2 August

Sophie Lancaster: Ermordet, weil sie anders war

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sophie - stamp out prejudice hatred intolerance everywhereImmer wenn etwas Schreckliches passiert, suchen wir nach Gründen. Vor allem dann, wenn es um Mord geht und es sich bei Opfern und Tätern um Jugendliche handelt, fällt es unserer Gesellschaft besonders schwer, Erklärungen zu formulieren. Im Fall von Sophie Lancaster, die vor rund 10 Jahren von Jugendlichen angegriffen und ermordet wurde, war es für die Öffentlichkeit eindeutig. Sie wurde getötet, weil sie anders aussah. Weil sie ein Grufti war. Mit dem Film „Murdered for Being Different“ hat der BBC ihre Geschichte verfilmt und möchte das Thema erneut aufgreifen. 2016, so der Film im Abspann, gab es in Großbritannien über 70.000 Angriffe auf Menschen, deren Andersartigkeit der Auslöser gewesen sein soll. Doch wurde Sophie tatsächlich zu Tode getreten, weil sie ein Goth war? 

Am 11. August 2007 war die 20-jährige Sophie mit ihrem damaligen Freund, Robert Maltby, in einem kleinen Park ihrer Heimatstadt Bacup unterwegs, als sie von einigen anderen Teenager, die im angrenzenden Skate-Park getrunken hatten, angesprochen wurden. Unvermittelt griffen einige aus der Gruppe den damals 20-jährigen Robert an, der von Tritten und Schlägen getroffen, bewusstlos zu Boden sank. Um ihn vor weiteren Tritten der Angreifer zu schützen, beugte sich Sophie schützend über ihren Freund. Nun richteten sich die Aggressionen der Angreifer gegen die junge Frau, die nach zahlreichen Fußtritten und Sprüngen auf ihren Kopf in ein Koma fiel, aus dem sie allerdings nicht mehr erwachte. Sophie Lancaster starb am 24. August 2007 im Krankenhaus, nachdem sich die Familie und Angehörigen dazu entschieden, die lebenserhaltenden Maßnahmen, die das hirntote Mädchen versorgten, einzustellen. 

Bereits nach wenigen Tagen erzielte die Polizei dank intensiver Bemühungen und Zeugenaussagen schnell Fahndungserfolge und konnte eine Gruppe von 5 Jugendlichen festnehmen, von denen 2 des Mordes überführt wurden. Sie wurden zu 18 und 16 Jahren Haft verurteilt, während die anderen 3 der Beihilfe schuldig gesprochen wurden und zwischen 4 und 5 Jahren hinter Gitter verbringen müssen. (Mehr Informationen im englischen Wikipedia)

Durch die große Resonanz in den Medien und einer massiven Solidarisierung innerhalb der englischen Goths, entbrannte in der Folge der Ereignisse eine allgemeine Diskussion über Angriffe gegen Anhänger von Subkulturen. Eine spürbare Angst wegen seiner Vorliebe für schwarze Klamotten, Piercings und sonstigen Auffälligkeiten ebenfalls zum Opfer zu werden, lähmte die englische Szene. Benefizkonzerte, Veranstaltungen und Gemeinschaften hielten die Diskussion lebendig. 2013 erreichte man sogar, dass gewalttätige Attacken gegen Goths und Punks ebenso als „Hate Crime“ gewertet werden, wie Angriffe gegen Ausländer. Verhindern kann das solche Angriffe sicherlich nicht und es bleibt weiterhin fraglich, ob das nicht vielleicht die falsche Herangehensweise ist.

Ermordet, weil sie anders war

Robert Maltby, der sich von seinen Verletzung körperlich erholte, gab dem Guardian ein Interview, in dem er 10 Jahre nach den Ereignissen äußert: „It was always like: „Sophie Lancaster was killed because she was a goth.“ No she wasn’t: she was killed because some arseholes killed her.

In der Tat macht man es sich mit dem Stempel, „Ermordert weil sie anders war“ etwas leichter, als es in Wirklichkeit ist. So suggeriert doch diese Haltung, dass Sophie und Robert in anderer Kleidung nichts weiter passiert wäre. Völlig außer Acht bleibt hierbei der Blick auf die Täter. Was in aller Welt bewegt 15 und 17 jährigen Jugendliche dazu, solche Gewalttaten zu begehen? Was ist falsch gelaufen, dass sich Menschen so ihrer eigenen Menschlichkeit entledigen und Dinge vollbringen, die so unfassbar brutal sind?

Die Probleme, vor allem in England, liegen tiefer. Nicht zuletzt der anstehende Brexit hat wieder dafür gesorgt, dass sich zahlreiche Briten den Frust über die eigenen Situation dadurch entledigen, ihn auf andere zu spiegeln. „Andere“ schließt dabei jeden ein, der anders aussieht, sich anders verhält oder anderes spricht. Der Neid auf das liebende Paar, das glücklich durch den Park schlenderte und dabei noch anders aussieht sind nur die Spitze des Eisbergs. Fehlende Toleranz? Die Schere zwischen den sozialen Schichten driftet immer weiter auseinander, die Hemmungen, seiner Wut durch unkontrollierte Gewalt Ausdruck zu verleihen, scheinen immer weiter zu sinken. 

Das wir immer nach Gründen suchen, wenn etwas Schreckliches passiert, ist ebenso unausweichlich wie die Bestrebungen, die eigene Unzufriedenheit auf andere zu spiegeln. Das ist einfacher, als die Gründe bei sich selbst zu suchen oder einfach zu akzeptieren, das manche Dinge nicht logisch zu erklären sind. Es gibt Menschen auf diesem Planeten, die unglaublich abscheuliche Dinge tun. Es liegt wohl in der Natur unserer Spezies, sich selbst zu zerstören und immer neue Schrecklichkeit auszuloten, um anderen zu schaden. Das war immer schon so und wird auch immer so bleiben. 

Before all this happened I was settled into a life quite independent,” he said. “Now I’m finding the whole world a terrifying place.” Today, he no longer lives in fear, but finds life “terrifyingly meaningless”, albeit in a strangely reassuring way. “Life is chaos, anything can happen and it doesn’t matter in the grand scheme of things,” he says. “No matter how significant something is to you, the universe doesn’t care. (Robert Maltby im Interview mit dem Guardian)

Die Sophie Lancaster Foundation, die kurze Zeit nach dem Mord von Sophies Mutter Sylvia gegründet wurde, kämpft um die Aufmerksamkeit für „Andersartigkeit“  und für eine adäquate Verfolgung solcher Verbrechen durch die Justiz und bietet Seminare in Schulen an, die die Toleranz der Schüler erweitern sollen. Ein Ehrenwertes Engagement, das zu Recht viel Lob geerntet hat. Eine entscheidende Frage bleibt jedoch unbeantwortet. Wurde Sophie Lancaster ermordet, weil sie ein Goth war? Nein. Sie war zur falschen Zeit am falschen Ort und ist Jugendlichen in die Arme gelaufen, die wahrscheinlich jede beliebige Andersartigkeit dazu verwendet hätten, ihrer unermesslichen Wut Luft zu verschaffen. Sie ist Menschen begegnet, die ihre eigene Menschlichkeit verloren haben. Kämpfen wir also nicht nur dafür, dass Verbrechen gegen die Andersartigkeit bestraft werden, sondern lieber für das Wissen, dass man die eigenen Probleme, Ängste, Sorgen und den Hass nicht mit Gewalt lösen kann.  

 

2 Kommentare

  1. Das ist tatsächlich nun schon 10 Jahre her? Ich kann mich erinnern, dass ich, als ich damals davon gelesen habe, ganz subjektiv eine persönliche Verbundenheit mit Sophie gespürt habe, da wir fast auf den Tag genau gleich alt sind und ich ihr überdies zu der Zeit ziemlich ähnlich sah. Es war (und ist es im Prinzip immer noch) für mich unvorstellbar, dass so etwas passiert, dass Menschen so handeln können.

    Ich finde den Gedanken wichtig, dass man mehr auf die Hintergründe auf Täterseite schauen sollte, um das Ganze besser verstehen und Maßnahmen treffen zu können. Es hat mich damals noch zusätzlich schockiert und wütend gemacht, dass die Eltern der Täter vollkommen uneinsichtig waren, sich noch lustig gemacht haben über die Geschehnisse. Ich denke hier liegt auch ein Teil des Problems. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass diese Jugendlichen in ihrer Familie Vernachlässigung und mindestens emotionalem Missbrauch ausgesetzt waren, denn das ist es in der Regel, was einen solchem Empathiemangel erzeugt, der einen Menschen zu so einer Tat überhaupt befähigt. Wenn ihnen dann außerdem niemand hilft, zu lernen, wie man mit Gefühlen wie Wut umgeht, und wie man seine Impulse kontrolliert, dann können sich psychopathische Züge entwickeln. Dann kommt noch die soziale und ökonomische Situation dazu, Langeweile und Aussichtslosigkeit, Alkohol und Drogen, und dann ist es zur völligen aggressiven Enthemmung nicht mehr weit. Man könnte jetzt sagen, dann müsste man die Eltern in die Pflicht nehmen, nur haben die wahrscheinlich ähnliche Probleme, haben das alles auch selber nicht gelernt, als sie klein waren, wie sollen sie es dann weitergeben? Die ganzen Defizite werden dann sozusagen sozial weitervererbt. Wenn nicht von gesamtgesellschaftlicher, politischer, wirtschaftlicher, etc. Seite eingegriffen wird, können die Beteiligten da auch nur sehr schwer etwas dran ändern. Und die Instanzen, die die Macht hätten, hier zu helfen, sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt, und üben sich höchstens in vermeintlich öffentlichkeitswirksamer Schadensbegrenzung.

    Danke für die Verlinkung des Films, habe ihn mir nun auch angeschaut. Die Macher haben sich mehr auf die persönliche Geschichte der Opfer und die Rekonstruktion des Vorfalls und der Strafverfolgung konzentriert. Die o.g. Themen bleiben dabei unberührt. So schwer es auch war, die Gewaltszenen zu sehen, fand ich den Rest des Filmes teilweise sehr kitschig gemacht.

  2. „kitschig“ war auch mein erster Gedanke zu dem Film. Passend finde ich auch noch „seicht“ oder „nur an der Oberfläche kratzend“. Häufig hört man bei ähnlich thematisierten Filmen die Kritik es ginge nur um die Täter, die Opfer würden außer Acht gelassen, bekämen zu wenig Aufmerksamkeit. Das kann man bei diesem Film definitiv nicht sagen. Damit wurde aber auch eine Menge Inhalt bekommen. Die Hintergründe der Täter, die individuelle Geschichte, die politischen Hintergründe, das soziale Umfeld geben meistens eine Menge Inhalt und Diskussionsstoff.
    Das habe ich auf der Opferseite vermisst. Die Story, die wohl im wesentlichen auf die Tränendrüse drücken sollte, bietet wenig Diskussionsstoff und ist mehr als vorhersehbar.
    Für mich stellt sich nach diesem Film die Frage, ob es möglich ist einen interessanten Film, der sich kontrovers diskutieren lässt, über die Opferseite zu drehen.
    Bzgl der Hate Crimes: Wird es dann Gerichtsverfahren geben, in denen Angehörige probieren zu beweisen, wie true das Opfer war, damit es vor Gericht als Goth durchgeht und der Täter entsprechend härter verurteilt wird?

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