Cure-Pop: Wenn Robert Smith, der Fürst der Dunkelheit, zum Sonnenaufgang lächelt

Es gibt diese seltenen Momente, in denen der Gott der Melancholie kurz die Vorhänge aufzieht und das Tageslicht hereinlässt. Robert Smith hat einen davon angekündigt, nennt ihn Cure-Pop und ich bin neugierig, wie das bei den eingefleischten Fans ankommt.

Nach seinem überraschenden Auftritt mit Olivia Rodrigo beim Primavera Sound Festival sprach Smith mit BBC Radio 6 Music über die Zukunftspläne der Band – und die fallen üppig aus. Schon die Aufnahmesessions zu „Songs Of A Lost World“ warfen offenbar deutlich mehr Material ab als ein einzelnes Album: genug Songs für gleich drei Platten, so Smith. Das erste der noch ausstehenden Werke ist fertig und auf dem Weg zu Universal. Es soll sich an „Songs Of A Lost World“ anlehnen, dabei aber andere Themen erkunden – und nach Smiths früheren Aussagen sogar noch eine Spur düsterer ausfallen.

Spannend wird es beim dritten Album. Und hier müssen wir kurz aufräumen, denn die Schlagzeilen verkürzen die Sache gern auf einen griffigen Nenner.

Der Olivia-Rodrigo-Moment – und was er nicht bedeutet

Auf Olivia Rodrigos jüngstem Album findet sich der Song „What’s Wrong With Me“, ein Duett mit Robert Smith. Wer das Stück hört, könnte verleitet sein, darin die Blaupause für den künftigen, helleren Cure-Sound zu sehen. Smith selbst tritt dieser Lesart allerdings entgegen. Das poppige dritte Album sei zwar „sehr optimistisch“ und „sehr poppig“, aber: Melodisch lasse es sich gerade nicht mit dem vergleichen, was Rodrigo mache. Es sei „meine Idee von Cure-Pop“ – und wahrscheinlich zwanzig BPM langsamer als alles, was die 23-Jährige auf die Bühne bringt.

Mit anderen Worten: Die Rodrigo-Episode ist der Anlass der ganzen Aufregung, nicht ihre musikalische Vorlage. Der Großmeister des schönen Schmerzes hat sich für ein Duett ins Scheinwerferlicht einer 23-jährigen Popsongschreiberin gestellt – und nutzt den Moment, um klarzustellen, dass sein eigener Pop ein anderes Tempo, ein anderes Gewicht hat. Das ist eine feine, aber entscheidende Unterscheidung, die in den Überschriften einschlägiger Musikmagazine gern untergeht.

Wer „What’s Wrong With Me“ also hört, hört nicht das neue Cure-Album. Man hört Robert Smith als Gast in fremdem Klanggebäude – und bekommt vielleicht eine vage Ahnung davon, dass dem Mann das hellere Register keineswegs fremd ist.

Cure-Pop ist kein Verrat

Ich stehe dieser Stoßrichtung offen gegenüber, auch wenn mir die düsteren, melancholischen Stücke näher sind und vermutlich immer bleiben werden. Aber ich verstehe die Intention – und ich halte sie für berechtigt.

Denn die poppigen Momente waren bei The Cure nie ein Makel. „Friday I’m in Love“ und „Just Like Heaven“ sind keine Ausrutscher, sondern Beweise dafür, dass es auch dort musikalisches Licht gibt, wo sonst klanglicher Schatten herrscht. Smith hat selbst einmal sinngemäß angemerkt, wie paradox es sei, dass man der Band das Goth-Etikett aufzwinge – für viele Menschen ist er schlicht „der Typ, der ‚Friday I’m in Love‘ singt“. Beide Seiten gehören zu dieser Band, seit jeher. Der Hohepriester der Wehmut hat sich immer wieder selbst am Schopf aus dem Sumpf der Schwermut gezogen, und oft genug ging das hervorragend aus.

Insofern ist „Cure-Pop“ kein Bruch, sondern eine Rückkehr zu etwas, das längst zum Wesen der Band gehört. Helligkeit ist bei The Cure keine Kapitulation vor der Düsternis – sie ist ihr Gegenpol, und nur im Wechselspiel beider entfaltet sich die ganze Tiefe dieser Diskografie. Wie tief die Bindung an diese Band reichen kann, hat bei uns „Cure-Ultra“ Alex im Interview eindrücklich beschrieben – und genau bei Hörern dieser Hingabe bin ich neugierig, wie der neue Cure-Pop ankommt. Wer The Cure als Soundtrack des eigenen Lebens versteht, hat zum hellen wie zum dunklen Pol meist ein sehr genaues Verhältnis.

Eine alte Tradition, kein neuer Trick

Wer den angekündigten Kurswechsel für eine Alterserscheinung hält, verkennt die Bandgeschichte. Das Pendel zwischen Abgrund und Aufbruch schwingt bei The Cure seit jeher. Auf das monumental-trostlose „Pornography“ von 1982 folgten die quietschbunten Pop-Singles „The Love Cats“ und „Let’s Go to Bed“. Dem Schwermuts-Koloss „Disintegration“ (1989) ließ Smith nur drei Jahre später das luftige, verliebte „Wish“ (1992) folgen – jene Platte, auf der eben auch „Friday I’m in Love“ zu Hause ist. Licht und Schatten sind bei dieser Band keine Phasen, die einander ablösen, sondern zwei Herzkammern, die abwechselnd schlagen. Ein düsteres Schwesteralbum und ein poppiges drittes Werk im selben Atemzug anzukündigen, ist insofern weniger Wagnis als Wesensmerkmal.

Wann?

Ein Titel oder ein Veröffentlichungsdatum für die beiden neuen Alben steht bisher nicht fest. Sicher ist nur: Die 16-jährige Pause vor „Songs Of A Lost World“ wollen The Cure nicht wiederholen. Damals brach die erste Single „Alone“ das lange Schweigen – und führte mitten hinein in die Schwermut, die das Album prägen sollte. Der Fürst des feinen Trübsinns dürfte mit den kommenden Platten beweisen, dass auf diese Schwere nun auch wieder Leichtigkeit folgen darf.

Dass dem Optimismus dieser Tage eine reale Erfahrung zugrunde liegt, lässt sich nur erahnen. Keyboarder Roger O’Donnell, langjähriges Mitglied und prägende Klangfarbe seit „Disintegration“, machte 2024 öffentlich, dass er im Jahr zuvor eine seltene und aggressive Form von Lymphdrüsenkrebs überstanden hatte – mit, wie er erleichtert mitteilte, erstaunlich guter Prognose. Wenn der Tod so nah an die Tür einer Band klopft und wieder abzieht, ist der Impuls, dem Leben auch eine helle, poppige Stimme zu geben, vielleicht das Natürlichste der Welt.

Vorerst tourt die Band durch den Open-Air-Sommer 2026 – mit ausverkauften Headline-Shows in Berlin im Juli. Bis dahin warte ich. Geduldig, wie es sich für einen Anhänger des Fürsten der Dunkelheit gehört – und ausnahmsweise ein kleines bisschen auf das Licht hoffend.

Und ihr? Freut ihr euch mehr auf den ultimativen Düster-Sound des Schwesteralbums – oder auf die Rückkehr des unbeschwerten Cure-Pop im Geiste von „Friday I’m in Love“? Schreibt es in die Kommentare.

Robert

Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

Kommentare

Kommentare abonnieren?
Benachrichtigung
guest
0 Kommentare
älteste
neuste beste Bewertung

Diskussion

Entdecken

Friedhöfe

Umfangreiche Galerien historischer Ruhestätten aus aller Welt

Dunkeltanz

Schwarze Clubs und Gothic-Partys nach Postleitzahlen sortiert

Gothic Friday

Leser schrieben 2011 und 2016 in jedem Monat zu einem anderen Thema