Musikalischer Briefkasten #12: Ausflug in Herrn Sigbalds elektronische Industrie-Welten

Der musikalische Briefkasten hat neue und dunkeldüstere Verstärkung bekommen. Svartur Nott, die Entleerungs-Legende der letzten 11 Briefkästen, gönnt sich eine virtuelle Auszeit in Misanthropien. Es sei ihm gegönnt. Glücklicherweise sind einem kleinen Aufruf in den sozialen Netzwerken gleich zwei leidenschaftliche Musik-Hörer gefolgt und teilen sich fortan die durchaus arbeitsintensive Entleerung. Seven C. Sigbald ist in seinen besten 30ern, kommt aus München und ist selbst musikalisch als Sänger in der Band „Phantom Belgrad“ aktiv. Wenn ihr Lust habt, erzählt er Euch den Rest über sich kurz selbst, oder ihr geht gleich zu seiner musikalischen Entdeckungsreise.

Wer ist Seven C. Sigbald?

Noch ein paar Worte zu mir, damit ihr auch wisst mit wem ihr es hier zu tun habt: Ich bin der Andi, Mitte 30, aus dem wunderschönen München, Sänger und Frontmann der Dark-Pop-Band „Phantom Belgrad“, online findet ihr mich unter meinem Pseudonym ganz unkompliziert hier.

Ich bin seit circa 20 Jahren in der Szene aktiv, lasse mich gerne als Grufti betiteln und befasse mich als Hobby-DJ, Musikkonsument und -Produzent in meiner spärlichen freien Zeit natürlich hauptsächlich mit: Überraschung! Musik.

Meine musikalischen Vorlieben sind super vielseitig, ich höre alles was mich irgendwie berührt, da sind zwischen 80’s-Pop und richtig fiesem Noise fast alle musikalischen Spielarten vertreten. Meine Faszination für die schwarze Szene begann über das Entdecken von düsterer Musik abseits des Mainstream, der Einstieg war damals alles Mögliche aus dem Industrial-Metal-Bereich, also Nine Inch Nails, Ministry, Powerman 5000, The Union Underground usw. Im Laufe der Zeit hat mich immer mehr rein elektronische Musik begeistert, da waren es dann Bands wie die frühen Terminal Choice, Feindflug, Funker Vogt und Hocico, die bei mir in Dauerschleife liefen. Über die Jahre wurde ich zu einem fanatischen Depeche Mode und Welle Erdball-Fan, und heute ziehe ich mir einfach alles rein was ich irgendwo so aufschnappe, das kann auch mal guter Sound von Chvrches, Billie Eilish oder Florence & The Machine sein, ich bin da ganz entspannt, was gut ist ist gut und wird gehört!

Ich höre mich durch drei neue Veröffentlichungen vom Label „Aufnahme + Wiedergabe“ aus Berlin, ein Label, das ich unter Anderem durch die Veröffentlichungen von „Spit Mask“ und „The Horrorist“ sehr zu schätzen gelernt habe.

RAUM

Ein Künstler aus dem breiten Katalog von A+W ist RAUM, hier vorgestellt mit dem Track „The Fifth Crusade“ vom Album „Conjurer“. Wie so oft, wenn Künstler eher nicht so extrem außergewöhnliche Band- oder Projektnamen haben, gestaltet es sich einigermaßen schwierig, näheres über die Band oder den Künstler herauszufinden. „RAUM“ scheint ein Ein-Mann-Solo-Projekt zu sein, bis auf das halbe Gesicht eines Mannes kann man auf der Labelseite absolut nichts sehen oder lesen und der Künstler wird nirgends vorgestellt. Das ist aus meiner Sicht nicht optimal gelöst, aber vielleicht auch so gewollt.

Ich drücke also einfach mal auf „play“, und der Song packt mich sofort. Es ist ein Instrumentalstück, und genau mein Sound! Ausgezeichnet produziert, mitreißend, hart, düster. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich würde vermuten es ist direkt der beste Song von den Folgenden, die ich gleich noch vorstelle. Ich würde den Künstler und die Nummer irgendwo im Industrialbereich ansiedeln, es gib keine Gitarren oder Vocals, dafür sehr fette Drums und richtig nice Synthesizer-Sounds. Die dazugehörige 5-Track-Platte wird von mir direkt vorgemerkt und ich hoffe, RAUM irgendwann und irgendwo auch mal live sehen zu können.

Von mir eine glasklare Empfehlung, zieht euch diesen heftigen Shit unbedingt mal rein!

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Trepaneringsritualen

Nach diesem fulminanten Auftakt geht es weiter mit einem Song namens „Feral Me (Codex Empire Remix)“ auf der Platte „Kainskult Remixed“ von „Trepaneringsritualen“. Über die Band lässt sich schon Einiges mehr an Informationen herausfinden, Trepaneringsritualen ist ein seit 2008 bestehendes Solo-Projekt vom schwedischen Thomas Martin Ekelund, das irgendwo zwischen Industrial und Dark-Ambient-Sektor angesiedelt ist. Der etwas sperrige Bandname bezieht sich auf einen chirurgischen Eingriff namens „Trepanning“ oder „Trepanation“, bei dem ein Loch in den menschlichen Schädel gebohrt wird. Klingt ziemlich cool und ekelhaft gleichzeitig. Bei ARTE Tracks wurde der Künstler auch schon kurz vorgestellt, diese verstörende Erfahrung dürft ihr Euch hier auch gleich reinziehen.

Beim drücken der „play“-Taste ballert mir direkt eine saftige Kick-Drum ins Gesicht, so mag ich das! Und ein paar Sekunden später werde ich mit verzerrten Vocals angeschrien, „Flesh is Flesh / Blood is Blood / Death is Death / God is God“ und so geht das dann weiter. Sehr aggressiv, dazu ein wummernder Bass im Hintergrund und diverse Percussionsounds, eine durch und durch clubtaugliche Nummer. Ich würde den Song jetzt nicht zehnmal hintereinander anhören, da er irgendwann etwas monoton wird, aber „Feral Me“ kann man sich zwischendurch in ordentlicher Lautstärke ruhig mal anhören. Von mir eine klare Empfehlung.

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Blac Kolor – New Leader

Wir kommen zum dritten Song der ‚A+W‘- Veröffentlichungen, die Single ‚New Leader (Single Edit)‘ von der Band Blac Kolor. Die Band ist ein Solo-Projekt von Hendrick Grothe, der schon vorher mit Projekten wie „Santini“ unterwegs gewesen ist. Zu Blac Kolor schreibt er auf seiner Homepage:

Black is not a color. Black is the mixture of all the colors. The range of the spectrum is set. The emphasis of the tone is uncertain. The control about the effects is entirely in the hand of one. The fight about their predominance is a battle in a different cosmos. The inner conflict happens on the ground of an opencast pit. Metal drills into rocks mechanically and bears its own rhythm. What is digged has no colour. The energy is black.

Liest sich schonmal ziemlich spannend, würde ich sagen- Stilistisch wird das Projekt beschrieben als „Industrial / Techno / EBM / Ambient“ angepriesen und tatsächlich trifft es das auch ganz gut, denke ich. Musik ist ja bekanntlich Geschmackssache, leider trifft Blac Kolor nicht ganz meinen Nerv. Der Song ‚New Leader‘ kommt beim ersten Mal Hören nicht ganz so aggressiv rüber wie die zwei vorhergehenden Nummern, wir haben hier einen sich über mehrere Instrumente anschwellenden (aber leider etwas eintönigen) Techno-Beat mit verschiedenen Synthesizer-Variationen, aber insgesamt passiert mir persönlich bei diesem Instrumental-Track zu wenig. Gut produziert ist die Nummer auf jeden fall, das Reinhören lohnt sich für den Ein oder Anderen mit Sicherheit, für mich persönlich ist das aber der bisher schwächste Song, dennoch auf einem hohen klanglichen Niveau.

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Seven
Wohnt seit 20 Jahren in der Szene irgendwo zwischen poppigen 80s Sound und richtig fiesem Noise. Ist musikalischer Konsument, Produzent und Frontmann der Dark-Pop-Band Phantom Belgrad.

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Fantôme Noir
Fantôme Noir (@guest_59988)
Vor 2 Monate

Oha, mal eine Industrial-Vorstellung auf Spontis! Das freut mich, danke dafür.

Mein Favorit unter diesen dreien ist eindeutig „Feral Me“ – wenn das Lied einen sinnvolleren Text hätte, hätte das es bei mir ins Auto geschafft. Leider scheinen die Industrialisten mit wenigen Ausnahmen in den letzten Jahren reichlich textfaul geworden zu sein…

Auf jeden Fall aber gern mehr davon!

Robert Forst
Robert Forst (@robert-forst)
Admin
Antwort an  Fantôme Noir
Vor 2 Monate

Ja, ich bin froh, dass ich neue „Hörende“ mit ins Boot holen konnte. So wird das musikalische Spektrum breiter und vielfältiger. Ich kann eben wenig mit Industrial anfangen. Und wenn man keine Ahnung hat, dann sollte man gerne mal die Klappe halten. Daran habe ich mich gehalten :)

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