Schwarze Presse – Sex sells

Wenn man sich so die deutsche Zeitschriftenlandschaft schwarzer Magazine anschaut, würde so manches Cover neben einer aktuellen Ausgabe des Playboy oder der FHM gar nicht auffallen, Frauen in Latex gehören offenbar so selbstverständlich in ein solches Magazin wie das Gewitter nach einem heißen Sommertag. Man wird das Gefühl nicht los, das Gothic immer etwas mit in Latex gehüllten, leicht  bekleideten Mädchen zu tun haben muss, die möglichst lasziv in allen erdenklichen Posen in die Kamera gucken. Gelächelt wird hier freilich nicht, schließlich ist hier alles furchtbar Evil und Gothic.

Glaubt man den meisten Studien und meinem persönlichen Eindruck, so handelt es sich bei der Gothic-Szene um eine weiblich geprägte Subkultur, in der im Gegensatz zu den meisten anderen Subkulturen mehr Frauen als Männer angehören. Was haben dann all die halbnackten Mädchen in den Zeitschriften und Online-Magazinen zu suchen? Handelt es sich hierbei nicht um eine klassische Zielgruppenverfehlung? Nein, der Effekt ist ein ganz anderer. Hauptsächlich handelt es sich bei den in den Zeitschriften dargestellten Mädchen um solche die man als Schlank und Hübsch definieren würde, fügt man sich dem aktuell gesellschaftlich anerkannten Bild der Frau. Die Folge ist wohl eine Ästhetische Verschiebung, denn ein aktueller Blick in die Tanztempel unserer Republik zeigt, das die Frauen dominierte Szene dem Bild folgt. Je glänzender und je knapper ein Outfit ist, desto besser für den Grad der Auffälligkeit.

Ist das nun eine Entwicklung aus der Szene oder ein vermitteltes Bild? Ich bin mir unsicher wie ich das deuten soll, als Liebhaber der 80er habe ich natürlich ein ganz anderes Bild im Kopf als es mir jetzt dargeboten wird. Ich habe mir immer gesagt, ich bin alt, wenn ich mich mit der Mode der jüngeren nicht mehr identifizieren kann. So kommt es mir vor als hätte ich die aktuelle Entwicklung verpasst, denn scheinbar hat sich die Fetisch-Szene rein äußerlich in der Gothic-Szene etabliert, ein Trend dem ich persönlich nicht folgen kann. Die Worte mystisch, dunkel und geheimnisvoll passen für mich nicht zu knapp bekleideten Mädchen in viel zu engen Klamotten aus Latex.

Sex Sells - Auch in der SzeneDer Geruch, das Gefühl einer zweiten Haut, die Feuchtigkeit, das Gefühl eigentlich nichts anzuhaben oder das leicht beengende Druckgefühl, der Glanz, der grandiose Auftritt den es mit sich bringt und das Glücksgefühl beim anziehen. 1 Ob dieser Text nun aus einem Fetish Magazin stammt oder aus einem „Gothic“ Magazin vermag heute niemand zu sagen. Dark-Fashion ist ein ebenso breites Spektrum geworden wie die schwarze Musik, der Hang zum Individualismus ist nach wie vor ungebrochen, das optische und ästhetische steht im Vordergrund – aber „weniger ist manchmal mehr“ sollte hier nicht gelten.

Während sich die altehrwürdigen Musikzeitschriften der schwarzen Szene wie die Zillo oder auch der Sonic Seducer immer weitere Musikstile aufnehmen, um ihre Auflage zu steigern, setzen andere Print und Online-Magazine verstärkt auf leicht bekleidete weibliche Models die in Interviews von ihrer Modelkarriere erzählen. Wie spannend. Ich frage mich ernsthaft, welche Zielgruppe damit angesprochen werden soll.

Doch nicht nur in den Zeitschriften wird ein surreales Bild erzeugt, sondern auch auf der Bühne. Die Selbstinzenierung, die immer ein zentraler Punkt vieler Gothic-Künstler war, ist einer Sex sells Strategie gewichen. Da wird halt versucht, mangelndes Talent durch die Optik zu kaschieren 2. Eine Entwicklung zu Inhaltsloser Musik ohne Anspruch oder Tiefgang führt zwangsläufig zur weiteren Ausdifferenzierung der schwarzen Szene. Unter der Oberfläche ist man einen Schritt weiter, während auf der Oberfläche Hochglanzmagazine Kritiklos und möglichst massentauglich um die Gunst der Leser wirbt.

Nicht das ich jetzt falsch verstanden werde, ich habe nichts gegen Latex, Lack und Fetishkleidung, im Gegenteil. Aber es sollte im Rahmen einer Gesamtkomposition eingebracht werden oder ein Lebensgefühl ausdrücken und sich nicht darauf beschränken der/die auffälligste zu sein. Ästhetik heißt nicht möglichst wenig anzuhaben oder das vorhandene möglichst eng in eine Plastikhülle zu stecken, um Vorbildern nachzueifern, die keine sind. Die Entwicklung eines eigenen Geschmackes steht über dem Wettkampfverhalten untereinander.  Nehmt keine Zeitschriften oder Kataloge zur Vorlage, sondern formt eure eigene Vorstellung von dem, was schön ist, lasst euch nicht einreden oder vorgaukeln was schön ist.  Die Klamotten sollten keine Verkleidung sein, sondern Ausdruck der eigenen Individualität, des eigenen Geschmacks.

Einzelnachweise

  1. Gothic Lifestyle Magazin 1|2009, S.35, Interview mit einer Designerin für Dark-Fashion[]
  2. Zillo Magazin, Ausgabe 5/08, S.24 Interview mit Dorian von der Band Jesus on Extasy[]
Robert Forst
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.
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Persephone
Persephone (@guest_3469)
Vor 12 Jahre

Ich bin über den Blog meiner besten Freundin schattendings.de zu Deiner Webpräsenz gelangt. Sie hat mir vor allem Deine Subkategorisierung der Gothic-Szene empfohlen und uns als Schwarz-Romantiker identifiziert.
Ich habe auch nichts gegen Lack und Latex, aber ich würde mir mehr Vielfalt in den Magazinen wünschen. Ich lechze vor allem nach historisierenden Kleidern oder wie wäre es mit Herren in eleganten Anzügen mit Gehstock a la Lucius Malfoy?
Schade, dass eine Subszene wie unsere Schwarze, so vom Mainstream-Geschmack beherrscht wird. Übrigens soll es nicht nur schlanke Gothic-Damen geben, Jessica und ich sind die besten Gegenbeispiele. Etwas mehr Üppigkeit braucht die Welt.

Postpunk
Postpunk (@guest_3476)
Vor 12 Jahre

Bei Spiegel-Online werden alljährlich anlässlich der Leipziger Wave und Gotik Tage, die Leute präsentiert wie ein Fetisch-Objekt oder, wenn das nicht passt, dann eben wie der Elefantenmensch.
Früher war den Gothic Bands das Image auch wichtig. Alien Sex Fiend trugen damals auf ihren Konzerten riesige Kuhknochen oder was auch immer um ihre Hüften. Ansonsten erinnere ich mich da bei den Frauen eher an lange schwarze Kleider. Passend für dünne und eben auch stabilere Menschen. Fetischkleidung wurde damals, wenn überhaupt, verwendet um zu provozieren. Heute wird dem Leser dann wohl das Gefühl vermittelt, daß das Tragen von Latex, etc. notwendig ist um sexy oder in oder was auch immer zu sein.
Und die Bands spielen dann wohl auch, wahrscheinlich gezwungenermaßen (?), bei diesem Fetisch-Spiel mit.
Bands wie Malaria hätten wahrscheinlich dereinst die Vertreter der Plattenfirmen verprügelt, wenn diese mit solchen Wünschen nach Fetisch-Fotos an sie herangetreten wären.

Die Ursachen warum es jetzt soweit gekommen ist, möchte ich hier nicht diskutieren. Der Kommentar ist sowieso schon viel zu lang! ;-)

Postpunk
Postpunk (@guest_3520)
Vor 12 Jahre

Ob es Gemeinsamkeiten zwischen Gothic- und Fetisch Szene damals gegeben hat, kann ich nicht beurteilen, da ich zwar vor 20 Jahren eine gewisse Nähe zur Wave-Szene hatte, die aber mit der Zeit auch recht schnell für mich ihren Reiz verloren hatte. Meinen Kontakt zur Fetisch-Szene habe ich eigentlich auch verloren als ich merkte, daß meine Lederkappe, die ich im Alter von 14 Jahren in der Carnaby Street erstanden hatte, auf Männer eine gewisse Anziehungskraft besaß! ;-)

Die Geschichte mit den Schönheitsidealen müssen wir nicht mehr breit treten. Dünn ist nun mal in und da kann selbst Beth Ditto nicht gegen ankommen. Bei ihr habe ich nebenbei bemerkt, auch einfach nur das Gefühl, daß sie auf Lagerfelds Modenschauen als eine Art „Elefantenmensch“ präsentiert wird. Es wird mit Sicherheit keine Regel werden, daß fülligere Damen auf Modenschauen präsent sein werden.

Bekleidung, die heute als Fetischkleidung nicht nur in der Wave-Szene bezeichnet wird, war schon spätestens seit Depeche Mode, Soft Cell, etc. präsent, also seit den frühen 80ern. weniger Latex, sondern Leder. Hatte halt was vs Rockstar-mäßiges, bzw. einen Touch Homosexualität, der ja auch immer gerne genommen wurde um zu provozieren! Daß sich manche Bands mittlerweile nur allzugerne auf solch einen Fetisch reduzieren lassen, liegt natürlich einerseits daran, daß sie provozieren wollen um überhaupt mit ihrer mittelmäßigen Musik Erfolg zu haben. Bestes Beispiel sind hier Umbra et Imago. Ich weiß nicht ob dieser Mozart immer noch Fetisch Partys in KA veranstaltet, aber er war meines Wissens zumindest diverse Male Co-Veranstalter. Umbra et Imago wären ansonsten niemals über einen Vierzeiler in Gothic-Magazinen hinausgekommen.

Jetzt kommt andererseits! ;-)

Andererseits ist es natürlich auch so, daß Magazine wie Sonic Seducer (ich bin hier eigentlich nur ein regelmäßiger Coverbeobachter, weil es genau neben meiner favorsierten Musikzeitung liegt) gerne mit vermeintlichen Fetisch-Titelbildern (oder aktuell Kalendern) werben um selbstverständlich nicht nur das ursprüngliche Publikum, sondern auch die Masse der Voyeure anzulocken. Hier passt dann Deine getroffene Aussage „Sex sells“.

Die Musik ist mittlerweile doch nur nebensächlich. Und wenn eine Band nun eben eine Fetisch-Fotoserie durchziehen muß um eine Chance zu haben in das Magazin zu kommen, dann machen die das. Vor allem wenn sie noch eine hübsche schlanke Frontfrau haben. Alles tun, um nur berühmt zu werden, ist natürlch ein Verrat an der Kunst und an den wirklichen Idealen, die es da wohl irgendwann mal gab. Aber egal, wenn das Pornopublikum meine CD kauft, dann kauft sie wenigstens jemand. Aus erster Hand weiß ich, daß Fernsehsender in der Tat ihre Filme mittlerweile nur noch als Rahmenprogramm bezeichnen. Musikzeitschriften bezeichnen ihre Artikel sicherlich auch nur noch als Rahmenprogramm. Wichtig ist die Werbung und die Zahl der Leser. Die werden eben durch solche Fetisch-Dingenskirchen angezogen. Bands, die das natürlich schon immer toll fanden, werden angesprochen, in Latex-Zeug reingezwängt und der Schlagzeuger sieht aus wie eine Bratwurst. Egal, Hauptsache die Sängerin sieht geil aus. Die Leser, die das Titelbild sehen, finden das toll und erzählen das vielleicht ihrer Freundin, für die es das Natürlichste der Welt ist, dünn zu sein und sich in Klamotten, die ihr eventuell nicht stehen, reinzuzwängen und bumms haben wir den Salat. Mit Musik und Glaubwürdigkeit hat das alles nichts mehr zu tun. Äußerlichkeiten sind wichtiger als der Inhalt. Die schwarze Szene beisst sich selber in den Schwanz, denn das wurde vor 20 Jahren in den Songs thematisiert. Da haben wohl dann einige Leute nicht genau zugehört! Ist eben der Lauf der Zeit.

So – fertig! Ich könnte mich aufregen! Tragt mehr Lederkappen!

anna
anna (@guest_3785)
Vor 12 Jahre

wow, besser kann man es gar nicht beschreiben und ausdrücken.
ich kann mich absolut nicht mehr mit dem identifiziern , was die gothic szene ausmacht, ich schäme mich fast schon, damit assoziert zu werden, da für die leute heute scheinbar gothic und fetisch zusammen gehören. ich bin aber eine schwarzromantikerin und möchte auf gar keinem fall mit diesem niveaulosen sexistischen fetisch-gedöns in verbindung gebracht werden…

kdjcd
kdjcd (@guest_16446)
Vor 10 Jahre

danke, dieser artikel spricht mir total aus der seele , ee ist toll, dass nicht nur ich alleine so denke.
schon lange kann ich mich mit gothic nicht mehr identifizieren, weil das , was heute wohl als gothic gilt, nicht mit dem zu tun hat, was ich mache.
deshalb ist dann gothic eben das , was ich draus mache, oder ich werde „normal“ …^^

Death Disco
Death Disco (@guest_16447)
Vor 10 Jahre

Sonic Seducer? Altehrwürdig? Das Ding startete 1995. Ich habe noch die ersten beiden Ausgaben hier liegen, die – man lese und staune – zu gut 75% über Gothic Rock berichteten. Sogar ein US-Goth-Special war damals mit dabei. Aber 1995 war die Zeit der altehrwürdigen Magazine längst vorbei. Glasnost stellte die Arbeit 1994 frustriert ein (1996 kamen dann noch zwei Ausgaben, die aber mehr eine Mischung aus Musikkatalog und Magazin darstellten). Auch andere Hefte wie Gift, Epitaph, Aeterna, Gothic Press, Sub Line, Gothic Grimoire usw. usf. verschwanden von der Bildfläche, als Orkus und Sonic Seducer noch in die Windeln kackten.

Ich mag übrigens keine üppigen Damen in üppigen Kleidern. Gerade was so in den vergangenen zehn Jahren auf dem WGT in Erscheinung tritt, ist einfach zu dick aufgetragen. Da kann ich gleich zum Maskenball oder nach Köln zum Karneval.

Goth hatte für mich ganz klar einen Punk-/New-Wave-Touch und etwas Morbides an sich. Und das spiegelte sich immer auch im Erscheinungsbild wider. Der Punk-/Wave-Style war stets die Grundlage, stets nuanciert mit diversen anderen Elementen, etwa oben angesprochene Lack-/Leder-Richtung oder der Romantik-Stil. Und das ist irgendwie verloren gegangen. Die Leute rennen nur noch herum wie ’ne Domina oder wie ’ne Adlige, bei der man das Gefühl bekommt, sie würde jeden Moment von ’ner vorbeifahrenden Kutsche abgeholt werden. Letzteres mag Gothic oder viktorianisch im historischen Sinne sein – L.A.R.P., wenn man es so nennen will. Mit Goth im popmusikalischen Kontext hat das allerdings nichts mehr zu tun. Und das trenne ich strikt voneinander.

https://de.wikipedia.org/wiki/LARP#Grunds.C3.A4tzliches

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