Dusk to Dawn – Von Kassettenliebhabern und Netzgeschichten

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Netzgeschichten üben eine ganz besondere Faszination auf mich aus. Anfang 2012 schickte mich eine E-Mail der Band Dusk to Dawn auf eine spannende Zeitreise in die frühen 90er.  Dark-Wave jenseits der üblichen Kanäle, der lediglich auf Musikkassetten erschien, verdient die Bezeichnung „Underground“. Resonanz durch zahlreiche Mails und Blogs aus den USA und Südeuropa, die zwischen 2008 und 2010 alte Stücke der seit 15 Jahren nicht mehr aktiven Band verbreiteten, bewegten die Bandmitglieder im vergangenen Jahr zu einer erneuten Zusammenkunft. Dieses Jahr erscheint ihre neue EP „Existence“.

Am 27. November 1991 gründeten Achim Zolke, Jörg Erren und Andreas Kleinwächter im benachbarten Grevenbroich (Niederrhein) die Band „Dusk to Dawn“. Obwohl die CD damals schon ihren Siegeszug angetreten hatte, erschienen ihre Mini-Alben „Before the Eye“ (1992) und „Places you will never see“ (1994) ausschließlich auf Kassetten. Kassetten? Diese kleinen Tonbänder im Hosentaschenformat waren zum damaligen Zeitpunkt noch weit verbreitet. Der Walkman, ein tragbares Abspielgerät für diese Tonbänder, war seit den frühen 80ern ein unverzichtbares Gerät des mobilen Musikgenusses. Tragbare Kassettenrekorder beschallten jugendliche Cliquen, und das Tapedeck gehörte neben den Plattenspielern noch zur Grundausstattung jeder Diskothek. Genug Nostalgie.

Es ist wohl einer sehr aktiven Tape-Szene zu verdanken, die Kassetten von Dusk to Dawn kauften, tauschten und überspielten, dass die Band eine kleine Wave-Gemeinde in ihren Bann zog. In zahlreichen Fanzines der frühen 90er (Vertigo, Spirit, Entry) erschienen Rezensionen, Mailorder-Versender nahmen die Gruppen in ihr Programm. „Fast zu schade für ein Tape“ titelte das damals noch junge Magazin „Gothic“ ein Interview mit der Band. Es folgten einige Konzerte und auch in speziellen Radiosendungen waren Stücke der Band zu hören. Ältere Szene-Kenner erinnern sich vielleicht an Stücke wie „Separation“ oder „Crawl„, die im späteren Verlauf auch auf einigen Underground-Samplern zu hören waren. 1997 wurde es still um die Band, doch vergessen wurde sie nie.

Zwischen 2008 und 2010 bahnten sich die alten Stücke der Band ihren Weg ins Netz, zahlreiche Blogs aus fernen Ländern veröffentlichten neue Rezensionen und verteilten die Lieder als MP3 und zahlreiche Nutzer erstellten Videos, um sie bei YouTube hochzuladen. Mails aus Südeuropa und den USA erreichten die erstaunten, aber nicht mehr aktiven Bandmitglieder, die sich dann im Frühjahr 2011 dazu entschlossen, drei neue Songs in Originalbesetzung aufzunehmen.

www.youtube.com/watch?v=N2_KggXVXWM

Im Dezember 2011 veröffentlichte die Band ihren ersten neuen Song „Sole Survivor“ von der in diesem Jahr erscheinenden EP „Existence“. Die Band ist sich ihren Wurzeln treu geblieben, obwohl bei der Instrumentierung auf die damals typischen melodiösen Gitarren verzichtet wurde. Für mich ist es klassischer Wave mit einem leichten Hang zum Synthie-Pop, wobei „Pop“ in dieser Kombination sicher nicht negativ gemeint ist. Ein herrlich nostalgischer Kontrapunkt zur aktuellen Technosierung gängiger Elektro-Formationen. Einige Lieder erinnern mich an Bands wie Psyche oder auch Silke Bischoff, die etwa zur selben Zeit aktiv waren.

Bizarr. Da bewegen US-Amerikanische und Südeuropäische Blog die drei Bandmitglieder dazu, sich erneut ins Studio zu stellen um an das anzuknüpfen, was vor 20 Jahren begann. Erstaunlich, wie viele deutsche Bands an mir vorbeigegangen sind. Netzgeschichten üben eine ganz besondere Faszination auf mich aus, denn sie zeigen, dass nicht nur schlechtes aus dem Internet hervorgeht und wie wichtig und spannend es sein kann, über längst verloren geglaubte Perlen zu berichten. Netzgeschichten zeigen aber auch, wie schwierig es für eine Band geworden ist, sich in die Ohren geneigter Zuhörer zu spielen. Deshalb bin ich froh, dass Achim Zolke die Möglichkeit der Kontaktaufnahme genutzt hat, um mich auf die Band hinzuweisen. Ich bin mir sicher, dass sich die Bandmitglieder, die mittlerweile in Duisburg, Köln und Bielefeld eine Heimat gefunden haben, sich gefreut haben, auf diese Art und Weise an alte Zeiten erinnert zu werden. Dusk to Dawn haben das Zeitalter der CD an sich vorbeirauschen lassen, um nun in digitaler Form das Internet zu bereichern.

Auf der Internetseite der Band finden sich neben zahlreichen Informationen auch viele der alten Lieder und Mini-Alben zum kostenlosen Download als Mp3 (Soundcloud).

Robert
Wizard of Goth – sanft, diplomatisch, optimistisch! Der perfekte Moderator. Außerdem großer “Depeche Mode”-Fan und überzeugter Pikes-Träger. Beschäftigt sich eigentlich mit allen Facetten der schwarzen Szene, mögen sie auch noch so absurd erscheinen. Er interessiert sich für allen Formen von Jugend- und Subkultur. Heiße Eisen sind seine Leidenschaft und als Ideen-Finder hat er immer neue Sachen im Kopf.

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Madame Mel
Gast
Madame Mel

Danke für den Tipp! Die Band kannte ich bisher auch noch nicht. Werde mich aber mal eingehender mit ihren Songs beschäftigen und mich durch die Anfänge der 90er hören, vielleicht ist ja doch was Bekanntes dabei…

Tjaja – möge die Macht des Internets mit uns sein ;-)

MrsAdely
Gast
MrsAdely

Ich schließe mich meiner Vorgängerin an: diese fantastische Underground Band war mir bisher völlig unbekannt!
Nur dem berühmten Zufall ist es zu verdanken, dass ich auf DtD über ein You Tube-Video aufmerksam wurde. Der Song „Sole Survivor“ hat mich sofort gefesselt.
Eien große Freude kommt hoch, wenn ich nun erfahre, dass die früheren Bandmitglieder sich zu einer Re-Union entschlossen – wohl zur Freude alter wie auch neuer Fans.
Über den YT-Account von Dusk to Dawn weiß ich, dass 2013 ihr neuestes Werk veröffentlicht wird.
Bleibt mir nur zu sagen: All ihr „alten etablierten Hasen“ der alternativen Synth-Pop-Wave Szene: ZIEHT EUCH WARM AN!… denn Dusk To Dawn steht wieder in den Startlöchern…