Nachdem das Projekt :wumpscut: vorübergehend zu Grabe getragen worden war, zeigte Rudy Ratzinger Ende 2020, dass noch Leben in ihm steckte. Kurz vor Ostern erschien die aktuelle Veröffentlichung Zuckerpuppe – eine Wiederauferstehung der elektronischen Art. Wir haben die Gelegenheit genutzt und den Altmeister zum Interview gebeten. Bevor wir uns mit seinen Gedanken zu den Themen Kunst, Kochen, KI und Menschlichkeit befassen, begeben wir uns auf einen kleinen Ausflug in meine Vergangenheit:
In den neunziger Jahren war der EMP-Katalog für Anhänger alternativer Musik quasi eine unverzichtbare Quelle für Merchandise aller Art und Form. Neben dem angebotenen Sortiment enthielt der Katalog Artikel, Interviews und Rezensionen zu aktuellen Veröffentlichungen. Seinerzeit noch völlig unbeleckt, was schwarze Musik anging, musste ich beim Durchstöbern der damals gerade erschienenen Ausgabe innehalten. Eine Rezension und das zugehörige Albumcover zogen meinen Blick geradezu magisch an.
In der Einleitung des kurzen Textes verglich der Autor die Atmosphäre des Openers mit der Stimmung in John Carpenters Die Fürsten der Dunkelheit. Er beschwor die Szene, in der Alice Cooper den bebrillten Nerd unter Mithilfe seiner untoten Kumpanen erst in einer Seitengasse festsetzt und anschließend mit einem ramponierten Fahrradrahmen standesgemäß aufspießt.
Es sollte nicht lange dauern, und ich hielt die rezensierte CD in Händen. Der Titel? Born Again! Der Künstler? :wumpscut:! Selbst nach all den Jahren muss ich bei den ersten Tönen von Is it you an den aufgespießten Nerd aus Die Fürsten der Dunkelheit denken. Mit der Entdeckung des Projektes war eine leicht irritierende Erkenntnis verbunden: Gruftimusik wird elektronisch erzeugt? Das widersprach meinem damaligen Verständnis von alternativer Musik – war es in diesen Kreisen vermeintlich zwingend, auf handgemachte Musik zu setzen.
Umso überraschter war ich über die Welt, die sich so lange vor meinen Ohren verborgen hielt und nun offenbarte. Rudy Ratzingers Weg zur dunklen Musik führte, wenig überraschend, über das geduldige Stöbern: „Die Musik war anders als das, was du im normalen Regal gefunden hast. Ich habe in diversen Läden gesessen und hingehört. Ab und zu gab es da was aus der Szene zu hören – die Highlights zumindest.“ Eine Schatzsuche zwischen Plattenstapeln, bei der das Besondere erst herausgehört werden musste.
Wenn eben diese Musik das Rückgrat der Szene ist, geben Musiker die Impulse, die den Szenekörper in ekstatische Bewegung versetzen. Doch wie sieht ein alter Hase diese Szene im Vergleich von früher zu heute?
Hat die in der Vergangenheit deutlich härter gezogene Grenze zwischen stampfenden EBM-Fans und dahinwavenden Gothics heute noch Bestand oder vermischen sich die heutigen Musikfans in einer mit allen Schattierungen versehenen schwarzen Szene?
„Haha – gemischt ist die Szene auch heute noch nicht, denke ich. Halten sich gegenseitig für verrückt, ab und zu. Trotzdem vereint sie der Überbegriff.“
Tatsächlich verbirgt sich hinter dem auf den ersten Blick lapidaren Statement eine doch recht zutreffende Analyse der aktuellen Situation.
Vielleicht hat die Musik einen Teil ihrer Leitfunktion eingebüßt. Wurden Bands früher stärker durch Labels oder Magazine handverlesen präsentiert, steht uns heute eine fast schon unüberschaubare Auswahl an tollen Bands zur Verfügung. Es findet eine Diversifizierung in alle möglichen Richtungen statt. In der Folge entstehen viele kleine Communities, und die persönliche Bindung zwischen Bands und ihren Hörern hat an Bedeutung gewonnen.
Doch was hat Künstler wie Rudy in den 90ern angetrieben, selbst Hand an die Synthesizer zu legen?
„Mir klangen viele Songs so einfach, dass ich Klänge verfolgen und nachvollziehen konnte. Und Sampling war und ist ein wichtiges Element. Gab es ja auch damals schon – wenn auch wesentlich teurer als jetzt. Apropos: Mein erstes Instrument war ein Sampler, dann ein geliehener Roland D-50. Und erst Monate später dann eigene Synthesizer.“
Und wie konnte man sich damals in die Materie einarbeiten? So ganz ohne Internet und Community?
„Ein bisschen rumfragen – war auch damals schon wichtig. Es kommt uns allen zugute, dass praktisch alles im Leben ganz einfach gestrickt sein kann – wenn du die richtigen Zutaten verwendest. Minimalismus kann was Herrliches sein. Egal ob jede Art von Kunst, Kochen oder auch Geschlechtsverkehr – hahahaaa.“
Basics und Struktur schlagen Komplexität. Wenn es seinen künstlerischen Output betrifft, scheint Rudy ein Künstler zu sein, der seine Musik nicht nur schreibt, sondern eben diese Strukturen analysiert, erkennt und seine Stücke konstruiert. In dieser Art des technischen Analysierens und Rekonstruierens liegt eine Stärke der generativen KI-Systeme.
Wie sieht er das Thema KI in der Musikproduktion – Bedrohung oder Chance?
„Was ich dir sicher sagen kann: Solange die Maschine kein Bewusstsein hat, keine physische Existenz, ist und bleibt die derzeitige Phase nur ein Hype. Und vor allem eine nur vergleichende Zunft. Mit Kunst hat das alles praktisch nix zu tun. Auch dann nicht, wenn es vielen so erscheint. Beispiel Zuckerpuppe: Das Prompting für die Bilderserie ist ein Witz. Nur der Umstand, dass der Betrachter nicht weiß, wie sowas entsteht und dadurch manchmal ganz schön perplex ist, führt in der Konsequenz zum Trugschluss, das alles wäre artsy. Käse natürlich. Such mal auf YouTube nach „Für Euch Reicht’s“ auf dem Ultralativ-Kanal. Verdienter Grimme-Preis für 20 Minuten Video, wenn du mich fragst. Der Mann hat recht wie kein anderer.“
„Aber was sag ich … derzeitige KI geht in die Kulturgeschichte ein wie Doppelbelichtung und Drumcomputer. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Was ich derzeit aus dem Computer höre, ist praktisch das, was seit Jahrzehnten beim Friseur dudelt. Genug für die Friseuse. Das war aber auch schon früher so. Dazu genügt ein Befummeln der geistigen Klitoris. Auch dann, wenn Einfachheit nicht immer billig sein muss. Mit menschlicher Intelligenz hat KI so viel zu tun wie der Fisch mit dem Fahrrad.“
Die Aussage unterstreicht die Grenze, die generative KI aufgrund ihrer aktuellen Konstruktionsweise nicht überschreiten kann. Sie rekonstruiert. Sie ist ein Reflexionstool. Sie spiegelt in vielen Fällen das wider, was der Benutzer einbringt. Sie wird immer besser in dem, was sie kann, mächtiger, aber eben auch nicht mehr. Sie ist nicht in der Lage, aus sich heraus etwas Neues zu erschaffen. Hierfür ist der menschlich-kreative Input notwendig.
Werden künftige Generationen überhaupt Wert darauf legen, dass Musik von Menschen in einem kreativen Prozess erdacht und umgesetzt wird?
„Es kommt drauf an, was du von Musik erwartest. Wenn es Leuten reicht, irgendeine Playlist beim Bügeln im Hintergrund laufen zu lassen, dann ist das eben so. Die Leute kriegen das, was sie haben wollen – das war schon immer so. Um die geht es dann ja auch nicht in dem Moment, der authentisch sein soll. Kürzlich geschehen im Haus hier mit Balbina und Ebow. Hör dir mal beides an. Ohne den Faktor Mensch dahinter ist beides unvorstellbar.
Apropos Balbina: War 2015 mit dem ja eigentlich auch furchtbar sperrigen, aber seit den 80ern höchst erfolgreichen Herbert Grönemeyer auf Tour. Hat nix gebracht. Dümpelt vor sich hin, schlägt nicht ein. Ungnade der späten Geburt zusammen mit vielen anderen Faktoren. Aber: Wer bei ihr nicht heulen muss, dem ist schlicht und einfach nicht zu helfen – wenn du mich fragst.“
„Thema KI im Allgemeinen: Natürlich kann ich auf Alien immer wieder einen draufsetzen. Das ändert aber nichts daran, dass der erste Film von 1979 eben der erste war – und als solcher einen ganz anderen Stellenwert hat, haben muss und auch immer haben wird. Und das hat in erster Linie damit zu tun, dass auch das Umfeld und die Zeit eine wichtige Rolle spielen. Ereignisse lassen sich nicht wiederholen, nur weil dein Wunschdenken das so will unter Umständen. Denn auch du bist ein anderer im nächsten Moment. Da beißt die Maus den Faden nicht ab am Tampon.“
Alien war ein Wendepunkt in der Geschichte der Science Fiction. Es gibt ein Davor und Danach. Ich denke, :wumpscut: nimmt in der Lineage des Dark Electro einen ähnlichen Stellenwert ein. Bei diesem Projekt laufen die Linien aus der Vergangenheit zusammen – von Front Line Assembly bis yelworC. Gleichzeitig hat das Projekt den Weg für viele kommende Bands bereitet – Stichwort Aggrotech. Die Frage nach der Wahrnehmung des eigenen Erfolges beantwortet der Mann hinter dem großen :w: unaufgeregt mit:
„Ich bin viel zu pragmatisch und vielleicht auch viel zu bescheiden, als dass das viel ausgelöst hätte. Außerdem ging das nicht von einer Sekunde zur anderen.“
Den Gedanken kann man stehen lassen.
Generativ vs. Kreativ
Das Album „Zuckerpuppe“ erschien am 10. April 2026 bei Betonkopf Media, dem hauseigenen Label von Rudy Ratzinger. Es umfasst 8 Tracks, aus jeweils 4 neuen Songs und den jeweiligen instrumentalen Remixfassungen. Wir haben gefragt, ob er bei der Komposition seiner Stücke eine Geschichte im Kopf hat, Ratzinger sagte: „Sobald das Kind einen Namen hat, fällt mir sofort was dazu ein“ Und genau darum haben wir ihn gebeten:
- id01 – Zerebral Date
Da spielt sich vieles nur im Kopf ab. Die eigene Vorstellung ist verglichen mit der Praxis oftmals zu toll. Dann gibt es natürlich 0 Sterne inklusive Verscharrung hinterm Haus. - id02 – Death Sprouts
Ich kenne Leute, die essen einfach keine Sprossen – und fürchten den Tod hintendran. Ist natürlich meistens nicht der Fall. Aber ein bisschen aufpassen hat ja noch niemandem geschadet. - id03 – The Beastly Hun
Geht natürlich, wieder mal, um die Deutschen. Sind einfach bestialisch, wenn es hart auf hart kommt. Zumindest so von der Gegenseite propagiert. Sogar der eigene Butler wird geimpft von sowas. Der war zwar immer schon gegen alles Ausländische, liest sich trotzdem einfach besser als was übers Volk von Dichtern und Denkern. - id04 – On The Battlefield
Ist der Feind meines Feindes mein Freund? Oder mein Feind? Fragte sich schon Nomak 2002.


