Mein schaurig schönes Tagebuch – Episode 8: London hat alles!

Herbst 1992. Wir sind gerade in London angekommen. Horst, unser Busfahrer, entlädt entnervt unsere Koffer. Es ist sein erstes mal in London. Der Verkehr der Metropole, das fahren auf der anderen Straßenseite und nicht zuletzt ein übermütige und lautstarke Berufsschulklasse Halbstarker haben an seinem Nervenkostüm gezerrt. Ich bin einer der Berufsschüler und es ist auch mein erstes Mal. Seit ich als Jugendlicher die Musik und die schwarze Szene für mich entdeckt hatte, wusste ich: Alles, was cool ist, kommt aus London. Ich bin entsprechend aufgeregt, als ich endlich den Bus verlassen kann, mein Herz klopft wild und entschlossen gegen die Innenseite meiner Brust, die Hände sind feucht und zittrig.

London 1992 - Ankunft
London 1992 – Aus dem Reisebus erhaschen wir den ersten Blick auf ein Wahrzeichen der Stadt: Die Tower Bridge

Das Beziehen des Hotelzimmers, das gemeinsame Abendessen im Hotelrestaurant und die mahnenden Worte der Lehrkörper nehme ich nicht wirklich wahr. Ich will raus! Zusammen mit Jochen und Marco machen wir uns auf dem Weg zur U-Bahn und stoppen an einem Kiosk, den bereits einige Mitschüler für sich entdeckt haben. Sie warnen uns, alles sei sehr teuer, vor allem der Alkohol. Wermut von Cinzano kosten hingegen nur 5 Pfund die Flasche, offenbar weil das in Großbritannien niemand trinkt. Ein paar Schlucke später wissen wir auch warum. Entgegen der Warnungen meiner Geschmacksknospen leere ich zusammen mit den anderen Beiden die Flasche auf dem Weg zur U-Bahn Station Barbican. Die Tube empfängt uns mit der typischen Mischung aus Gestank, Duft und einer strammen Brise, die uns durch die Schächte entgegen weht. Alle haben es eilig und ich frage mich, ob sie es eilig haben ins pulsierende Zentrum zu fahren oder der Metropole zu entfliehen. Ich habe nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn als die Bahn sich in Gang setzt, fliege ich fast durch das gesamte Abteil. Hätte ich doch für einen Augenblick die Coolness vergessen und mich an einem der zahlreichen Griffe und Halteschlaufen festgehalten. In London hat es alles eiliger, auch die U-Bahn. Camden empfängt uns britisch, es ist regnerisch und trüb und dennoch kommt es mir vor, als würde die Sonne aufgehen. London hat alles, was das Leben bieten kann.

„Ich sehne mich danach, durch die bevölkerten Straßen ihres mächtigen London zu streifen, mitten durch den Sturm der Menschheit, ihr Leben zu teilen, ihre Veränderungen, ihren Tod – alles, was sie ausmacht.“ (Aus „Dracula“ von Bram Stoker)

Inzwischen habe ich London zum achten mal besucht. Immer noch klopft mein Herz, wenn ich mit dem Bus ankomme, das Flugzeug verlasse oder aus dem Zug aussteige. Und mit jedem Besuch wachsen Liebe und Hass, Zuneigung und Ablehnung sowie Sehnsucht und Heimweh. Dieses Jahr, liebes Tagebuch, war London ganz besonders intensiv. Die Tatsache, dass wir 5 Nächte bei Freunden übernachten konnten, versetzte uns in die Lage, fast 11 Tage in London zu versinken. Wir sind mit dem Eurostar gefahren, das ist dieser Zug, der durch den Tunnel zwischen Frankreich und England brettert. Ich fand die Reise großartig. Mit dem ICE von Aachen nach Brüssel und dann innerhalb von 2,5 Stunden nach London. Sehr bequem und unproblematisch und auch preislich auf dem gleichen Niveau wie die Fliegerei.

2015 empfängt uns London sehr unbritisch, die Sonne scheint, als wir den Bahnhof St. Pancras erreichen und ich setze galant die Sonnenbrille auf die Nase. Ist ja auch cooler irgendwie. Am Geldautomaten muss ich noch britische Pfund ziehen, denn inzwischen ist es ja als Kunde einer Direktbank nicht mehr möglich, Devisen bei einer lokalen Bank zu bekommen. Die tauschen nämlichen nur noch für Kunden des eigenen Instituts. Den Dialog mit dem Bankangestellten erspare ich mir an dieser Stelle.

Ich will Dir auch eigentlich etwas ganz anderes erzählen, liebes Tagebuch, nämlich von dem Wunsch, nach London zu ziehen. Für immer. Im Laufe der Jahre bin ich zum Liebhaber der britischen Insel geworden, vor allem der Moloch London kitzelt mit seinen Tentakeln fast jährlich die Synapsen der Sehnsucht. Mehr als einmal habe ich darüber nachgedacht, nach England zu gehen. Ganz so wie es Heinz gemacht hat, der einst Österreich verließ, um nach London zu gehen, oder Carmen, die aus dem beschaulichen Bayern in die pulsierende Metropole zog oder vielleicht auch wie Daniel, der quirlige Belgier, der London immer noch so zu lieben scheint, wie am ersten Tag. Erinnert ihr euch noch an „Ratte“ aus der Bravo? Auch wenn es nur ein Artikel aus einer Jugendzeitschrift ist. Für mich war er die Initialzündung meiner Leidenschaft.

Doch ich habe auch die schlechten Seiten der Stadt kennengelernt. Die horrenden Preise für qualitativ schlechten Wohnraum, die nicht existenten Rechte für Mieter, die hohen Lebenshaltungskosten, die Hektik und nicht zuletzt die fehlenden beruflichen Perspektiven, in London für meinen Leben aufzukommen. Für rund 50 qm Wohnraum bezahlst du gut und gerne 1400€ Kaltmiete im Monat, während du nicht mal ein Bild aufhängen darfst. Wenn es aus der Toilette auf den Fußboden tropft, musst du dir die Frage gefallen lassen, ob das „zu viel“ sei. Mit der Tatsache, dass Aufzüge im Haus wochenlang nicht funktionieren oder es schlicht und einfach kein Wasser gibt, weil irgendwelche Pumpen im Haus tagelang nicht repariert werden, musst du Dich einfach abfinden. Sowieso scheinen Londoner einen erstaunlichen Pragmatismus an den Tag zu legen. London steht nicht still. So hart wie in der Woche gearbeitet wird, so intensiv wird am Wochenende gefeiert.

Ist es das Wert?

Ich glaube, ich habe diese Frage jedem gestellt, den wir besucht haben. Eine eindeutige Antwort gab es darauf nicht. Die meisten sehen die Stadt realistisch und distanziert. Dem pulsierenden Leben der Stadt versuchen viele der langjährigen Auswanderer zu entfliehen. Sei es in Parks, in einsame Dachwohnungen oder liebende Zweisamkeit. Und obwohl jeden die hohen Lebenshaltungskosten nerven und die Schwierigkeiten des Alltags aufzufressen scheinen, bleiben sie. Keiner verschwendet einen ernsthaften Gedanken daran, zurückzugehen. Möglicherweise sind sie vor etwas viel Schwerwiegenderem geflohen als vor einer schnelllebigen und teuren Stadt. Für die Suchenden ist London die ideale Stadt, es gibt nichts, was du hier nicht findest. Für den Rest brauchst du einfach ein wenig Stärke und Mut.

Ich weiß nicht liebes Tagebuch, aber ich glaube, ich bin ein Feigling oder wahlweise auch zu alt. So sehr mich London reizt, so viel hält mich auch hier zurück. Es bleibt ein Stück Bewunderung für Heinz, Carmen oder Daniel zurück, die alle schon Jahre in der Stadt leben und nicht an ihr zerbrochen sind und ein wenig Neid, so viel gesehen zu haben und noch so viel erleben zu können. Für Sabrina und mich, da sind wir uns einig, ist London keine Stadt zum Leben. Sehr wohl aber zum Verreisen und Erleben. Dieses Jahr haben wir mehr gesehen, mehr interessante Menschen kennengelernt und mehr über uns selbst erfahren als jemals zuvor. London ist die Stadt der Suchenden, wer Ordnung hält, wird schneller fündig. Bis jetzt bin ich immer fündig geworden. Ich habe Inspiration mitgenommen, bin mutiger geworden, habe mich gebildet oder einfach ein paar Tage so intensiv gelebt, wie hier in Deutschland in Monaten.  Dennoch bin nicht nur ich froh, wieder zu Hause zu sein und endlich Ruhe zu finden, über alles nachzudenken.

Wir wissen jetzt schon, dass wir London 2016 wieder besuchen werden und ich weiß jetzt schon, dass ich wieder Tage brauchen werde, um bei Rot über die Ampel zu gehen. Ich liebe die kleine Provinz, in der ich lebe, mag zuweilen die Kleinbürgerlichkeit und auch der Alltag kommt mir jedesmal, wenn ich wieder nach Hause komme, nicht mehr so schlimm vor.  Ein paar Erinnerungen möchte ich noch mit Euch teilen, fühlt euch frei, zu kommentieren und eure Erfahrung mit London oder euren Sehnsüchten zu erzählen.

 

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Aristides Steele
Aristides Steele (@guest_50887)
Vor 7 Jahre

War das „Traumhaus“ zufällig in Highgate? Wenn ja – da sind Chris und ich auch vorbeigekommen und wollten am liebsten ebenfalls gleich einziehen …

Tolle Bilder jedenfalls, und toller Reisebericht!

Ach ja, London. Die Begeisterung für diese Stadt teile ich voll und ganz. Auch der Gedanke des Übersiedelns ist mir tatsächlich schon oft gekommen, aber wie du selbst geschrieben hast – so einfach ist sowas nicht, ich habe auch eine Bekannte die den Schritt gewagt hat, wie es ihr jedoch so ergeht, abseits von den positiv aussehenden Postings auf Facebook, weiß ich auch nicht.

Mein erster Besuch war anno 1999, Studienfahrt mit meinem damaligen Abi-Jahrgang, die Mehrzahl hatte sich für Paris entschieden, und so blieben, trotz des für Wunsiedels Verhältnisse enorm riesigen Abiturjahrgangs in dem Jahr, nur etwas über 20 London-Interessenten übrig. Wie sind irgendwann am späten Nachmittag losgefahren, mit dem Bus, man konnte sich den Luxus erlauben, eine Sitzreihe alleine zu belegen, da wir die Nacht durchgefahren sind, war das auch nötig.
In den frühen Morgenstunden wurden wir auf die Fähre verladen, ich mag weder große Gewässer noch Kälte, aber nach der Nacht hat das irgendwie wach gehalten – besonders der eisige Wind an Deck.

London war von der ersten Minute an faszinierend. Ich habe anfang diesen Jahres auch den Umschlag mit Eintrittskarten und Touristenführern von damals wiedergefunden, das war damals alles schon kackenteuer, wir haben uns teilweise damit beholfen, einige Leute als 14-jährige durchzuschleußen – hat erstaunlicherweise anstandslos funktioniert, und wir haben richtig Kohle sparen können.

Ich bin danach 16 Jahre lang nicht mehr nach London gekommen, leider. Erst heuer im April – endlich mal – wieder :D

Wenn auch nur übers Wochenende, aber es war genial, und bei keiner Stadt der Welt hat sich – trotz allem – irgendwie dieses unterschwellige „daheim“-Gefühl eingeschlichen. Auch wenn der Umsiedlungs-Plan auch bei mir nie was werden wird, so ist London die „geistige Heimat“ für mich. Ich hoffe nur daß ich nicht nochmal 16 Jahre auf den nächsten Besuch warten muss, und ich dann auch ein paar Tage länger bleiben kann – es gibt einfach viel zu viel zu sehen da …

BTW, mein Reisebericht vom April, den gibts hier: https://aristidessteele.wordpress.com/2015/04/23/so-long-london-and-thanks-for-the-fish/

Animus
Animus (@guest_50888)
Vor 7 Jahre

Oh ja, Camden hat sich gar nicht verändert, wenn man in die stables geht. Da sind noch alle Shops an der selben Stelle wie vor fünf, acht und zehn Jahren. Aber die Haupstrasse von Camden sieht genauso aus wie jede x-belibige Einkaufsstraße überall in Europa. Sehr, sehr schade.
Tante Edit sagt, ich sollte vielleicht noch dazuschreiben das ich im September 2015 da war. Das vierte Mal.

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