Der Wiedergänger läuft immer noch in den Strümpfen herum, die er sich im August eigenhändig ruiniert hat, trägt inzwischen aber zusätzlich einen nassen Waschlappen auf dem Kopf, weil ihm das Orakel für September einen kühlen Kopf empfohlen hat. Die Kröte am Brunnen des Frankfurter Hauptfriedhofs sieht großzügig darüber hinweg und richtet den Blick eine Reihe weiter: auf den Sarg. Dem hat Alana Abendroth zugeraunt, dass ihm Unehrlichkeit fremd sei. Er haue alles raus und sage, was er denkt. Komplimente, Vorwürfe, Unterstellungen, Frechheiten – jeder kriege sein Fett weg. Das sei einfach, wenn man finanziell unabhängig ist, hatte das Orakel noch hinterhergeschoben, und da fühlt sich der Sarg gleich doppelt angesprochen: Miete zahlt er keine, er ist die Wohnung.
Er notiert die vier Kategorien auf die Innenseite seines Deckels und macht sich auf den Weg zur ersten Indoor-Veranstaltung der Saison. Der Festivalsommer ist vorbei, die Clubs haben wieder auf, die Nebelmaschine läuft sich warm. Bisher lief das dort immer nach demselben Muster ab: Man sagt sich gegenseitig „schönes Outfit“, fragt, ob man ein Foto machen darf, sagt danach noch einmal „schönes Outfit“ und geht zur Bar. Der Sarg arbeitet stattdessen seine Liste ab. Das Kompliment geht an eine Kunstlederhose und ist ernst gemeint. Der Vorwurf geht an einen DJ, der seit drei Jahren dieselbe Übergangsplatte auflegt. Die Unterstellung betrifft eine Nietenjacke, die verdächtig gut sitzt für jemanden, der behauptet, sie erst gestern auf dem Flohmarkt gefunden zu haben. Die Frechheit hebt er sich für den Heimweg auf.
Am Ende der Nacht ist die Liste vollständig abgearbeitet. Vier Kategorien, vier Empfänger, sauber verteilt – „Kluges Auswählen ist jetzt dran“, hatte Alana Abendroth schließlich geschrieben, und der Sarg hat das als Mengenangabe verstanden. Dass ihn seitdem niemand mehr nach einem Foto fragt, fällt ihm gar nicht weiter auf. Alles genau so, wie das Orakel es vorhergesehen hat. Und was vorhergesehen ist, kann ja schließlich nicht schiefgehen.


