Gothic Friday Oktober – Interview mit einem Goth (Grabesmond)

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Für den diesmonatigen Gothic Friday habe ich mir meinen Bekannten Daniel vorgeknöpft, den ich vor ein paar Jahren über meinVZ kennengelernt habe.

Da wir beide große Sopor-Aeternus-Fans sind und sich auch sonst unser Musikgeschmack deckt, hatten wir beide logischerweise jede Menge Gesprächsstoff. Hinzu kommt noch, dass – obwohl Daniel jünger ist als ich – man den Eindruck bekommt “Wow, da hat aber jemand Ahnung”. Eine Feststellung, die ich bei nicht vielen Jüngeren machen konnte. Persönlich getroffen haben wir uns noch nicht, aber vielleicht wirds ja was zum nächsten WGT, auch wenn er da nicht so gerne hinfährt.

Noch ein kleiner Hinweis zum Interview: Wer meine Beiträge mitverfolgt, wird bestimmt festgestellt haben, dass ich oft dazu neige, halbe Romane zu schreiben. Keine Panik, dieser Beitrag bzw. dieses Interview ist nicht so ellenlang- dafür kurz, knackig und sehr informativ.

1.Warum trägst du schwarz?

Ich habe bereits dunkle bzw. schwarze Kleidung getragen, bevor ich mir überhaupt darüber bewusst war, dass es so etwas wie diese schwarze Subkultur überhaupt gibt. Für mich war und ist das Tragen von schwarzer Kleidung immer noch ein Ausdruck meiner eigenen inneren Zerrissenheit und meiner doch noch sehr oft vorkommenden Todessehnsucht. Mag kitschig klingen, aber es gibt auch noch schwarze Menschen, die Probleme mit sich selber haben und Depressionen nicht als Szene-Accessoire benutzen.

2. Hast du viele Freunde, die “schwarz” sind oder bewegst du dich eher in einem “bunten” Umfeld?

Das ist eher gemischt. Ich mache in der Hinsicht eigentlich keine Unterschiede. Wenn mir der Mensch sympatisch ist, ist es mir egal, welcher Subkultur er angehört, welche Hautfarbe er hat oder welche Religion… Ausschlaggebend für mich ist, dass ich mich zivilisiert mit ihm unterhalten kann.

3. Besucht du außerhalb von Festivals oder Konzerten auch andere kulturelle Veranstaltungen mit schwarzem Charakter (Lesungen, Ausstellungen, Museen), oder steht für Dich nur die Musik im Vordergrund?

Ich muss ehrlich zugeben, dass Musik für mich in meiner subkulturellen Existenz den größten Stellenwert hat. Es ist mein Hobby, mich darüber zu bilden und alte Szeneklassiker zu sammeln und Musik zu finden, die dem schwarzen Durchschnitt eher unbekannt ist. Das erfüllt mich. Da ich an Festivals nur wenig Interesse habe, kann ich dazu keine wirkliche Stellungnahme abgeben. Ich war einmal in Leipzig und mich hat diese Arroganz sehr genervt. Wenn ich andere Aktivitäten für mich finde, die mir gefallen, ist es mir eigentlich egal, ob diese Besuche (egal welcher Art) mit den Dogmen der Szene vereinbar sind. Ich mache, was mir gefällt.

4. Siehst du dich selbst als Goth(ic)?
Nun, das ist eine Frage dir mir oft gestellt wurde. Ich persönlich möchte mich lieber noch als Anhänger der Schwarzen Szene bezeichnen. Dadurch fühle ich mich nicht so in einer Schublade gefangen und kann mich frei entscheiden, in welche Richtung ich gehe – sowohl musikalisch als auch kulturell.
Gothic ist für mich immer noch eine Romangattung des ausgehenden 19.Jhd… alles, was mit Edgar Allan Poe, alten verfallen Gemäuern und quietschenden Türen zu tun hat. Selbst zu Zeiten von Sex Gang Children war dieser Begriff doch schon umstritten.

5.Was würdest du Dir in oder für die schwarze Szene wünschen, damit sie (noch mehr) deinen Vorstellungen entspricht? Was stört Dich, was fehlt?

Nun, ich würde mir eine Rückbesinnung auf alte Werte wünschen. Ich bin immer noch der Meinung, in der falschen Zeit geboren zu sein, da ich mit der heutigen Szene nichts anfangen kann. Vor allem wünsche ich mir, dass es wieder mehr Zusammenhalt innerhalb der Szene gibt und die Jüngeren mehr Respekt vor den Urgrufties haben. Letztere sollten sich aber auch  uns Jungen gegenüber öffnen und uns an ihrer Erfahrung teilhaben lassen.

6.Wann hast du Gothic bzw. die schwarze Szene für dich entdeckt?

Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube es war im November 2001. Ich hatte im Alter von 11 Jahren meinen Black Metal Fetish abgelegt und war auf der Suche nach etwas Neuem. Dann hatte ich damals meinen ersten Orkus in der Hand und bin über einen Artikel mit einem mir damals seltsamen, glatzköpfigen, androgynen Wesen gestolpert. Meine erste Begegnung mit Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows. Seit diesem Tag und meinen ersten musikalischen Erfahrungen mit Anna Varney war es um mich geschehen. Ihre Musik war der perfekte Soundtrack für meine damalige jugendliche Verfassung.

7.Welche Klischees magst du, welche nicht?

Hhhm, ohne Klischees wäre diese Szene wirklich langweilig. Ich bin immer noch ein großer Friedhofsgänger. Ich finde es sehr entspannend. Ebenso das Klischee, dass Grufties nur Schwarz tragen, ist für mich zur Lebenseinstellung geworden. Ich muss es aber nicht haben, immer zu sehen, dass manch einer unserer Art sich darüber ärgert, als Satanist tituliert zu werden und dann noch ein auf dem Kopf stehendes Kreuz trägt.

8.Was war bisher dein schlimmstes/obskurstes Erlebnis mit “Normalos” bzw. was für Probleme hattest du bisher?

Ich glaube die, die jeder mit ihnen hat: Beschimpfungen, Gerüchte wegen Nekrophilie, Grabschändung oder Ähnlichem, zum Außenseiter gemacht zu werden…

9.Wer zählt zu deinen Lieblingskünstlern und wer ist deine Inspirationsquelle?

Nun, in musikalischer Hinsicht ist Anna Varney Cantodea meine Lieblingskünstlerin. Und als Inspirationsquelle nutze ich immer gerne Edgar Allan Poe.

10.Welchen Film und welches Buch sollte jeder Grufti mal gesehen bzw. gelesen haben?

Jeder Grufti sollte sich einmal in seinem Leben Nosferatu-Phantom der Nacht angesehen haben, und Dantes Göttliche Komödie einmal gelesen haben.

Orphi Eulenforst – impulsiv, pragmatisch, weniger optimistisch! Prädestiniert für den “Hexenfluch”. Außerdem großer “The Cure”-Fan und überzeugte Schriftstellerin. Sabrina wurde 1971 in Duisburg geboren und beschäftigt sich vornehmlich mit den kulturellen Aspekten der Szene. Darüber hinaus macht sie sich als Muse und Gegenpol unbezahlbar.

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Melle Noire
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Melle Noire

Da ist mir doch glatt die
Handy-Tastatur abgehauen… -.-

Was ich schreiben wollte:
Sehr interessantes und
tiefgründiges Interview!

Dunkle Grüße!
Melle