Mythos Absinth – Flüssige Szene oder alkoholischer Trend?

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Ist Absinth ein elementarer Bestandteil der Gothic-Szene? Keine Szene ohne Alkohol? Anfang der 80er splitterten sich die Straight Edger (sXe) von der Punkbewegung ab, da für sie das regelmäßige Abschießen mit Alkohol oder Drogen kein zentraler Bestandteil der Szene sein sollte. In der Regel gehört aber Alkohol zu jeder geselligen Runde wie an jedem Stammtisch auch, die Gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber dem Alkohol ist hoch. Warum auch nicht, es muss ja nicht gleich Flatrate-Saufen1 sein.

In der Gothic-Szene hat sich neben den üblichen alkoholhaltigen Getränken auch eine Vielzahl von außergewöhnlichen Gebräuen etabliert, der pure Genuss von Bier ist den meisten zu ordinär und da sich im Gegensatz zu vielen anderen Szenen viel mehr weibliche Gothics gibt, bevorzugt man beispielsweise mehr Wein als Bier. Wenn sich dann noch Mythen, Legenden und Sagen um ein Getränk ranken, so ist das Interesse innerhalb der Szene natürlich sehr hoch, was auch die Popularität von Absinth erklären dürfte.

affiche_absintheAbsinth wird traditionell aus Wermut, Anis, Fenchel sowie einer je nach Rezeptur unterschiedlichen Reihe weiterer Kräuter hergestellt wird. Da Absinth in der Regel grün ist wird er gelegentlich auch „die grüne Fee“ (französisch: la Fée Verte) genannt. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender Kräuter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitterspirituose, obwohl er selbst nicht unbedingt bitter schmeckt.

Seine Legenden hat Absinth dem Gehalt von Wermut zu verdanken, denn schon um 1830 entdeckten französische Militärärzte das Absinth für sich und schrieben ihm vorbeugende und heilende Wirkung gegen Krankheiten zu und „verabreichten“ den Soldaten eine tägliche Dosis Absinth. Während Frankreich Algerien besetzte produzierte die Hersteller bis zu 20.000 Liter täglich um den Bedarf zu decken. Als Nebenprodukt enthält Wermut den Stoff Thujon, der als Nervengift Halluzinationen, epileptische Anfälle, Depression und Wahrnehmungsstörungen auslöst. Mitte des 19. Jahrhunderts machte diese Tatsache das Absinth als Droge und Berauschungsmittel populär, denn hier setzte man dem Absinth nur Wermutöle hinzu, die die Wirkung verstärkten. Heutiges Absinth ist unbedenklich, der Gehalt ist so gering, das man vorher vom Alkohol erschlagen wird, als eine Überdosis Thujon zu erhalten2

Zusammenhang zwischen Gothic und Absinth?

Dafür wurden die Wurzeln Ende des 19. Jahrhunderts gelegt, denn er galt als IN Getränk der Literatur und Künstler-Szene und findet daher in vielen Romanen und Erzählungen Verwendung, auch bei vielen noch heute in der Gothic Szene beliebten Schriftsteller und Büchern. Nachdem um 1900 der Verbrauch in Frankreich schlagartig  stieg, da es billiger als Wein war, wurde die Stimmen der Kritiker lauter. „Aus dem Mann macht Absinth ein wildes Biest, aus Frauen Märtyrerinnen und aus Kindern Debile, er ruiniert und zerstört Familien und bedroht die Zukunft dieses Landes„, zitiert Barnaby Conrad in seiner Geschichte des Absinth die damaligen Kritiker. Bis 1914 wurde Absinth in nahezu allen europäischen Staaten und USA verboten. Weitere geschichtsträchtige Fakten kann man auch in einem Rundgang im virtuellen Absinth-Museum kennenlernen.

Anfang der 90er erlangte das Absinth neue Popularität als ein pfiffiger englischer Importeur eine Gesetzeslücke nutzte, um Absinth in Großbritannien wieder zu verkaufen. Lifestyle-Magazine griffen den Trend auf und beschrieben seine (nicht vorhandenen) erotisierende und halluzinogene Wirkung, den Verbot in vielen Ländern und unterstellten van Gogh hätte sich sein Ohr unter Absintheinfluss abgeschnitten. Filme griffen Absinth als epochentypisches Ausstattungsmerkmal auf, so 1992 in Bram Stoker’s Dracula. 2001 berauscht sich Johnny Depp im Film From Hell auf seiner Jagd nach Jack the Ripper an Opium und Absinth.

Genug Stoff für Legenden und Sagen und den Erfolg innerhalb der Gothic-Szene. Mittlerweile gibt es keinen Gothic-Shop mehr, der sich nicht mit dem Verkauf von Absinth weitere Kundschaft sichern möchte. Die meisten Verbote wurde schon im Vorfeld gelockert, als neue Studien dem Absinth eine ungefährliche Wirkung zuschrieben. Das Deutsche Ärzteblatt warnt in seinem Artikel Absinth – Neue Mode, alte Probleme wieder einmal vor dem Konsum des Getränkes und beschreiben van Gogh als abhängigen Absinthtrinker. Das der eigentlich Alkoholiker war und Absinth billiger als Wein, lässt man außer Acht. 2008 belegt der Spiegel mit aktuellen Forschungen das der einzig wirksame Bestandteil der Alkohol ist.

Wenn schon Absinth, dann mit Tradition

Absinth Glas
Eric Litton, Absinthe-glass, CC BY-SA 2.5

Absinth wird grundsätzlich nicht pur getrunken, sondern mit Wasser verdünnt, dadurch entsteht der typische milchige Effekt (Louche). Meist wählt man ein Mischungsverhältnis von 1 Teil Absinth zu 3 Teilen Eiswasser. Ursprünglich trinkt man Absinth mit Zucker, da der französische Absinth sehr bitter gewesen ist und man damit den Geschmack verbessern konnte.
Beim Feuerritual3 werden mit Absinth getränkte Zuckerwürfel auf einen Absinthlöffel gelegt und angezündet. Sobald der Zucker karamellisiert werden die Flammen gelöscht und in den übrigen mit Eiswasser gemischten Absinth gegeben. Warum man die Flammen löschen sollte, brauche ich wohl niemandem zu erklären.

Die Schweizer Trinkweise ist dabei die am wenigsten etablierte. Bei ihr werden lediglich zwei bis vier cl Absinth mit kaltem Wasser vermischt. Auf Zucker wird verzichtet, da die in der Schweiz getrunkene grundsätzlich weniger bitter waren als die französischen.

Französisches Absinth Ritual
Eric Litton, Preparing absinthe, CC BY-SA 2.5

Das französische Ritual besitzt dagegen eine historisch belegbare Tradition. Ähnlich wie beim Feuerritual wird der Absinth mit Zucker getrunken. Dazu werden ein oder zwei Stück Würfelzucker auf einem Absinthlöffel gelegt und sehr langsam kaltes Wasser über den Zucker gegossen oder geträufelt. Für das Hinzugeben des Wassers kann auch eine Absinth-Fontäne, die man schon mal in französische Lokalen sieht, genommen werden.

Absinth ist heute ein Massenprodukt das nicht unbedingt qualitativ hochwertig hergestellt wird, man zieht künstliche Aromen und Geschmacksverstärker den natürlich Kräutern vor, erst im gehobenen Preissegment findet man hochwertige und mazerierte Sorten. Von einem 15€ Absinth ist abzuraten, für einen guten sind schnell einmal 30-40€ fällig, einen Preisvergleich und Geschmackstest findet man im Absinth-Guide.

(Bildquellen: Wikipedia)

Einzelnachweise

  1. Ist nicht etwa ein Tarif seines Internetproviders, sondern das unbegrenzte Trinken von Alkohol zu einem festgelegten Eintrittspreis[]
  2. Dazu gibt es einige medizinische Nachweise und Studien, unter anderem in einer Seminararbeit der Universität Würzburg.[]
  3. Nicht historische Belegte Trinkweise tschechischer Absinthproduzenten um die Attraktivität zu steigern[]
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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juliaL49
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Ah, dann habe ich das immer falsch gemacht und pur getrunken. Wurde uns im Spirituosenladen, aber nicht erklärt, tsts.

PS: DER Absinth! Hab extra fast den kompletten Wikipedia-Artikel durchgelesen, bis ich endlich einmal eine eindeutige Formulierung gefunden habe.

Äwe
Gast
Äwe

Nicht zu vergessen der 70% schwarze Absinth. bei dem einem die Augen aus dem Kopf fallen, weil der so kräftig ist.

Aber im großen und Ganzen ist Absinth nichts für mich. Komisch eigentlich, weil ich so ziemlich alles vergöttere, was Kräuter in sich trägt. Ich bleibe beim leckeren Wikingergetränk, dem Met. Das richtige für ein Metllerweiblein wie mich. Aber da haste recht, die Gothikdamen greifen gern mal zum Rotwein.

Aber das Absinth mit Wasser verdünnt wird, wusste ich garnicht.

Aber ich muss ja sagen. dieses milchige Etwas sieht schon ziemlich ekelig aus ^^

Sibel
Gast

sehr interessanter artikel, auch wenn ich eine nicht-akl-trinkerin bin :) jetzt weiß ich zumindest was absinth ist *schön öfters in filmen gehört und in büchern gelesen hat*

Konna
Gast
Konna

Hab das Zeug wie Julia bisher nur pur getrunken… seitdem dann aber nie wieder. ;)

Wiener Blut
Gast
Wiener Blut

Anno 2018 ziehe ich doch nun mal Bilanz aus meiner Sicht. Ich halte Absinth für eine Nische, kleiner als bei gutem Wein, Bierspezialitäten, oder Whiskey. Welches ja auch als „Mode“ zum Markte getragen wurde, und nun vom Wacholder… äh… Gin abgelöst zu werden scheint. Hab selber Absinth immer mit kaltem Wasser getrunken. Aber mit Wasser verlängere ich mir auch Pils oder Wein. Meine Frau trinkt ihren Whiskey mit Wasser. Trotz allem liegt Absinth bei mir, abgeschlagen hinter Pils und Obstbrand auf Platz 3. Mein perfektes Doppel ist und bleibt ein Espresso und ein guter Edelbrand. Ich bin halt kein Süßer… bitter und scharf liegt mir näher. Das Schönste was ich in der Absinth Hoch Zeit geschenkt bekommen habe,ist ne Absinth Pfeife aus Glas, woraus sich gut trinken lässt. Mal schaun wies mit dem Alkohol Marketing weiter geht, und was als Nächstes zur Mode wird.

Mandy
Gast
Mandy

Ich habe mal ein sehr interessantes Video zum Thema verlinkt. Der originale Absinth ist also gar nicht grün….
Ich persönlich mag den handelsüblichen, günstigen Absinth nicht so gern. Da kann ich auch einen Ouzo trinken. So einen typischen Klaren würde ich aber gern mal probieren.