Zwischen Abgrenzung und Elternrolle – Anders als die anderen

Es war eigentlich wie immer. Auf dem Weg vom Kindergarten zum Auto plapperte meine Tochter unentwegt. Typisch für 4-Jährige natürlich mit zig Fragen. Warum ist der Himmel blau? Was ist mein Lieblingsdinosaurier und warum? Warum, warum und vor allem warum? Geduldig beantworte ich natürlich Fragen oder gebe auch zu, wenn ich etwas nicht weiß. Irgendwann sitzen wir dann angeschnallt im Auto. Ich möchte gerade den Motor starten, da kommt eine Frage, auf die ich so nicht vorbereitet war: “Mama? Warum bist du anders als die anderen?”. Es klangt nicht vorwurfsvoll oder als wäre meine Tochter emotional belastet. Sie fragte in derselben neugierigen Art, als würde sie mich über Dinosaurier befragen.

Tja, da saß ich nun, und wusste nicht, was ich auf die Schnelle sagen sollte, außer: “Is nun mal so.” Zugegeben, das war nicht meine pädagogische Sternstunde. Während der Heimfahrt überlege ich, ob es nicht auch andere Eltern gibt in dem Kindergarten, die „anders“ sind. Okay, ich bin ich die einzige Mama mit Side-Cut und schwarzer (Szene-)Kleidung. Es gibt auch keine Väter, die zum Beispiel mit einem Bad Religion T-Shirt auftauchen (das trage nur ich). Meine andere Hälfte ist kein Szeneangehöriger und vom Musikgeschmack eher ein Metal-Rock-Fan. Meistens trägt er seine Arbeitskleidung, wenn er unser Kind in die Kita bringt. Eher selten taucht er mit seiner „Kutte“ auf und hat, im Gegensatz zu mir, eine offenere Art. Aber ja, wir fallen auf unter diesen ganzen “Stino-Eltern”. Sogar Eltern mit Migrationshintergrund sind für unser Kind unauffälliger, und das im ländlichen bayrischen Raum.

Wie viel Mainstream kann man als „alternative“ Eltern von den eigenen Kindern fernhalten? Wie kann man seinem Kind klar machen, warum man die mehrheitliche Gesellschaft mit deren Schnickschnack ablehnt? Ist spätestens zur Pubertät alles eh für die Katz?

Wenn man Kinder hat, wird es schwierig, der Mainstream-Gesellschaft auszuweichen. Durch Kita Schließzeiten, Ferien, etc. wird man in Systeme gepresst. Einschränkende Systeme, die im Normalfall abgelehnt und gemieden werden. Mit erneuten Schrecken stellt man fest, wie festgefahren und konservativ so manche Kita beziehungsweise Schule und deren Personal noch immer sind. Da sitzt man mit den Stino-Shirt-Jeans-Eltern in einem Raum beim Elternabend und muss sich Sachen anhören, auf die man so gar keine Lust hat. Nach meiner Geburt im Rückbildungskurs, war ich die einzige, die keine Lust hatte, wildfremden Frauen mit den Details meiner Tochter, deren Geburt und dem Familienleben zu teilen. Und es interessierte mich auch nicht die Bohne, was die anderen Mamas zu erzählen hatten. Ich hatte meine Ruhe und wurde, Goth sei Dank, in keine Whatsapp-Chatgruppe eingeladen. Nach den Kursabenden konnte ich in Ruhe nach Hause fahren. Das gilt auch für Elternabende, die glücklicherweise mein Mann übernimmt. Und der freut sich auch immer, wenn er dann wieder zu Hause ist.

Dennoch kommen wir nicht aus. Als Eltern kann man der Mainstream-Welt nicht so ganz entfliehen. Wir werden genau angeguckt. Anscheinend gibt es nicht viele Kinder, die das ganze Jahr sich auf Halloween freuen, gerne auch mal mit der Geisterbahn fahren und am liebsten bei Mama im Auto „The Cure“ hören. Ja, ich bin unendlich dankbar, das diverse Kinderserien und Filme (bestes Beispiel ist hier “Frozen”) bisher an uns vorübergezogen sind. Wie kann der Spagat funktionieren, sodass man anders sein darf/kann, aber man nicht ins Fadenkreuz von skeptischen Erzieher*innen und Lehrer*innen kommt. Wie können diese, die nötige Toleranz vermitteln, wenn sie auf solche Eltern treffen? Immerhin ranken sich um die Gothic-Szene hartnäckige Gerüchte und Vorurteile bzgl. Satanismus und so. Psychische Erkrankungen, die zur Bedrohung von Kindern werden könnten, sind schnell an den Haaren herbeigezogen, bei all den schwarzen Klamotten und düsteren Blicken. Die morbide und abgrenzende Aura, die um uns wabert, da sind die Skeptiker eben nicht weit weg. Der unausweichliche Schritt zur Defensive ist nah alá “Also-wir-Gothics-sind-ja-alle-ganz-lieb-und-harmlos”, wie man es manchmal von Erklärbär-Videos von Youtube oder WGT-Beiträgen kennt. Und dann bloß keine Witze reißen wie zum Beispiel: “Ich mag Kinder, aber mehr wie ein Halbes, mit Knoblauchsoße, schaffe ich nicht.” Was schränkt da mehr ein? Das Kind oder das Grufti-Dasein?

Schadet es Kindern, wenn man sie zu einem Außenseiter-Dasein erzieht, nur weil man eben ein selbst gewähltes Außenseiter-Leben führt? Ich fühle mich an die Familie Munster aus der wunderbaren Serie “The Munsters” erinnert, welche sich für total normal halten, während andere schreiend davon laufen. Eddie Munster scheint, abgesehen von seinen Werwolf-Genen, ein normaler Junge zu sein, der zur Schule geht und bei den Mitschülern meist nicht als Außenseiter wahrgenommen wird. Klar gibt es Probleme hin und wieder, aber die liegen meistens an dem Auftreten der Eltern. Da fällt es leicht, zu lachen, während man sich im wahren Leben ärgert, wenn man andere so tun als wäre man ein Herman-Munster-Verschnitt. Es ist schwierig für das eigene Kind Freunde zu finden, wenn die Eltern eine abgrenzende Haltung zeigen. Wer lässt auch sein Kind gerne mit Kinder von anderen spielen, die so offensichtlich anders sind?

Anders, heißt ja auch nicht zwingend schlechter. Nur weil man sehr viel von dem bunten-krachenden-glitzernden-Mainstream, ablehnt und das, auch im Familienalltag, ausschließt, ist man kein schlechter Elternteil. Vielleicht zeigt man seinem Kind nur eine echte alternative Lebensweise, zu dem was es den restlichen Tag in der Kita/Schule erlebt.

Unsere Autorin Wichtlhexe schreibt auch in ihrem eigenen Blog Tamponkollektiv leidenschaftlich über Feminismus, Gesundheit und ihren Alltag. Schaut vorbei!

Wichtlhexehttp://tamponkollektiv.com
Die Hexe ist Autorin des Tamponkollektiv und selbst als Gesundheits- und Krankenpflegerin tätig. Nichts verbindet so sehr, wie Tampons. Man liebt sie, man hasst sie, man schämt sich sie einzukaufen, oder sie aufzuheben. Sie stehen für Leben, Luxus, Umweltzerstörung und Müll..

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NatUschi
NatUschi (@guest_59229)
2 Monate her

Hallöchen,
vielleicht den Kindern einfach erklären, dass einige es so machen und andere eben anders. Einfacher bei Farben, manche mögen schwarz, manche ganz bunt. Manche mögen diese Musik, andere mögen jene. Das kann man grundsätzlich auf (fast) alles übertragen denke ich. Wichtig finde ich, dass die Kinder offen bleiben für alles und später ihren eigenen Weg und ihren eigenen Geschmack finden.
Mein Mann ist musikalisch auch ein „Metaller“ und ich ein „Grufti“, so what, der eine mag eben dies, der andere jenes ;-)
LG NatUschi

Fräulein von Schlotterstein
Fräulein von Schlotterstein (@guest_59230)
2 Monate her

Ein toller Beitrag, der auch von mir (selbst 2 Kinder im kindergartenalter) hätte sein können. Auch ich kenne diese Blicke der anderen, wenn ich im Kindergarten aufkreuze… zu allem Überfluss bin ich auch noch im Elternbeirat, was sicherlich den meisten eltern nicht gefällt. Aber ich tue es für meine Kinder und die wurden bisher noch nicht wegen mir ausgegrenzt. Die meisten, die mich näher kennenlernen wollen finden mich dann auch gar nicht mehr so schlimm, wie im ersten Moment 😂 trotzdem werde ich nie eine der normalen Mütter sein und lege da auch überhaupt keinen Wert drauf. Für mich stellt sich aber (in normalen Zeiten) die Frage, wie ich das szeneleben mit den durchtanzten nächten mit den Kindern unter einen Hut bringen soll. Denn Kinder interessiert es nicht, ob man brav um 10 ins Bett gegangen ist oder die ganze Nacht durchgetanzt hat. Die sind so oder so morgens spätestens um 7 wach.

Nossi
Nossi (@guest_59231)
2 Monate her

ein faszinierendes Thema. Ich wüsste auch nicht, tiefsinnig, was man einem Kind auf so eine Frage antwortet. Meinem frechen Naturell entsprechend, fürchte ich es würde ein Satz fallen wie “weil der Papa einen guten Geschmack hat und die anderen nicht”. Schelmisch oberflächlich und breit lachend natürlich. Die zweite Antwort, die dann Sinn machen sollte, stürzt mich sofort in eine tiefe Philosophiekrise. Da ich keine Kinder habe, allerdings auch schon öfter von Kindern oder Teenies gefragt wurde, weshalb ich(wir) uns so kleiden, komme ich nicht umhin zuzugeben, die richtige Antwort auf eine solche Frage, wüsste ich auch gern. Man kann kaum Kindern zumuten, sich stundenlange tiefgründige Erklärsätze anzuhören, ebenso ist es fraglich, ob ein einfacher kurzer Satz ein Kind zufrieden stellt.

ein kritischer Zusatz:

Etwas stößt mir allerdings etwas sauer auf. Ich bin felsenfest davon überzeugt, in einem Land in dem angeblich alles toleranter wurde, die Biedermeyerkultur ein Nebenschauplatz wurde, empfinde ich die Intoleranz gegenüber “anders” sein, im Vergleich zu den Mitt-Endneunzigern, ungleich intoleranter und dies macht sich auch bei Kindern bemerkbar.
Eine verrückte These? Möglich, doch wenn ich überlege, wie manche noch Ende der 90ger herum gelaufen sind, für Kinder, Teenies und viele ältere, war es normal das es viel Individualität gab. Ich wurde früher selten angestarrt, schon gar nie angesprochen. Dies hat sich in den letzten 10 Jahren geändert. Unsere angeblich tolerantere Gesellschaft ist bis ins Knochenmark intolerant geworden. Früher haben dich vielleicht paar ältere Herrschaften skeptisch beäugt, heute wird man von jung und alt angestarrt, als ob man ein feindseliges Alien sei. Meine Eltern zogen sich alternativ an, hat niemand gestört. Ich wüsste nicht, ob sich früher irgendwer an alternativ aussehenden Personen gestört hätte. Vom 40 jährigen Papa bis hin zum Teenie, laufen heutzutage die meisten gleichgeschaltet herum. Gleiche Klamotten, gleicher Haarschnitt etc… dies ist nur die Oberfläche, die allerdings viel über die Geisteshaltung aussagt. Ich fürchte dies macht sich dann auch später bemerkbar, wenn die Kids älter werden. Noch dazu ist mir aufgefallen, die meisten jungen Eltern erziehen ihre Kinder nicht, sondern lassen sich von ihnen auf der Nase herum tanzen, gewähren ihnen in unvernünftigem Maß Narrenfreiheit und andererseits fahren die völlig überforderten toleranten weltoffenen Muttis, in einem risigen Wagen den Sie dann nicht einmal unter Kontrolle haben, ihre Kids bis vor die Schultür obwohl die Zufahrt verboten ist. Was mir alles egal wäre, wenn da nicht immer diese Blicke und Reaktionen wären. Dazu muss ich sagen, ich bzw wir, legen viel Wert darauf, dezent gekleidet zu sein. Dies nützt aber seit einigen Jahren nichts mehr. In der Innenstadt wurden wir sogar schon angepöbelt, aufgrund der Kleidung, so etwas ist mir früher nie passiert. Früher war der Durchschnittsdeutsche angeblich konservativ, heutzutage angeblich weltoffen und tolerant. Ich finde, es ist genau anders herum.

Eldin
Eldin (@guest_59232)
2 Monate her

“Schadet es Kindern, wenn man sie zu einem Außenseiter-Dasein erzieht, …?” Ja, denn kein Elternteil hat das Recht, sein Kind so erziehen, wie man selber gerne leben möchte. Das Kind muss selbst entscheiden dürfen, ob es lieber mit rosafarbenen Einhörnern oder dunkel schwarzen Fledermäusen spielen möchte. Der gesamte Text strotzt nur von negativen Vorurteilen und Klischees gegenüber den anderen Mitmenschen, dass es kein Wunder ist, dass anscheinend niemand von denen etwas mit Dir/Euch zu tun haben möchte. Ach ja, und der Vergleich mit den Eltern mit Migrationshintergrund war nun wahrhaftig nicht notwendig.

Eldin
Eldin (@guest_59233)
2 Monate her

Wichtelhexe, wenn Du anerkannt und respektiert werden möchtest, dann respektiere auch das Anderssein Deiner Mitmenschen.

Tanzfledermaus
Tanzfledermaus (@guest_59234)
2 Monate her

Ich habe zwar selbst keine Kinder, arbeite aber in einer Kita (kirchlicher Träger!) und habe daher viel Kontakt mit den Kindern, zum Teil auch mit den Eltern (bin keine Erzieherin, sondern arbeite in der Küche). Meine Kochkleidung ist schwarz, das konnte ich ganz problemlos erreichen, die Kinder kennen mich also nur in Schwarz. Sie fragen mich aber höchstens mal, warum ich meine Haare rot(schwarz) gefärbt habe. Nach der Kleidung fragen sie überhaupt nicht und ich habe auch noch nie erlebt, dass ein Kind sich mir gegenüber zurückhaltend verhalten hätte.

Die Eltern, die ich kennengelernt habe (wenn sie mal nach einem Rezept fragen oder wir ein fest in der Kita feiern), waren durchweg freundlich und haben mich völlig normal behandelt.

Auch die Kolleginnen haben mich nie schräg angeschaut – im Gegenteil, als ich mal erwähnte, beim WGT gewesen zu sein, waren sie sehr aufgeschlossen und interessiert. Eine Kollegin war früher in den 90ern selbst Grufti, zwei sind musikalisch eher alternativ.
Unser Träger beschäftigt einige eher alternative Leute, es gibt sogar eine Kitaleiterin mit knallroten Haaren und vielen Piercings, in einer anderen Kita einen Mitarbeiter mit Iro und auch Tätowierte.

Ich bin heilfroh, dass nicht mehr ausschließlich diese spinnerten “Satanismus-Psycho-Klischee-Berichte” auf Bildzeitungsniveau die Regel sind, sondern inzwischen mehr vernünftige Aufklärung in Hinblick auf die Schwarze Szene stattfand. Das macht es “uns” im Alltag doch einiges leichter.

Nun wohne ich im recht bunten und toleranten Berlin, da ist vieles vermutlich einfacher als in süddeutschen Kleinstädten und Dörfern, wo der Katholizismus noch weit verbreitet ist ;-) In Berlin lernen Kinder von kleinauf, dass es sehr viele verschiedene Menschen und Kulturen gibt, da wird vieles als normal(er) empfunden. Aber auch wenn ich mich beim Wandern in Brandenburg auf dem Land herumtreibe, habe ich es noch nie erlebt, dass ich seltsam angeschaut oder gar angemacht wurde.

Pixie Dust
Pixie Dust (@guest_59235)
2 Monate her

Mein Großer war da schon als Kindergartenkind sehr pragmatisch und hat immer schulterzuckend auf Unterschiede reagiert, egal ob es um Lieblingsspiele, Essen, Aussehen ging: “Jeder mag halt was anderes, Mama”. Da hat er vielen Erwachsenen was voraus, und dieser Spruch ist bei uns stehende Redewendung geworden. Auch wenn wir uns bei was nicht einig werden (was nun mit der Pubertät komischerweise des öfteren vorkommt ;o)) beenden wir die Diskussion meistens mit “In Ordnung, jeder mag nunmal was anderes”. Ich finde diese Aussage spiegelt auch die Wertschätzung und Akzeptanz aller möglichen Fasetten des Lebens wieder und manches sollten wir wie unsere Kinder einfach unvoreingenommer betrachten.
LG, Pixie

Nossi
Nossi (@guest_59238)
2 Monate her

Ich spreche niemand direkt an. Ein Begehren ala ein Kind vollkommen neutral zu erziehen, ist aus meiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Meine Eltern sind alternativ / anthroposophisch angehaucht, ich durft lange Zeit kein Fern sehen…. usw usf und wenn ich meine Cousins und Cousinen betrachte, die nicht anthroposophisch, sondern ganz normal 08/15 aufwuchsen, muss ich eingestehen, mir hat diese eher alternative Erziehung nicht geschadet, sogar in macherlei Hinsicht, ein oder zwei Äuglein geöffnet. Ich wünschte dieses “über den Tellerrand blicken” so manchem, der mir im Leben über den Weg lief. Die Sache mit dem akzeptieren und akzeptiert werden ist so eine liebe Sache. Ich kann jetzt nur für mich selbst sprechen, aber mich interessiert es nicht im geringsten, ob selbstgefällige Stinos mich akzeptieren, dieser Zug ist schon lange abgefahren. Nur eines ist hier erwähnenswert. Ich würde niemals jemand herablassend behandeln, nur weil er aus meiner Sicht die falsche Kleidung trägt, eine krumme Nase hat oder den falschen Haarschnitt etc etc. Dies ist schon der feine Unterschied. Wenn man schon nicht respektiert wird, weil man ein bisschen “strange” aussieht, wird man zumindest von mir, auch keinen Respekt oder ein “akzeptieren” erwarten können. Man könnte schon sagen, die meisten “schwarzen” akzeptieren alles und jeden um sich herum. Es wäre wünschenswert, wenn es anders herum ebenso wäre ist aber nicht so und ich glaube kaum, es liegt an den ominösen “schwarzen”.

Orphi
Orphi (@guest_59239)
2 Monate her

Ein toller Bericht und ein interessantes Thema, auch wenn es bei mir schon lange zurückliegt. Einiges kommt mir bekannt vor. Mein Sohn ist inzwischen erwachsen und ich kann nur berichten, dass ihm das alternative Leben keineswegs geschadet hat. Allerdings fragt er mich noch heute des öfteren erstaunt, ob dies oder das wirklich für andere Menschen “normal” ist. Wir lachen dann gemeinsam darüber. :-)

Uns war es immer total egal, was das Umfeld denkt. So egal, dass wir es nicht einmal bemerkt haben. Es gab auch nie Eltern, die ihre Kinder von uns ferngehalten haben. Und wenn, habe ich es nicht bemerkt, weil mein Sohn an deren Kindern auch irgendwie kein Interesse hatte. Sie waren wohl nicht auf einer Wellenlänge. Es gab ausreichend andere wirklich nette “Stinos”, die Menschen nicht nach dem Aussehen, sondern nach dem Verhalten beurteilen. So sortiert sich das von ganz alleine ;-) Viele von ihnen habe ich bis heute ins Herz geschlossen, auch wenn wir keinen Kontakt mehr haben (andere Stadt, anderes Leben). Vielleicht bin ich besonders gut darin, die anderen Idioten zu ignorieren.

Was sagt man nun einem Kind, das fragt, warum man anders aussieht als die anderen? Ich hab gesagt: “Weil ich das schön finde, weil ich diesen ganzen Modekram nicht mag, weil ich diese Musik mag und weil ich mich so wohlfühle”. Damit war es dann gut. Ich glaub auch nicht, dass die eigenen Kinder da so differenziert drüber nachdenken. Für die ist das ja ganz normal.

Ich muss aber sagen, dass mein Sohn schon immer ein enormes Selbstbewusstsein hatte und sich nichts aus der Meinung anderer gemacht hat. Der hat einfach alles und jeden ignoriert, der ihm auf die Nerven gegangen ist. Wäre das anders gewesen, hätte ich mich für ihn im Alltag bzw. im Kontakt mit Schule und anderen Eltern bestmöglich (gemäßigt schwarz ohne auffälliges Make-Up) angepasst, um ihn zu schonen. Wohlgemerkt! Vor (über) 20 Jahren! Heute ist ja jeder gepierct, tätowiert und hat bunte Haare ;-) Das kommt dann wohl auf das Kind selbst an. Das merkt man ja als Elternteil, ob es Probleme gibt oder nicht.

Ich denke, dass man einem Kind mit einer alternativen Lebensweise automatisch vorlebt, Dinge und Verhaltensweisen zu hinterfragen und nicht blind mit der Herde zu rennen – aber durchaus dann, wenn man wirklich mit der Herde rennen möchte (Zwanghaft dagegen ist auch Blödsinn). Das bedeutet natürlich, dass man selbst auch mit dem Kind eingehende Diskussionen auf Augenhöhe führen muss, wenn man irgendwelche Regeln aufstellt. Mit “Weil das eben so ist” kommt man da nicht durch. Da braucht man schon richtige Argumente. Ich finde, es hat sich gelohnt.

Klein Grün
Klein Grün (@guest_59241)
2 Monate her

Mir geht es ähnlich wie Orphi. Meine Mädels haben zwar gemerkt, dass bei uns zu Hause alles etwas anders ist, aber sie wurden nicht gemieden und hatten immer nette Freundinnen und Freunde. Mit den Eltern bin ich meist gut klargekommen und es gab viele tolle Kontakte. Natürlich haben die Zwerge in der Kita neugierig gefragt, warum meine Haare so grün sind… Und natürlich zeigen Kleinkinder in der Straßenbahn mit dem Finger auf mich und fragen ihre Mütter, warum die Frau solche Haare hat. Aber die Mütter sind eher peinlich berührt und versuchen die Gesprächslautstärke ihrer Kinder zu dämpfen. Meine Kinder haben sich daran gewöhnt und wissen, dass bei uns der Wahlspruch gilt : das ist alles Geschmackssache… Dafür habe ich Lillifee-Phasen genauso wie glitzernde Einhörner toleriert und überlebt und den Kindern beigebracht, wie wichtig Toleranz ist. Ich finde es wichtig, dass sie sich ausprobieren können, versuche aber eine kritische Sichtweise zu vermitteln und merke, dass das gar nicht so verkehrt gelaufen ist. Die Mädels stecken gerade in der Pubertät und sind neugierig. Die Große durfte letztes Jahr mit zum Autumn Moon fahren und war ganz angetan. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, weil meine Musikauswahl für die Küchentapes oft kritisiert wird…Und ich habe auch gemerkt, dass meine Große es mittlerweile schätzt, dass ich anders bin als die anderen Mütter. Da ist der komplett mit schwarzen Klamotten gefüllte Kleiderschrank auf einmal das Allergrößte,vor allem, wenn sie daraus etwas ausborgen darf. Und plötzlich interessieren sie sich für Umweltschutz und Alternativen zu dem sonst vorherrschenden Konsum… Dinge, die ich jahrelang vorgelebt und versucht habe, ihnen näher zu bringen.
Aber den Kindern immer wieder zu erklären, dass jeder Mensch anders ist und andere Dinge mag und dass das genau so richtig und wichtig ist, weil das Leben sonst riesig langweilig wäre, ist tatsächlich das, was ich am Wichtigsten fand. Und ich habe das Gefühl, sie haben verstanden was ich damit meine.

Graphiel
Graphiel (@guest_59243)
2 Monate her

Ich finde das Thema ebenfalls hoch interessant, obwohl ich selbst auch keine Kinder habe. Ich muss aber auch sagen, dass mich die vielen positiven Antworten der Eltern unter euch irgendwie zuversichtlich stimmen. Dafür möchte ich an dieser Stelle schon einmal vielen lieben Dank an alle schreibenden Eltern aussprechen.

In meiner Beziehung habe ich interessanterweise eine ähnliche Konstellation wie Wichtlhexe, nur das in meinem Fall ich (der Mann) der schwarze Szenegänger bin, meine Freundin eine optisch unauffällige Liebhaberin von 70er Jahre Rock und Metal Musik ist und sich keiner Szene zugehörig fühlt. Wir leben beide trotz einzelner Unterschiede ebenfalls alternativ, indem wir etwa kritisch unseren Konsum betrachten, auf eine bewusste Ernährung achten und vor allem nicht jedem dämlichen Trend hinterherlaufen. Nur mit dem Unterschied, dass meine Freundin in der Regel etwas offener gegenüber unseren Mitmenschen ist und nicht ganz so sehr ihren Rückzugsort vor Selbigen braucht. Bei uns steht das Thema Kinder nun seit einer Weile auch im Raum und ich bin aktuell oft ziemlich hin und her gerissen, ob sich dieses Abenteuer eigentlich mit dem Wunsch nach Abgrenzung und dem “anders sein” verträgt. Bei uns würde es darauf hinauslaufen, dass meine Freundin als Hauptverdienerin in ihren Job zurück kehrt und ich dann für unser Kind zuständig wäre. Somit fielen selbstverständlich auch alle Aufgaben wie Elternabende, usw in mein Aufgabengebiet.

Da ich in meinem jetzigen Job als Inklusionsassistent für Kinder mit Autismus bereits reichlich Erfahrungen damit sammeln konnte wie die eigene Erscheinung bei Kindern selbst, aber auch bei deren Eltern aufgenommen wird müsste ich demnach also eigentlich keine großen Schwierigkeiten sehen. Die meisten Kinder sind meinen Erfahrungen nach eher interessiert als zurückhaltend oder gar verängstigt und haben damit ihren Stino Eltern oft viel voraus. Bei den Eltern meiner Klienten schaut das hingegen häufig nicht anders aus. Viele begrüßen es augenscheinlich, dass ich nicht wie aus dem pädagogischen Lehrbuch gefallen aussehe und glauben vielleicht, dass ich ihren Kindern besonders gut vermitteln kann wie man trotz eines “anders seins” im Leben zurecht kommen kann. Und doch kommen mir immer wieder Zweifel, ob das bei den eigenen Kindern nicht etwas gänzlich anderes wäre und ich meinem Kind nicht auch ein stückweit mit der alternativen Lebensweise im Weg stehen würde. Es ist es ja durchaus so, dass mit ich mit Feierabend wieder in mein kleines düsteres Reich zurückkehren kann, in welches mir kein fremdes Kind oder deren Eltern folgen kann. Doch was erzählt man seinem eigenen Kind, wenn es einen danach fragt weshalb man mit dem bunten Halligalli da draußen nichts zu tun haben möchte und sich stets in schwarz hüllt? Diese Frage habe auch ich mir inzwischen oft genug gestellt, denn eine komplexe Frage so zu beantworten, dass auch ein Kind sie versteht erschien mir da nicht so ganz einfach. Umso beruhigender erscheint es mir nun, wenn ich von anderen Eltern lese, dass die einfachste Antwort “Weil Menschen unterschiedliche Dinge mögen, mir das so gefällt und ich es so für richtig halte.”, die ich auch meinen Klienten oder deren Mitschüler gebe offenbar auch bei den eigenen Kindern vollkommen ausreicht.

Schwieriger wird es für mich hingegen, sobald ich mir vorstelle, dass die Kinder irgendwann ja auch anfangen ihre eigenen Wege zu gehen. Gerade in der Pubertät ist es ja oft so, dass Kinder dann erst einmal alles blöd finden was ihre Eltern so für Vorstellungen vom Leben haben und in gänzlich andere Richtungen gehen. Was wird nun aber aus der selbst auferlegten Abgrenzung wenn mein Kind sich dafür entscheidet doch lieber in der bunten Halligalliwelt sein Glück zu suchen, oder sich einer religiösen Weltanschauung widmet, die meine Freundin und ich in jedweder Extremform gänzlich ablehnen? Grenze ich mich dann von meinem eigenen Kind ab oder definiere ich einfach nur die Abgrenzung wieder gänzlich neu? Dies sind so Gedankengänge, die mich immer wieder ins zweifeln bringen, ob der Gedanke doch noch Kinder zu bekommen überhaupt mit der eigenen Lebensweise zu vereinbaren ist.

Klein Grün
Klein Grün (@guest_59247)
2 Monate her

Graphiel, ich würde da gar nicht so schwarz sehen 😉Am Ende ist so ein Kind wie eine Wundertüte und Du kannst Dir 1000 Gedanken darüber machen, wie Du was und wann erklärst und wie Dein Kind Dein Anderssein erlebt … Es kommt sowieso anders als Du denkst. Ich habe Töchter, die phasenweise Prinzessinnen waren und mit glitzernden Tüllröcken und Krönchen durch die Welt getobt sind und das war bestimmt ein ziemlich lustiges Bild mit der Mutter ganz in schwarz daneben… Und ich habe überlegt, wie die Beiden wohl rebellieren sollen in einem Umfeld mit lauter Tätowierten, Gepiercten, Schwarzträgern, Anders-Aussehenden. Wie viel Magengrummeln habe ich gehabt bei dem Gedanken, sie könnten eine Spießigkeit entwickeln und sich durch Poloshirts und Faltenröcke in Pastellfarben und einer für mich überholten Wertevorstellung abgrenzen… Ihre Abgrenzung verändert sich während des Älterwerdens immer wieder und man wächst da hinein. Und es ist überhaupt nicht gesagt, dass es zum Bruch kommen muß… Ich denke, wir haben alle noch die Kämpfe mit unseren Eltern im Kopf und sind bereit, es anders (besser?!) zu machen….

Steffi
Steffi (@guest_59251)
1 Monat her

Ich finde es ein bisschen schwierig zu sagen, ich bin anders als alle anderen, und somit sind “die” langweilig und mainstreamig – aber ich bin cool und sooo anders… nee eigentlich ist das nicht so. Das ist wie im Feminismus und in Frauengesprächen wenn eine Frau von sich sagt, sie sei komplett anders als andere Frauen und überhaupt komme sie mit Männern besser aus. So hat man ruckzuck seine eigene Spezies verunglimpft. Ich habe früher die Nase über Normalos gerümpft, das gebe ich zu. Aber gut getan hat es mir nicht, auch wenn ich heute noch brechen könnte wenn jemand Crocs trägt, igitt igitt. Als meine Tochter noch in den Kindergarten ging und Freunde sie besuchen kamen und hinterher zu der Kleinen sagten, deine Mama ist ja ganz nett obwohl sie immer so dunkel rumrennt!! Da musste ich lachen, das fand ich niedlich. Heute ist sie kein Kleinkind mehr und alle haben sich an mich und meinen Lifestyle gewöhnt der mit ihr zu tun hat, aber was mich mehr anranzt ist mittlerweile das Technik-Gedöns was die Kids umwabert, die damit verbundenen Kosten und Höher-Schneller-Weiter.

Robert
Robert (@robert-forst)
Admin
1 Monat her

Da ich weder durch eigene Kinder noch durch eigene Erfahrungen glänzen kann, bin ich sehr dankbar, dass Wichtlhexe sich dem “Thema” angenommen hat. Es ist interessant, Eure Erfahrungen und den Umgang damit zu lesen. Wenn ich richtig zugehört habe, verändert das eigene Kind das eigene Leben völlig. Die Balance zwischen dem Selbsterhalt und der neuen Verantwortung für ein Menschenleben ist knifflig. Wie viel von sich und seinem Leben muss man “aufgeben”, um dem Kind gute Eltern zu sein? Oder wäre es konsequenter einfach so zu sein wie man ist, ohne eine Anpassung vorzunehmen. Sehr schwierig. Danke für diesen Beitrag, Wichtlhexe!

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