23 August

Interview über Nazi-Ästhetik mit Dr. Marcus Stiglegger

Kategorie: Bewusst Schwarz, Interviews — Letzte Aktualisierung: 27. August 2012 — 20 Kommentare

Marcus StigleggerNazi-Ästhetik ist ein heikles Thema. Gerade in Deutschland sorgt diese äußerliche Provokation immer wieder für Kontroversen, besonders in der schwarzen Szene, die in den letzten Jahren einen regen Zulauf der merkwürdig militärisch-historisch Uniformierten bemerkt. In meinem Artikel über Uniformen in der Szene diskutieren die Leser differenziert über das Thema, klären individuelle Standpunkte und schreiben ihre Meinungen nieder. Einen gemeinsamen Nenner gibt es nicht.

In einer E-Mail wies mich Dr. Marcus Stiglegger darauf hin, dass sein Buch “Nazi-Chic und Nazi-Trash” sich genau mit dieser Thematik beschäftigt. Asche über mein Haupt, mir war dieses Buch bei meiner Recherche tatsächlich entgangen. Marcus Stiglegger (41) lehrt Filmwissenschaft an der Universität Siegen und beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit dem Phänomen des Nazi-Chic, der als Stilmittel immer wieder in Kunst und Subkulturen verwendet wird. Bereits mit seiner 1999 erschienen Promotion von “Sadiconazista begibt er sich auf eine filmische Spurensuche, 2011 erscheint “Nazi-Chic und Nazi-Trash”, in dem er seine Recherche auf Mode und Musik ausdehnt und speziell auch Bands aus der schwarzen Subkultur, wie Death in June, Der Blutharsch und Laibach unter die Lupe nimmt.

Natürlich habe ich mein Versäumnis umgehend behoben und mir ein Exemplar zugelegt. Tatsächlich führt das Buch vieles von dem aus, was ich in meinem Artikel bereits angerissen habe. Offene Fragen blieben trotzdem. Was läge also näher als um ein Interview zu bitten? 

Spontis: In Ihrem Buch “Nazi-Chic und Nazi-Trash” beschäftigen Sie sich eingehend mit dem Phänomen der faschistischen Ästhetik. Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Marcus Stiglegger - Nazi-Chic und Nazi-TrashMarcus Stiglegger: Ich hatte mich bereits früh in den 1980er Jahren für ungewöhnliche und extreme Konzepte in Kunst und Kultur zu interessieren begonnen, und Nazi-Chic begegnete damals dem Suchenden in der Filmkunst (Viscontis DIE VERDAMMTEN, Cavanis DER NACHTPORTIER) oder auf Schallplattencovern (Death in Junes ‚Brown Book’, Joy Divisions ‚An Ideal for Living’) und auf der Bühne (Laibach, SPK, in Deutschland auch Rheingold und DAF). In der Schwarzen Szene hatte der Nazi-Chic schon immer einen festen Platz, auch wenn es in den 1980er Jahren wohl noch sehr schwer war, Replika von Uniformen aufzutreiben. Totenköpfe, Eiserne Kreuze usw. kursierten vor allem in Gothic-Rock-Kreisen (inspiriert u.a. durch The Cult). Die Faszination für die Todesästhetik des Dritten Reiches und speziell der Allgemeinen SS ergänzte sich gut mit dem elitären und nihilistischen Lebensgefühl der Gothic-Szene sowie der Post-Industrialszene, die sich um 1990 formierte. Es war also schwierig, nicht mit Nazi-Chic in Berührung zu kommen, wenn man sich mit solchen Undergroundkulturen beschäftigte. Woher die immer mal wieder formulierte Idee kommt, diese Elemente hätten mit Gothic nichts zu tun oder wären damit nicht vereinbar, ist rätselhaft, man muss sich nur mit Joy Division, Siouxsie and the Banshees und speziell Rozz Williams beschäftigen und wird darauf stoßen… – Das interessierte mich, und auch die starken Reaktionen, die diese Elemente immer wieder auslösten. 1998 veröffentlichte ich einen ersten Artikel dazu in dem linken Poptheoriemagazin Testcard, 1999 erschien meine Promotion ‚Sadiconazista’ über Faschismus und Sexualität im Film.

Spontis: Die Gothic-Szene scheint große Festivals zum Laufsteg der Eitelkeiten zu machen. Man gewinnt den Eindruck, dass eine Mischung aus militärischen Uniformen, Lack, Leder und Latex ein weit verbreitetes Mittel zur Selbstdarstellung geworden sind und als besonders erotisch gelten. Was macht eine Uniform sexy?

M. Stiglegger: Der Schnitt einer Uniform betont den Körper auf eine meist vorteilhafte Weise, kantige Schultern, enge Taille, schlanke Unterschenkel. Die Kopfbedeckung soll den Träger/die Trägerin größer erscheinen lassen, quasi über die anderen erheben. Dazu kommen Accessoires, die Exklusivität und Dominanz signalisieren: Handschuhe, Reitgerte, Orden usw. Eine gelungene Fetisch-Uniform signalisiert Erhabenheit und Macht, auch sexuelle Macht. Diese Qualität ist offenbar geschlechterübergreifend. Glaubt man Susan Sontag oder Valerie Steele, die sich früher bereits damit beschäftigt haben, ist dieser Fetisch international, und von besonderer Attraktivität scheint die weltweit immer wieder zitierte schwarze Ausgehuniform der Nazi-SS zu sein. Zahlreiche Modedesigner – speziell auch mit Fetisch-Hintergrund (Karl Lagerfeld z.B.) – zitieren immer wieder diese Elemente. Vermutlich spielt auch die mit Mord, Diktatur und Willkürherrschaft verknüpfte Aura dieser schwarzen Uniform eine besondere Rolle bei der Sexyness, denn Eros und Tod sind ästhetisch eng verknüpft. Wie Texte von Jean-Paul Sartre (‚Der Pfahl im Fleische’) oder Jean Genet (‚Das Totenfest’) belegen, ist diese spezielle erotische Aura übrigens auch von politischen Gegnern wahrgenommen und bewundert worden. – Es geht also offenbar darum, mit einer solchen Uniform als Mode die eigene Einzigartigkeit und Besonderheit herauszustellen, ein durch und durch eitles Unterfangen…

Es geht also offenbar darum, mit einer solchen Uniform als Mode die eigene Einzigartigkeit und Besonderheit herauszustellen, ein durch und durch eitles Unterfangen…

Spontis: In ihren Anfängen verwendeten Subkulturen faschistische Symbole dazu, sich abzugrenzen, sie als Teil des eigenen Kleidungsstils ad absurdum zu führen, sich gegen die Nazizeit zu positionieren oder Tabus zu brechen und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Wenn heute der Besucher eines Festivals oder eines Konzerts eine Nazi-Uniform trägt, welche Geisteshaltung steckt Ihrer Ansicht nach dahinter?

Ich halte es eher für zweifelhaft, ob Subkulturen je Nazi Chic nutzten, um sich gegen die Nazizeit zu positionieren – oft ging es vielmehr um Provokation und Widerstand gegen die eigene Gesellschaft und vor allem die Generation der Eltern. Speziell in den USA und England wurden Nazi-Elemente in der Sub- und Gegenkultur meist sehr unreflektiert und auch uninformiert verwendet, und speziell die Biker-, Surfer- und auch die frühe Punk-Kultur können nicht per se als ‚links’ motiviert eingestuft werden. Ich spreche von den Eisernen Kreuzen der Hell’s Angels, Sid Vicious’ Hakenkreuz-T-Shirt usw. Wichtiger war, Symbole des Widerstandes und der Nonkonformität zu präsentieren. Parallel dazu wurden diese Elemente auch immer affirmativ verwendet, etwa in Neonazi- und Rechtsrockkreisen, die ebenso als (politische) Subkultur gelten können. Man findet also vor allem indifferente und affirmative Verwendungen von Nazi-Chic, sehr selten wird das kritisch eingesetzt, wie noch bei John Heartfield, der z.B. bei der slowenischen Band Laibach zitiert wird. – In der gegenwärtigen Schwarzen Subkultur wird Nazi-Chic vor allem getragen, um 1. sexy zu sein, 2. sich vom Rest abzuheben (von Uniform kann man da übrigens nicht unbedingt mehr sprechen, denn dann müsste ja eine Clique durchweg die selbe Kleidung tragen) und 3. einer bestimmten Band zu huldigen (von Death in June bis Nachtmahr). Am ehesten würde ich bei den aktuellen Nachtmahr-Fans von einer Uniform sprechen, da die teilweise wirklich identisch und in größerer Zahl auftreten.

Spontis: Mode-Accessoires werden in der Regel ausgesucht, weil sie aus irgendeinem Grund gefallen. Doch ein Hakenkreuz oder eine SS-Uniform ist kein Strass-Schmetterling, der unbeschwert getragen wird. Hakenkreuze werden auch von geschichtlich weniger interessieren Menschen automatisch mit Gewalt, Verbrechen und Massenmord in Verbindung gebracht. Warum wird diese Hemmschwelle aus Modegründen so locker überschritten?

M. Stiglegger: Also in Deutschland ist das Hakenkreuz ja als verfassungsfeindliches Symbol streng verboten, daher wird es auch nicht öffentlich getragen – in England, Japan, Russland oder den USA ist das weniger problematisch. Dort wird es vermutlich genau aus dem Grund verwendet, weil es den Ruch des Völkermordes trägt und damit einen besonders morbiden Nervenkitzel verspricht. Allerdings muss man auch noch bedenken, dass dieses Symbol in anderen Kulturen wie etwa buddhistischen und hinduistischen andere Bedeutungen trägt und von daher auch nicht wirklich provokativ wahrgenommen wird. – Ebenso ist es in Deutschland unmöglich, eine SS-Uniform zum Ausgehen zu tragen, denn diese weist gleich mehrere verbotene Symbole auf: die SS-Runen, den Reichsadler mit Hakenkreuz, die Armbinde, das Koppelschloss mit der SS-Losung usw. Wenn diese Symbole und konkreten Abzeichen entfernt werden, bleibt eine uniformähnliche Bekleidungsbasis, die man problemlos bei Ebay kaufen kann, denn ein Viertaschenrock und eine Breeches-Hose sind natürlich nicht illegal und speziell der Jackenschnitt ist heute noch in vielen Modehäusern zu finden. Wird diese Bekleidung mit Bandlogos ausgestattet, hat man es allenfalls mit einer Phantasieuniform zu tun, und das sollte vermutlich auf Fetisch- oder Gothic-Parties kein Problem sein. Von Nazi-Uniform kann man nur sprechen, wenn auch wirklich die Parteisymbole vorhanden sind. Ist das nicht der Fall, gehört nicht viel dazu, diese Schwelle zu überschreiten. Ist es der Fall, hat man es nach deutschem Recht wohl mit einer Straftat zu tun. Ich denke daher nicht, dass diese Grenze so leicht passiert wird…

Ein Künstler muss damit rechnen, als Vorbild betrachtet zu werden [...] Sollten Künstler so handeln? Nun: Wer soll ihnen das vorschreiben?

Spontis: In Ihrem Buch gehen Sie darauf ein, dass vor der Bühne oft das getragen wird, was Künstler vormachen. Wenn die Kunst Nazi-Uniformen als Mittel zur Provokation versteht, aber der Großteil der Anhänger daraus eine unreflektierte Mode macht, wie sollten die Künstler Ihrer Meinung nach reagieren?

M. Stiglegger: Ein Künstler muss damit rechnen, als Vorbild betrachtet zu werden. Laibach z.B. provozieren geradezu ihre Fans, sich mit Merchandise-Artikeln ebenso auszustatten, wie sie es auf der Bühne sehen, um das Ambivalenzerlebnis von der Bühne direkt ins Publikum zu tragen und den Totalitarismus von Pop auszuleben. Noch unreflektierter und offensiver betreiben das Nachtmahr. Bei Death in June dürfte es dem Künstler zumindest ästhetisch gefallen, seine Fans im Tarnfleck zu sehen. Aus Sicht der Fans geht es eher darum, an der Aura der Künstler teilzuhaben. Man sieht: Die Reaktion der Künstler in diesem Fall ist animierend. Das hat eine lange Tradition in der Popkultur: die Turbo-Jugend von Turbonegro, die KISS-Army usw. Sollten Künstler so handeln? Nun: Wer soll ihnen das vorschreiben?

Thomas Rainer von Nachtmahr

Thomas Rainer von Nachtmahr | CC by-nc-saOh, Shi!@flickr.com

Spontis: Wenn ich auf ein Festival gehe, muss ich meine Wasserflasche am Eingang abgeben. Mit einer Nazi-Uniform darf ich passieren. Wir haben alle Geschichtsunterricht gehabt, können uns allgegenwärtig informieren und besitzen in der Regel gesunden Menschenverstand. Warum schreit kein Veranstalter, kein Modelabel, kein Künstler, kein Szenemagazin und kein Besucher eines Festivals: “Halt! Bis hierhin und nicht weiter!” ?

M. Stiglegger: Ich habe oben bereits bezweifelt, dass ein Besucher in Nazi-Uniform in Deutschland auf ein Festival gelassen würde. Wenn es um uniformähnliche Kleidung geht, die durchaus mit Elementen des Nazi-Chic arbeiten kann, wird diese auf verbotene Symbole geprüft. Es macht auf dem historischen Hintergrund absolut Sinn, dass besagte Symbole verboten sind, man kann aber keine Kleidungsstücke wie Reithosen oder Viertaschenröcke, Reitstiefel oder Offiziersmützen (ohne Abzeichen) an sich kriminalisieren. Das würde den oben geschilderten Eindruck erklären. Ähnliches ist hier nicht Gleiches. Und warum z.B. Labels nicht dagegen einschreiten, liegt auf der Hand: Soll Trisol seinen Goldesel Nachtmahr ermahnen, doch nicht mehr so martialisch aufzutreten, wenn das weltweit hervorragen funktioniert? Im Gegenteil: Hier hat man einen kommerziellen Mechanismus aufgetan, der sich lohnt. Sieht man sich die Klicks von Youtube-Videos an, wird die Attraktivität von Nazi-Chic umso deutlicher. Ich gehe eher davon aus, dass sich Modelabels wie XtraX oder Plattenlabels Gedanken machen, wie sie aus der Uniformwelle weiteren Vorteil beziehen können. Solange dabei nur Tabus berührt werden aber keine Gesetze überschritten, kann man davon ausgehen, dass das nicht trotz, sondern durchaus wegen des historischen Bezuges gemacht wird. Daraus ein politisches Statement abzuleiten wäre jedoch vermutlich zu ambitioniert gedacht…

Spontis: Film, Fernsehen und Medien überfluten uns tagtäglich mit Krieg, Gewalt und Sex. Die Messlatte für Abstoßendes, Verstörendes und Provozierendes wird mit jedem Jahrzehnt höher gelegt.  In den späten 70ern reichten den Punks bunte Haare, um zu provozieren. In den 80ern schockierten die Gothics mit umgedrehten Kreuzen und blass geschminkten Gesichtern. Heute bleiben noch Uniformen, Fetisch-Bekleidung und Nazi-Symbolik . Was provoziert die Gesellschaft in der Welt von morgen?

M. Stiglegger: Tabus müssen in jeder Epoche und Gesellschaft immer neu ermittelt werden. Was heute provoziert, kann morgen schon lächerlich wirken – und umgekehrt. Ich sehe da nicht durchweg eine Steigerung, sondern eher eine zyklische Wiederkehr, denn wie ich in meinem Buch auch darstelle, tauchte Nazi-Chic seit der Nachkriegszeit ca. alle zehn Jahre wieder in der populären Kultur auf. Von den Bikern über die Surfer, die Hippies (Jim Morrisons Faszination für die Nazis!), die Glamrocker (David Bowie), die Punks, die New Waver, die Gothics, EBM, Industrial, Neofolk… Momentan ist Nazi-Chic präsent durch Bands wie Nachtmahr, Shadow Reichenstein und Eisbrecher. Es spricht einiges dafür, dass hier kein Ende in Sicht ist. – Dabei ist zu beachten, dass andere Symbole von Völkermord und Unterdrückung wie die japanische Kriegsflagge oder der Rote Stern offenbar weniger zur Provokation taugen und daher seltener oder in anderen Kontexten auftauchen. Für unsere Kultur haben die Nazis folglich eine ästhetische Formenwelt geschaffen, die ihre unheimliche Aura offenbar noch nicht verloren hat und sich immer wieder einsetzen lässt, um Aufsehen zu erregen…

Weiterführende Links:

  • :Ikonen: Magazin für Kunst, Kultur und Lebensart – Das Internetprojekt von Marcus Stiglegger, in dem sich zahlreiche Interessante Artikel, Rezensionen und Interviews finden, die sich mit den riskanten Bereichen der Kunst und Kultur auseinandersetzen.
  • Verlag Bertz + Fischer – Bezugsquelle für das Buch “Nazi-Chic und Nazi-Trash - Faschistische Ästhetik in der populären Kultur“. Erschienen im Oktober 2011, 105 Seiten, 45 Fotos zum Preis von rund 10 Euro.
  • Auf Deketor.fm gibt es zudem ein Audio-Interview, indem er auf Nazi-Chic im Film und in der Musik eingeht. “Nazi Chic: Coole Provokation oder modisches Unding?

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Robert berichtet über alle Facetten der schwarzen Szene und ist aktiver Verfechter der deutschen Meckerbewegung. Überzeugter Gruftie mit einem Hang zum Vergangenem, der jedoch unverbesserlich optimistisch ist und stets positiv denkt. Du findest mich auch auf Facebook und Google+ oder auch bei Twitter.


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20 Kommentare

  1. Tolles Interview. Spontis wird immer besser!

    Ich kann Herrn Stiglegger bis auf “Es macht auf dem historischen Hintergrund absolut Sinn, dass besagte Symbole verboten sind” absolut zustimmen. Symbole zu verbieten halte ich aber nach wie vor für falsch, dumm und menschenverachtend. Aber das steht wieder auf einem anderen Blatt.

    Ansonsten eine schöne Sache, dass hier öfter mal Interviews auftauchen.

  2. Das Interview ist wirklich gut.
    Ist das nicht eben das Problem dass “schwarze Szene” und “Gothicszene” quasi als eins betrachtet werden?
    Lass die Uniformen und den “Militärlook” den EBMlern, und den Gruftis genügend Haarlack…
    mich verstören Uniformen oder uniformähnliche Kleidung, egal bei wem, außer, es ist wirklich Militär, und ich war auch sehr verwundert, als es beim Buntvolk im letzten oder vorletzten Jahr Mode war seine Hosen in die Stiefel zu stopfen, das löste bei mir ähnliche Assoziationen aus.
    Nazisymbolik, direkt oder indirekt, lehne ich ab. Und wer sich so auf ein Festival oder eine Party begibt, nunja, dazu, sage ich jetzt einfach mal nichts.

  3. Warum werden Uniformen immer wieder mit EBM verknüpft? Das ist doch unsinnig. Traditonelle EBM-Fans kleideten sich in Jeans und Lederjacken, so wie man es von Depeche Mode her kennt. Die Neulinge greifen halt mehr zur Tarnhose. Aber Uniformen, wie der Nachtmahr-Dödel sie trägt, gab es dort nie. Nicht einmal DAF-Fans trugen sowas, wo man es am ehesten vermutet hätte.

    Auch kann ich nicht nachvollziehen, aus welchem Grund das Eiserne Kreuz bzw. “Nazi-Chic” in erster Linie mit dem Gothic-Rock-Umfeld assoziiert wird. Wieviele Bands hantierten tatsächlich damit? Mal davon abgesehen, dass The Southern Death Cult, die eigentlich repräsentativer wären, ein ganz anderes Image vertraten als The Cult, die vom Mainstream Rock zur Hard-Rock-Band mutierten (mit Gothic wollten die schon seit 1984 nichts mehr zu tun haben), ist der Bezug zur Nazi-Ästhetik doch offensichtlich künstlich hergestellt worden. Ian Astbury flitzte kurzzeitig mit preussischen Uniformteilen/Symbolen herum, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert, u.a. zur Zeit Friedrich des Großen, aktuell waren (Husaren-Regiment -> Beispielfoto). Das war es dann aber auch schon.

    Selbst wenn man fünf Bands heraussuchen würde, auf die das zuträfe, kann man das wohl kaum als typisch für das Genre bezeichnen, das innerhalb von 30 Jahren mehrere hundert bis tausend Bands weltweit zum Vorschein brachte.

  4. Habe das Interview gerne gelesen. Da man mit Doktortitel stets ein Argument weniger braucht, wirken die Ausführungen von Marcus Stiglegger sehr überzeugend. Als rasender Reporter muss ich aber an einer Stelle doch widersprechen: gleich zweimal wird behauptet, in einer SS-Uniform würde man es nicht auf ein Festivalgelände schaffen. Ich habe das Gegenteil mehrmals dokumentiert. Ob “Meine Ehre heißt Treue”-Koppeln, Adler mit knapp überklebten Hakenkreuzsen oder SS-Runen. alles da auf dem Amphi und WGT. Das ist doch das Problem. Es ist nicht die Kunst sondern der schwarze Normalbürger der sich besorgniserregend darstellt.

  5. Ich denke auch, dass der gute Herr Stiglegger das ganze Naziproblem in der Szene ein wenig unterschätzt. Es gibt genug Möglichkeiten auch ohne Zurschaustellung von Hakenkreuzen Stellung zu beziehen, bspw. durch entsprechende Shirts mit Aufschriften wie “Kraft durch Freude”. Alles schon gesehen und ich habe seit 3-4 Jahren das starke Gefühl, dass sich die braune Pest in der Szene vermehrt breit macht. Nicht nur das, sondern diese immitieren ja seit Jahren auch bewusst Symboliken der politischen Linken, wie bspw. das Pali-Tuch.

    Ich denke: wer solche Uniformen bzw. uniformähnlichen Klamotten trägt, macht das nicht aus Provokation. Für mich steht da auch eindeutig eine gewissen Haltung dahinter, denn:
    Ich trage nur das, womit ich mich indentifizieren kann!
    Wöllte man Provozieren gäbe es andere Möglichkeiten, als sich wie ein Soldat zu verkleiden.

    Das ist ja nicht neu, dass das Nazipack die Szene unterwandern will. Früher, ende der 90er, haben sie es schonmal versucht; damals gab es aber breiten widerstand z.B. in Form von Vereinen wie “Gruftis gegen Rechts”. Heute dagegen scheint es vielen egal zu sein, und das ist das eigentlich traurige und auch gefährliche. Genau dieses “unpolitische” ist so gefährlich.

    Zusammenfassend: Diese Mode kommt dadurch, dass solche Gestalten angezogen werden; Bands wie Nachtmahr verstärken das alles noch.

    Jeder Grufti, der solche braunen Gestalten sieht, muss Stellung beziehen! Jeder MUSS die Zivilcourage haben, diesen braunen Idioten zu zeigen, dass wir in der Gothic-Szene keine Nazis wollen!

  6. Ich bin froh, dass es die “Grufties gegen Rechts” nicht mehr gibt. Ist doch auch nur so ne (Anti-)fa Abspaltunge die bei jeder Band Nazi-Bezüge findet…

    Wenn jetzt einer mit dem Shirtaufdruck “Strength through Joy” autaucht oder mit DI6 Logo, ist das auch nicht in Ordnung? Darf man keine Bandshirts mehr tragen die auch provozieren können?

    Ich sehe schon, das artet hier wieder zu einer Uniform-Diskussion ansich aus. Dazu gibt es einen anderen Beitrag. Bitte da weiter posten. (@Robert: Ich nehme dir das jetzt einfach mal vorweg;) )

  7. Herr Stiglegger dürfte eigentlich auch kein Unbekannter sein, schrieb er doch schon vor mehr als 20 Jahren u. a. für Glasnost. ;-)

    @Axel: die Braunen nutzten schon immer Symbole der Linken (z.B. Hakenkreuz auf roter Fahne). Zum einen sicherlich Taktik, zum anderen beherbergten sie in ihrer Partei aber auch selbst etliche Linke. Da muss man dann schon ein wenig weiter in der Geschichte zurückgehen (ca. 80 Jahre und mehr). Bei den Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten ging es auch nie um vollkommene, ideologische Gegensätzlichkeiten. Das ist etwas, das erst in den Nachkriegsjahren so dargestellt wurde.

    Wenn jetzt einer mit dem Shirtaufdruck “Strength through Joy” autaucht oder mit DI6 Logo, ist das auch nicht in Ordnung? Darf man keine Bandshirts mehr tragen die auch provozieren können?

    Die Frage ist doch wohl eher: Muss ich sie tragen, wenn ich doch um die Bedeutung der Namen und Symbole weiß? Worin liegt denn die Notwendigkeit? Wer kann denn schon etwas mit einem Bandnamen wie Strength Through Joy anfangen, außer einer Handvoll Neofolker? Und tut’s nicht auch ein anderes, weniger symbolträchtiges Di6-Shirt?

  8. Es geht doch nicht darum bei Bands auf Teufel komm raus irgendwelche “Nazi-Bezüge” zu finden. Beispielsweise benutzen viele Folk-Bands Runen, weil deren Mitglieder einfach gewissen Naturreligionen angehören. Dagegen ist erstmal nix einzuwenden. Wenn so eine Band abe rnicht gerade aus Indien kommt, sondern Mitteleuropa und dann Hakenkreuze zu sehen sind, dann ist das schon ein Statement! Bands die einfach keine Nazi-Bezüge haben wollen, benutzen einfach nicht solche Symboliken und punkt. Wenn man Parolen und Symboliken aus Nazideutschland verwendet, gemäß dem Fall wirklich nur aus Provokation, dann stilisiert man diese Dinge trotzdem und das kann ich nicht gut heißen!

    Es muss doch unser aller Aufgabe sein, darauf zu achten, dass es so eine Nazidiktatur nie wieder geben wird. Und das fängt bei mir schon damit an: keine Unterstützung für Neonazis! Und wer bewusst solche Symboliken und entsprechende Parolen verwendet und trägt, der muss nunmal damit rechnen in diese Ecke gestellt zu werden!

  9. Trägst Du da nicht ein wenig dick auf? Oder warst Du nicht zufällig selbst ein ehemaliges Mitglied der GgR? ;-)

    Eine Nazidiktatur halte ich für unwahrscheinlich. Du schaust zu viel fern. Die prophezeien uns schließlich auch schon seit Jahren einen Umsturz durch Salafisten. Morgen dürfen es dann wieder die Rothschilds, die Bilderberger und die jüdische Weltherrschaft sein.

    Diese Symbole und Uniformen sind aufgrund ihrer Geschichte und im bestehenden Kontext abzulehnen. Ich denke, darum geht es hier in erster Linie.

  10. Das Interview gefällt mir, auch, wenn ich dem guten Mann zumindest einmal widersprechen muss und eine andere zumindest in Zweifel ziehe. Er kann ja gerne bezweifeln, dass man mit Naziuniformen nicht auf Festivals kommt, aber ich denke, es gibt genug Gegenbelege (z. B. per Foto festgehalten), dass es da wenig zu zweifeln gibt.

    Was das Thema Verbieten von Symbolen angeht… dazu zitiere ich auch Axel mal:

    Bands die einfach keine Nazi-Bezüge haben wollen, benutzen einfach nicht solche Symboliken und punkt. Wenn man Parolen und Symboliken aus Nazideutschland verwendet,[...]

    Was sind denn Parolen und Symbole Nazideutschlands? Also im Sinne von eindeutige Symbole? Das Hakenkreuz? Nun, auch das ist in anderer Verwendung nicht nur in Indien zu finden (das habe ich auch schon mal woanders verlinkt) ;) Aber gut, heutzutage aber wohl eher nicht mehr, von daher geht das als eindeutig durch. Mit den Runen hast du selbst ein gutes Beispiel gebracht, denn auch mit der Benutzung dieser wird man ja so manches Mal in die rechte Ecke gestellt.

    Und da viele Symbole und auch Parolen (man denke nur an “Jeden das Seine”) im Laufe ihrer Existenz mehrfach anders ge- oder missbraucht werden, finde ich ein generelles Verbot dieser eher nicht so toll. Symbolpolitik eben (man verzeihe mir dieses schlechte Wortspiel).

    Deren eindeutige Verwendung ablehnen, wie Death Disco schreibt, ist die meiner Meinung nach bessere Alternative zu Verboten. Verbote machen schließlich auch attraktiv.

  11. Moooment, ich habe nie irgendwas von Verbot geschrieben. Das sollte man mir nicht in den Mund legen. Es gibt durchaus eindeutige Symboliken und Parolen. Wie eben Hakenkreuze oder die SS-Runen. Oder eben solche Parolen wie “Kraft durch Freude”, “Arbeit macht frei” etc. Wenn man diese Parolen in Verbindung solcher Symboliken bringt, muss man sich doch nicht wundern.

    Natürlich sollte man nicht jeden, der heidnische Runen verwendet in die rechte Ecke stellen. Es kommt auch immer drauf in welchem Zusammenhang man sowas verwendet. Wenn man aber bewusst mit dem “Nazi-Chic” koketiert, dann sollte man dies schon auch ablehnen dürfen.

    Hier mal als Beispiel, dass es auch anders geht, die Band Waldtraene:

    Da würde niemand ernsthaft auf die Idee kommen, diese Band in eine rechte Ecke zu stellen. Schaut man sich das Erscheinungsbild an, dann weiß man dass dies einfach Musiker sind mit heidnischen Glauben:

    Wenn man aber nun unkommentiert bestimmte Parolen benutzt, sollte man schon kritisch sein. Ich finde es einfach respektlos gegenüber der jüngeren Geschichte und der Opfer, wenn man solche Dinge zur Provokation benutzt, egal ob da jetzt eine bestimmte Meinung dahintersteckt oder nicht. Allein, dass mit sowas Geld gemacht wird, ist respektlos. Dasselbe würde auch gelten, wenn eine Band beispielsweise mit nem RAF-Wappen auftreten würde…

  12. Okay, sorry, das habe ich wohl nicht vernünftig formuliert. Der Herr Stiglegger sprach ja davon, dass er Verbote bestimmter Symbole unterstützt. Um zu untermauern, warum ich das schwierig finde, wollte ich auch gleich auf dich verweisen -- weil eben oft nicht klar ist, was eindeutig ist und was nicht. Du hast die Extrembeispiele genannt, und wenn du sagst, dass man sich auch darauf beschränkt, sind wir einer Meinung. Denn hier stimme ich dir zu:

    Es kommt auch immer drauf in welchem Zusammenhang man sowas verwendet.

    Und das gilt meiner Meinung nach durchaus auch für “Nazi-Chic” -- ich würde es lieber Ästhetik nennen. Was man absolut von Symbolik und Parolen trennen sollte, weil es noch allgemeiner ist. Um mal ein schön prominentes Beispiel zu nehmen: Als Rammstein ihr Cover von “Stripped” mit nem Leni-Riefenstahl-Film unterlegt haben (auch, wenn vermutlich nur, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen), fand ich das nicht schlimm. Obwohl Frau Riefenstahl ja durchaus Nazi-Ästhetik ist. Weil eben eindeutig ist, dass da keine Ideologie hinter steckt.

    PS: Danke für den Tipp, “Waldtraene” klingt vielversprechend. Die muss ich mir mal genauer anhören.

  13. Na wunderbar, dann sind wir uns doch weitestgehend einig. Bei Feindflug hab ich nie verstanden, wie man Titel wie “Grössenwahn” und “Kahle Bedrohung” nicht als eindeutige Aussage verstehen kann. Da unterstelle ich dann schon ein wenig Absicht, oder tatsächlich die schlichte Logik “Nazisamples = böse”. Auch bei Rammstein stimme ich dir völlig zu (und darum mag ich die auch, darf man das zugeben? :D).

    Nur eines noch:

    Denn mit der Musik und der ganzen Ästhetik drumherum fängt es an. Der Weg zu den Inhalten und der Denkweise ist dann nicht mehr weit.

    Ich bin mir da nicht so sicher. Klar, wenn man noch “formbar” ist, dann können einen die Inhalte durchaus faszinieren. Aber diese Inhalte sind ja nicht Teil der Musik -- selbst wenn man mit deren Symbolik (auch ohne Aussage dahinter) spielt. Ich würde dem folgen, wenn es um Leute ginge, die, weil ihnen die Musik gefällt, mal in Rechtsrock oder NSBM reinhören und dann auch die Inhalte für sich entdecken (das Thema, ob man so etwas auch hören kann/darf/sollte, wenn man sich der Inhalte bewusst ist, es einem aber nur die Musik geht, wäre noch mal eine Diskussion für sich). So weit gehen, zu sagen, dass das auch passieren kann, wenn nur gewisse Stilelemente zitiert werden, möchte ich aber nicht. Oder sagen wir anders: Das kann natürlich passieren, ich möchte den Künstlern da aber nicht die (Haupt-)Schuld geben. Rechte Unterwanderung ist schließlich flexibel in der Wahl ihrer Mittel, da “braucht” es nicht unbedingt ein militaristisches Auftreten für.

    Welche Art der eindeutigen Aussage wäre deiner Meinung nach ausreichend, um sein Auftreten von unschönen Inhalten abzugrenzen? Ich weiß z. B. nicht, ob sich Nachtmahr jemals dazu geäußert haben, aber das könnte auch daran liegen, dass ich Nachtmahr für einen Haufen von Clowns (oder von mir aus auch einen Clown) halte. Wie “öffentlich” sollte so eine Aussage sein? (Im Sinne von: Reicht eine Äußerung in einem Interview, oder eine Botschaft auf jeder CD, oder gar eine Aussage bei jedem Konzert,…)

  14. Kurzer Einwand!

    Shadow Reichenstein legen zwar viel Wert auf ihr Aussehen, aber textlich und vorallem musikalisch (man höre sich das erste Album “It’s Monster Rock” an, was sehr stark an amerikanischem Blues und Rock’n'Roll angelehnt ist) sind sie nicht mit der rechten Szene oder sonstigen verwerflichem Mist verwechselbar (Punk und Surf-Rock sind wohl nicht sooooo beliebt bei (deutschen) Nazis, oder?!). Der einzige Song, der hier provozieren könnte, wäre Werewolf Order.

    Edit: Hab mir die Jungs auch nochmal angeschaut. Jetzt mal ernsthaft: Nur wegen den Armbinden, die ja selbst mittlerweile durch Captain Morgan bei der Fussball-WM angekommen sind und der Gasmaske samt Spitzenhaube (die übrigens nicht aus der Nazizeit stammt …) könnte man sie hier in die List der Bands einreihen.

    Meiner Meinung nach eine wenig fragwürdige, durchaus gute Düsterpunkband!

  15. Ein weiteres Beispiel wären ja auch Feindflug, welche die damalige Zeit musikalisch aufarbeiten (Beispiel). Auf jeder ihrer CDs steht fett, dass die Musiker nicht hinter den Inhalten der Musik stehen (genau solche eindeutigen Abgrenzungen bzw. Statements fehlen mir bei kommerziell erfolgreichen Bands wie Nachtmahr). Dass diese dann trotzdem in diese Ecke geschoben werden (auch heute noch!), ist ziemlich dämlich.

    Bei Rammstein gab es damals durchaus Irritationen und diese wurden damalsauch in der Nazi-Szene gehört. Aber das wurden MIA. ja auch schon (worauf sie dann frecherweise Auferstanden aus Ruinen gecovert haben: http://www.myvideo.de/watch/3467871/Mia_auferstanden_aus_Ruinen). Natürlich, wenn man sich mit den Musikern beschäftigt hat (Stichwort: Feeling B, Die Firma, usw.) dann weiß man, dass diese alles sind -- nur keine Nazis. Und für die, die immernoch meinten: “Nazi-Band!” hat man dann folgenden Song rausgehauen:
    Im übrigen würde ich sagen: nur weil man Leni Riefenstahl zitiert, muss dies keinen politischen Hintergrund haben. Grade bei den Stripped-Video hatte das ja eher eine inhaltliche Bewandniß, nämlich das man auf den wieder erstarkten Körperkult in der Gesellschaft verweisen wollte. Gerade Rammstein war schon immer eine Band, die zwar oberflächlich nur provozieren; wenn man aber mal 2,3 mal darüber nachdenkt und auch interpretiert, kommt man schnell darauf, dass dies eine Form von Kritik ist. Rammsmtein ist sowieso ein Thema für sich -- aber das gehört jetzt nicht hier her.

    Natürlich kann man solche Uniformen auch in anderer Hinsicht nutzen, auch als Band/Musiker. Beispielsweise um zu warnen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Aber dafür braucht es auch klare Aussagen und Positionen der Musiker. Was passiert stattdessen? Seit Jahren wird mit der Ästhetik gespielt, damit koketiert, mit diesen Dingen provoziert des Provokationswillen. Man versucht da durchaus Grenzen auszuloten was geht und was nicht geht. Viele, vorallem junge Männer, fühlen sich davon angezogen. Und genau DAS ist die Gefahr, denn die rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen sind ja nicht dumm und werben dort zukünftige Neonazis ab. Denn mit der Musik und der ganzen Ästhetik drumherum fängt es an. Der Weg zu den Inhalten und der Denkweise ist dann nicht mehr weit. Und genau diesen Vorwurf müssen sich Nachtmahr, Shadow Reichenstein & Co. nunmal stellen. Wenn dahingehend keine ehrlichen Aussagen und Aktionen kommen, dann kann man das so oder eben auch so sehen.

  16. Da würde niemand ernsthaft auf die Idee kommen, diese Band in eine rechte Ecke zu stellen.

    Ich würde nicht einmal auf die Idee kommen, sie zur Schwarzen Szene zu rechnen (denn um diesen Bereich ging es ja). Aber heutzutage darf ja jedwedes Liedermacher-Gezupfe schwarz sein. *g*

    In My Rosary fänd ich beispielsweise repräsentativer (für ihr Logo z.B.). Mich wundert es übrigens, dass hier noch nicht der Name Silke Bischoff fiel. Die zweckentfremdeten mal kurzerhand den Reichsadler. ;-)

  17. In der Tat (@Piet Noir), es sollte hier nicht länger um die reine Uniform-Diskussion gehen, sondern vielmehr um das, was Dr. Stiglegger zum Thema schreibt. Ich persönlich bin ihm sehr dankbar für das Interview, schließlich beschäftigt er sich ja schon eine ganze Weile mit der Thematik. Das soll natürlich nicht heißen, dass alles was er schreibt Gesetz ist.

    Ich habe ganz ähnlich wie Tobi beispielsweise viele Besucher des WGT oder Amphi gesehen, die durchaus mit entsprechenden und eindeutigen Symbolen über das Festival laufen. Von daher kann von einer funktionierende Kontrolle am Eingang nicht gesprochen werden. Ich nehme einfach mal an, das dazu einfach die Kapazitäten fehlen und die Prioritäten eben doch nur auf den Wasserflaschen liegen. Aber das ist natürlich eine Behauptung.

    Wenn schon eine historische Uniform, warum dann mit solchen Symbolen? Verbieten will ich diese Symbole auch nicht, aber wohlmöglich geht es nicht ohne ein Verbot, so kann man wenigsten die, die Symbole tragen weil sie sie toll finden zum Nachdenken VOR dem Eingang anregen. Und ich bin zuversichtlich, wenn jemand droht, wegen seiner Symbolik die teure Eintrittkarte nicht nutzen zu können, fallen eben diese Symbole. Soweit reicht die Provokation dann doch nicht.

  18. @Robert:

    Ich habe ganz ähnlich wie Tobi beispielsweise viele Besucher des WGT oder Amphi gesehen, die durchaus mit entsprechenden und eindeutigen Symbolen über das Festival laufen. Von daher kann von einer funktionierende Kontrolle am Eingang nicht gesprochen werden. Ich nehme einfach mal an, das dazu einfach die Kapazitäten fehlen und die Prioritäten eben doch nur auf den Wasserflaschen liegen. Aber das ist natürlich eine Behauptung.

    Ohne allzu sehr in der Vergangenheit wühlen und Dinge aufgreifen zu wollen, die schon mehrfach ausführlichst behandelt wurden, möchte ich dennoch mal eine weitere Behauptung aufstellen: Wenn man vonseiten eines Festivals (äh, Treffens, natürlich) selbst mit doch recht eindeutiger Symbolik spielt (die, wenn man so will, sogar noch eindeutiger ist als ein Hakenkreuz), muss man sich vielleicht nicht wundern, wenn es einem die Besucher gleichtun. Ich zweifle dann leider ein wenig an Bemühungen, wirksame Kontrollen durchzuführen, wenn man es schon selbst nicht so ernst mit der Symbolik nimmt.

    Und ja, Robert, das dürfte wohl eine recht effektive Methode sein, dass die Symbole weniger werden. Gibt es ja auch durchaus auch bei einigen Konzerten, dass sogar Bandshirts überdeckt werden müssen. Es gefällt mir nicht so ganz (eben wegen der “Symbolpolitik”), aber ich habe auch keine bessere Idee.

  19. Ja, es ist schwierig eine praktikable Lösung für das “Problem” zu finden, weil es vielschichtig ist und vor allem weil wir in Deutschland leben. Ich möchte das ganze aber nicht in eine Grundsatzdiskussion münden lassen. Ich denke, es gibt zwei verschiedene Formen des Protestes gegen die Ästhetisierung die Zeit. Den aktiven und den passiven.

    Aktiv könnte tatsächlich ein durchgesetztes Verbot von Symboliken dieser Art sein, nicht nur am Eingang zu Veranstaltungen, sondern auch innerhalb der Besucher. Vielleicht brauchen einige “Provokateure” dieses Gedankanstoss um über die Form ihrer Provokation nachzudenken. Ich unterstelle, dass sich vielen überhaupt keine Gedanken machen, sondern nur auffallen wollen. Aktiv könnte auch die Haltung auf der Bühne sein und die Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit einer klaren Botschaft zu versehen. Es geht nicht um das Prinzip “Aus den Augen aus dem Sinn”, dass heißt, man verbietet etwas um es nicht mehr zu sehen und das Problem zu verdrängen. Ich bin jedoch der Meinung, dass man aktive Provokation durch entsprechende Uniformen, Symbole oder ähnlichem nur dann verwenden sollte, wenn man seinen Standpunkt klarmacht.

    Passiv könnte das meiden solcher Veranstaltungen sein, dass ablehnen von Musik und Kunst die sich auf diese Art und Weise damit beschäftigt. Mittlerweile gibt es Veranstaltungen, die sich in ihren Ankündigungen deutlich gegen “Knicklichtmusik” stellen, warum also nicht auch gegen “Nazi-Ästhetik”?

    Es ist das stille Dulden solcher Zustände, dass mir Sorgen macht. Auf dem WGT oder dem Amphi habe ich Menschen gesehen, die deutlicher mit Symboliken spielen und ganz klar einem rechten Spektrum zugeordnet werden können. Sei es in Form von “Blood & Honour” Tätowierungen und Symbolen, die eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe mit eindeutigem Bezug symbolisieren. Bilder, die ich von Tobi erhielt, bestätigen das. Die Gefahr ist, dass solche Leute einfach nicht mehr auffallen, nicht mehr wahrgenommen werden, weil sie im Brei der Nazi-Ästhetik einfach untergehen. Sie tragen ihre Gesinnung offen zur Schau und lassen für den neutralen Beobachter eigentlich nur einen Schluss zu: Das hier ist ein Sammelbecken für Menschen jeder Gesinnung.

  20. Wenn ich so weiter darüber nachdenke, reicht allein das “aktive” Vorgehen nicht aus, weil es meiner Meinung nach an einem Punkt schwächer ist als das “passive”: Es richtet sich gegen Symbolik, also gegen das, was man zur Schau stellt. Der passive Protest dagegen gegen die öffentliche Zurschaustellung der Gesinnung. Und das ist meiner Meinung nach besser, denn:

    Sie tragen ihre Gesinnung offen zur Schau und lassen für den neutralen Beobachter eigentlich nur einen Schluss zu: Das hier ist ein Sammelbecken für Menschen jeder Gesinnung.

    Wenn man das Tragen der Symbolik verböte, könnte der normale Betrachter die Nazis zwar nicht mehr erkennen. Aber sie wären ja immer noch da. Natürlich kann man nicht bei jedem Besucher einen Gesinnungstest machen, und das möchte ich auch überhaupt nicht. Wer ein “Kellernazi” ist, ist halt einer. Das finde ich zwar ziemlich abstoßend, aber ich kann ja niemanden auf Gedankenverbrechen abklopfen. Was man allerdings tun kann, ist, sich gegen das öffentliche Zurschaustellen dieser Gesinnung zu wehren.

    Diese Aufgabe darf man aber nicht allein den Künstlern überlassen. Denn auf der anderen Seite muss man auch sehen, dass man sich seine Fans nicht aussuchen kann und eventuell auch müde wird, sich immer wieder zu distanzieren. Ich meine, Feindflug werden immer noch in diese Ecke gedrängt, da verstehe ich jeden Künstler, der gar nicht erst damit anfängt oder nach einem Versuch keine Lust mehr darauf hat. Zu einem vernünftigen Protest gegen neonazistische Kräfte innerhalb der Szene gehört auch, nicht jeden gleich als Nazi abzustempeln, der bspw. mit einem Mjölnir rumläuft. Das sorgt nicht nur dafür, dass man die richtigen Nazis nicht mehr erkennt, sondern auch dafür, dass man die Leute, die dagegen protestieren, nicht mehr ernst nimmt oder gar ebenfalls als Problem ansieht.

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