Volk her, findet Röhm nen duften Kerl, der vielleicht den zweiten Weltkrieg verhindert hätte (in der völligen Realitätsverweigerung im Hinblick auf die Person, was man nicht einfach mit einem sexuellen Fetisch verkären sollte) und postuliert gern ein eurozentrische Weltbild. Ein paar Gegenbewegungen der gleichen Person dazu habe ich oben schon beschrieben. Das Problem hier ist wie bei vielen anderen auch, dass von Links der Begriff Nazi viel zu locker sitzt und absolut nicht greift. Dieses rigorose Stigmatisieren als Nazi von allem was rechts von der CDU/CSU liegt macht die Diskussion nicht einfacher. Rechtsextrem und Rechtsradikal sind Abstufungen in dieser Richtung und in diesen Abstufungen finden sich seit Jahrzehnten schon Personen die das ganze eher von einer philosophischen Ebene betrachten möchten, die mehr mit Heidegger, Jünger und Evola anfangen als mit Hitler und Goebbels. Die aber ebenso in dieser philosophischen Betrachtung chauvinistische Ressentiments gegen den generalisierten Anderen pflegen (da nimmt z.B. Pearce mit seinem mehrfach dargebrachtem Antiziganismus sich nicht raus). Und an diesem Punkt der berechtigten Kritik, gegenüber vorhandenen Rechtsextremen im Publikum stoßen mir polemisierenden Aussagen a la das in unmittelbarer Nähe zur Kuppelhalle gelegene Asylbewerberheim wurde nicht Opfer eines gröhlenden Mobs übel auf. Denn dass ist und war nicht das Thema von Jule Nagel, die da schrieb:

Mit klassischen Stiefel-Neonazitum und plumpen NS-Bezügen hat der rechte Rand des Neofolk im Großen und Ganzen nichts zu tun. Anschlussfähig ist die Szene allerdings für VertreterInnen der neuen Rechten, EsoterikerInnen und allerlei anderen Rückwärtsgewandten. Die gemeinsame Schnittmenge sind ein verklärter Antimodernismus, Patriotismus und und die Sehnsucht nach klaren Hierarchien und Führungsfiguren. (Jule Nagel)

So ist es, da müssen wir kein Läppchen drum machen und da können wir nicht polemisch drauf zurückschlagen. Diese Kritik ist am Punkt der zugegenen Rechtsextremisten berechtigt.
Das Nagel es sich allerdings weit zu einfach machte und in ihrem Rundumschlag gegen Blood Axis, Di6, Sol Invictus, Fire+Ice etc. nur potentielle Indikatoren für eine rechte Ideologie der Interpreten rauspickt und nicht in die nähere Beschäftigung mit den Interpreten geht sollte dennoch angefügt werden. Auch, dass sie das Runes&Men da im Pauschalangriff zum rechten Rand des Neofolks erklärt ist falsch. Es gibt einfach kaum realen rechten Rand, es gibt nämlich keinen ideologischen Rand. Gerade hier wäre eine Diskussion geboten gewesen, besonders wenn es nicht darum geht hier Front gegen Front zu stellen sondern sich selbst in einem ganz logischen, ja angestrebten Diskurs zu verorten. Auch dass in Ästhetische Mobilmachung sich weite Kapitel mit Text-Interpretationen und damit mit subjektiven und einseitigen Deutungen beschäftigen muss hierbei gesagt sein.
Dennoch es gibt die Rechtsextremen unter uns diese Rechten in unserer Mitte gehören fast geschlossen zu einer Gruppe und Rechtsintellektueller die sich vehement (und meist zu Recht) gegen das vereinfachende Stigma des Nazis wehren. Da gibt es Nationalbolschewisten, demokratische Nationalisten, ein paar wenige Kreationisten, radikale Patrioten, Eurozentriker, Ethnopluralisten und weitere merkwürdige Ideologbezüge, die mit dem vereinfachenden und veralteten Begriff Nazi einfach nicht gefasst werden, deren Ideale aber dennoch darauf abzielen den weißen Mitteleuropäer zur Krone des Weltgeschehens zu stilisieren und damit die Verantwortung für die Verlierer der Globalisierung abschieben. Ja sogar dieses Verlieren mit einem radikalen Sozialdarwnismus, des Na und, selbst Schuld oder Nicht mein Problem bagatellisieren. Diese neuen Rechten bilden eine schwammige Masse welcher häufig Elemente des klassischen Nationalsozialismus fehlen. Insbesondere Führerkult, Totalitarismus, Imperialismus und bestimmte Formen des Chauvinismus wie Antisemitismus oder Homophobie sind nicht durchgehend bei allen ideologischen Ausprägungen der neuen Rechten gegeben. Im Gegenteil es gibt Pro-Homosexuelle Richtungen, pro-Israel-Richtungen, pro-Frauenbewegung (Ich weigere mich hier Feminismus zu schreiben, denn mit realem Feminismus hat das dort gepflegte wenig zu tun). Diese Gruppe setzt ihren Bezug bei den Rechtsextremen Vordenkern an und weniger beim NS-System.
Genesis P-Orridge hat mal Sinngemäß gesagt, dass die Suche keinen Sinn mehr macht wenn eine Frage konkret wird. Martin Büsser schlug in die gleiche Kerbe als er Schrieb, dass all jene die Nietzsche lesen und in eine bestimmte Richtung deuten einen Fehler begehen würden, da schon die Deutung Vereinfachung, Selektion und Verfälschung wäre. Man könne Nietzsche nicht ideologisch richtig lesen, nur lesen. Sobald also Deutungen oder Suchen beginnen eine ideologische Prägung oder eine philosophische Richtung zu nehmen bricht der Fluss und die Objektivität geht verloren.
In einer Kunst die große Teile der einstig gepflegten (Post-Industrial-)Ambivalenz zugunsten eines gleichförmigen Neokonservativen Gemeinschaftsgefüges abgelegt hat, ist das jedoch die große Tragik der Kunst selbst. Ich will keine eindeutige Kunst, ich will auch keine erklärte oder erklärende Kunst, ich will kontroverse und amivalente Kunst und genau die besitzt das in sich geschlossene System des Neofolk häufig nur noch in der Abgrenzung zur Außenwelt, nicht aber mehr im Inneren des eigenen Systems. Trommel, Gitarre, Schwarz-Weiß-Nazifilm im Hintergrund und Gesang. Wahnsinn, seit 25 Jahren das gleiche pseudokontroverse Spiel für meist die gleichen Leute, wo bleibt die Ambivalenz? Wenn im Hintergrund ein Schwulenporno anstelle des Triumph des Willens laufen würde, dass hätte mal Wirkung.
Albin Julius z.B. hat einen Strich unter seine martialisch-militärische Phase gemacht, als sein Publikum so garkein Problem mehr damit hatte. Genau das empfinde ich als sinnvollen Schritt. Der Blutharsch war ein geradezu exorzistisches Projekt, welches das Nazitum ästhetisch Hyperstilisierte und sich in einer ästhetischen Laibach‘schen Überaffirmation erging bis von der Ideologie nichts mehr über blieb und nur eine bewusst lächerliche Comicvariante über blieb. Auch Julius ließ und lässt immer noch jeden auf seine Konzerte, sucht aber auch dort regelmäßig den Diskurs zum Thema selbst. Nicht von der Bühne, sondern vor und nach seinen Auftritten. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Ästhetik und den Pathos maßlos Überzog. Dennoch kann man auch ihm Dinge wie die Kooperation mit ZetaZeroAlfa vorwerfen, wobei er dazu zuletzt angab, dass er keinen Kontakt (mehr) habe und wünsche. Ebenso ist der Vorwurf gegenüber Laibach wegen ihrer Nordkorea-Auftritte gerechtfertigt, denn seien wir ehrlich die Nordkoreaner werden vermutlich viel Ironie des Konzeptes hinter Laibach in diesem knappen Auftritten nicht verstanden haben. Die einzigen die das ganze feierten sind einige Fans ob der enthaltenen Ironie und Polarisierung welche sich ja auch in Fankreisen abspielte. Für mich ging das einen Schritt zu weit, dennoch polarisierten Laibach damit wieder bei ihrer eigenen Basis und nicht nur gegenüber der Außenwelt. Weder gegenüber dem Nordkoreanischen Publikum, das ebenso polarisiert wurde wie gegenüber der westlichen Welt, welchen Laibach zuvor in der Whistleblower-Diskussion berechtigt einen eigene Form des Totalitarismus vorwarf. So wurde die Kunst von Laibach, die vor dieser Geschichte immer gefälliger wurde, erneut enorm kontrovers. Welcher Mittel sich Kunst aber bedienen darf um kontrovers zu bleiben, da bin ich anscheinend anderer Ansicht als das NSK-Kollektiv. Für mich endet hier die Toleranz bei der Missachtung der Menschenrechte und da nehme ich Interpreten die ich überaus Schätze einfach nicht aus. Die Fehler und Mängel der westlichen Welt gegen die Fehler und Mängel Nordkoreas aufzuwiegen ist meines Erachtens mehr als problematisch. Andererseits interessiert mich dennoch die mögliche langfristige Wirkung die solche den Totalitarismus dekonstruierende Auftritte vor etwa 3000 Nordkoreanern, in diesem Land haben könnte. Ein Auftritt mit Klampfe und Liedern über den Heldentod vor einer faschistischen Miliz zu der man dann später von einem heroischen Totenkult fabuliert ist dagegen in keinster Weise kontrovers, er ist einfach nur verkehrt. Geschmacklos ist allerdings beides.
Und da schließt sich jetzt die Frage nach der Toleranz an. Denn Toleranz bedeutet nicht rigorose Passivität allem gegenüber. Die Toleranz gegenüber der neuen Rechten, die bedient wird indem z.B. Interviews gegeben werden, aber auch indem Probeexemplare zu Rezensionen versandt werden, heißt diese Leute in der Szene willkommen und dagegen wehre ich mich. Um das klar zu haben, das hat nichts mit Zensur zu tun, allerdings mit einem gezielten sozialen Ausschluss aus einem begrenzten Szenekreis. Ich möchte der Neuen Rechten weder Menschen- noch Bürgerechte absprechen, auch nicht das Recht die gleiche Musik gut zu finden. Ich denke nur, dass wir uns nicht die gleichen Clubs und Konzerte teilen müssen. Wir komplimentieren an normalen Diskoabenden jeden, Blue-Jeans-Träger als potentiellen Gaffer von der Tür weg nach Hause, lassen aber Typen mit Schwarze-Sonne-Shirt in unsere Läden. Da knirscht es, aber gewaltig. Der Otto-Normal-Verbraucher ist nicht willkommen, aber der rechte Ideologe schon? Warum, weil der eine sich trotz der Insignien an den Dresscode Schwarz hält und der andere nicht? Da fehlt mir wirklich Bewusstsein für die dahinterliegende Ideologie. Menschenverachtendes Gedankengut eindeutig ideologischer Prägung, welche über getragene Kleidungsstücke nach außen getragen wird hat so nichts in der Szene verloren. Hier beginnt es damit, dass der auf vielen Flyern vorhandene Dresscode:Black entsprechend um totalitäre Insignien und Codierungen ergänzt werden sollte. Einige Läden haben das schon vor Jahren gemacht. Ich kenne Metalläden und Festivals die Leute mit z.B. Ad-Hominem-, Absurd- und Nordglanz-Shirts wegschicken. An Schwarze-Sonne- oder Thor-Steinar-Klamotten braucht man da garnicht erst denken. Das ist eine ganz legitime Form der eigenen Abgrenzung gegenüber der vereinnahmenden Politisierung der eigenen Veranstaltung. Das ist eine Möglichkeit.
Ich kenne z.B. auch Albin Julius Einstellung dazu, der immer die Diskussion dem Ausschluss vorzieht, nur dann muss die Diskussion auch stattfinden. Ich habe Julius in einer solchen Situation mal erlebt und der konnte sehr deutlich machen, was er von welcher Ideologie hält und warum. Das ist die andere Möglichkeit aber das ist eben nicht die Regel. Die Regel ist doch vielmehr:
Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Everybody Welcome aber No Politics!
Funktioniert so die Ambivalenz?
Entweder ich gehe in die Diskussion oder ich schließe die Politisierung über das Publikum aus, aber die Politisierung durch das anwesende ideologisch geprägte Publikum akzeptieren und sich gleichzeitig der Diskussion verweigern, dass ist entweder Blind oder Einverstanden. Den meisten unterstelle ich da eine ideologische Blindheit bzw. Desinteressiertheit.
Weiter in der möglichen Abgrenzung: Zeitschriften die eine rassistische, antisemitische oder irgendwie sonst chauvinistische Weltanschauung propagieren wie Sezession, Blaue Narzisse, Junge Freiheit, Deutsche Stimme, Euopakreuz, Resistance sollten nicht durch Interviews, Probeexemplare, Werbeanzeigen, Artikel, Fragebogenantworten etc. unterstützt werden. Natürlich verhindert das alles nicht, dass die Leute die Musik mögen, aber es bezieht Position gegenüber der dahinterliegenden Ideologie aus Sicht der Szene und genau diese Position ist in Teilbereichen der Schwarzen Szene lange schon Überfällig. Ich habe vor einer Weile mit einem Dauerroadie von Rammstein gesprochen, der erzählte wie die Musiker auf internationaler Bühne mit NS-Insignien im Publikum umgingen. Ich bin kein großer Rammstein-Fan, aber dass die Band da so oft sie kann in das direkte Gespräch geht und den Fans klar macht, dass diese Symbole für etwas stehen, hinter dem die Band nicht steht, finde ich beachtenswert. Gerade weil man als Musiker mit seinen Fans und als Fan mit der entsprechenden Band identifiziert wird. (Andererseits sagte er Typ die besten Shows lieferten R+ in Osteuropa wo die Auflagen zur Pyro-Show am geringsten sind, sollte man wohl mal gesehen habe.)
Mit der dem entgegengesetzten Aussage, bei einem Konzert ginge es um Musik, nicht um Weltanschauungen, geht direkt wieder die vermeintliche Ambivalenz flöten. Alles und jeder Willkommen, alles in Ordnung so lange man mir nicht den Blick auf die Bühne versperrt? Nein. Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. – Ist das wirklich alles? Wo ist da die kontroverse amivalente Kunst? Wo ist hier die Provokation? Wo ist der Bruch? Wohlgemerkt bei einer Musik die für sich in Anspruch nimmt dass es um eine Diskussion, um Gesellschaftskritik und ideologische Auseinandersetzungen und Selbstverortungen geht. Diesbezüglich ist das eine Bankrotterklärung, denn die Diskussion, die Kritik, die Auseinandersetzung und Selbstverortung ist da ja absolut nicht vorhanden:
Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Im Paket des geschlossenen Raums der eigenen Szene aus Fanzine, Blog und Konzertsaal ist Neofolk oft genauso kontrovers und ambivalent wie der deutsche Schlager. Was den Anhängern als Rest der einst ambivalenten Kunst des Post-Industrials bleibt ist meist nur die literarische Schnitzeljagd nach den vorhandenen Querverweisen. Nicht mal mehr mit Kritikern muss da deiner Meinung nach groß debattiert werden man zieht sich zurück und das obwohl Du schreibst, dass je mehr eine Deutung der Musik und der Ästhetik aus den Händen des Zuhörers genommen würde, desto weniger fordere es diesen zur Auseinandersetzung damit heraus. Damit würde auch eine Selbstreflexion des Wahrgenommenen erzwungen. Gerade in dem Moment in welchem die Kritik laut wird, also andere Sichtweisen, vielleicht auch ganz banale Sichtweisen zum Neofolk aufkommen, gilt es gerade wen die Auseinandersetzung durch den Neofolk gefordert ist, genau dann sich selbst zu reflektieren und im Gespräch zu positionieren und sich dann nicht darauf zurückzuziehen, dass es dann doch nur um die Musik ginge.
Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Dann auch neben Leuten die sich ganz offensichtlich einer nicht mit den Menschen- und Bürgerrechten vereinbaren Grundhaltung nachhängen? Das ist mir einfach zu wenig, da ist die Kunst weder eine Auseinandersetzung, noch eine Kritik, noch eine Frage der Selbstverortung. Sie ist einfach nur Musik, welche der jüngst verstorbene Leonard Cohen schon auf den ersten Alben gemacht (Songs of Love and Hate ist ein Album, dass man unbedingt gehört haben sollte) hat, mit einer Lyrik die nur noch dazu taugt irgendwelchen Außenstehenden auf den Wecker zu gehen, was ich persönlich als zutiefst pubertären Zug werte, aber kaum neue ambivalente Impulse in die Szene selbst gibt. Im Gegenteil die Auseinandersetzung folgt zumeist von außen, beizeiten aus dem Publikum selbst. Ich stamme eher aus dem Metal als aus dem Neofolk, heute bin ich zu alt um mich noch der einen oder anderen Subströmung im Detail zuzurechnen. Ich besuche noch Neofolk-Konzerte und habe dort mit dem einen oder anderen Musiker schon über solche Themen diskutiert, mit den Identitären und anderen Rechtsextremen werde ich das nicht in einem solchen Rahmen machen, aber auch mit diesen Leuten hatte ich schon mal das zweifelhafte Vergnügen der Diskussion. Unter der Hand gab mal ein Musiker (dessen Namen ich ebenfalls nicht nennen werde) zu bedenken, dass da durchaus auch rein ökonomisches Kalkül eine Rolle spielen kann, die meisten interessiere es aber einfach nicht wer da im Publikum hockt. Die argumentieren wie Du, solange die im Rahmen der Veranstaltung nicht negativ auffallen oder die Veranstaltung aufgrund deren Anwesenheit zu Schaden käme, sei deren Anwesenheit legitim. Ich persönliche sehe das anders und würde mir eben eine Distanzierung wünschen, eben weil Fan – Interpret – Fan eine gemeinsame Erfahrungsgruppe bilden und ein Konzert oder Festival eine gemeinsam gefüllte und geformte Heterotopie darstellt, mit ihren ganz eigenen sozialen Regeln und Wirklichkeiten. Gerade in dieser Heterotopie bilden wir eine Gemeinschaft und diese Gemeinschaft ist immer wieder gefordert sich selbst neu zusammenzufinden, neu zu ordnen, neu zu regulieren. Jede Form der Gemeinschaft tut dies, gerade in solch heterotopischen Räumen. Auch im Neofolk und in der Schwarzen Szene findet das statt nur sind die Regelungen eben ideologisch offen und mittlerweile in einer starre der Nicht-Diskussionen um vorhandene Ideologien geraten, da sich die meisten am liebsten jenseits der Ideologie sehen würden. Dieses No Poltics! aber Everybody Welcome stinkt mir, aber es ist der Status Quo. Und der ätzt weil es eben für mich ein Problem ist mir einen gemeinsamen Erfahrungsraum mit Menschen zu gestalten, die anderen Menschen elementare Grundrechte absprechen möchten und die kein Empfinden von sozialer Verantwortung haben sobald man die potentiellen Adressaten als die Anderen generalisieren kann.
Zu meinen eigenen Aktivitäten in der Frage: Glaub mal, ich bin da durchaus aktiv, aber ganz sicher nicht in irgendwelchen politischen Organisationen oder auf irgendwelchen Indymedia-Seiten. Ich war nie und werde vermutlich nie Mitglied in einer politischen Gruppierung sein. Ich gehe z.B. in das Gespräch, wenn ich die Möglichkeit habe.

Gast
Da ich grad am handy bin, nur ganz kurz: schöner Kommentar! Ich freu mich jetzt schon drauf an zu antworten!
shraegian
Gast
shraegian
Grüsse an Alle!

Zunächst Anerkennung für die viele Arbeit, die sich die Teilnehmer machen (Namen, Belege usw.)! Recherchieren und lesen kostet sehr viel Zeit, die halt viele nicht haben.
Ich selber habe jahrelang nichts überprüft, was über Klumb erzählt wurde und mich einfach der “offiziellen Meinung” angeschlossen. Daher kann ich nur jedem empfehlen, zu recherchieren und sich selber ein Urteil zu bilden. ( und bitte vergleichen mit den heroischen Jugendtaten unserer “Eliten”).

Persönlich habe ich erlebt, wie jmd. (ein Student und guter Bekannter) von Antifas angegriffen wurde, weil er CDs von Thronstahl besäße (Wurde erzählt, als ob er Waffen im Schrank hätte.). Sinngemäß sagte einer der Antifa-Aktivisten (Dipl.-Informatiker) zu mir: “Ich kenn mich da ja nich so aus, aber dat soll ja Nazimusik sein, wat der da hört!” Das reichte zur Denunziation und zur Androhung von Gewalt.

Herrn Schobert habe ich live erlebt (ca 1996 im ZAKK Ddorf, DJ Frank von Steelworks-Productions war auch dabei).
Er wurde selber später von Genossen scharf kritisiert:
[ ]
Schobert hat nie irgendeinen Abschluß an einer Universität gemacht. Das DISS war/ist eine private Gesellschaft mit fragwürdigen Hintergründen. Mit seiner Hetze gegen das Zillo in den 90ern war Schobert zumindest ein kleiner Nagel am Sarg von Easy Ettler. Obwohl er wußte, daß Easy Leukämie hatte und kein Nazi war (aber “unpolitisch” = Nazi), hat er ihn nicht in Ruhe gelassen.
Schobert hat u.a. auch Joachim Witt zum Nazi erklärt.

Das Alles zu recherchieren und zu überprüfen kostet viel Zeit. Ich habe sie nicht. In den 90ern, als das Bashing gegen die “Schwarzen” anfing, war das www noch nicht so weit. Man mußte sich alle Informationen mühsam aus Druckwerken (Papier!) zusammensuchen, an die man erstmal kommen mußte. Da reichte es zum Gerücht, wenn einer erzählte, in der Spex hätte gestanden, die Grufties wären “rächts”.

Damals wollten meine Bekannten und ich einfach nur Musik hören, die uns gefiel. Da wir dadurch “unpolitisch” waren, waren wir für die Politfrösche natürlich “faschistoid”. F… ! Schwachsinn! Ich habe in den 80ern Industrial gehört. Solche “entartete”Musik gegen das bunte fröhliche Volksempfinden zu hören, war m.E. ein politisches Statement!
Ich selber habe damals erst durch den politischen Anti-Hype von Neofolk gehört. Ich brauchte das damals nicht und heute auch nicht. Ich habe nie verstanden, was man an den Bands so toll fand.

Ich möchte jeden auffordern, in Ruhe zu recherchieren, nachzudenken und sein eigenes Urteil zu bilden.

Ernst Jandl:

“lichtung

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum ”

Mit friedlichen Grüßen
Shraegian

Fraoch
Gast
Fraoch
Also wenn jetzt der selbsternannte Individualfaschist Klumb reingewaschen werden, geht’s aber echt los. Dazu noch verfälschende Aussagen bezüglich des Duisburger Instituts für Sprach und Sozialforschung und Alfred Schobert… man, man, man. Nachtigall ik hör Dir trapsen.
Aber gehen wir das mal durch:

Daher kann ich nur jedem empfehlen, zu recherchieren und sich selber ein Urteil zu bilden.

Also jemand der ganz dem rechten Verschwörungstheoretiker Holey nachplappernd von einer zionistischen Weltverschwörung zur Züchtung einer Sklavenrasse schwadroniert,(Gothic Magazine) und von Mordkomplotten der Weltgeschichte (Heß, Rohwedder, Herrhausen, Barschel und Grams) fabuliert,(ebenfalls Gothic Magazine) weil sie zuviel gewusst hätten und dann noch der Ruf nach einem vereintem Europa der Kulturen im Sinne eines Reiches, bei welchem der Reichsgedanken über allem stehen sollte, folgt muss der Typ sich wirklich nicht wundern wenn man ihn für einen Rechtsaußen hält. Als er dafür kritisiert, sich dann zum Märtyrer und Opfer mal linker mal jüdischer Agitation stilisierte, bis hin zu Andeutung Schobert hätte im Auftrag einer nicht näher benannten jüdischen Instanz gehandelt, machte Klumb sich vor der gesamten ihn noch halbwegs beachtenden Welt, nur noch lächerlich. Auf solchen Einschätzungen basierte auch die Aussage des oben erwähnten und weiterhin unbenannten Neofolkmusikers. Und das er in seinen Lyrics immer wieder mit völkischen, nationalromantischen, ethnopluralistischen Metaphern arbeitet macht das Bild dann nur noch perfekt.

Persönlich habe ich erlebt, wie jmd. (ein Student und guter Bekannter) von Antifas angegriffen wurde[.]

Stellt sich die Frage welche Variante von Angriff hier gemeint ist. Ein verbaler Angriff, also den Einstieg in eine Diskussion über die Gruppe, den Sänger und die Musik, halte ich für legitim, sogar für geboten. Körperliche Angriffe halte ich hingegen für eine strunzdämliche Armutserklärung der Angreifer. Das Gespräch hingegen sollte mMn stets gesucht werden, allerdings erwarte ich persönlich auch, dass man sich halbwegs auf einem Wissenslevel in einer solchen Diskussion bewegt, oder das eigene Unwissen eingestehend die Diskussion beendet und, dass von Verschwörungstheorien ebenso absieht, wie von Dogmatismus. Beides ist einer echten Diskussion (auf beiden Seiten) hinderlich.

Er wurde selber später von Genossen scharf kritisiert:
[…]
Schobert hat nie irgendeinen Abschluß an einer Universität gemacht. Das DISS war/ist eine private Gesellschaft mit fragwürdigen Hintergründen. Mit seiner Hetze gegen das Zillo in den 90ern war Schobert zumindest ein kleiner Nagel am Sarg von Easy Ettler. Obwohl er wußte, daß Easy Leukämie hatte und kein Nazi war (aber „unpolitisch“ = Nazi), hat er ihn nicht in Ruhe gelassen.
Schobert hat u.a. auch Joachim Witt zum Nazi erklärt.

Da sind eine Menge Halbwahrheiten drin. Schobert hat weder Habilitiert noch Promoviert, abgeschlossen hat er sein Studium ohne eine Abschlussarbeit, die nötig gewesen wäre um einen akademischen Grat zu erlangen. Was wenn man dem Nachruf von Siegfried Jäger liest wohl mehr mit der persönlichen Anti-Einstellung, als mit Unvermögen zu tun hatte. Angeblich hat Schobert die Angebote von Univeristäten abgelehnt.

Das DISS ist ein Verein, der sich aus unterschiedlichen Arbeitskreisen der linken Sprach- und Sozialforschung im Ruhrgebiet gegründet hatte. Das große Wort des Vereins lautete DISKURSANALYSE, d.h. die Arbeit des Instituts baut überwiegend auf Michel Foucault auf. Der angebliche fragwürdige Hintergrund ist nur das antisemitische fabulieren von irgendwelchen Mossadeinflüssen, wo nie welche waren. Das haben die durch das DISS kritisierten Kreise (erst rechte, später auch linke, meist Antisemitien) immer wieder in die Welt gelassen ohne auch nur einen anständigen Beleg dafür zu besitzen. Richtig ist, dass das DISS eine Studie im Auftrag des American Jewish Committee erarbeitet hat. Ebenso gab es langjährige Kooperationen mit dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut. Unterstellungen der Kooperation mit irgendwelchen Geheimdiensten oder gar Geheimgesellschaften finden sich nur auf Seiten von Verschwörungstheoretikern.

Schobert hat Witt nie zum Nazi erklärt. Im Gegenteil:

Schobert in taz-ruhr: Zwischen Witt und ‘Rammstein’ auf der einen, Weissglut auf der anderen Seite sollte unterschieden werden: Der Anfuehrer von Weissglut ist seit Jahren und bis diesen Herbst in den organisierten Rechtsextremismus verstrickt, das macht einen qualitativen Unterschied aus. Rammstein kalkulieren mit den Riefenstahl-Nackedeis geschmacklos und mit fatalen politischen Effekten auf Skandal, Klumb von Weissglut ist politischer Ueberzeugungstaete, und das muesste der Sony klar sein.

Und Schobert hat auch Ettler nie als Nazi bezeichnet, sondern ihm oder besser seinem Baby der Zillo die Kooperation mit der JF und dem VAWS, das weitere Hofieren Klumbs und dem mit der JF gemeinsamen Redakteur Boßdorf vorgeworfen, aus Schoberts Sicht damals alles Problemlagen welche die Versuchte Einflussnahme neurechter und rechtsextremer Personen und Organisationen auf die politisch passive Szene verdeutlichten. Was das mit Ettlers Erkrankung zu tun haben soll verstehe ich nicht: Haben Kranke aufgrund ihrer Erkrankung eine Legitimation dazu sich in der Form öffentlich mit Auswirkungen auf eine gesamte Szene daneben zu benehmen? Also hatte Ettler einen Freibrief dazu Werbung für den durch den Verfassunsgsschutz als rechtsextrem eingestuften Verlag VAWS zu schalten, beziehungsweise hätte man diese offene Politisierung der Szene u.a. durch den VAWS, Boßdorf etc. unkritisiert lassen sollen, weil der Chefredakteur der Zillo zu diesem Zeitpunkt körperlich schwer erkrankt war?
Ettler hatte einfach keine Lust dazu diese Diskussion offen zu führen. Er hat das damals abgewatscht und fallen gelassen, obwohl es auch Diskussionsbedarf aus der Szene gab. Und das nicht weil er krank war, sondern weil er von Boßdorf, Symanek und Co. hofiert und gebauchpinselt wurde. Ettler liebte es wenn man ihm Honig um den Bart schmierte. Er war stets ein Typ der sich mit Leuten umgab die ihn nie kritisierten, am besten ihm dauerhaft dankbar ihre Zuneigung versicherten. Seine Wutanfälle und ewig langen Redeschwallarien sind ja in der Szene legendär. Bruno Kramm setzte sich in Matzkes und Seeligers Buch “Gothic!: Die Szene aus der Sicht ihrer Macher” unter anderem mit dem Thema Ettler, seine Bedeutung und seine Eigenheiten auseinander. Einige politisch Aktive die diese Eigenheiten erkannt hatte, machte sich diese eben so zu nutze. Vielleicht war er durch seine Krankheit in der Hinsicht zusätzlich anfällig geworden. Wäre nachvollziehbar gewesen, wenn es einem schlecht geht, mag man sich vermutlich noch mehr mit Menschen umgeben die einem offen wohlgesonnen sind. Dennoch erscheint mir das keine Entschuldigung dafür zu sein Werbung für die JF oder den VAWS in seiner Zeitschrift zu schalten etc. pp.

—-
Eine Ergänzung muss ich gerade meinen eben noch mal gelesenene Anmerkungen anhängen: Ich habe nicht persönlich mit Uwe Nolte über den vermeintlichen Fotojob gesprochen, sein Statement zum Shirt wurde mir mal in einer munter-lockeren Diskussionsrunde zum Thema rechte Einflüsse in der Schwarzen Szene zugetragen. Dennoch habe ich Nolte schon mal persönlich erlebt und ihn als weitestgehend Gesprächsbereit, wenn auch gelegentlich polemisch, wahrgenommen.

Gast
“Was am Neofolk kritisiert wird und wurde war genau das Gegenteil, was Büsser und “Co. dem Genre und seinen Interpreten ankreideten war der anhaltende Mangel an Ambivalenz. Ich kann in etwa den Punkt festlegen an welchem diese zunehmend verlorenging. Das war um 1992 ein erster Schritt um die von But What Ends When the Symbols Shatter? ausgehende musikalische Entwicklung und 1997 mit der Gründung von Eis und Licht und der Etablierung von Interpreten die keinen Bezug aus dem Post-Industrial und Post-Punk hatten ein zweiter Schritt.”

Gut, mangelnde Ambivalenz ist etwas, was mich vor allem langweilt. Da kann ich auch Taylor Swift hören. Dabei: Dass sich eine Szene entwickelt (?) und somit auch Personen zu Teilnehmern werden,welche es vorher nicht waren, ohne den Hintergrund. Ist ja so auch noch nichts Verwerfliches.

“Mit dem Di6-Album als Orientierungspunkt ging viel von der bis dahin noch vorhandenen Kraft des Industrials verloren (Die Nada! und die Burial z.B. zähle ich bis heute einer Reihe der besten Veröffentlichungen des Neofolk. Und zu den Glanztaten des gesamten Dark Wave neben Alben wie der Pornography oder den Joy-Division-Alben und einigen mehr). Die Musik verlor das Element des dekonstruierenden, des konfrontierenden und wurde zunehmend bei ähnlich bleibendem Inhalt überaus gefällig.Gerade was bei Eis und Licht lief war ja früh dafür bekannt den Anteil der Dekonstruktion herauszunehmen und stattdessen eine Wald-und-Wiesen-Romantik einzusetzen. Problematisch wurde es schon in den 90er bei Di6, da die eurozentrischen Heldengeschichten von todessehnsüchtigen Herren bei Pearce von da an fast durchgehend auf positivem Grund lagen.”

Da kann man jetzt fragen: Wenn sich das Dekonstruierende, Konfrontierende etabliert hat, IN der Szene: Ist dann das genau Gegenteil, nämlich Gefälligkeit der einzig folgerichtige Schritt? Wie oben jedoch schon gesagt: Wenn das ganze ohne Ambivalenz daherkommt langweilt es.

“Wo liegt da denn noch irgendeine Ambivalenz vor? In seinen Interviews mit Junge Freiheit und Europakreuz? Aber lassen wir Pearce vorerst, der Mann bietet zwar auch ein paar schöne Brüche auf die ich später noch zurückkomme, ist aber persönlich zunehmend seltsam geworden und lässt nur noch echte Fanboys an sich ran. Sobald man mal kritisch was anmerkte ist man über Jahre für ihn raus. (Das biografische Buch von Aldo Chimenti ist zwar reich an Informationen, bleibt aber eben genau das, ein Fanboywischiwaschidemgroßenmeisterdiefüßeküssenpamhplet, jemand anderes hätte aber vermutlich auch nie so nah an Pearce herangedurft.)”

Jepp, seltsam trifft es wohl.
Bzgl. Chimenti: Ja, schade, nicht? Eine kritischere Analyse von di6 gibt es nicht. Schade drum.

“Da ist mir z.B. Wakeford deutlich lieber (sein Spätwerk ist mMn auch besser als das von Pearce), der war zwar mal ganz tief im braunen Sumpf verstrickt und ist heute noch ein Eurozentriker, er stellt sich aber immer wieder der Diskussion.”

Jepp. Zu Allem.

“Ebenso handhabt Uwe Nolte das, der übrigens auf die Frage nach dem Mailorderfoto angab, dass es ein Freundschaftsdienst für den Inhaber des Versands, welchen er seit Jugendtagen kannte, war und nicht seiner politischen Überzeugung entspräche.”

Ja, dass er *irgendein* Shirt angehabt hat, welches von *irgendwem* als rechtsextrem bezeichnet wurde, das bezweifle ich nicht. Aber: Die Behauptung, dass es ein Skrewdriver-Shirt sei ist vollkommen haltlos. Und “rechtsextrem” ist ein Begriff, der bewertend ist. Ich wüsste gerne, was für ein Shirt das war. Heutzutage könnte damit bereits ein Shirt der Achse des Guten gemeint sein…

“Den ersten Teil glaubte ich ihm sofort, beim zweiten Teil habe ich eingeschränkt meine Zweifel auch wegen anderer Geschichten um Nolte. Wie z.B. dem Interview mit der blauen Narzisse.”

Dann wiederum hab ich Uwe mehrfach mit Heaven-Shall-Burn-Shirts getroffen. wink
Also, man kann da auch einem Menschen nur vor den Kopf gucken. Ich sehe dabei ein Bild, welches zu viele Deutungen in zu viele Richtungen zulässt, als dass eine (einfache) Kategorisierung möglich wäre. Man könnte es auch als gelebte Ambivalenz bezeichnen…

“Moynihan dagegen spricht eh mit jedem und proklamiert das genau auch so. Ganz unabhängig von der Ideologie ist für ihn jeder OK solange er ihm nicht quer kommt. Sein Pete-Steele-Interview wurde in der JF abgedruckt. Dazu schaltete er Werbung in dem US-Skin-Magazine Resistance und gab sowas –jenseits der albernen Provokommentare im No-Longer-A-Fanzine-Interviews- von sich:

I respect many of the ideas of the ‘New Right’ and the Third Position. The people I met who are involved with these groups (Junge Freiheit, Orion, Aurora, The Scorpion, Vouloir, Lutte du Peuple…) are all exceptionally intelligent and open-minded. I hope they continue to gain influence for Europe’s future. (Michael Moynihan)”

Ist bekannt, ja. Was möchtest du damit sagen?

“Auch Cornelius Waldner von Sagittarius füllte den JF-Fragebogen, etc. pp.”

Und, auch hier: Was möchtest du mit dem nennen dieses Faktes sagen?

“Selbst bei größeren Veranstaltungen in den späten 1990ern wie der Lichttaufe war u.a. Dominik Tischleder als Mitarbeiter von Eis&Licht an der Organisation beteiligt. Das war da auch noch zu einem Zeitpunkt, als es noch Jugendliche im Neofolk-Publikum gab. Ich weiß es, ich war Ende der 1990er da und galt als Jugendlich.”

Gut, das ist rund 20 Jahre her. Wie sieht’s jetzt aus?

“Wer hinter Lichterklang und dem Lichterflug steht, und das der Mensch trotz seiner, meines Erachtens glaubwürdigen, Distanzierung von der rechtsradikalen Szene noch mit den Identitären wie z.B. bei Autorenschaften auf Nonpop mauschelt ist auch kein Staatsgeheimnis.”

Nope. Und weiter?

“Zeigt aber eben auch, dass von Rechtsradikal zu Neurechts auch schon eine Abstufung existiert. Eben drum gibt es die Karten und den Veranstaltungsort ja auch nur via Mail.”

Ist in den Augen mncher Kritiker aber eben trotzdem “alles eins”. Und das zerstört jeglichen konstruktiven Diskurs.

“Dass dann rechtsextreme Zeitschriften wie das Reconquista das ganze zum Event der Antimodernen in einer Bastion gegen linke Agitation stilisieren ist kaum noch verwunderlich.”

Nö, ist es nicht. Behauptet auch niemand. Es ist nur eins: Nicht richtig.

“Vom VAWS gingen einige kleiner Konzerte auch jenseits von vT im Ruhrgebiet aus, wobei die nicht viel zu bieten hatten. Die Qualität der Gruppen der Agentur ist eher bescheiden, das war bei den ersten Label-Samplern noch anders, mittlerweile kann man da mit der Lupe nach guten Interpreten suchen.”

Absolut.

“Welchen Stellenwert der VAWS allerdings beim WGT, mit seinem stetig wachsenden Stand einnimmt, wissen wir vermutlich alle.”

Ja, wobei ich dieses Jahr den Stand gar nicht gesehen hab. War er da?

“Bei vT muss ich anfügen das die durchaus weiterhin Beachtung fanden. Klumb wird von den anderen Musikern, den Rezensenten und der deutschen Neofolkszene zwar als ‚dümmlicher Schwätzer‘(O-Ton eines Neofolk-Musikers, dessen Namen ich hier sicher nicht nennen werde, aber er war und ist wohl nicht der einzige der so denkt) belächelt, aber beachtet wird gerade sein musikalischer Output dennoch.”

Das nehme ich wiederum anders wahr: Ich find vT größtenteils langweilig, mit dem ganzen Spreu+Weizen-Kram kam dann der letzte Nagel in den Sarg der Belanglosigkeit. Allerdings kann ich dem O-Ton zustimmen.

“Zurück zum Mangel an Ambivalenz Wenn sich alle einig sind und dem Publikum nicht mehr vor den Kopf geschlagen wird, dann verliert eine auf ein derart kleines Publikum begrenzte Kunst ihre Sprengkraft eben weil sie nicht mehr kontrovers ist. Um Kontrovers zu sein müssten Neofolker sich heute nicht auf Ur-Rechts beziehen sondern all den positiven Beschäftigungen mit Evola, Jünger, D’Annunzio und Mishima etwas entgegensetzten dass nicht dem Gedanken der elitären einzelkämpferischen Selbstverortung entspricht. Die Gay-Rights-Fahne von Pearce ist z.B. so ein Punkt. Oder das er auf einer der letzten Europatourneen dem SS-Schädel Glitzer-Frank-N-Future-Lippen angeklebt hatte war sowas. Oder Wakeford als er Gedichte von Zuzanna Ginczanka vertonte.
Solche Brüche sind mMn Gold wert.”

Absolut bei dir.

“Denn wenn es nur noch das Klampfe-Lagerfeuer-Wald-und-Wiesenromantik vieler deutscher Interpreten ist fehlt hier das mMn wesentliche Element. Insbesondere wenn der schnittig militärische Look im Einklang mit der ansonsten gepflegten nationalromantischen Ästhetik vorherrschend bleibt. Wo findet da denn noch eine Provokation statt und wer wird wodurch provoziert? Wem Gegenüber ist das noch Kontrovers? Jedenfalls nicht gegenüber dem Publikum. Die ganze Szene findet mittlerweile im kleinen Kreis statt, auf Konzerten sieht man fast kontinuierlich die gleichen Gesichter auch die in eindeutiger Kleidung bleiben die gleichen.”

Mhhm. Ist denn Provokation unbedingt notwendig, von Musikerseite aus?

“Und die ewig gleichen bekommen das ewig gleiche geliefert. Ist das jetzt Provokation? Nein, es ist vielmehr eine Abgrenzung nach außen und die Idealisierung einer vermeintlich erhabenen stillen Rebellion außerhalb der als stumpf empfundenen gesellschaftlichen Masse. Genau hier liegt der größte Anknüpfungspunkt der Neuen Rechten zum Individualismus der Szene. Denn den Individualismus kann man auch als egozentrisches Konstrukt der Selbsterhöhung lesen. Solange ich als Individuum mich selbst verwirklichen kann, ja mich selbst als erhaben erachten kann, kann die Übertragung der Idee auf alle Individuen ausbleiben.”

Moment, Individualismus, Egozentrik und Ähnliches sind eben keine Aspekte “rechter” Politik. “Du bist nichts, dein Volk ist alles!”, “Volksgemeinschaft”, etc.pp. sind hierbei die Schlagwörter. Kollektivismus kann niemals an Individualismus anknüpfen. Darum konnte sich eben der Neofolk nicht als “rechte Kulturalternative” durchsetzen.

“So bietet der Individualismus genügend Anknüpfungspunkte an programmatische Schlagworte der Neuen Rechten wie eben Eurozentrismus (Nationalismus mal anders) und Ethnopluralismus (Rassismus mal anders), solange es dabei nur um mich und nicht auch um den Rest der Welt geht.”

Sorry, ne: Von Individualismus auf Eurozentrismus oder Ethnopluralismus zu kommen ist Unsinn. Denn: Entweder es geht “nur um mich”, dann ist es (vereinfachend) Individualismus, oder es geht um “Mich als Bewohner einer Region” (Eurozentrismus) oder um “Mich als Teil einer Ethnie” (Ethnopluralismus). Die letztgenannten sind schon per Definition keine individualistischen Konzepte.

“Ich beschäftige mich nun seit Jahren mit dem Thema von Innen und Außen, habe mit einigen Leuten inklusive Musikern und Veranstaltern gesprochen und finde es immer noch nicht abschließend möglich eindeutige Aussagen über Interpreten zu treffen.”

Was wiederum deutlich macht, wie stark der ambivalente Aspekt vorherrschend ist…

“Für mich geht es aber auch nicht mehr darum den Diskurs um Di6 und die Wiedersprüche in Pearce Vita zu führen, sondern darum mit wem wir uns da das Feld teilen. Natürlich gibt es die, es gibt die deutlichen Absagen an jede Form der Gewalt, es gibt die Unterstützungen Israels, die Ablehnungen jedweden Chauvinismus und dennoch polterte er gerne mal los und zog über fahrendes Volk her, findet Röhm nen duften Kerl, der vielleicht den zweiten Weltkrieg verhindert hätte (in der völligen Realitätsverweigerung im Hinblick auf die Person, was man nicht einfach mit einem sexuellen Fetisch verkären sollte) und postuliert gern ein eurozentrische Weltbild. Ein paar Gegenbewegungen der gleichen Person dazu habe ich oben schon beschrieben. Das Problem hier ist wie bei vielen anderen auch, dass von Links der Begriff Nazi viel zu locker sitzt und absolut nicht greift. Dieses rigorose Stigmatisieren als Nazi von allem was rechts von der CDU/CSU liegt macht die Diskussion nicht einfacher. Rechtsextrem und Rechtsradikal sind Abstufungen in dieser Richtung und in diesen Abstufungen finden sich seit Jahrzehnten schon Personen die das ganze eher von einer philosophischen Ebene betrachten möchten, die mehr mit Heidegger, Jünger und Evola anfangen als mit Hitler und Goebbels. Die aber ebenso in dieser philosophischen Betrachtung chauvinistische Ressentiments gegen den generalisierten Anderen pflegen (da nimmt z.B. Pearce mit seinem mehrfach dargebrachtem Antiziganismus sich nicht raus.”

Soweit, so d’accord.

“Und an diesem Punkt der berechtigten Kritik, gegenüber vorhandenen Rechtsextremen im Publikum stoßen mir polemisierenden Aussagen a la das in unmittelbarer Nähe zur Kuppelhalle gelegene Asylbewerberheim wurde nicht Opfer eines gröhlenden Mobs übel auf. Denn dass ist und war nicht das Thema von Jule Nagel, die da schrieb:

Mit klassischen Stiefel-Neonazitum und plumpen NS-Bezügen hat der rechte Rand des Neofolk im Großen und Ganzen nichts zu tun. Anschlussfähig ist die Szene allerdings für Vertreter der neuen Rechten, Esoteriker und allerlei anderen Rückwärtsgewandten. Die gemeinsame Schnittmenge sind ein verklärter Antimodernismus, Patriotismus und und die Sehnsucht nach klaren Hierarchien und Führungsfiguren. (Jule Nagel)

So ist es, da müssen wir kein Läppchen drum machen und da können wir nicht polemisch drauf zurückschlagen. Diese Kritik ist am Punkt der zugegenen Rechtsextremisten berechtigt.”

Es ist keine Kritik an Handlungen, es ist eine Kritik an (postulierten) Überzeugungen. Was sie beklagt sind Gedankenverbrechen, sonst nichts! Dass darüber überhaupt diskutiert werden muss, dass Menschen zu kritisieren sind, weil sie eben etwas anderes *denken* als die kritisierende Person, dass ist derart lachhaft und zeigt, was für ein letztlich grundlegend freiheitsfeindliches Klima vorherrscht, dass solche “Kritik” überhaupt geäußert werden kann. Das ist 1984 in Reinkultur.

“Das Nagel es sich allerdings weit zu einfach machte und in ihrem Rundumschlag gegen Blood Axis, Di6, Sol Invictus, Fire+Ice etc. nur potentielle Indikatoren für eine rechte Ideologie der Interpreten rauspickt und nicht in die nähere Beschäftigung mit den Interpreten geht sollte dennoch angefügt werden. Auch, dass sie das Runes&Men da im Pauschalangriff zum rechten Rand des Neofolks erklärt ist falsch. Es gibt einfach kaum realen rechten Rand, es gibt nämlich keinen ideologischen Rand.”

“Gerade hier wäre eine Diskussion geboten gewesen, besonders wenn es nicht darum geht hier Front gegen Front zu stellen sondern sich selbst in einem ganz logischen, ja angestrebten Diskurs zu verorten.”

Tja. War die Nagel da? Nein, war sie nicht. Was allerdings da war, waren ein paar Gestalten, die Konzertgänger und Nummernschilder fotografiert haben. Hut ab!

“Auch dass in Ästhetische Mobilmachung sich weite Kapitel mit Text-Interpretationen und damit mit subjektiven und einseitigen Deutungen beschäftigen muss hierbei gesagt sein.”

Sagen wir einfach: In dem Buch wird so viel bewusst falsch dargestellt, dass nur noch von Absicht die Rede sein kann.

“Dennoch es gibt die Rechtsextremen unter uns diese Rechten in unserer Mitte gehören fast geschlossen zu einer Gruppe und Rechtsintellektueller die sich vehement (und meist zu Recht) gegen das vereinfachende Stigma des Nazis wehren. Da gibt es Nationalbolschewisten, demokratische Nationalisten, ein paar wenige Kreationisten, radikale Patrioten, Eurozentriker, Ethnopluralisten und weitere merkwürdige Ideologbezüge, die mit dem vereinfachenden und veralteten Begriff Nazi einfach nicht gefasst werden, deren Ideale aber dennoch darauf abzielen den weißen Mitteleuropäer zur Krone des Weltgeschehens zu stilisieren und damit die Verantwortung für die Verlierer der Globalisierung abschieben. Ja sogar dieses Verlieren mit einem radikalen Sozialdarwnismus, des Na und, selbst Schuld oder Nicht mein Problem bagatellisieren. Diese neuen Rechten bilden eine schwammige Masse welcher häufig Elemente des klassischen Nationalsozialismus fehlen. Insbesondere Führerkult, Totalitarismus, Imperialismus und bestimmte Formen des Chauvinismus wie Antisemitismus oder Homophobie sind nicht durchgehend bei allen ideologischen Ausprägungen der neuen Rechten gegeben. Im Gegenteil es gibt Pro-Homosexuelle Richtungen, pro-Israel-Richtungen, pro-Frauenbewegung (Ich weigere mich hier Feminismus zu schreiben, denn mit realem Feminismus hat das dort gepflegte wenig zu tun). Diese Gruppe setzt ihren Bezug bei den Rechtsextremen Vordenkern an und weniger beim NS-System.”

Und, was wirfst du ihnen nun vor? Dass ihre Gedanken dir nicht gefallen?

“Sobald also Deutungen oder Suchen beginnen eine ideologische Prägung oder eine philosophische Richtung zu nehmen bricht der Fluss und die Objektivität geht verloren.”

Richtig. Und wer überall Nazis sehen will, sieht sie.

“Ich will keine eindeutige Kunst, ich will auch keine erklärte oder erklärende Kunst, ich will kontroverse und amivalente Kunst und genau die besitzt das in sich geschlossene System des Neofolk häufig nur noch in der Abgrenzung zur Außenwelt, nicht aber mehr im Inneren des eigenen Systems.”

Aber auch mit Hörern, die sich über als neokonservativ gedeutete Inhalte beschweren. wink

“Trommel, Gitarre, Schwarz-Weiß-Nazifilm im Hintergrund und Gesang. Wahnsinn, seit 25 Jahren das gleiche pseudokontroverse Spiel für meist die gleichen Leute, wo bleibt die Ambivalenz? Wenn im Hintergrund ein Schwulenporno anstelle des Triumph des Willens laufen würde, dass hätte mal Wirkung.”

Gibt es, muss man nur wissen wollen:

(Die haben übrigens mit Boyd Rice ein großartiges David-Bowie-Cover aufgenommen…)

“Albin Julius z.B. hat einen Strich unter seine martialisch-militärische Phase gemacht, als sein Publikum so garkein Problem mehr damit hatte. Genau das empfinde ich als sinnvollen Schritt. Der Blutharsch war ein geradezu exorzistisches Projekt, welches das Nazitum ästhetisch Hyperstilisierte und sich in einer ästhetischen Laibach‘schen Überaffirmation erging bis von der Ideologie nichts mehr über blieb und nur eine bewusst lächerliche Comicvariante über blieb.”

Hat aber auch gar nichts geholfen, Kritiker sahen in ihm trotzdem einen Nazi.

“Auch Julius ließ und lässt immer noch jeden auf seine Konzerte, sucht aber auch dort regelmäßig den Diskurs zum Thema selbst. Nicht von der Bühne, sondern vor und nach seinen Auftritten. Er machte nie einen Hehl daraus, dass er die Ästhetik und den Pathos maßlos Überzog.”

Jepp.

“Dennoch kann man auch ihm Dinge wie die Kooperation mit ZetaZeroAlfa vorwerfen, wobei er dazu zuletzt angab, dass er keinen Kontakt (mehr) habe und wünsche.”

Dem steht mal wieder etwas anderes gegenüber: Seine Split mit Our Survival Depends on Us.

“Ebenso ist der Vorwurf gegenüber Laibach wegen ihrer Nordkorea-Auftritte gerechtfertigt, denn seien wir ehrlich die Nordkoreaner werden vermutlich viel Ironie des Konzeptes hinter Laibach in diesem knappen Auftritten nicht verstanden haben. Die einzigen die das ganze feierten sind einige Fans ob der enthaltenen Ironie und Polarisierung welche sich ja auch in Fankreisen abspielte. Für mich ging das einen Schritt zu weit, dennoch polarisierten Laibach damit wieder bei ihrer eigenen Basis und nicht nur gegenüber der Außenwelt. Weder gegenüber dem Nordkoreanischen Publikum, das ebenso polarisiert wurde wie gegenüber der westlichen Welt, welchen Laibach zuvor in der Whistleblower-Diskussion berechtigt einen eigene Form des Totalitarismus vorwarf. So wurde die Kunst von Laibach, die vor dieser Geschichte immer gefälliger wurde, erneut enorm kontrovers. Welcher Mittel sich Kunst aber bedienen darf um kontrovers zu bleiben, da bin ich anscheinend anderer Ansicht als das NSK-Kollektiv. Für mich endet hier die Toleranz bei der Missachtung der Menschenrechte und da nehme ich Interpreten die ich überaus Schätze einfach nicht aus. Die Fehler und Mängel der westlichen Welt gegen die Fehler und Mängel Nordkoreas aufzuwiegen ist meines Erachtens mehr als problematisch.”

Schön zu lesen, sehe ich nicht anders.

“Und da schließt sich jetzt die Frage nach der Toleranz an. Denn Toleranz bedeutet nicht rigorose Passivität allem gegenüber. Die Toleranz gegenüber der neuen Rechten, die bedient wird indem z.B. Interviews gegeben werden, aber auch indem Probeexemplare zu Rezensionen versandt werden, heißt diese Leute in der Szene willkommen und dagegen wehre ich mich.”

Völlig legitim, dann schick ihnen keine Probeexemplare, gib ihnen keine Interviews. Was allerdings andere Musiker machen ist etwas völlig anderes, nämlich deren Toleranz.

“Um das klar zu haben, das hat nichts mit Zensur zu tun, allerdings mit einem gezielten sozialen Ausschluss aus einem begrenzten Szenekreis.”

Von Zensur hier zu reden wäre Quatsch. Ja. Wen willst du denn ausschließen? Die Redakteure? Die Leser?

“Ich möchte der Neuen Rechten weder Menschen- noch Bürgerechte absprechen, auch nicht das Recht die gleiche Musik gut zu finden. Ich denke nur, dass wir uns nicht die gleichen Clubs und Konzerte teilen müssen.”

Warum nicht?

“Wir komplimentieren an normalen Diskoabenden jeden, Blue-Jeans-Träger als potentiellen Gaffer von der Tür weg nach Hause, lassen aber Typen mit Schwarze-Sonne-Shirt in unsere Läden. Da knirscht es, aber gewaltig. Der Otto-Normal-Verbraucher ist nicht willkommen, aber der rechte Ideologe schon? Warum, weil der eine sich trotz der Insignien an den Dresscode Schwarz hält und der andere nicht?”

Ja.

“Da fehlt mir wirklich Bewusstsein für die dahinterliegende Ideologie. Menschenverachtendes Gedankengut eindeutig ideologischer Prägung, welche über getragene Kleidungsstücke nach außen getragen wird hat so nichts in der Szene verloren.”

Gut, dann trägt halt die Person statt Schwarzer Sonne ein anderes Symbol. Was ist damit gewonnen, ausser dass es nicht mit offensichtlich ist, wie die Person politisch tickt?

“Hier beginnt es damit, dass der auf vielen Flyern vorhandene Dresscode:Black entsprechend um totalitäre Insignien und Codierungen ergänzt werden sollte.”

Wird zum Teil bspw. in Bielefeld gemacht. Ergebnis: Tarnklamotten sind nun auch nicht mehr erlaubt, ebenso Uniformen. Wann ist eine “Codierung” keine Codierung mehr? Das Sonnenrad wird ja häufig als “Ersatz” fürs Hakenkreuz gesehen. Was kommt, würde man das Sonnenrad verbieten? Das nächste Symbol. Welches man dann auch verbietet. Usw. usf.. Das ist lächerlich, kleingeistig und letztlich unwürdig.

“Ich kenne z.B. auch Albin Julius Einstellung dazu, der immer die Diskussion dem Ausschluss vorzieht, nur dann muss die Diskussion auch stattfinden. Ich habe Julius in einer solchen Situation mal erlebt und der konnte sehr deutlich machen, was er von welcher Ideologie hält und warum. Das ist die andere Möglichkeit aber das ist eben nicht die Regel. Die Regel ist doch vielmehr:
Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Everybody Welcome aber No Politics!”

In so einer Situation hat doch derjenige, der den beschriebenen Status Quo kritisiert die Diskussion zu suchen, nicht derjenige mit dem fragwürdigen Symbol.

“Entweder ich gehe in die Diskussion oder ich schließe die Politisierung über das Publikum aus, aber die Politisierung durch das anwesende ideologisch geprägte Publikum akzeptieren und sich gleichzeitig der Diskussion verweigern, dass ist entweder Blind oder Einverstanden.

An wen richtet sich das nun?

“Den meisten unterstelle ich da eine ideologische Blindheit bzw. Desinteressiertheit. Weiter in der möglichen Abgrenzung: Zeitschriften die eine rassistische, antisemitische oder irgendwie sonst chauvinistische Weltanschauung propagieren wie Sezession, Blaue Narzisse, Junge Freiheit, Deutsche Stimme, Euopakreuz, Resistance sollten nicht durch Interviews, Probeexemplare, Werbeanzeigen, Artikel, Fragebogenantworten etc. unterstützt werden. Natürlich verhindert das alles nicht, dass die Leute die Musik mögen, aber es bezieht Position gegenüber der dahinterliegenden Ideologie aus Sicht der Szene und genau diese Position ist in Teilbereichen der Schwarzen Szene lange schon Überfällig.”

Da auch wieder: Wann ist das das letzte Mal passiert? Ich würde mal behaupten, dass derartiges seit bestimmt… 10-15 Jahren nicht mehr vorkommt, lasse mich da aber auch gerne eines besseren belehren.

“Mit der dem entgegengesetzten Aussage, bei einem Konzert ginge es um Musik, nicht um Weltanschauungen, geht direkt wieder die vermeintliche Ambivalenz flöten. Alles und jeder Willkommen, alles in Ordnung so lange man mir nicht den Blick auf die Bühne versperrt? Nein. Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. – Ist das wirklich alles? Wo ist da die kontroverse amivalente Kunst? Wo ist hier die Provokation? Wo ist der Bruch? Wohlgemerkt bei einer Musik die für sich in Anspruch nimmt dass es um eine Diskussion, um Gesellschaftskritik und ideologische Auseinandersetzungen und Selbstverortungen geht. Diesbezüglich ist das eine Bankrotterklärung, denn die Diskussion, die Kritik, die Auseinandersetzung und Selbstverortung ist da ja absolut nicht vorhanden:
Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Im Paket des geschlossenen Raums der eigenen Szene aus Fanzine, Blog und Konzertsaal ist Neofolk oft genauso kontrovers und ambivalent wie der deutsche Schlager.”

Gleiches gilt aber bspw. auch für moderne Kunst. Milo Moiré oder Marina Abramovic werden in ihren Ingroups genau so gefeiert, gelten trotzdem als “kontrovers”. Alles und jeder hat seine Echokammern und Filterbubbles. Egal wie kontrovers man ist, es werden sich immer Fans drum scharen. Daher ist das eine Kritik, die durch ihre zwangsläufige Allgemeingültigkeit letztlich keine ist.

“Was den Anhängern als Rest der einst ambivalenten Kunst des Post-Industrials bleibt ist meist nur die literarische Schnitzeljagd nach den vorhandenen Querverweisen.”

“Nicht mal mehr mit Kritikern muss da deiner Meinung nach groß debattiert werden man zieht sich zurück und das obwohl Du schreibst, dass je mehr eine Deutung der Musik und der Ästhetik aus den Händen des Zuhörers genommen würde, desto weniger fordere es diesen zur Auseinandersetzung damit heraus.”

Doch, mit Kritikern sollte unbedingt debattiert werden. Allerdings nur, wenn diese Kritik in irgend einer Form substanziiert ist, der erwähnte 100te Aufwasch von “Ugh, Nazis!” ist keine Kritik.

“Damit würde auch eine Selbstreflexion des Wahrgenommenen erzwungen. Gerade in dem Moment in welchem die Kritik laut wird, also andere Sichtweisen, vielleicht auch ganz banale Sichtweisen zum Neofolk aufkommen, gilt es gerade wen die Auseinandersetzung durch den Neofolk gefordert ist, genau dann sich selbst zu reflektieren und im Gespräch zu positionieren und sich dann nicht darauf zurückzuziehen, dass es dann doch nur um die Musik ginge.”

Sehe ich völlig anders, aus oben genanntem Grund: Banale Kritik muss nicht elaboriert entkräftet werden. Wieso auch?
Spielen wir das szenisch durch:
-“He, du trägst ein di6-Totenkopf-Shirt. Du Nazi!”
[Selbstreflexion: Bin ich antisemitisch, totalitär, bellizistisch, usw.usf.? Antwort: Nein, bin ich nicht. Ergo bin ich kein Nazi].
-“Ach komm, nerv wen anders.”
Damit ist nichts gewonnen, damit ist keinerlei Erkenntnisgewinn durch Reflexion gewonnen.

“Kommen, Hören, Klatsch-Klatsch, Gehen. Dann auch neben Leuten die sich ganz offensichtlich einer nicht mit den Menschen- und Bürgerrechten vereinbaren Grundhaltung nachhängen?”

Yet again: Gedankenverbrechen. Es läuft darauf hinaus: Du willst Menschen ihre Gedankenverbrechen zum Vorwurf machen. Mir ist das zu totalitär.

“Das ist mir einfach zu wenig, da ist die Kunst weder eine Auseinandersetzung, noch eine Kritik, noch eine Frage der Selbstverortung. Sie ist einfach nur Musik, welche der jüngst verstorbene Leonard Cohen schon auf den ersten Alben gemacht (Songs of Love and Hate ist ein Album, dass man unbedingt gehört haben sollte) hat, mit einer Lyrik die nur noch dazu taugt irgendwelchen Außenstehenden auf den Wecker zu gehen, was ich persönlich als zutiefst pubertären Zug werte, aber kaum neue ambivalente Impulse in die Szene selbst gibt.”

Was mich hier wirklich interessieren würde: Welche Bands wären das für dich, die “irgendwelchen Außenstehenden auf den Wecker” gehen?

“Die argumentieren wie Du, solange die im Rahmen der Veranstaltung nicht negativ auffallen oder die Veranstaltung aufgrund deren Anwesenheit zu Schaden käme, sei deren Anwesenheit legitim. Ich persönliche sehe das anders und würde mir eben eine Distanzierung wünschen, eben weil Fan – Interpret – Fan eine gemeinsame Erfahrungsgruppe bilden und ein Konzert oder Festival eine gemeinsam gefüllte und geformte Heterotopie darstellt, mit ihren ganz eigenen sozialen Regeln und Wirklichkeiten.”

Und du möchtest, dass diese sozialen Regeln noch restriktiver sind als die der Mehrheitsgesellschaft, nämlich dahingehend, dass Menschen aufgrund anderen Denkens ausgeschlossen werden. Glückwunsch.

“Gerade in dieser Heterotopie bilden wir eine Gemeinschaft und diese Gemeinschaft ist immer wieder gefordert sich selbst neu zusammenzufinden, neu zu ordnen, neu zu regulieren. Jede Form der Gemeinschaft tut dies, gerade in solch heterotopischen Räumen.”

Ist dem so? Egal welche sonstige Subkultur ich mir ansehe, die sind über die Jahrzehnte, bis auf die sich ändernden Künstler doch immer sehr ähnlich.

“Dieses No Poltics! aber Everybody Welcome stinkt mir, aber es ist der Status Quo.”

Mir auch. Darum: Pro Politics. Lasst jeden mit jedem Band- oder sonstigem Shirt rein. Nur so wird ein Raum politisch geöffnet.

“Und der ätzt weil es eben für mich ein Problem ist mir einen gemeinsamen Erfahrungsraum mit Menschen zu gestalten, die anderen Menschen elementare Grundrechte absprechen möchten und die kein Empfinden von sozialer Verantwortung haben sobald man die potentiellen Adressaten als die Anderen generalisieren kann.”

Schon wieder: Gedankenverbrechen.
Du sagst es selbst: “absprechen möchten”, “kein Epfinden”. Es geht hier nicht mal um politisch aktive Personen. Es geht hier nur um Personen, deren Ideologie du nicht teilst und denen du deshalb den Zugang zu Konzerten erschweren möchtest.

“Zu meinen eigenen Aktivitäten in der Frage: Glaub mal, ich bin da durchaus aktiv, aber ganz sicher nicht in irgendwelchen politischen Organisationen oder auf irgendwelchen Indymedia-Seiten. Ich war nie und werde vermutlich nie Mitglied in einer politischen Gruppierung sein. Ich gehe z.B. in das Gespräch, wenn ich die Möglichkeit habe.”

Find’ ich gut. Also, alles davon.

_____

Da es grad schon wieder um Klumb geht: Wenn er doch immer noch “so aktuell” und heutzutage von Belang ist, wieso geht’s hier um Krempel, der über 20 Jahre her ist? Das ist vollumfänglich lächerlich. Schobert ist seit 10 Jahren tot, das DISS hat derzeit andere Säue, die pründetechnisch mehr bringen und jegliche Relevanz von vT wird, wie ich bereits sagte, ausschließlich über Diskussionen über vTs Relevanz erzeugt.

Fraoch
Gast
Fraoch
Einige der Punkte zu welchen Du nachfragst was das soll waren/sind eingestreute Antworten auf vorausgegangene Nachfragen. Ein paar kurze Antworten, bevor ich noch mal zu zwei Punkten weiter aushole.

– Dies Jahr war ich nicht beim WGT.

– Die Kunst von Milo Moiré find ich einen langweiligen Aufguss altbekannter feministischer Aktionskunst. Marina Abramovic hat ein paar nette Sachen gemacht. Kontrovers finde ich allerdings beide nicht. Im Kunstzirkus ist das meiste davon seit den 1970ern und 1980ern bekannt. In London z.B. eine Verhaftung zu provozieren, schafft Aufmerksamkeit ist aber nicht wirklich kontroverse Kunst, zumindest nicht im Hinblick auf den Kunstzirkus.

– Heterotopische Räume von Subkulturen regulieren sich mit jeder Neukonstituierung neu und bilden über längere Zeiträume ganz eigene Regularien aus. Allerdings bedeutet das nicht, dass sie sich ständig radikal variieren würden. Soziale Regeln werden zwar ständig neu in diesen Räumen ausgehandelt, sie bauen aber meist aufeinander auf. Radikale Brüche finden nur sporadisch statt. In der Schwarzen Szene kann man das toll an der gespielten und rezipierten und damit auch akzeptierten Musik nachvollziehen. Wann brach z.B. Metal in die Szene ein und wälzte sie um (Etwa Anfang der 1990er), und wann kam Techno dazu und veränderte ebenfalls massiv den Raum und seine Regeln (Das fing auch in den 1990ern an, wobei der Umbruch erst in den 2000er stattfand). Stell Dir jetzt einen Cyber an der Tür eines schwarzen Abends in den frühen 1990ern vor. “Der Technoladen ist da hinten Kleiner.” Oder die Reaktion auf einen klassischen Metalhead mit Bandshirt und schwarzer Jeans, am besten noch mit Corpsepaint und Nietenarmbändern in der Mitte der 1980er. “Geh Bitte, wir wollen hier keinen Ärger” oder auf einen Mittelalterrock-LARP-Kilt-Träger. “Komm Karneval wieder da ist Kostümpartie.” Ähnliche Mechanismen der veränderten sozialen Regeln findet sich in annähernd jeder Subkultur, gerade im Hinblick auf die heterotopischen Räume.

– Die oben gegebene Antwort bezog ich bewusst auf die angesprochene Schobert-Geschichte. Da mir der Versuch Schobert hier, dazu noch in einer solchen Form, zu diskreditieren massiv missfällt. Er hat sicher in der einen oder anderen seiner Analysen mäßige Arbeit abgeliefert, aber das rechtfertigt keinen derartigen Angriff.
Zu Deinem sonstigen Post. Relevant erscheinen mir gerade 2 Punkte:
1. Gedankenverbrechen sowie
2. Individualismus und Rechtsextremismus.

Zum ersten Punkt: “Gedankenverbrechen”
Ein schweres und sehr polemisierendes Wort. Ich liebe das Buch dem es entstammt sehr und hänge an der Botschaft dieses Buches “wider jedem Totalitarismus”. Mit dem Vorwurf, dass ich hier Gedankenverbrechen ahnden wollte bzw. bestimmte Denkformen/Ideologien verbieten wollen würde schießt Du allerdings weit über das Ziel hinaus. Beginnen wir mal damit, dass eine Szene die sich nicht von eigenen Minoritäten Politisieren lassen will, gegen eine solche Instrumentalisierung schützen kann und sollte. Den Diskurs über Politik zu führen bedeutet nicht sich selbst zum Vehikel der Politik anderer machen zu lassen. Indem die eigentlich politische indifferente und vornehmlich politisch passive Schwarze Szene allerdings, in ihren Heterotopien (Insb. Festivals, Clubs) ein Forum zum politischen Selbstausdruck bietet, lässt sie sich immer wieder instrumentalisieren und politisieren. Die Kritik des Rolling Stone fußte mitunter auf diesem Punkt des politisch abgrenzungslosen und desinteressierten sozialen Miteinanders.
Vorhandene Symbole die Totalitarismus, Rassismus, Antisemitismus oder sonst welchen Chauvinismus repräsentieren sollten entweder in der Szene nichts zu suchen haben oder müssten in einen ständigen Diskurs der Selbstverortung und -vergewisserung übertragen werden.
Beides ist derzeit nicht vorhanden. Die Szene ist diese Diskussion vor Jahrzehnten, kaum das sie begonnen hatte, müde geworden. Der dadurch kaum mehr vorhandene Diskurs und die gerade noch vorhandenen reflexartigen Gegenargumentationen von den angegriffenen Musikern bieten indes kaum klare Positionierungen seitens der angegriffenen Szeneakteure. Die meisten solcher Gegenaussagen lassen sich hervorragend in die neurechten Konstruktionen von Ethnopluralismus und Eurozentrismus einpflegen. Ob das so gewollt ist oder nicht, spielt noch nicht mal mehr eine Rolle, denn die Redakteure aus der Szene geben sich mit solchen Allgemeinposten ab, glücklich darüber diese Diskussion nicht weiter führen zu müssen, und die neurechten Rezipienten nehmen es dankend entsprechend ihrer Ideologie auf.
Weil ich mich in letzter Zeit, auch in anderen Zusammenhängen, mehr mit Nolte beschäftigt hatte (obwohl ich Orplid nach dem Debüt eigentlich belanglos fand, Sterbender Satyr war noch mal ein kleines aufbäumen), sei er hier mal als solches Beispiel angeführt. Mit Aussagen wie, er habe absolut nichts gegen irgendwen oder irgendetwas auf dieser Erde. Lässt sich, insbesondere wenn man darauf verweist, dass ein neurechter Verlag seine (vermehrt mittelmäßige) Lyrik verlegt, von allen Seiten wunderbar spielen. Man braucht im neurechten oder den neurechts unterstellenden Interpretationsspiel nur unterstellend anzuhängen, “solange alle bleiben wo sie hingehören.” Klar stellt sich die Frage ob es überhaupt seine Aufgabe wäre dem noch mehr, noch ausdrücklicher einen Riegel vorzuschieben. Ganz ehrlich ich weiß das nicht und ich will das nicht entscheiden. Am Ende muss Nolte für sich selbst klar haben wann und wo er sich wie von wem abgrenzen will, meist mag ich ihm dabei sein “Politik interessiert mich nicht” einfach glauben. “[G]elebte Ambivalenz” fände ich allerdings doch etwas weit hergeholt ;).
Allerdings ist das auch nicht der Punkt, vielmehr geht es mir um die Frage wo und wie eine Szene sich abgrenzen und vor der vorhandenen Instrumentalisierung schützen kann. Eine Option ist eben, dass bestimmte Methoden der Politisierung der Szene ausgeschlossen werden. Dabei geht es anders als der Ausdruck Gedankenverbrechen impliziert nirgends um eine gesellschaftliche Ahndung, Bestrafung oder Verfolgung, lediglich um eine szeneinterne Abgrenzung. Womit sich ein Mensch mit politischem Bewusstsein identifizieren kann ist eine Sache, wann und wie er in einer kulturellen Gemeinschaft als politische Person auftritt eine andere. Was Sellners und die Identitären in Knauthain getan haben war die Politisierung des Neofolk zu ihren Gunsten. Der darauf folgende Hieb der meisten Neofolkanhänger ging in Richtung des Rolling Stone und nicht in Richtung der Identitären, die es allerdings nicht nur geschafft haben den Neofolk zu politisieren, sondern ihn mal wieder für eine Weile gesellschaftlich zu diskreditieren. Da frage ich mich einerseits wie sowas immer noch aus der Szene heraus möglich ist und andererseits, was das wieder langfristig bedeuten wird? Gerade in einer Zeit in der Gruppen wie Jännerwein oder ROME mit einem Fuß im Mainstream landeten, kommt es den Identitären doch schlichtweg gelegen diese Musik wieder in der Verruf einer rechten Szene zu bringen. Bei der Neuen Deutschen Härte hatten die Neurechten nämlich verloren, als die NDH trotz der lauten Kritik von Links und des großen Applaus von Rechts zum Mainstream wurde. Möglich war es den Identitären den Neofolk an dieser Stelle zu politisieren, weil es 1. kein großes Publikum gibt und 2. zuvor kaum Gegenbewegungen zu ihrer Selbstdarstellung als Sprachrohr der “geächteten Neofolkgemeinschaft” gab. Das zeigt doch letztendlich, dass hier seit Jahren eine szeneinterne Abgrenzung fehlt. Sofern die Szene, und das kann man getrost wieder auf die gesamte Schwarze Szene beziehen, keine einheitliche politische Überzeugung besitzt, und davon ist hoffentlich dauerhaft auszugehen bleibt, ihr nur Abgrenzung z.B. in Form des Ausschlusses der Politisierung von Innen und Außen übrig. Entsprechend bin ich auch nicht dafür Leute aufgrund einer Überzeugung auszuschließen. Mal davon ab, dass das ohnehin nicht möglich ist, sehe ich darin auch keinen Gewinn für die Szene oder die Gesellschaft. Ich bin dafür die Diskussion zu führen. Das störende Element ist der offensichtliche Ausdruck, einer mit den Menschenrechten nicht zu vereinbarenden Ideologie im Rahmen von Szeneveranstaltungen und nicht das grundsätzliche Verfolgen dieser Ideologie. Da stehe ich eher pro Politik, pro zu politischem Bewusstsein, pro zur politischen Diskussion, pro zur Meinungsfreiheit, aber dennoch ausdrücklich gegen die Politisierung einer politisch passiven Gemeinschaft. Ich möchte einfach nicht, dass Sellner, Müller, Kubitschek, Tischleder, Lichtmesz oder gar das Reconquista für die Szene und damit auch für mich sprechen und ich möchte nicht, dass sie glauben, dass sie dazu irgendeine Legitimierung besäßen und genau hier muss man meiner Meinung nach mit einem entsprechenden Hebel ansetzen indem man eine erkennbare Abgrenzung schafft. Entsprechend werfe ich der Neuen Rechten auch nicht ihre Ideologie im Sinn eines Verbrechens vor. Ich halte sie für falsch und für nicht vereinbar mit meinen Grundwerten oder jenen der Szene und bringe das zum Ausdruck. Ich wehre mich allerdings dagegen, durch ihre Agitation als einer von ihnen wahrgenommen zu werden und ich glaube, dass dieses sich gegen die Instrumentalisierung und Politisierung wehren sich langfristig weiter verbreiten sollte, wenn die Szene nicht als Teil der Neuen Rechten wahrgenommen werden will.
Wie die zugehörige Abgrenzung konkret auszusehen hat, steht dabei durchaus zur Diskussion. Ein möglicher Punkt wäre der erwähnte Ausschluss politisierender Insignien von Konzerten und Festivals. Allerdings würde das eine intensive Beschäftigung der jeweiligen Veranstalter mit dem Thema voraussetzten, damit es eben nicht, wie Du es aus Bielefeld schilderst abläuft. Auch da bedeutet eine solche Entscheidung meines Erachtens nämlich nicht, es einfach rigoros zu tun und damit gut sein zu lassen, sondern den Diskurs zu suchen und zu führen.
Natürlich wäre auch der von Dir vorgebrachte Vorschlagt “Pro Politics. Lasst jeden mit jedem Band- oder sonstigem Shirt rein. Nur so wird ein Raum politisch geöffnet.” denkbar, allerdings auch dann nicht ohne den politischen Diskurs und dieser benötigt einen entsprechenden Raum, der die Diskussion ermöglicht, eine Einladung zur politischen Diskussion und dann meiner Meinung nach sogar eine ausdrückliche Einladung an die vorhandenen Kritiker. Und an diesem Punkt ist es eben nicht nur die Aufgabe der Kritiker das Gespräch zu suchen sondern, wenn ich den politisch offenen Raum will, dann muss ich mich wirklich ernsthaft damit auseinandersetzten und ausnahmslos alle Einladen, die meinen etwas zum Thema zu sagen zu haben. Eben damit eine Auseinandersetzung stattfindet und nicht nur ein diskussionsloses nebeneinander mit Zuschreibungen aus der Ferne stattfindet.
Eine weitere Möglichkeit wäre die ausdrückliche öffentliche Ablehnung und Kritik an den von den die Szene vereinnahmenden und instrumentalisierenden Personen “(postulierten) Überzeugungen”. Eine solche Kritik ist genau dies: Abgrenzung und Kritik. Und als solche alles andere als das Beklagen von Gedankenverbrechen. Es ist ein Ausdruck der Selbstpositionierung gegenüber dem inhärenten Vereinnahmungsversuch der von den die Szene einseitig politisierenden Personen ausgeht. Und als solcher ist er zuvorderst eine meist subjektive Aussage.
Entsprechend ist meines Erachtens mit Kritik, wie jener von Jule Nagel, auch anders umzugehen als mit den sich selbst diskreditierenden Gewaltaufrufen, wie sie auf den Seiten der Indymedia stattfinden. Was von Nagel kritisiert wurde war die, in Knauthain wiedermal gefüllte, “Anschlussfähig [der] Szene […] für Vertreter der neuen Rechten[.]” Eine solche Kritk als das Beklagen von Gedankenverbrechen zu beurteilen schließt doch jede ernsthafte Diskussion, die eigentlich folgen müsste, aus und verweist am Ende sogar auf sich selbst. Meinungs- und Redefreiheit, bedeutet auch, dass man für eine Überzeugung kritisiert werden kann. Eine solche Kritik als indiskutabel, ja als totalitär und faschistoid zu beurteilen, ist das, Beklagen und Abtun einer Nicht genehmen Einstellung.
Gerade eine derart vorgebrachte Kritik ist IMMER auch eine Einladung zur Diskussion, eben weil es in einer offenen Gesellschaft stets darum gehen sollte sich selbst zu Reflektieren und zu Positionieren. Ihr Vorwurf lautete Anschlussfähigkeit auf Basis von Gemeinsamkeiten in “Antimodernismus, Patriotismus und und die Sehnsucht nach klaren Hierarchien und Führungsfiguren[.]” Das ist ein Punkt über welchen man sich unterhalten kann. Es ist ein Punkt über den man geteilter Meinung sein kann. Ich kann mich mit keinem dieser Faktoren anfreunden, am nahesten ist mir vielleicht noch der Antimodernismus in Form einer Vorstellung von einer “konvergierenden religiösen Weisheit aller Kulturen” (Huxley), aber einem ernsthaften Glauben an sowas hänge ich nicht an. Und wenn ich mich ideologisch mit einem epochal-philosophischen Begriff verorten müsste wohl eher Postmodern. D.h. alles auf ewig in Frage stellend. Patriotismus hingegen ist m.M.n. stumpfes Herdenverhalten und Sehnsüchte nach klaren Hierarchien und Führungsfiguren kann ich zwar intellektuell nachvollziehen, für mich aber wirklich nicht feststellen. Autoritäten sind mir zuwider. Dennoch die von Nagel kritisierten Gruppen kann man so lesen und sie werden, von Links wie von Rechts, so gelesen. Sie werden von beiden Seiten einseitig begutachtet und als reaktionäre Interpreten verortet. Ist das nicht ein Punkt an welchem man ein “Nicht in meinem Sinn, nicht in meinem Verständnis und nicht mit meiner politischen Überzeugung übereinstimmend.” oder ein “In meinem Verständnis so und so, aber so und so nicht” entgegensetzten sollte? Vielleicht bin ich da idealistisch, vielleicht auch naiv, aber ich glaube solche Diskurse sollten bis in die Ewigkeit immer wieder neu geführt werden, eben weil sie auch solange vorhanden sein werden und immer wieder neue ganz subjektive Ebenen der Selbstverortung und –reflexion erhalten. Crowley schrieb, dass alles in Zweifel ziehen sollte, inkl. seiner Lehren. Interessanterweise wird der Koran mit einer ähnlich Mahnung alles zu hinterfragen eröffnet. Und auch im Talmud ist die aktive Beschäftigung mit allen Aspekten der Schrift geboten. Von einem solchen Gedanken ausgehend sollte man keine Überzeugung jemals als abgeschlossen annehmen. Das gesamte Leben, OK jetzt werde ich ein wenig großspurig, ist eine ständige Auseinandersetzung mit sich und den eigenen Überzeugungen.
Im Endeffekt lehne ich genau aus all diesen Faktoren zusammengenommen den apolitischen Status Quo unter der gleichzeigen Offenheit ab. Und auf dieser Basis eine Ideologie abzulehnen ist etwas anderes als “Menschen ihre Gedankenverbrechen zum Vorwurf [zu] machen.” Es ist eine ganz subjektive sich selbst verortende Abgrenzung gegenüber einer Ideologie, die mit der eigenen nicht zu vereinen ist. “weil es eben für mich ein Problem ist” subjektiver geht es da wohl nicht. Der andere dazwischen thematisierte Punkt ist die dargestellte Frage ob und wie sich eine Szene vor einer Politisierung durch eine vorhandene Minorität schützen kann.

Zweiter Punkt: Individualismus und Rechtsextremismus
Das Potential zum Totalitären trägt jede nur denkbare Ideologie in sich. Auch im Individualismus liegt ein Kern faschistoider Tendenz begründet. Der Faschismus tendiert dazu das maskuline, archaische und kämpferische zu verherrlichen und daraus eine einseitig begründeten Herrschaftsanspruch auf Seiten der “elitären starken Männer” zu ziehen. Aus dieser Anti-Egalitären, Anti-Modernen und Anti-Humanistischen Überzeugung rechtfertigen rechtsextreme Ideologien Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Nationalismus, Patriotismus, Führerkult und strenge Hierarchie etc. Gerade die Anti-Egalitäre Vorstellung von einem erhaben elitären Selbst, welche oft als Kehrseite des Individualismus erscheint und die, seit es eine Schwarze Szene in Deutschland gibt, teil dieser Szene ist, bietet hier einen großen ideologisch Anknüpfungspunkt. Die Szene wollte immer schon anders als “die Masse” sein, klüger sein, besser sein, irgendwie besonders und erhaben sein. Allerdings ohne ein Konzept für eine bessere Gesellschaft, sondern ein wenig selbstmitleidig und ein wenig selbstverliebt zugleich um sich kreisend. Selbstverliebt ob der eigenen Größe und Selbstmitleidig oder der Missachtung dergleichen. Die Ablehnung der Gesamtgesellschaft als stumpfe inhaltsarme Herde geht doch in der Schwarzen Szene oft insgeheim einher mit der Selbstwahrnehmung als potentiell besserer Mensch, der als solcher aber nicht genügen Beachtung findet. Während der Anknüpfungspunkt in der NDH meist im kriegerischen Männlichkeitsstereotyp liegt, liegt er im Neofolk in der romantisch-esoterischen Vorstellung von Transzendenz und dem erhaben elitärem Selbst. Da kommen philosophisch und romantisch aufgeladene Figuren vom edlen außergesellschaftlichen Einzelkämpfers (Anarch, Waldgänger, Samurai etc.) nur recht. Sie sprechen das Gefühl der vermeintlich erhabenen stillen Rebellion außerhalb gesellschaftlicher Masse an, bei Neurechten, bei Urfaschisten und eben auch in der Schwarzen Szene gleichermaßen. In einer solchen elitären Selbstverortungen –die all zu oft unter der reflektionsarmen Hybris eines in besseren gesellschaftlichen Verhältnissen geborenem Mensch generiert wird- kann ein fehlerhafter und unreflektierter Individualismus so zum Egozentrismus geraten, zu einer fatalistisch-sozialdarwinistischen Haltung, welche die heterogene Wirklichkeit von globalen und historischen Ereignissen wie z.B. den Krieg in Syrien oder das Erdbeben in Indonesien, nicht mal mehr nur nicht beachtet, sondern als mit all den vorhandenen Begleitumständen zu einem natürlichen Prozess der ganz zufällig parteiisch, auf der eigenen Seite agiert. Oder aber zu einem Drama dessen Ende man selbst herbeiführen könnte, sofern man nur gefragt würde. Internationale Wirtschaft und Politik spielt sich da entweder fern des Einflusses auf das eigene Leben ab, wodurch die Beschäftigung mit dieser ohnehin obsolet wird, oder sind mit einfachen Kausalkonstellationen herzuleiten und zu beantworten. Beides ist Unsinn und beides sind Einfalltore für eine Populismus-Anfälligkeit. Das erste wird durch Sozialdarwinistische Aussagen bedient, das zweite durch einfache Schwarz-Weiß-Malereien, Schuldzuweisungen und die Heilsversprechen klarer und einfacher Hierarchien.

Dazu kommt die Fragen nach der oft vorhandenen konzentrischen Erweiterung einer egozentrischen Sicht auf die Gesellschaft, die sich häufig der elitären Selbstverortung anschließt. Gerät im Individualismus die Vorstellung von einem Selbst in die zweifelhafte Irritation selbst allem Anderen überlegen zu sein, also zur Verklärung des Selbst als Übermensch, wenn das Ich also im Zentrum meines Wertesystems steht, bilde ich nicht den vollständigen Kosmos, sondern mache schrittweise Abstufungen in den Wertigkeiten. Je weiter eine Entität von mir entfernt ist, desto weniger Wert spreche ich ihr zu. Entweder beißt sich der generalisierte Andere im Konzept des Individualismus als ewige Mahnung an das zeitgleiche Grundprinzip der Egalität fest (Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!), oder der vermeintliche Individualismus wird zu einem fehlgeleiteten chauvinistisch aufgeladenen Egozentrismus das stets mit der Abwertung des generalisierten Anderen einhergeht. Dieser chauvinistisch aufgeladene Egozentrismus lässt ohne Schwierigkeit Ethnopluralismus und Eurozentrismus zu. Er begünstigt solche Weltanschauungen sogar aus der konzentrischen Abstufung des unreflektierten Blicks heraus. Europa ist mir dann näher als Afrika, Deutschland ist mir näher als Europa, die vermeintlich abendländliche Kultur (noch so ein indifferentes und definitionsloses Konstrukt) ist mir näher als die vermeintlich islamische. Solange ich eine elitäre Figur im Zentrum dieses Systems bleibe ist dass dann alles mit einer egozentrischen Selbstsicht vereinbar. Entsprechend ärgere ich mich seit es die Gegendemos zu PEGIDA gibt über viele der Pauschalaussagen der Gegenbewegungen. Rufe wie “Heute die, morgen Du!” sind totaler Nonsens. PEGIDA wollte mir nie ans Leder, die finden mich als weißen nicht-muslimischen heterosexuellen deutschen Mann einen total töften Typ. Dass das dann nicht mehr wirklich Individualistisch sondern Egozentrisch ist schrieb ich ja schon von Beginn an. Dass sich solche eine egozentrische Weltsicht allerdings, gerade unter dem Einfluss eines Anti-Egalitären Grundtenors, maßlos mit nationalistischem und rassistischem Gedankengut aufladen lässt erschien mir dabei eigentlich logisch und allgemein bekannt.

shraegian
Gast
shraegian
Seminararbeiten wie ihr kann ich hier nicht abliefern. Meine Bemerkung richtete sich an diejenigen, die hier mitlesen! Ob es die hier überhaupt gibt, kann ich nicht beurteilen.
Es ist nur als Empfehlung gemeint, sich selber zu informieren und ein eigenes Urteil zu bilden, keine Bewertung (Verteufelung) einfach anzunehmen, auf die
Scheren im Kopf zu achten usw.

“Gedankenverbrechen” ist m.E. ein Begriff, der von Verschwörungstheoretikern und “Rechten” gebraucht wird! Somit hat derjenige, der ihn gebraucht, schon verloren! Wer auf Orwell Bezug nimmt, ist hochverdächtig, ein Verschwörungstheoretiker … usw. wink
Wundert mich eigentlich, daß das hier erlaubt wird! wink

Yorick
Gast
Yorick
Nach langem Zögern möchte ich mich hier auch nochmal zu Wort melden. Ihr habt die Sache ja schon überaus ausführlich und fundiert diskutiert, aber aber ich möchte doch noch auf einen Punkt zu sprechen kommen, der bei Themen wie diesem m.E zu kurz kommt, obwohl oder vielmehr weil er damit nur indirekt zu tun hat, weil er auf einer grundsätzlicheren Ebene angesiedelt ist.

Jedesmal, wenn politische Kritik an bestimmten subkulturellen Phänomenen (Neofolk, EBM, NDH…) vorgebracht wird, scheint man dabei von einer unausgesprochenen Voraussetzung auszugehen: Es gibt bestimmte ästhetische, symbolische, religiöse, philosophische usw. Formen, die als solche rechtsradikal bis faschistisch SIND. Auch dieser Blog macht da keine Ausnahme, wie man etwa an der unseligen Uniform-Debatte merkt. Es ist ja tatsächlich so, dass es eine Zuordnung bestimmter Formen zu rechten Inhalten gibt: Das fängt bei Kleidungsstilen an (Uniformen habe ich schon angesprochen, wobei oft nicht differenziert wird, ob da mehr oder weniger einschlägige Symbole drauf sind oder nicht oder ob es sich überhaupt um MILITÄRISCHE Teile handelt – manchen reichen allein schon Stiefel für die Zuordnung, vgl. den Begriff “Stiefelnazis”), geht über Ästhetik im Allgemeinen (paradigmatisch: “Riefanstahl-Ästhetik”; in der Musik z.B. Stimme wie Donnerhall, rollende Rs…) bestimmte Symboliken (die immerhin ein GEWISSES Maß an Eindeutigkeit erlauben, die aber auch nicht in Stein gemeißelt ist, Symbole erhalten nämlich wie alle anderen Zeichen auch ihre Bedeutung durch ihre Verwendung – so wie das Petruskreuz z.B. auch nicht immer satanistisch bzw. antichristlich war) und gewisse religiöse (falls man das so nennen kann) Grundhaltungen (Magie, Naturreligion oder Okkultismus, Mythologie und ökologische Spiritualität im allgemeinen, vorchristliche Gesellschaften, insb. Germanen) und geht bis zur Philosophie bei den Gebildeteren (paradigmatisch nach wie vor Nietzsche als “Vordenker der Nazis”, weil man zwischen Faschismus und Aristokratismus, den ich übrigens kaum einen Deut besser finde, nicht unterscheiden kann; überhaupt ist es ein Unsinn, Philosophien auf bestimmte politische Aussagen festzunageln, es kommt nämlich immer darauf an, welche Gedanken man herauszieht und was man daraus macht – so überwiegen z.B. sogar in der Rezeptionsgeschichte des NSDAP-Mitglieds Heidegger eindeutig die linken Lesarten, umgekehrt gibt es auch z.B. bei Kant Aussagen etwa zur dunkelhäutigen Rasse, bei denen ich Mühe habe, meine Kotze runterzuschlucken). Die Zuordnung all dieser ideellen Formen zu rechtsradikalem Gedankengut wird selten hinterfragt, sondern in aller Regel als selbstverständlich hingenommen. Und das ist grundfalsch.

Nichts von alledem ist per se rechts. Und wie sollte es auch – haben doch die Rechten so gut wie keine eigenen Formen hervorgebracht, sondern stets bei Anderen abgekupfert und deren Formen mit ihren Inhalten BESETZT. Auch die Skinheads waren ursprünglich nicht rechts, sondern hier hat eben eine erfolgreiche Unterwanderung stattgefunden. Diese Vorgehensweise hat durchaus Tradition bei den Rechten: Auch Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts wie Wandervögel oder Lebensreformer wurden seinerzeit von SA und Hitlerjugend kopiert und vereinnahmt – und nach der Machtübernahme sämtlich verboten. Solche Zuordnungen gälte es also nicht unreflektiert nachzuplappern, sondern zu reflektieren und aufzulösen.

Was stattdessen geschieht, ist, dass der Rechtsextremismus auf seine – untergeschobenen bzw. sich selbst unterschiebenden – Formen reduziert wird. So ist es hierzulande Usus an Schulen, die Kids für das Thema Rechtsextremismus dadurch zu sensibilisieren, dass man ihnen zeigt, wie Nazis aussehen. Als ob Faschismus ein modisches Problem wäre und kein politisches! Ich halte so ein Vorgehen nicht nur für unnütz, sondern sogar für politisch gefährlich. Dies deshalb, weil der Blick abgelenkt wird von dem, was rechte Ideologien eigentlich ausmacht – und das sind eben immer noch ihre gedanklichen Inhalte, also ihre politischen Argumente. Ja, auch faschistisches Denken ist Denken, wenn auch verkehrtes. Und auch faschistische Argumente sind Argumente, wenn auch falsche. Das kann man nicht einfach unter Berufung auf angeblich mangelnde Bildung “der” Rechten vom Tisch wischen. Sondern man muss sich eben damit befassen (so wie es beispielhaft hier geschieht: https://youtu.be/mCse0eu-hnI ), nur dann erkennt man Rechtsdrehende zuverlässig, und zwar auch dann, wenn sie die oben aufgezählten Formen, die ja größtenteils abseits der ‘Mehrheitsgesellschaft’ stehen, nicht erfüllen. Rechtes Gedankengut ist nämlich kein Randgruppenphänomen, sondern eines der vielzitierten Mitte der Gesellschaft. Sein Kernelement, der Nationalismus, gilt nämlich leider auch den meisten demokraten in diesem Land als vollkommen selbstverständliche Voraussetzung des Zusammenlebens. Mir scheint, dass eine inhaltliche Betrachtung des Rechtsradikalismus in der bürgerlichen Öffentlichkeit vor allem deshalb unterbleibt, weil deren Resultate ein ziemlich schlechtes Licht auf Nationalismus und Nationalstaat werfen würden. Und schließlich – dieser Zusammenhang darf im Hinblick auf die Zielgruppe dieses Blogs nicht außer acht gelassen werden: Man könnte dabei auch glatt darauf stoßen, dass Subkultur vielleicht doch gar keine so tolle Sache ist, dass sie strukturell betrachtet bloß eine Nation im kleinen ist – der postmoderne Slogan “small is beautiful” greift hier eben nicht. Eine Gruppe ist nicht dadurch emanzipativ, dass sie klein ist; auf die Struktur kommt es an, nicht auf die Größe. Dass die meisten Linken heutigentags subkulturell organisiert sind, ist da eher ungünstig.

Um mal ein bewusst provokantes Beispiel zu geben: Linke sind immer gut dabei, wenn es darum geht, rechte Fackelmärsche zu blocken, aber auf die Idee, selbst welche zu organisieren, kommt man nicht. Warum eigentlich nicht? Wenn man weiß, dass die Rechten mit den Formen, die sie verwenden, Leute ködern können dass sie damit also offensichtlich reale Bedürfnisse bedienen, wäre es doch strategisch naheliegend, sie auch zu verwenden und mit den eigenen Inhalten zu besetzen. Was stattdessen geschieht, ist, dass die Menschen mit ihren Bedürfnissen beschimpft werden, die sich davon ködern lassen. Da fallen dann Vokabeln wie “Regression” und ähnlicher Blödsinn. Man gibt also der Gegenseite recht, wenn sie die Formen für sich reklamiert – obwohl das sachlich falsch ist. Wer z.B. die alten Germanen für faschistisch hält, wiederholt eine Lüge des dritten Reiches. Genau diese Lüge ist aber weithin geteilter Konsens sowohl in der linken Szene als auch in weiten Teilen der bürgerlichen Öffentlichkeit.

Daraus folgt zweierlei. Erstens werden Menschen, die ein Bedürfnis nach erwähnten Formen haben, von diesen keineswegs lassen, wenn man ihnen die Auskunft erteilt, dass es sich um “rechte” Formen handelt. Sie werden sich im gegenteil den Rechten dann erst recht zuwenden. Als vermeintlich (aufgrund der Formen) “erkennbarer” Rechter ist man in der Gesellschaft nämlich eine Persona non grata – außer eben bei den Rechten. Und zweitens können Rechte im sicheren Wissen, dass keine Gegenbesetzung folgen wird, immer mehr Formen der Gegenseite in unberührbare braune Scheiße verwandeln. Die haben nämlich ihrerseits, wie seit jeher, keinerlei Scheu, sich linke Codes zu eigen zu machen. Heutige Rechte tragen Che-Guevara-T-Shirts, weil der ja ein “Nationalheld” sei, der sein Land nicht von einer Ausbeuterklasse, sondern von der “Fremdherrscheft” durch eine andere Nation befreit habe. Dieses unwürdige Katz-und-Maus-Spielchen wird absehbar so lange weitergehen, nis es nur noch braune Scheiße gibt. So reibungslos funktioniert bei uns der Fluch der braunen Hand.

Die Gründe für das Verhalten der Linken zu diskutieren würde an dieser stelle zu weit führen. Es hat aus meiner Sicht vor allem zu tun mit einem von Marx übernommenen falschen Geschichtsbild, das das historische Geschehen als “Fortschritt” begreift, um sich selbst an dessen speerspitze zu setzen und dann herausnehmen zu können, auf alles andere als angeblich unterentwickelt oder “regressiv” herabzusehen. Daher der Drang, sich von den Rechten auf Teufel komm raus nicht nur politisch-inhaltlich unterscheiden zu wollen, anstatt die von ihnen besetzten Formen gegenzubesetzen.

Vom Thema des Artikels haben wir uns nun weit entfernt, ich weiß. Was ich also abschließend noch zu Neofolk im speziellen bemerken könnte, wäre vielleicht, dass es eben nicht reicht, sich darauf zu berufen, man sei ja unpolitisch (wie es Jännerwein in ihrer Gegendarstellung tun). Wo man sich aufs Unpolitische zurückzieht, bleibt die rechte Besetzung unangetastet. Stattdessen gälte es, explizit linke Inhalte dagegenzusetzen, zumindest aber sich hinreichend deutlich gegen rechts abzugrenzen.

Fraoch
Gast
Fraoch
Das es gälte rechten Vereinnahmungsversuchen, linke Inhalte entgegenzusetzen, halte ich für verkehrt. Es kann ja nicht der eine Dogmatismus durch den anderen ausgeschlossen werden.
Yorick
Gast
Yorick
Nun, das würde zumindest die nötige Gegenbesetzung leisten.

Im übrigen halte ich es für problematisch, in puncto Dogmatismus Links mit Rechts gleichzusetzen. Das mag auf linksRADIKALE zutreffen. Im allgemeinen aber bemüht sich linke Theorie um Objektivität (deswegen hieß es ja auch mal “wissenschaftlicher Sozialismus”). Wenn man da keinen Unterschied sehen mag zur Rechten, die sich heute das Postfaktische auf die Fahnen schreibt, finde ich das nicht vernünftig.

Fraoch
Gast
Fraoch
Na, aber von Interpreten eine bestimmte politische Haltung erwarten ist doch blanker Dogmatismus. Nicht meine Tasse Tee. Ich wünsche mir von den Musikern und Journalisten allerdings einen sensibeleren Umgang, und gerade in den kritischen Fragen eine Positionierung, damit sich jeder Rezient entscheiden kann ob er den Interpreten mit der Aussage protegierten mag oder nicht. Wie steht xy zum außergesellschaftlichen elitär-romantischen Einzelkämpfer, zur Festung Europa, zu sozialdarwinistischen Erklärungsmustern der gegenwärtigen gesellschaflichen Realität, zur Vorstellung von einer überlegenen Kultur, Kaste oder Rasse etc.?
Eine Verpflichtung auf eine konkrete Ideologie erscheint mir allerdings verfehlt. Ich kann doch nicht erwarten, dass xy meine Meinung vertritt, ich erwarte nur, dass xy überhaupt mal was dazu sagt, dann kann ich immer noch entscheiden wie ich das aus meiner linken popkulturell-kritischen Sicht finde.
Yorick
Gast
Yorick
Es gaht auch nicht darum, Interpreten eine bestimmte politische Haltung vorzuschreiben. Das ist ein Missverständnis. Wichtig finde ich aber, dass es ein (auch nach außen hin) erkennbares Gegengewicht gegen die rechten Tendenzen gibt, die es im Neofolk, und das ist auch der Unterschied etwa zu EBM und NDH, tatsächlich geschafft haben, ihn IN TEILEN zu vereinnahmen. Ich glaube wir reden da gerade ein bisschen aneinander vorbei und meinen im Prinzip so ziemlich dasselbe. Was du oben über ambivalenzschaffende Stilmittel bei Neofolk- Konzerten (z.B. Gay-Rights-Fahne oder Schwulenpornos) schreibst, entspricht in etwa dem, was ich mit Gegenbesetzung meine. Oder stell dir z.B. mal einen Fackelmarsch mit Anarchiefahnen vor. Es geht darum, den Rechten ästhetische Felder zu entreißen statt sie ihnen zuzuweisen und diese Zuweisungsn immer wieder zu reproduzieren. Da kommt dann nämlich genau das Kommen-Klatsch-Klatsch-Gehen heraus, das du oben bemängelst.

Im übrigen ist eine politische Haltung nicht zwangsläufig Ideologie. Ob sie es ist oder nicht, hängt davon ab, inwiefern sie sich auf objektive Tatsachen stützen kann. Eine Ideologie ist eine falsche Theorie, die einseitig den Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen dient. Dass es da natürlich fließende Übergänge gibt, ist mir bewusst.

Dass der “außergesellschaftliche elitär-romantische Einzelkämpfer” per se politisch rechts stünde, sehe ich nicht so. Das kann eine mögliche Konsequenz sein, ja. Aber das kommt sehr darauf an, wie man für sich “Elitär” definiert.

Fraoch
Gast
Fraoch
Ich gehe nicht vom marxistischen, sondern vom soziologischen, und damit allgemeineren, Ideologiebegriff aus. Also die Ideologie als die Gesamtheit des Wertekanons und der Grundüberzeugungen einer Gruppierung.
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Ambivalenz halte ich für hoch Bedeutsam, allerdings, zweifele ich daran, dass diese Ambivalenz dabei in eine politische Richtung zu weisen hat. Eher hat sie die Aufgabe die dargebrachte politische Richtung zu konterkarieren.
Vielleicht sind wir an diesem Punkt sehr nah beieinander.

Aber, welche ästhetischen Felder sollen denn den Rechten wie entrissen werden ohne absurd oder affirmationsfähig zu werden? War nicht dies möglicherweise das Thema welches den Neofolk in die linke Kritik und rechte Affirmationsversuche drängte? Die vermeintlich losgelöste Adaption einer rechten Ästhetik, welche sich dann doch zeitweise in der Affirmation verlor?

Umgekehrt handhaben Rechtsextreme es seit einer ganzen Weile so. Die Rechten haben sich seit ein paar Jahren auf die von Links etablierten Aktionsformen zurückgezogen. Die AN, kopieren die autonome Szene. Die Identitären kopieren die Aktionsformen von Greenpeace und zum Teil von Occupy, PEGIDA adaptierte die Montagsdemonstrationen der DDR… Dabei sind das alles Methoden die, weil sie seit Jahren auf Akzeptanz stoßen nun ebenso Akzeptanz, ungeachtet des konträren Paradigmas, erfahren. Die linke Ästhetik transportiert nun schon lange den rechten Inhalt wobei Rechtsextreme sich indess die Auseinandersetzung auf die packenden Emotionen reduzieren und die eigentliche Auseinandersetzung übergehen.

Ich kann mir, gerade darum, nicht vorstellen, dass es allein um Ästhetik gehen sollte. Was das angeht hat dadurch kaum jemand was gewonnen. Meiner Überzeugung nach spielen Emotion und PC-Tabus die tragende Rolle des derzeitigen Vormarschs rechter Gruppen.
Das sollte man dialogisch aufgreifen und mit Inhalt, sprich mit den heute zunehmend verpönten Fakten, konfrontieren. Das ästhetische Aufgreifen rechter Ausdrucksformen, nähme den Rechtsextremen keinen Fuß breit des von ihnen emotional besetzten ideologischen Raumes, würde die Gruppe aber vielleicht karrikieren. Ich habe kein Problem damit, aber ich sehe den Sinn anders besetzt.
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Die Idee vom außergesellschaftlich elitär-romantische Einzelkämpfer wird da, wo sie zur Selbsterhebung über die als nieder empfundene Masse dient zum Vehikel von Sozialdarwinismus und ettlichen Varianten des Chauvinismus. Sie negiert so den grunddemokratischen Gedanken der Egalität.

Yorick
Gast
Yorick
Mag sein, dass der soziologische Ideologiebegriff der allgemeinere ist. Der marxistische ist dafür der ursprüngliche *ätsch*

OK, Spaß beiseite. Ich halte im allgemeinen von der Soziologie nicht viel, weil sie mit ihrem Systembegriff einer veralteten Kollektividee anhängt, die sich aus ihren historischen Entstehungsbedingungen (frühes 19. Jahrhundert, also die Zeit, in der auch der Nationalstaat entstand) erkärt. Bezeichnend genug, dass der Vater der Soziologie Auguste Comte zugleich einer der Begründer des Normalismus ist: http://www.gbv.de/dms/faz-rez/F19970822STINGEL100.pdf Auch der Neotribalismus, also die falsche Auffassung, bei Subkulturen handle es sich um postmoderne Stämme, ist ein soziologischer Hirnfurz. Nötig wäre m.E. heute die Ersetzung des Systemdenkens der Soziologie durch eine Theorie der Netzwerke von Akteuren, die imstande wäre, vernetzte dezentrale Strukturen zu begreifen.

Zum eigentlichen Thema: Selbstverständlich kann es nicht allein um Ästhetik gehen. Für ganz und gar unwichtig halte ich dieses Feld aber angesichts seines Agitationspotentials auch nicht. Gerade weil es an die Emotionen apelliert. Linke haben zwar die besseren Argumente, aber das bringt nicht viel, wenn sie sie nicht auch zur Geltung bringen können. Wenn man den Appell an emotionale Bedürfnisse den Rechten überlässt, muss man sich nicht wundern, wenn sie damit auch entsprechende Agitationserfolge einfahren. Das war ein Hauptfehler schon der Linken in der Weimarer Republik. Mit einer hierarchisierten Entgegensetzung von Verstand und Emotion kommt man nicht weit.

Das Bild, das du zeichnest – rechte Besetzung linker Codes klappt prima, Gegenbesetzung aber ist “absurd oder affirmationsfähig” – ist mir daher zu defätistisch. Man kann doch nicht im Ernst den Rechten immer mehr Agitationsmaterial überlassen.

Mir geht es im Kern um diejenigen Neofolker, die nicht rechts sind. Sollen die auf die linken ‘Kritiker’ hören, die ihnen sagen “Pech gehabt, dann hör halt andere Musik”? Soll man sie ernsthaft vor die Alternative stellen, entweder ein Bedürfnis zu unterdrücken oder bei den Rechten unterzuschlüpfen? In so einer Situation haben rechte Ideologen leichtes Spiel. Linke Kritik und rechte Affirmationsversuche reproduzieren und verstärken sich so gegenseitig. Um dem entgegenzutreten, müssten Neofolk-Bands sich politisch klar gegen rechts positionieren – was wohlgemerkt etwas anderes ist als sich aufs Unpolitische oder auf irgendwelche dekonstruktiven Spielereien zurückzuziehen.

Was die PC-Tabus angeht, stimme ich dir vollkommen zu. Da hat sich die westliche Linke nach 89 wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Nach dem ‘Marsch durch die Institutionen’ hat man es nicht mehr so mit ernsthafter Kritik. Lieber ist man päpstlicher als der Papst und gängelt die Leute mit Sprach-, Hör-, Kleidungs-, Ess- etc. pp.-Vorschriften. Und gibt den Rechten Gelegenheit, sich mit ihrem autoritären Quark von anno dazumal auch noch als Rebellen aufzublasen.

Nochmal zum außergesellschaftlichen elitär-romantischen Einzelkämpfer: Wie gesagt, halte ich in dieser Frage für entscheidend, wie sich das Elitäre definiert. Ich für meinen Teil halte es für schwer bestreitbar, dass es Menschen gibt, die intelligenter sind als andere. Oder wenn dir Intelligenz zu biologistisch ist: Dass manche Menschen über mehr bzw. objektiveres Wissen verfügen als andere. Beispiel: Ist ein Evolutionstheoretiker gegenüber einem Kreationisten elitär? In gewisser Weise schon. Und zwar gerade dann, wenn es sich nicht um eine Frage kognitiver Kapazitäten oder verfügbarer Informationen handelt, der Kreationist also, wenn er wollte, durchaus die Falschheit seines Weltbilds einsehen könnte, sich aber weigert. In einem sozialen Umfeld, das mehrheitlich aus Kreationisten besteht, wie es etwa im Bible-Belt der USA der Fall ist, wird also der Evolutionist gut daran tun, an seiner elitären “Selbsterhebung über die Masse” festzuhalten. Dass das letzterer nicht schmeckt, liegt in der Natur der Sache, und daraus lässt sich auch wunderbar politisches Kapital schlagen – siehe Trumps Anti-Elite-Wahlkampf. Aber fest steht, dass ein solcher Elitarismus nichts zu tun hat mit Sozialdarwinismus oder Chauvinismus und auch nicht die grunddemokratische Egalität konterkariert – eher das Gegenteil. Ich sage jetzt etwas, was du womöglich scheußlich finden wirst, aber: Wahrheit ist keine Frage demokratischer Mehrheiten. Der Sermon, den Kreationisten, Anthroposophen, ‘Klimaleugner’ u.ä. verbreiten, bleibt falsch, auch wenn er Mehrheiten gewinnt. Er ist es in gewisser Hinsicht dann erst recht, weil er schlimme politische Folgen zeitigt.

Fraoch
Gast
Fraoch
Soziologie und Subkultur
Naja der Systembegriff der Soziologie ist nicht gerade einheitlich. Seit Comte hat sich da ja enorm viel getan und die Soziologie hat sich in eine Vielzahl an Schulen aufgespalten, die alle unterschiedliche Betrachtungsweisen mit sich bringen. Denk nur an die Lehren von Luhmann, Bourdieu, Foucault, Derrida, Habermas, Horkheimer, Adorno, Lyotard, Beck oder Mead. Jeder oder fast jeder bring eine eigene Vorstellung davon wie die Gesellschaft als System beschaffen ist und wie sich das Verhältnis von Individuum zu Gesellschaft verhält ein woraus ganz andere Formen der Betrachtung der Gesellschaft entstanden, ähnlich der Psychologie, die sich seit Freud in unterschiedlichste Richtungen entwickelte. Ähnliches gilt für die Betrachtung der Subkulturtheorie, die in ihrem Ursprung auf regionale kriminelle Gruppierungen zielte Gordon und Cohen, welche diese Theorie begründeten, zielten eigentlich nicht darauf postmoderne jugendkulturelle Entwicklungen aufzuschlüsseln, sondern darauf moderne kriminelle Gruppierungen (meist junger Erwachsener OMCG und Mobster etc.) mit informeller Struktur zu analysieren. Das Prinzip der Stammestheorie griff in diesem Punkt sehr gut und ließ sich DAMALS auch auf weitere Formen regionaler Gruppen anwenden. Entsprechend wurde die Idee lange verwässert und ausgeweitet, auch weil es lange keinen neuen Ansatz gab. Wobei man das was damals als Subkultur bezeichnet wurde heute eher unter dem allgemeinen Terminus der sozialen Gruppe in unterschiedlichen Abstufungen fasst und nicht mehr generalisiert als eigenständige (Sub)Kultur. In einer sehr losen Auslegung des Stammes konnte man regional subkulturelle Erscheinungen als geschlossene Identifikationsgruppen mit gemeinsamen Ritualen, gemeinsamen Normen, Werten und gemeinsamen Fetischen betrachten. Wobei hier auch schnell von Kritikern auf die Risse in dieser sehr allgemeinen Betrachtung hingewiesen wurden. In den 1990ern galt die Stammestheorie jedenfalls nur noch als bedingt greifend. Was sich insbesondere aus überregionalen Selbstorganisationen der eigenständigen Jugendbewegungen ergab. Vor allem spezialisierte Musikzeitschriften und Fanzines in der Folge des Punk-Clashs veränderten seit den späten 1970ern die Wahrnehmung von Jugendkulturen und das Theorem des Stammes zerfaserte zusehends, an den Rändern durch den überregionalen, teils internationalen Charakter von jugendkulturellen Ausdrucksformen. Mit der Digitalisierung der Kommunikation radikalisierte sich dieser Punkt. Heute findet der Begriff der Subkultur daher auch kaum mehr Anwendung. In der Soziologie ist heute der Begriff der Szene geläufiger. Wobei eine Szene eben genau den Unterschied beschreibt und als loses soziales Netz begriffen wird. Durchlässig, Unscharf mit zentralen Akteuren und Medien, überregionalen, teils internationalen Erkennungsmustern, Erlebnisorten und Vergemeinschaftungsformen etc. Der Begriff der Subkultur hingegen wurde erneut zurückgedrängt auf Gruppierungen welche die gesamten Normen und Werte der beteiligten Personen im Kontrast zur Gesamtgesellschaft vollumfänglich bestimmen. Eine eindeutige hundertprozentige Trennung ist natürlich nicht gegeben. Bei Gruppierungen wie z.B. den Crusties fällt es schwer zu sagen ob es nun Szene oder Subkultur ist, aber das es eine sehr ausgearbeitete Differenzierung zwischen Szene und Subkultur gibt, ist eigentlich seit Jahren in der Soziologie Stand der Dinge.

Vom Verstand und den Gefühlen

Mit einer hierarchisierten Entgegensetzung von Verstand und Emotion kommt man nicht weit.

Puh, nein sicher nicht, aber darum ging es mir auch nicht.
Allerdings sollte man eine Lüge eben eine Lüge nennen, eine Unwahrheit enttarnen und auf die Wahrheit hinweisen. Problematisch sehe ich die Form der Gefühle an welchen hier angesetzt wird. Rechtspopulisten nutzen Angst und Neid. Mittlerweile versuchen Linkspopulisten ins gleiche Horn unter variierten Bedingungen (wieder) zu blasen und geben den Rechten damit in vielen unsinnigen Kritikpunkten insgeheim Recht. Was Lafontaine und Wagenknecht vor einigen Monaten so alles vom Stapel gelassen haben war fast der gleiche Bockmist wie das was Von Storch und Höcke von sich gaben, mit dem feinen Unterschied, dass die einen von der deutschen oder abendländischen Kultur als Opfer sprechen und die anderen von der (deutschen) Arbeiterklasse. Die da oben sind die Bösen, der Amerikaner als solcher ist eh Böse etc. der arme weiße abendländische Arbeiter ist so oder so das Opfer der Agitation von weltweiten Entwicklungen. Ungeachtet der Tatsache, dass es dem armen weißen abendländischen Arbeiter mit Krankenkasse-, Sozial- und Rentensystem immer noch besser als dem Rest der Welt geht… Damit ist keinem gedient und nichts gewonnen.
Am Ende ist das tatsächliche Problem, dass keiner ernsthafte Antworten auf die Probleme der Globalisierung hat. Die Populisten werfen mit Schuldzuweisungen um sich ohne ernstzunehmende Antworten anzubieten und nutzen die Ängste der Bevölkerung zum Stimmenfang, die regierenden Politiker hingegen regulieren nur noch am nationalen Markt ohne wirklich Auskünfte darüber zu geben, was und warum was am globalen Markt geschieht. Diese Ängste vor dem unkontrollierten globalem Markt ist laut Statistik der Hauptanlass sich den Rechten zuzuwenden. Faszinierenderweise ist die AfD gerade in Wirtschaftsfragen eine extrem liberale Partei, unter welcher es kaum Marktregulierungen geben würde. Die Sehnsucht nach einer regressiven Gesellschaftsordnung wie wir sie vor 40 Jahren hatten rührt dennoch aus der Angst im Zuge der Globalisierung an Wohlstand einzubüßen, kann aber nicht real durch einen Regress in den Nationalstaat befriedigt werden. Einige der mit dem Westen konkurrierenden Global-Player unter den Nationen Russland, China und Indien ebenso wie die marktführenden internationalen Konzerne (z.B. Amazon, Google, Bayer, Nestle etc.) scheren sich nicht um solche Rückwärtsbewegungen. Entsprechend kann auch der Nationalismus keine adäquate Antwort auf die brennenden Fragen nach der Zukunft geben. Was geschehen müsste, wäre eine globale Regulierung des Marktes und davon ist die Welt so wie es heute aussieht noch Jahre entfernt.

So oder so, den Un- oder Halbwahrheiten, Angst- und Neiddebatten (Make America Great Again) der Populisten kann man neben Wahrheiten natürlich versuchen mit Hoffnungen und Idealen (Stronger Together) zu begegnen. Ich glaube nur nicht, dass man die Begrifflichkeiten der Angst- und Neiddebatten von der Abendlandkultur zur Arbeiterklasse ersetzten sollte um den Rechtspopulisten Wind zu nehmen. Falsch bleibt falsch, egal woher es kommt, egal wohin es weist. Und wenn ein politisches Lager, dass sich die Solidarität groß auf die Fahne geschrieben hatte plötzlich in eine Neiddiskussion, darum wer nun etwas bekommt und warum das was der da bekommt nicht jemand anderes schon längst bekommen hat, einsteigt, macht sich die Partei auf lange Sicht unglaubwürdig. Ich glaube auch nicht, dass es langfristig funktionieren wird. Die Linke tat sich mit diesen Einwürfen in die Diskussion langfristig daher keinen Gefallen. Den Vorwurf des populistischen Opportunismus durften sich die beiden lautesten Linken in der Diskussion ja seither gefallen lassen. Von daher bin ich einfach dagegen in diese Angst- und Neiddebatte in dieser Form einzusteigen. Natürlich greifen Emotionen besser als rationale Erläuterungen und gewiss greifen negative Emotionen auch besser als utopisch-idealistische. Doch sich darauf einzulassen, d.h. die Ängste und den Neid nur in eine andere Richtung lenken zu wollen, bedeutet am Ende nicht nur sich von den Populisten vorantreiben zu lassen, sondern auch ihnen Recht zu geben. So kann das nichts werden, so endet die Demokratie in einer von Ängsten gesteuerten Ochlokratie. In diesem Sinn gebe ich dem guten Argument, der Wahrheit, dem Ideal und der Hoffnung immer den Vorrang. Nicht nur die nationale, sondern vielleicht die internationale Politik sollte endlich wieder Visionen von einer gerechten besseren Gesellschaft und ja von einer global besseren Gesellschaft entwickeln, anstatt sich in endlosen und nutzlosen Diskussionen um Schuldzuweisungen und Verlustängsten hinsichtlich der realen und imaginierten negativen Auswirkungen der Globalisierung zu verlieren.

“Right-wing commies. Leftist Nazis.” (Type O Negative: We Hate Everyone)
Dem schließt sich unweigerlich die Fragen nach den Besetzungen von linken und/oder rechten Codes an. Letztendlich geht es meiner Meinung nach um Inhalte und nicht um Methoden. Es geht auch nicht darum, dass irgendwem Agitationsmaterial überlassen würde. Erstrecht wird dabei nichts überlassen, die Rechtsextremen haben akzeptierter Formen der Agitation adaptiert, dennoch hat niemand anders diese Formen deshalb abgelegt. Die Rechtsextremen haben selbst allerdings bis heute kaum akzeptierten Formen der Agitation entwickelt. Die Aufmarschvarianten, waren Instrumente der Ängstigung, die dazu dienten über die Präsentation von Masse, Einheit und Totalitarismus ihr Gegenüber einzuschüchtern und durch die Vermeintliche Stärke gerade solche Jugendliche zu mobilisieren, die sich als Schwach empfanden und nach Einheit sehnten. Wozu sollte man das von Links oder aus der Mitte aufgreifen? Abgesehen von den ganz radikalen Rechten haben selbst die Rechten kaum mehr Interesse daran, das zu nutzen. Die möchten heute im Volk ankommen und das Volk sein. Was die allerdings geschafft haben und woran sich alle anderen politisch aktiven Orientieren sollten, ist die Verankerung der eigenen Ideale in der Bevölkerung über Jahre der Graswurzelarbeit. Auch das hatte sie (in Deutschland vornehmlich die NPD, in den USA war es die Tea-Party-Bewegung, in Frankreich die Front National) von Linken (vornehmlich von Anarchosyndikalisten) abgekupfert und über Jahre in Quartiersarbeit, Bürgerberatungen etc. in die Gesellschaft geträufelt. Gerade das Misstrauen gegenüber den etablierten Parteien wurde so über Jahre geschürt. Da ist ein Punkt an welchem sich gerade deshalb die etablierten Parteien, aber auch sonstig politisch Interessierte neu ausrichten müssen: Die politische Basisarbeit muss wieder in den Fokus gestellt werden. Dazu muss der Informationsfluss über die politischen Entscheidungen verbessert werden, die politische Arbeit muss klarer und präsenter benannt werden etc. pp.
Was solche Fackelmärsche angeht stelle ich mir da am ehesten in der Variante vor die Henry Rollins für den Klan im Kopf hätte (wenn er Präsident wäre).

Die Aufgabe der Interpreten

In so einer Situation haben rechte Ideologen leichtes Spiel. Linke Kritik und rechte Affirmationsversuche reproduzieren und verstärken sich so gegenseitig. Um dem entgegenzutreten, müssten Neofolk-Bands sich politisch klar gegen rechts positionieren

Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Das beginnt schon bei der Frage welches Rechts überhaupt gemeint ist, wie man rechts definiert und geht über diese Diskussion stets zu der Frage über gegen welche rechten Positionen man sich jetzt warum genau stellt? Als Pearce damals das Statement des Dark-X-Mas verweigerte ging es ihm, so seine Stellungnahme, zuvorderst darum sich an keiner vereinfachenden und vorgefertigten politischen Aussage zu beteiligen. Mit einfachen Statements, die durchaus ihre Berechtigung haben können, ist gerade für kontroverse Gruppen am Ende allerdings auch nichts gewonnen. Ich zeigte oben schon auf, dass man viele der Aussagen aus dieser Richtung umdeuten und unterstellend ergänzen kann. Knappe verkürzte Statements bringen meist einfach nichts. Entweder gibt es eine angemessene Diskussion mit dem Interpreten oder es gibt sie nicht. Aber das Pearce sich von je gegen gewalttätige Angriffe mit chauvinistischer Begründung wandte und das auch ausdrücklich nach seiner Weigerung das von Bruno Kramm verfasste Statement zu unterzeichnen betonte, wird bis heute in der Diskussion um Di6 von den Kritikern übergangen, eben weil man es in den Kontrast anderer Aktivitäten und in den Kontrast seines Werks stellen kann. Douglas Pearce ist halt nicht Farin Urlaub oder Campino, die mit einem solchen Statement einen ganz anderen Bedeutungshintergrund erfahren und deren derartige Aussagen in den entsprechenden antifaschistischen Kontext gestellt werden. Mit Campino wird niemand über potentielle Elemente rechtsextremer Ideologien in seinem Œuvre debattieren, wenn er sagt dass er rechtsextreme Gewalt ablehnt, mit Pearce würde diese Debatte garantiert, zumindest von Links, geführt werden wollen. Entsprechend stehen kontroverse Gruppen in der Zwickmühle sich entweder ausführlich zu äußern oder weiterhin als ambivalent und damit auch als Affirmationsfähig wahrgenommen zu werden. Wie ich schon schrieb, geht es gerade hier um Inhalte und nicht um einfache Pauschalstellungnahmen und Allgemeinposten. Das können als Linke bekannte Interpreten ohne weiteres bringen. Die als kontrovers geltenden Interpreten hingegen werden sich damit ewig schwer tun und sie werden vermutlich auch nur schwerlich damit akzeptiert werden. Das Nolte nach seinem Rauswurf aus der Sitte-Galerie noch mal betonte sich nicht für Politik zu interessieren und sich selbst nicht als Rechten oder Rechtsextremen zu verstehen wurde von seinen lokalen Kritikern ja auch nicht wirklich honoriert. Der eine sagte er hofiert die rechtsextreme Szene, der andere sagte gar er gehöre zu dieser Szene und so werden solche einfach gehaltenen Aussagen zumeist als Lippenbekenntnisse abgetan oder gleich in einen anderen Bedeutungskontext gestellt.

Der außergesellschaftliche elitär-romantische Einzelkämpfer
Es geht dabei nicht nur um das elitäre sondern beschreibt ein Gesamtpaket. Der außergesellschaftliche elitär-romantische Einzelkämpfer ist eben jene utopisch idealisierte Figur die man bei Mishima, Jünger oder Evola findet. Ein über den Dingen stehender und sich gedanklich aus der Gesellschaft separierender Mensch, welcher der eigenen Vorstellung nach erhaben über den Normen und Werten der Gesellschaft steht und sich deshalb von dieser vermeintlich stumpfen Masse als übergeordnete Entität abgrenzt. Eine menschliche Lichtgestalt, ein tanzender Stern jenseits der gesellschaftlichen Konvention, ein Ideal der menschlichen Existenz. Sprich eine Vorstellung von einem Selbst die davon ausgeht, dass es eine unbestreitbare Legitimierung der Erhebung einzelner über den generalisierten Anderen gibt. Also eine Legitimierung der dauerhaften gesellschaftlichen Elitenbildung, welche dabei einhergeht mit einer romantischen, d.h. einer in die Vergangenheit weisenden, Rechtfertigung für diese Elite. Die Selbstverortung über den Dingen – Anstatt als Teil der Gesellschaft. Im steten (teils passiven) Wiederstand zur vorherrschenden Ordnung, mit einer Rechtfertigung aus einer nebulösen Kulturgeschichte und dem Traum von einer Aristokratie des erhabenen Geistes und der erhabenen Seele, welchem man indes natürlich selbst angehört.
Alle anderen haben sich dem Geist des erhabenen zu beugen oder werden vergehen. Kein demokratisch denkender Evolutionist wird sagen, dass er nur weil er weiß, dass er im Recht ist und die Erde älter als 5000 Jahre ist, der bessere Mensch mit einem größeren Recht auf Existenz ist, als der Kreationist. Er wird lediglich seinen intellektuellen und wissenschaftlichen Vorteil herausstellen. Der außergesellschaftliche elitär-romantische Einzelkämpfer geht hingegen schon in der Selbstdefinition als besserer Mensch davon aus, dass er als erhabenes und außergesellschaftliches Wesen ein höheres Recht auf Existenz als die Masse besitzt. Unter einer solchen Perspektive auf sich Selbst kann Individualismus zum Egozentrismus mit fatalistisch-sozialdarwinistischer Haltung geraten. Wenn ich als Individuum über der Gesellschaft stehe, ist meine Existenz mehr Wert als die des Anderen, der nur Teil einer stumpfen Masse ist. Mein Wohlergehen und mein wahrer Wille steht dann nicht mehr im Kontrast zum wahren Willen meines Gegenübers, sondern ausnahmslos im Zentrum meiner Weltordnung, die Auseinandersetzung mit meinen Entscheidungen, Handlungen und deren Folgen für andere wird dadurch obsolet. Was bleibt ist die platonische Variante der Oligarchie, die am Ende eigennützige Herrschaft weniger über viele. Denn eine dem Gemeinwohl dienende Herrschaftsform weniger über viele würde ein anderes, weniger idealisiertes und sicherlich kein erhaben-elitär-außergesellschaftliches Selbstbild voraussetzen. So oder so würde diese Vorstellung von einer Gesellschaftsordnung den Gedanken der Egalität negieren.

Trumps Elitarismus
Die Fragen die Du aufwirfst sind demnach keine die im Kontrast zu meinen Aussagen stehen. Vielmehr schlägst Du zum Teil in die gleiche Kerbe:
z.B. Trumps Wahlkampf war geprägt vom Elitarismus des weißen Amerikaners, sowie von der Neiddiskussion und Angstmacherei. Ein Slogan wie Make America Great Again sagte alles aus, was es zu seinem Wahlkampf zu Wissen galt. Er unterstellte gleich diverse Faktoren, die genau diesen Glauben wichtiger und besser zu sein ansprach:

* Amerika war eine große Nation, ist es aber nicht mehr.
* Der vermeintliche Niedergang der amerikanischen Größe lässt sich umkehren.
* Trump habe ein Rezept um diese Umkehr zu bewirken.

Wer den Wahlkampf auch nur im Detail verfolgte konnte sehen wie elitär-chauvinistisch Trump diese Vorstellungen vom Niedergang der einstigen kulturellen, ökonomischen, militärischen Überlegenheit der Nation die bei ihm auf den weißen männlichen Amerikaner heruntergebrochen wurde, aufgeladen hatte. Trump stellte eine solche rassistisch aufgeladene Elitenvorstellung gegen die Probleme der Globalisierung welche er auf politisch und ökonomisch Etablierte und Mächtige projizierte: Der heterosexuelle weißer nicht-muslimische, bestenfalls protestantische Mann als amerikanische Elite und daher als Ziel seiner politischen Handlungen. Der ganze Wahlkampf war die Ankündigung den durch Obama in den Fokus gerückten Gedanken der Egalität und globalen Regulierung, zugunsten seines Kernklientels zurückzuschrauben. Mehr Liberalismus, weniger Solidarleistungen, mehr Law and Order weniger juristische oder soziale Toleranz, mehr Repression weniger Inklusion, mehr wirtschaftliche Isolation weniger globale Markregulierung. Auch da zurück zum Amerika von vor 40 Jahren (oder noch mehr), ungefähr der Zeitpunkt den man ausmacht in welchem Amerika im kollektiven Gedächtnis der Amerikaner mal vermeintlich Groß war. Das Amerika Prä-Globalisierung und Prä-3- und 4.-Industrialisierung, evtl. auch noch Prä-Vietnam-Krieg, deswegen vielleicht noch weiter als 40 Jahre zurück. Entsprechend kennzeichnet auch das Motto seines Außenpolitik-Programms America First seinen Unilateralismus, in dem Amerika als gänzlich Unabhängig und nur an den eigenen Belangen interessierte Nation ohne internationale Verpflichtungen steht. Wirtschaftlich, Militärisch und Sozial zielt seine Politik damit auf sein Kernklientel. Ob das so wie er sich das vorstellt funktionieren wird steht dabei immer noch in Frage aber, dass er all das im Sinn weißer heterosexueller und bestenfalls protestantischer Männer, also einer von ihm als amerikanische elitäre Basis ausgemachten Gruppierung, tun will, lag von Beginn seines Wahlkampfes an offen zutage. Wobei diese elitäre Basis hauptsächlich rassistisch aufgeladen war und nicht dem abgehobenen aristokratischen Bild vom außergesellschaftlich elitär-romantischen Einzelkämpfer entsprach.

shraegian
Gast
shraegian
@ +VLFBERH+T : “Eigentlich wollte ich eine Artikelreihe über Neofolk schreiben, meine ganz subjektive Meinung zu Szene, Szenerie und so weiter.” Warum machst Du das nicht trotzdem? Ja, mache es gerade, denn sonst haben die VerleumderInnen, DiffamatorInnen und GesinnungspolizistInnen gewonnen!
Hier wird es vielleicht noch weitere Seminararbeiten von linkInnen SoziologierendInnen geben, die wohl ihre MachwerkInnen nicht in wissenschaftlichen Medien veröffentlichen könnInnen. Darin wird es aber wohl niemals eine linke Selbstkritik geben, sondern nur immer wieder die gleichen verkrusteten Denkstrukturen intellektuell verbrämt (Ob das wirklich links ist?).
Und das Thema Trump gehört nun wirklich nicht hierher, Sonst können wir hier auch über Lenin, Stalin, Noske, Ebert, Brandt, Strauß, Merkel, Lincoln, Kennedy, den Papst, Mohammed, Jesus, Maria (vgl. Orplid wink ) usw. diskutieren

Also geschätzter +VLFBERH+T: Schreibe etwas über Musik! Mich würde das interessieren, ich könnte daraus was lernen, vielleicht viele, die hier nur mitlesen, auch! Frohes neues Jahr!