Cosey Mueller im Interview: Ich kann, wenn ich möchte. Aber ich muss nicht!

Aufgewachsen ist Cosey Mueller auf Kreta, in den Neunzigern, ohne Internet – dafür mit den Platten ihrer Eltern und dem griechischen Radio. Heute lebt Cosey Mueller in Berlin, macht Musik, die klingt, als hätte jemand DAF eine Punkgitarre in die Hand gedrückt, und trägt einen Künstlernamen, der sich vor Cosey Fanni Tutti von Throbbing Gristle verbeugt.

Der Weg dahin war ein Umweg. Mueller hat an der UdK Kunst studiert, spielte in den Punkprojekten DAS DAS und Glaas und kam erst in der Pandemie zu Drumcomputer, Effektgeräten und einem SH-101-Klon. Was als Experiment im eigenen Zimmer begann, ist inzwischen ein Soloprojekt mit vier Alben, deutschsprachigen und englischen Texten und einem Terminkalender, der kaum noch Platz zum Musikmachen lässt. Im Mai ist bei Bretford Records „Embodiment of Denial“ erschienen, Release-Konzert im SO36, kurz zuvor stand sie beim diesjährigen WGT auf der Bühne. Iggy Pop spielte ihren Song „Falsches Ding“ in seiner BBC-Sendung und befand, das klinge nach Berlin.

Ob das alles nun Schwarze Szene ist, will sie gar nicht entscheiden. Unser Autor Marc hat mit ihr über Herkunft und Einflüsse gesprochen, über die Erschöpfung nach dem fünfzigsten netten Gespräch am Merchstand, über Lob, das irgendwann nichts mehr wert ist – und über die Frage, wie Rebellion aussieht, wenn die Lederjacke mit Nieten längst im Kaufhaus hängt.

Hallo Cosey! Könntest du dich den Leserni kurz vorstellen und uns ein wenig über deinen musikalischen Werdegang verraten?

Cosey: Geboren wurde ich in Griechenland. Ich bin halb Deutsche, halb Griechin und daher zweisprachig aufgewachsen. Mit 20 Jahren bin ich nach Deutschland gezogen. Das war vor ungefähr 14 Jahren. Seit elf Jahren lebe ich in Berlin. Ich habe Kunst studiert, war aber immer in Kontakt mit Musik. Meine Mutter war private Musiklehrerin. Daher standen in unserem Wohnzimmer ein E-Piano und eine klassische Gitarre – die Instrumente konnte ich immer benutzen und damit spielen.

Mit elf oder zwölf Jahren habe ich ein paar Akkorde auf der Gitarre gelernt. Zur gleichen Zeit bin ich auf die ersten Punk-Sachen aufmerksam geworden und habe gemerkt, dass die gar nicht soo anspruchsvoll sind. Lou-Reed-Songs, bei denen es nur drei Akkorde gibt – mit ganz tollen Texten und ganz viel Emotion. Das habe ich anfangs imitiert.

Die Synthesizergeschichten kamen erst 2019 dazu. Ich hatte eine Rhythmusbox, ein paar Effekte und einen Kassettenrekorder. In der Pandemiezeit hatte ich viele Ideen und viel Zeit und habe angefangen zu experimentieren – ohne formale Ausbildung. Meine Vorstellung, dass man als Musikerin Sachen erfindet oder schafft, wurde sehr durch das Kunststudium beeinflusst. Daraus ist Cosey Müller als Soloprojekt hervorgegangen.

Spontis legt den Fokus bei den Inhalten meist auf die Schwarze Szene. Würdest du dich dazu zählen?

Cosey: Ich kann, wenn ich möchte. Aber ich muss nicht! Ich bin flexibel mit Stilrichtungen und Definitionen. Ich möchte mich nicht festlegen.

Und deine Fans?

Cosey: Wenn ich mir die Leute bei den Konzerten anschaue, ist es echt gemischt. Sowohl vom Alter als auch vom Stil. Sehr junge und auch etwas ältere Menschen – die aus den 80ern so ähnliche Sounds kennen und sagen: Wow, das erinnert mich daran.

Ich denke, das liegt an Musik und Stimmung. Natürlich ist es nicht so super poppig und fröhlich, das ist klar. Aber ich würde jetzt nicht sagen, dass ich bewusst in diese Richtung gehen wollte und ich weiß auch nicht, warum sich das so entwickelt hat. Meine Einflüsse sind auch sehr gemischt.

Cosey Muelle

Wer sind deine Einflüsse?

Cosey: Musiker, die mich sehr fasziniert haben, waren DAF oder allgemein NDW – auch Sachen, die nicht so bekannt sind. Das ist immer etwas schwierig…

…jemanden rauszupicken?

Cosey: Ja, genau. Ich habe ein paar Platten, bin aber keine Sammlerin. Um einen Überblick über Musik zu haben, die ich gut finde, müsste ich fast schon eine Liste machen.

Natürlich habe ich auch gehört, was gerade im Radio lief. Irgendwann habe ich David Bowie entdeckt und das war etwas völlig Neues für mich.

Durch das Internet konnte ich Bilder oder Videos von alten Liveaufnahmen sehen. Dieses Performative bei David Bowie hat mich sehr fasziniert. Dadurch hat sich eine Tür geöffnet, durch die ich einen Blick in die Vergangenheit erhalten habe – ganz viel Glam Rock, New York Dolls, Rock and Roll oder auch Punk.

Später dann auch viel zeitgenössische elektronische Musik, aber auch Pioniere wie DAF oder Kraftwerk. Auf jeden Fall eine Mischung aus alten und neuen Sachen.

Du hast auch auf dem diesjährigen WGT gespielt. Wie war das für dich?

Cosey: Es war cool. Ich war nur einen Tag da und konnte leider nicht viel sehen. Wir sind ziemlich spät gekommen, ich hab gespielt und ein wenig die Konzerte angeschaut.

Am nächsten Tag waren wir spazieren. So viele Leute zu sehen, die in einem bestimmten Style unterwegs sind, fand ich super cool.

Wie empfindest du deine eigenen Liveauftritte und wie gestaltest du die Interaktion mit den Fans?

Cosey: Ich würde sagen, das ist nicht mein Lieblingspart. Das Projekt war nie als Liveprojekt gedacht. Es hat sich ergeben, weil Interesse da war. Obwohl ich das sehr bewundere, wenn jemand gut performt – finde ich immer total super.

Für mich war es eine Herausforderung, auf die Bühne zu gehen, mich locker zu fühlen und zu wissen, was ich tue. Das hat mich eher überfordert. Aber jetzt, nachdem ich schon sehr viele Konzerte gespielt habe, habe ich einen Weg gefunden, auf der Bühne performativer zu sein und mit den Leuten zu kommunizieren.

Das ist auch eine Entwicklung meines Ausdrucks. Im Alltag darf man nicht rumschreien oder seine Gefühle zeigen. Auf der Bühne habe ich den Raum, Sachen auszuprobieren,  mich ein wenig zu öffnen und zu entwickeln.

Es ist eine ständige Weiterentwicklung. Wie man sich ausdrückt, wie man sich bewegt, wie man mit Menschen umgeht. Auch vor dem Konzert – es ist ein langer Prozess mit Soundcheck und Licht. Da habe ich mit der Zeit sehr viel gelernt. Die Leute sind meistens wirklich sehr cool und am schönsten ist es, wenn sie einfach tanzen und eine gute Zeit haben. Das ist so ein Hin und Her, wenn sich eine Energie entwickelt und sich das steigert – kann ich gar nicht genau erklären, was das ist oder wie das funktioniert.

Man muss nicht alles erklären. Ich habe Bilder von deinen Konzerten gesehen. Für mich sieht das schon sehr performativ aus. Du scheinst sehr viel Spaß auf der Bühne zu haben.

Cosey: Ja, inzwischen fühle ich mich besser. Ich kann es mehr genießen und bin ein bisschen lockerer. Die Leute, die zu den Konzerten kommen, sind voll lieb und interessiert und viele möchten mit mir reden. Aber ich muss sagen, ich bin jetzt nicht so ein super sozialer Mensch und es gibt schon Momente, wenn die 50. Person kommt und ich denke: Oh Gott, ich kann nicht mehr. Das ist nicht böse gemeint, aber ich glaube, es ist schon mal so rübergekommen.

Vielleicht klingt das ein bisschen arrogant, aber es hat auf jeden Fall nichts mit den Personen an sich zu tun, sondern eher mit mir und damit, dass es irgendwann zu viel wird. Hätte ich auch nie gedacht, dass es so ist. Das versteht man nur, wenn man es erlebt hat.

Trotzdem bin ich allen Leuten dankbar, die sich meine Musik anhören. Das macht echt viel aus und gibt mir die Möglichkeit, weiterzumachen.

Welches magst du denn besonders gern von deinem neuen Album?

Cosey: Ich mag „Nimm Mich“ ganz gerne. Es ist ein emotionaler Song. Der Song handelt von Beziehungen und wie diese, wie auch die Gefühle, die man für jemanden empfindet, sehr paradox sein können. Eine Beziehung zu einer Person, die einem total gut tut. Aber gleichzeitig kann genau dieselbe Person und genau dieselbe Beziehung sehr zerstörerisch wirken.

Ich finde es schwer zu verdauen, dass in einer Person, Situation oder Beziehung gleichzeitig so extrem unterschiedliche Zustände existieren können. Es ist sehr stark, sehr tief und gleichzeitig sinnlos. Es ist sehr, sehr schwierig, das zu verstehen, zu akzeptieren und damit umzugehen.

Ich würde sagen, das ist etwas, was man erst später im Leben wirklich versteht.

Wovon handelt der Titelsong – Embodiment of Denial?

Cosey: Es geht darum, dass es nicht die einfachste Entscheidung war, mich für dieses Leben zu entscheiden – Musikerin zu werden. Ich bin nicht in dem Glauben aufgewachsen, dass so etwas überhaupt möglich ist – diesen Schritt zu machen. Embodiment of Denial ist daher die Verweigerung vor dem Vernünftigen.

Zum Beispiel auch der Song Falsches Ding. Da geht es darum, diese Entscheidung getroffen zu haben, einen Weg zu gehen, der erst mal ein bisschen Angst macht. Bei dem man denkt: Oh Gott, geht das überhaupt? Einen Weg zu gehen, bei dem die Eltern vielleicht gesagt hätten, das ist falsch und ich dagegenhalte und sage: Ich bin diese Sache und ich mache weiter. Und die Songzeile Can’t stop me now unterstreicht das: Es ist zu spät zum Aufhören – weil ich schon so krass mittendrin stecke und es mein Leben geworden ist.

Das ist auch so eine Entwicklung. Ich habe nicht eines Tages gesagt, ich mache jetzt Cosey Mueller. Das war ein Prozess der letzten fünf Jahre.

Ich wollte das natürlich auch: Etwas sehr Eigenes, das seine tollen Seiten hat und auch Seiten, vor denen ich schon fast ein bisschen Angst habe oder die nicht so angenehm oder bequem sind.

Das klingt ein wenig nach Emanzipation von den Eltern und deren Erziehung.

Cosey: Und Selbstbestimmung. Manchmal fällt es einem schwer, daran zu glauben und in diesem Augenblick ist es wichtig, sich das selbst und auch der Welt zu sagen: Ich bin das und ich will das machen!

Ich sage jetzt nicht, dass jeder Kunst machen soll, aber dass man sich vielleicht kurz Gedanken macht: Wer bin ich? Was will ich überhaupt? Was sind meine Talente? Versuchen, glücklich zu sein oder parallel zu seinem restlichen Leben noch etwas Eigenes zu haben. Ich glaube, das ist wichtig für die Menschen.

Das funktioniert bisher ganz gut, oder?

Cosey: Ja, aber das ist auch relativ. Ich glaube, von außen sieht alles ganz toll und glamourös aus. Aber es ist sehr viel Arbeit, viele Auftritte zu spielen. Es ist so viel Orga, es ist unglaublich. Das nimmt so viel ein, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe, Musik zu machen. Es ist echt krass. Das wird jedes Jahr immer mehr und irgendwann muss ich vom Livespielen eine Pause einlegen.

Zumindest eine Zeit lang, um einfach wieder Musik machen zu können. Wann schaffe ich das überhaupt noch? Die kreative Seite noch unterzubringen? Man ist ständig in Kommunikation und in Organisation. Dann tagelang unterwegs zu sein – davon muss man sich auch erholen. Das nimmt so viel Zeit ein, dass dann die Sache an sich darunter leidet. Von daher würde ich sagen, es ist super, aber es ist auch schwer, ein Gleichgewicht zu finden.

Bleiben in der von dir beschriebenen Tretmühle neue Erfahrungen auf der Strecke? Erfahrungen, die beim Komponieren neuer Stücke fehlen, so dass die Qualität darunter leidet?

Cosey: Das ist auch etwas, was mich sehr beschäftigt. Ich versuche den Sound weiterzuentwickeln und neue Ideen unterzubringen, so dass es interessant bleibt. Aber ich habe viele Zweifel und Angst davor, dass mein neues Album richtig schlecht ist und ich das gar nicht mehr merke – ich kann das echt nicht mehr einschätzen.

Du hast bestimmt Menschen in deinem Umfeld, die dich mit Rat und Kritik unterstützen?

Cosey: Ganz ehrlich, die meisten Leute sagen immer: super, super, super. Eine kritische Beobachtung finde ich gut. Wenn das jemand kann und macht – aber es passiert nicht so oft.

Das bedeutet, du bist der positiven Rückmeldungen fast schon überdrüssig?

Cosey: Es ist schön und gibt Energie, weiterzumachen. Und Selbstbewusstsein – das ist auch wichtig. Es ist auch schön, dass Menschen kommen und von sich erzählen. Ich habe Geschichten gehört, die sehr emotional waren oder bei denen ich dachte: Oh mein Gott, ich habe der Person wirklich etwas gegeben und ihr irgendwie weitergeholfen.

Es ist sehr schön für mich, das zu hören. Musik hat das in der Vergangenheit auch für mich bedeutet. Ich würde sagen, Musik hat mich ein bisschen gerettet vom Verrücktwerden und mir geholfen, Situationen, die sehr schwer für mich waren, besser zu verarbeiten.

Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, dass meine Musik für sie diese Bedeutung hat, dann ist das für mich das Größte. Daher ist positives Feedback auch wichtig. Aber wenn man nur super, super, super hört, bringt es irgendwann nicht mehr so viel.

Dass Musik einen besonderen Stellenwert im Leben einnimmt, ist in Subkulturen weit verbreitet. Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?

Cosey: Ich denke, früher hatten bestimmte Dinge eine bestimmte Konsequenz. Zum Beispiel, wenn du in den 50er Jahren Tattoos hattest, war das ziemlich krass. Oder wenn du Leder getragen hast. Das hat eine starke Bedeutung gehabt. Man hat sich damit positioniert. Das hat eine Konsequenz gehabt.

Jetzt ist es anders geworden. Das alles ist in einem Massenmodegeschäft untergegangen – Lederjacken mit Nieten oder irgendwelche Band-T-Shirts, bei denen die Leute, die das kaufen, keine Ahnung haben, woher das kommt. Die Konsequenz von einem bestimmten Aussehen ist ein bisschen verloren gegangen – und damit auch die Bedeutung.

Verlieren Subkulturen dadurch auch ihre Funktion als Ausdruck von Rebellion und Abgrenzung?

Cosey: Ja, zumindest als Objekte für die Projektion. Ich glaube nicht, dass die Rebellion im Verhalten und in den Emotionen einfach verschwindet. Deswegen sagte ich am Anfang, ich will nicht unbedingt in eine Szene gehören oder ein bestimmtes Aussehen haben, sondern finde es sehr wichtig, etwas Eigenes zu haben oder zu finden.

Vielleicht ist das der Weg zu rebellieren. Alles zu verneinen und zu sagen: Ich habe was ganz Eigenes und mal sehen, ob ich euch zeige, was es ist.

Wie kannst du dich heute noch abgrenzen? Als Subkultur oder als Individuum? Wenn du sagst, ich bin nicht mit dem einverstanden, wie es läuft? Wie zeigst du das?

Cosey: Ich würde sagen, weird zu sein. Einfach jetzt. Nicht dem zu folgen, was man sollte und auch nicht das zu erfüllen, was die Freunde von einem erwarten. Ich glaube nicht, dass Sachen verloren gegangen sind oder dass man andere Menschen nicht mehr schockieren, berühren oder inspirieren kann.

Das ist auch meine Aufgabe, als Musikerin oder Künstlerin. Herauszufinden: Wie geht’s? Wie macht man das jetzt? Wie geht das alles heute? Es ist nicht langweilig.

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Cosey Mueller
Cosey Mueller | (c) Vanessa Ruckh

Marc

1998 in die Szene eingestiegen. Musik gehört, Veranstaltungen besucht, Konzerte besucht, Festivals besucht. 2009 bis 2013 nur Musik gehört. Ab Ende 2013 bis 2017 wieder mehr Veranstaltungen, Konzerte und Festivals besucht. Dann Hochzeit und Kinder - keine Musik, keine Veranstaltungen, keine Konzerte, keine Festivals, keine eigenen Gedanken. Jetzt seit Mitte 2023 wieder mehr Musik. Seit Mitte 2024 auch wieder Veranstaltungen und Konzerte.

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