Der Pflock hat es sich in den Kopf gesetzt, diesen Sommer zu beeindrucken. Alana Abendroth hat ihm nämlich verraten, dass frischer Wind durch sein Leben weht – und diese Botschaft nimmt er wörtlicher, als sie gemeint war. Statt sein Leben umzukrempeln, krempelt er seine Frisur um. Genauer gesagt überlässt er das dem Durchzug: Er stellt sich morgens zwischen die weit geöffnete Kellertür und das gekippte Dachfenster, wartet, bis es ordentlich pfeift, und lässt die Physik die Arbeit machen. Das Ergebnis nennt er „Sturmfrisur“ und trägt es mit der Überzeugung eines Mannes, der genau weiß, was er tut. Fotos macht er auch, natürlich, für den Fall, dass die Nachwelt eines Tages fragt, wie Stil im Sommer 2026 auszusehen hatte.
Die Nachbarschaft sieht das anders. Der Fangzahn, der diesen Monat ohnehin toupiert, was das Zeug hält, erkennt sofort den Pfusch am Bau und bietet fachlichen Rat an – ein bisschen Haarspray, ein wenig Struktur, eine Hand, die weiß, wo sie hingreift. Doch der Pflock schmettert das mit wehendem Schopf ab: Echter Wind sei durch nichts zu ersetzen, schon gar nicht durch Chemie aus der Dose. Also steht er weiter im Durchzug, Tag für Tag, morgens die Kellertür, abends das Dachfenster, und beeindruckt vor allem sich selbst. Der Wiedergänger von nebenan, der ohnehin gerade an ungeordneten Gedanken laboriert, notiert das Ganze als eine dieser Sommergeschichten, die man erst im Herbst richtig einsortieren kann.
Dann kommt Ende Juli die Hitze. Die Luft steht. Aus dem stolzen Sturm wird ein laues Lüftchen, das gerade noch reicht, um eine einzelne Strähne halbherzig zu heben und wieder fallen zu lassen. Der Pflock steht ratlos im windstillen Flur, betrachtet sein müde herabhängendes Werk im Spiegel und ahnt zum ersten Mal, dass Alana ihn womöglich nicht auf einen Friseurtermin, sondern auf etwas Größeres hinweisen wollte – irgendeinen Aufbruch, irgendeine Veränderung, irgendetwas, das man nicht mit einem gekippten Fenster erledigen kann. Aber das, beschließt er, kann er auch noch im Herbst zuende denken. Vorerst dreht er das Dachfenster wieder auf und hofft auf eine Böe.



Nanu, wo ist denn das Orakel hin? Ich seh hier nur ne Einleitung (die ist wie immer klasse) ;-)
In der Hitze weg geschmolzen. :-)
Hoppla! Welch Unglück ereilte nur das Gruft-Orakel? Ich habe es gefunden. Es ist allerdings nicht geschmolzen, sondern nur durch meine Unfähigkeit im Verborgenen geblieben :) Danke für den Hinweis!